Streiche ohne Happy End

Sie gilt als erfolgreichste deutsche Bildergeschichte: "Max und Moritz". Das Buch von Wilhelm Busch erschien vor 150 Jahren. Unsicher ist: wann genau, im Frühjahr oder im Herbst? Wie auch immer: In dem Buch geht es auch darum, dass das Leben kein Märchen ist.

Das gibt's nur einmal. Eine Bildergeschichte von ein paar frechen Rotzjungen geht um die Welt. Jeder kennt es, die Erwachsenen und die Kinder, dieses Meisterstück von Wilhelm Busch.

Geboren wurde er am 15. April 1832 in Wiedensahl, einem kleinen Nest so halbwegs zwischen Hannover und Minden. Er stirbt nicht weit davon entfernt, im Pfarrhaus seines Neffen in Mechtshausen am Rande des Harzes am 9. Januar 1908. Ein Leben mit Niederlagen und späten Erfolgen. Nach mancherlei Schulen läuft er 1847 aus der Polytechnischen Schule in Hannover davon, um Kunstmaler zu werden. Aber der junge Künstler, der sich bei den alten Holländern und auf den Akademien in Düsseldorf und München Anregungen holt, hat kein Glück mit seinen Malstücken. Da überlegt er, ob er nicht Bienenzüchter in Brasilien werden sollte. Aber das war ihm dann doch zu weit. Mit den Bienen wird er sich aber später als humoristischer Zeichner betätigen. Sein schmales Geld verdient er als Zeichner bei den "Fliegenden Blättern" und "Münchner Bilderbogen". Nachdem er seine ersten "Bilderpossen" bei Heinrich Richter, dem Sohn von Ludwig Richter, in Dresden veröffentlichen konnte, freilich ein ziemlich erfolgloser Einstand, bietet er 1864 eine Bildergeschichte an. Ihr Titel: "Max und Moritz".

Doch Richter konnte sich nicht entschließen, das "kleine Kinderbuch", wie es Wilhelm Busch nannte, herauszubringen. Also versucht es der erfolglose Zeichner bei seinem Münchner Verleger Caspar Braun: "Wie sehr würde es mich freuen, einmal wieder etwas von Ihnen zu hören! Ich schicke Ihnen nun hier die Geschichte von "Max und Moritz", die ich zu Nutz und eigenem Pläsier auch gar schön in Farben gesetzt habe, mit der Bitte, das Ding recht freundlich in die Hand zu nehmen und hin und wieder ein wenig zu lächeln..."

Nun, Verleger Braun musste wohl geahnt haben, dass er bald nicht nur lächeln, sondern lachen konnte, er druckte die Geschichte in seinem Verlag. Busch nahm das Angebot Brauns an, sich mit einer einmaligen Summe von 1000 Gulden abzufinden. Er ahnte nicht, dass er ein Millionenvermögen verschenkte.

Das Buch erschien am 4. April 1865 - zumindest wurde dies bisher so verbreitet. Mittlerweile gibt es Zweifel an diesem Datum, wie auch die Wilhelm-Busch-Gesellschaft einräumt. So legt sich beispielsweise die Wilhelm-Busch-Biografin Gudrun Schury auf den Erscheinungszeitraum Oktober 1865 fest.

Wie dem auch sei. Das Buch erschien in Brauns Verlag, freilich wie so oft bei Busch, zunächst ohne nennenswerten Erfolg, denn das Buch wurde bei seinem Erscheinen von Lehrern angefeindet. Aber bald wendete sich das Blatt - und aus dem Buch wurde ein Bestseller. Noch zu Buschs Lebzeiten waren knapp eine halbe Million Exemplare verkauft. Die Millionen rollten weiter, heute sind es wohl weit über fünf Millionen, die erschienen sind.

