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Die wilden 80er: Es gibt viel zu hören und zu sehen in der Ausstellung "Geniale Dilletanten" im Dresdener Albertinum, hier eine Collage mit Aktionen des Hallenser Künstlers Moritz Götze.

Foto: Arno Burgi/dpa-Zentralbild/dpa Bild 1 / 3

Verweigerung der Harmonie

Einstürzende Neubauten im Westen, AG Geige im Osten, Kippenberger dort, Ebersbach hier - die 80er-Jahre waren die Zeit der neuen Wilden und "genialen Dilletanten". Eine Ausstellung in Dresden erinnert daran und offenbart viele Parallelen.

Von Matthias Zwarg
erschienen am 19.07.2017

Dresden. "Ich gehe sehr gern in den kleinen Konsum gleich bei mir um die Ecke im Kiez", singt die Karl-Marx-Städter Band AG Geige und lobt zu minimalistischen Elektroklängen die kleine Verkäuferin, die die Hausmarke Yachtclub verkauft. Eine Antihymne auf Arbeiterklasse und Versorgungsengpässe in der DDR. Etwa zur selben Zeit, in den 1980er-Jahren jodelt die Münchener Band Freiwillige Selbstkontrolle F.S.K.: "Junge, wer mit 20 kein Anarchist gewesen ist, aus dem wird nie ein guter Demokrat." Es war die Zeit der "Genialen Dilletanten", bewusst falsch geschriebener Titel eines Festivals 1981 im (West-)Berliner Tempodrom. Eine Ausstellung unter demselben Titel im Dresdner Albertinum erinnert an die "Subkultur der 1980er Jahre in West- und Ostdeutschland".

Die Räume sind dunkel, ganz in Rot und Schwarzweiß gehalten - den Fotos aus jener Zeit geschuldet, da die Welt noch nicht mit Farbfotos überschwemmt wurde. Große Tafeln erinnern an multimediale Kunstexperimente in West und Ost. Der erste, westliche Teil der Ausstellung war schon in Hamburg und München zu sehen. Er war vor allem Bands und Kunstkollektiven wie Deutsch-Amerikanische Freundschaft, den frühen Einstürzenden Neubauten, Die Tödliche Doris, Künstlern wie Martin Kippenberger und Bernd Zimmers 28 Meter langem U-Bahn-Bild "1/10 Sekunde vor der Warschauer Brücke" gewidmet. Für Dresden wurde die Ausstellung von den Kuratoren Mathilde Weh, Mathias Wagner und Christoph Tannert um zahlreiche ostdeutsche Beiträge ergänzt.

Das ehemalige Karl-Marx-Stadt ist besonders prominent vertreten. Neben der AG Geige sind Ton- und Bildbeiträge auch Klaus Hähner-Springmühl sowie den Bands Kartoffelschälmaschine und Die Gehirne (unter anderem mit dem jungen Frank Maibier) gewidmet. Bilder vom Zwickauer Hartwig Ebersbach, Erinnerungen an die Aktionen des Hallensers Moritz Götze, von Hans Scheuerecker aus Cottbus und der Tänzerin Fine, dazu die vorsintflutlich anmutende Technik, die etwa die Berliner Band Ornament und Verbrechen für ihre Musik nutzte.

Es ist ein in dieser Fülle bisher einmaliger Schatz an Bild- und Ton-Dokumenten, der an einen Teil der Subkultur jener Jahre erinnert. Dabei werden zahlreiche Berührungspunkte zwischen alternativen Kunstkonzepten in Ost und West sicht- und hörbar. Harmonie und Wohlklang werden ebenso verweigert wie die Nutzung der sich in jenen Jahren sprunghaft entwickelnden Technik. War die Reduzierung auf einfache Instrumente, mitunter aus Abfällen und Schrott gebaut, im Westen eher eine Reaktion auf Überfluss, politischen Stillstand und Wohlstand, so war dies im Osten auch den ohnehin allgegenwärtigen Materialengpässen geschuldet. Doch hier wie da machten Künstler aus der Not eine Tugend.

Die Dresdener Ausstellung beschränkt sich bewusst auf künstlerische Projekte ohne ausdrücklichen politischen Anspruch. Wobei die Verweigerung dessen ebenso eine politische Haltung ist, die sich in beiden Teilen Deutschlands gegen das auch heute wieder vorherrschende "weiter so" richtet. Dort eine Bundesrepublik auf Wachstumskurs, die in die Behäbigkeit der Kohl-Ära steuerte, hier eine DDR, deren wirtschaftliche Erfolge nur noch auf dem Papier standen, in der jede künstlerische Freiheit nach wie vor hart erkämpft werden musste und von der Staatssicherheit misstrauisch beobachtet wurde.

Die "genialen Dilletanten" nahmen für sich die Freiheit der Verweigerung in Anspruch. Sie verweigerten Harmonie, die Bequemlichkeit, Anpassung - selbst die Anpassung an ein Muster politischer Strukturen, die auch eine Opposition zuließ. Im Grunde zerrten sie nicht an Ketten, sondern ignorierten sie einfach zugunsten einer Freiheit, die auch über die Freiheit des Erlaubten hinausging - und wenn es in der Rechtschreibung war. Aber all diese subkulturellen Aktivitäten - das macht die Ausstellung ebenso deutlich - hatten auch etwas Hilfloses, Selbstzerstörerisches, Egozentrisches. Dies aber strahlte im besten Falle auf das Publikum aus, indem es nicht nur dessen Begriff von künstlerischer und persönlicher Freiheit erweiterte, sondern auch neue Möglichkeiten gelebter Freiheit erschloss.

Und dennoch haben letztlich sowohl die Bundesrepublik, als auch die DDR in diesem Jahrzehnt ihre Subkulturen ganz gut ausgehalten. Das Plakat mit der Ankündigung "Heute Disco - morgen Umsturz - übermorgen Landpartie" fasste Anspruch und Wirklichkeit selbstironisch zusammen. Und es kündigte im Grunde schon an, dass die Subkultur irgendwann in die allgemeine Kulturgeschichte eingeht - wie es jetzt in Form dieser Ausstellung geschieht: kultiviert, geordnet, archiviert. Etwas mehr Anarchie hätte der Ausstellung gut getan. Schade, dass man kaum etwas darüber erfährt, ob sich Aktivisten von damals ihren aufrührerischen Geist bis heute bewahrt haben, oder ob sie, wie angekündigt, "gute Demokraten" geworden sind. Der Umsturz ist ausgeblieben, während die ostdeutsche Subkultur zumindest für sich in Anspruch nehmen kann, den Putz von der Mauer geklopft und damit deren Sturz mit vorbereitet zu haben. Ob sie das nun wollte oder nicht.

Die Ausstellung "Geniale Dilletanten: Subkultur der 1980er Jahre in West- und Ostdeutschland" ist bis 19. November im Albertinum Dresden zu sehen. Geöffnet täglich, außer montags, 10 bis 18 Uhr. Es gibt einen Katalog, allerdings ohne Beiträge zu den ostdeutschen Ergänzungen der ursprünglichen Ausstellung, und ein Begleitprogramm.

 
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