Mittlerweile ist es längst ein Klassiker, der sich aus dem Buchbereich hinaus bewegt hat. Die Bundespost hat die Geschichte auf Briefmarken verewigt, auch zu diesem 150. Jubiläum erscheint eine Briefmarke. Und auch auf den Cook- inseln und in der Schweiz klebt man Marken mit Max und Moritz auf die Briefe. Die Amerikaner danken ihm wohl die Erfindung des Comic-Strip, denn der Verleger William Randolph Hearst machte aus Max und Moritz die Katzenjammerfiguren Hans und Fritz.

Rund um die Welt, tatsächlich. Eine Bibliografie aus dem Jahre 1997 zählt mindestens 281 Übersetzungen in Sprachen und Dialekten. Max und Moritz leben nun im Altgriechischen und Japanischen, im Jiddischen und Südjütischen und allen Kultursprachen unserer Erde. Bei Reclam ist neben dem Original auch eine Ausgabe des Klassikers in neun deutschen Dialekten erschienen, auf Bayrisch und Schwäbisch, in Platt und Kölsch und wie es scheint, nimmt das kein Ende.

Bleibt die Frage, was den Weltenlauf dieses Buches beflügelt, seine Wege in die entlegenen Sprachen und Dialekte? Es ist die Frage nach dem moralischen und künstlerischen Kern dieser Geschichten. Es sind ja nicht gerade vorbildliche Knaben und Erwachsene, denen wir in den Figuren hier begegnen, aber die Geschichten betreffen ein Verhältnis, das überall und immer wieder zwischen den Generationen auftritt. Busch schrieb sich wohl seinen Ärger über die Kleingeistigkeit und Spießbürgerlichkeit in der Kindererziehung von der Seele, aber damit haben wir heute noch zu tun, und auch deshalb lebt diese Geschichte.

All diese Streiche und Übeltaten sind zwar mächtig überzogen und oft geradezu unmenschlich, wenn Max und Moritz bei Meister Müller zu Hühnerfutter verschrotet werden. Doch die humoristisch-satirische Geschichte, wie sie Wilhelm Busch auch in seinen anderen Bilderwelten dichten und malen wird, sie ist ja kein direktes Abbild von Wirklichkeit, sondern eine böse Märchengeschichte. Das Märchen endet nicht gut wie zumeist in den bekannten Märchen, sondern tragisch. Die wirkliche Welt ist keine Märchenwelt klassischer Coleur. Das nun klingt uns aus den Versen und winkt uns aus den Bildern entgegen.

So ist es auch verständlich, dass diese Geschichte sich in andere Länder und Sprachen, in Bilder und Dialekte bewegte. Die Verwandlung von Buschs Versen in Dialekte bietet eine größere Nähe zu der Welt, in der diese Dialekte leben. So ist also auch der Versuch zu verstehen, die Geschichte in eine heimische Mundart, das Erzgebirgische, zu übersetzen, wie sie auf dieser Seite links zu finden ist. Sie bietet Spaß, Satire und tiefere Bedeutung. So steht denn am Ende des ersten Streichs der schöne Satz: "Un daar langen Red ihr kurzer Sinn,/ nu gieht's zer zweeten Dummhaat hin". Mit Busch heißt das eben: "Dieses war der erste Streich,/Doch der zweite folgt sogleich". Max und Moritz und kein Ende.

 "Die Welt feiert ein halbes Jahr zu früh"

Die Wilhelm-Busch-Biografin Gudrun Schury ist sich sicher, dass das Erscheinungsdatum von "Max und Moritz" bisher falsch angegeben wurde. Ein Gastbeitrag.

Seit Wochen fragt man mich, die Wilhelm-Busch-Biografin, nach "Max und Moritz". Schließlich feiern die frechen Streiche in diesem Jahr ihren 150. Geburtstag. Aber warum fragt man mich jetzt? Nun ja, in gewisser Weise ist das ganze Jahr 1865 ein Max-und-Moritz-Jahr, denn damals stellten Wilhelm Busch und sein Verlag die Bildergeschichte fertig. Außerdem will ja jeder immer der Erste sein, der eine Gedenknachricht bringt. So antwortete ich mir selbst.

Stutzig wurde ich allerdings, als ich dringend zu einem Interview geladen wurde. In dem entsprechenden Artikel war zu lesen, "Max und Moritz" sei am 4. April 1865 veröffentlicht worden. Doch hatte Busch zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal die Zeichnungen auf die Druckstöcke übertragen. Woher stammte die Information? In der ersten Zeile des Wikipedia-Artikels zu "Max und Moritz" stand bis vor kurzem: "am 4. April 1865 erstveröffentlicht". Ein völlig aus der Luft gegriffenes Datum - mehr als ein halbes Jahr zu früh. Auch im viel benutzten Deutschen Rundfunkarchiv fand man es so unter "Jahrestage". Wer hat da von wem abgeschrieben?

So etwas kommt vermutlich öfter vor. Aber in diesem Fall zogen die paar Zahlen einen Rattenschwanz an Folgen hinterher. Für das falsche Jubeldatum 4. April 2015 sind Vorträge angekündigt und Feierlichkeiten, Firmen und Verlage werben damit, unzählige Zeitungen, Fernseh- und Radiosender werden unisono berichten: "Heute vor 150 Jahren erschien 'Max und Moritz'."

Das weltweite Netz ist voll von dieser Falschinformation. Ob es die Macher von Kalenderseiten sind, Museumsleute oder Website-Betreiber: Keiner stellte das Datum in Frage. Dabei steht weiter unten in demselben Wikipedia-Artikel: "Im August 1865 zeichnete Wilhelm Busch ... die Geschichte auf Holzdruckstöcke, und im Oktober 1865 kam die Bildergeschichte ... heraus." Genau: Der Erscheinungszeitraum ist Ende Oktober 1865. Der Wilhelm-Busch-Experte Hans Ries hat in seiner historisch-kritischen Ausgabe die Publikationsgeschichte in allen Details ausgeführt und dieses Datum mit etlichen Nachweisen abgesichert.

Am 8. März diesen Jahres wurde der Fehler im Wikipedia-Artikel korrigiert. Zu spät: Die Maschinerie der Meldungen "pünktlich" zum falschen Datum 4. April 2015 ist längst angelaufen. Irgendwie verfolgt mich seit einigen Tagen die Vision eines feixenden Wilhelm Busch ...

Die Autorin ist Verfasserin der Wilhelm-Busch-Biografie "Ich wollt, ich wär ein Eskimo".

Wilhelm Busch, der Klassiker des deutschen Humors ...

... so hat ihn Gerhart Hauptmann einmal genannt und hinzugefügt, dass er vielleicht auch ein Klassiker des deutschen Ernstes gewesen ist. Und das alles hat durchaus nicht mit Bravour begonnen.

Da will doch dieser Kaufmannssohn Wilhelm Busch (Grafik: Selbstbildnis um 1895), geboren 1832 in Wiedensahl, nicht auf der Polytechnischen Schule bleiben. Denn er will Maler werden. Doch sein Eintritt in die Kunstakademie in Düsseldorf war ein Fehltritt. Hier fand er nicht das, was er suchte: einen Weg zur Kunst. Also zog er nach Antwerpen um, bei den großen Niederländern versuchte er sein Glück. Doch auch hier lachte es ihm noch nicht.

Erst als er 1858 nach München kam, wurden seine Hoffnungen Wirklichkeit: Der Münchner Verleger Caspar Braun verpflichtete ihn als Zeichner und Karikaturisten. Hier fand Busch die Möglichkeiten für sein besonderes Talent. Bald lieferte er die ersten seiner großen Bildergeschichten: Nach "Max und Moritz" den "Heiligen Antonius von Padua", der erst einmal verboten wurde, dann "Die fromme Helene", "Fips, der Affe", "Plisch und Plum", ... Die ganze heiter-satirische Wilhelm-Busch-Welt erschien, nun kam auch der Erfolg.

In einer kleinen Selbstbiografie wird er schreiben: "Man hat den Autor für einen Bücherwurm und Absonderling gehalten. Das erste mit Unrecht. Zwar liest er unter anderem die Bibel, die großen Dramatiker, die Bekenntnisse des Augustin, den Pickwick und Donquijote und er hält die Odyssee für das schönste der Märchenbücher. Ein Sonderling dürfte er schon eher sein."

Als ihn zum 70. Geburtstag, mittlerweile lebte er in Mechtshausen, über tausend Glückwünsche, Telegramme, Briefe erreichten, versteckte er sich bei seinem Neffen. Am 9. Januar 1908 starb Wilhelm Busch - und wurde, was Gerhart Hauptmann beschrieb, ein Klassiker. (kw)

"Max und Moritz" in erzgebirgischer Mundart


Vorwort und Der erste Streich Ins Erzgebirgische übertragen von Klaus Walther, Mitarbeit Manfred Blechschmidt


Waar will vun e paar Bubn wos härn,
die dos Laabn annerer Leit tu stärn,
zweea sei uns wuhlbekannt,
Max un Moritz waarn se genannt.

Nischt begriffen habn die Bengel,
sei paar daamisch-freche Husenstengel,
die aah noch oft bläken, lachen
über Dummhaat die se machen.

Wos die an Uart alles finden,
Leit verolbern, Viecher schinden,
Äppel, Birn un Grüzeig mausen,
mit die zweea is e Grausen.

Dos mögn se lieber als de Schul,
wu se ruhig sitzen müssen of enn Stuhl,
doch dos gieht net immerdar,
is Ende dos kimmt, dos is wuhl wahr.

's is aabn aane schlimme Sach,
ball gibt's dernooch enn Riesenkrach,
nu werd es hier gemolt un aah geschriebn
wie's Max un Moritz habn getriebn.

De erschte Dummhaat

Hühnervieh is beliebt un aah begehrt,
wie mer'sch vun dan Leiten härt,
emol, wall mer schiene Eier hot
un daar Hühnerbroten macht aah soot
un die Freide Nummer drei;
do sei aah Faadern noch derbei,
die stoppt mer nei dos Bettenzeich
do liegt mer egal warm un weich,
su dacht aah de Witwe Bolte,
die mol sich racht freie wollte.

Se hatt' an Hühnern e Stücker drei,
e schiener Hah' war aah derbei
Max un Moritz habn drüber noochgedacht,
wie mer eene neie Dummhaat macht:
Aus enn Brot schnieten se vier Taal,
die sollten nei dr Hühnerkaahl,
aber erscht banden se paar Strickel,
kreizweis an die prima feine Stückel.
Un dos ganze legten se dan munter,
in Witwe Boltes Hühnerhuf hinunter.

Hot dos grad dr Hah gesaah,
gob er vun sich sei Gekraah,
un die Hühner kame schnell
zu daar feine Futterstell.

Dann hobn alle wie verrückt,
glei dan Brotfazen verdrückt

Aber, wos war dohierde lus,
die Hühneraagn wurn riesengruß.

Hah un Hühner hinge nu besamm,
wall se ne Strick gefrassen habn.

In dr Quaar, Haar un Hie,
nippt nu dr Bolte su ihr Hühnervieh.

Aus dan Gestrüpp kam's net raus,
ach, wos war dos när fer Graus.

Un se bliebn hänge dra dan Baam,
bang un bänger dr Gesang vun Hühnerlaabn.

Geschwind leget'n se noch e Ei.
'nort war dos Hühnerlaabn verbei.

Witwe Bolte häret in dr Kammer,
ball dan Hah- un Hühnergammer.

Aus dan warme Bett huppet se schnell,
war salbersch dra dr Tudenstell.

Se heilet wie e armer Hund,
se war in Herz un Seel verwundt,
ihr schennster Schatz hing nu am Baam.
Dos war dos End vum Hühnerlaabn.

Mit nen Masser schnipp un schnapp,
schnitt se ihre Lieben ab.

Un daar langen Red ihr kurzer Sinn,
nu gieht's zer zweeten Dummhaat hin.

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