Vom Lösen der Fesseln

War der Ostrock wirklich so einmalig, wie die Legenden des Genres nicht müde werden zu erzählen? In-Extremo-Bassist Kay Lutter ist in der DDR viele Jahre durch Dorfsäle getourt und zeichnet nun erstmals ein unverklärtes Bild der Szene. Und das ausgerechnet in einem Roman voller freiheitlichem Herzblut: "Bluessommer" ist das Musikbuch des Jahres!

Berlin.

Bassisten sind oft seltsame Menschen. Sagt Kay Lutter, und es soll eine Entschuldigung sein, obwohl die gar nicht nötig ist. Seit Wochen wollen wir uns treffen - einerseits unbedingt, weil es so aufwühlend und ungewöhnlich ist und so viele Lichter im Kopf anknipst, wenn man die letzten DDR-Jahre vor allem in den Subkulturen des Landes erlebt hat. Andererseits fällt es schwer: Das Buch spricht so sehr für sich selbst, dass man kaum fragen mag - und Kay wiederum, dieser stille, kluge und freundliche Kerl, kann den ganzen üblichen Promotion-Zirkus um ein Produkt mit Interviews und Tamtam eigentlich nicht leiden.

Also klingelt das Handy sehr plötzlich: "Du, ich stehe grad vor deiner Tür. Haste Zeit?" Kay Lutter ist ein unruhiger Geist, wenn er seine innere Ruhe sucht: Er hat sich einfach allein aufs Motorrad gesetzt und klappert alle Stationen seiner DDR-Jugend von der Ostsee bis nach Ungarn und Bulgarien nochmal im Alleingang ab - als wolle er sein Buch nochmal überprüfen. Sachsen und Erzgebirge sind wichtige Etappen, die Dorfsaal-Szene der "Zone" war hier mächtig am Kochen, und der Lutter-Roman heißt nicht umsonst "Bluessommer": Erzählt wird die Geschichte eines Untergrund-Musikers, der sich auf der Suche nach Freiheit mit seinem Bass bis an die Spitze der vermeintlich rebellisch-oppositionellen Szene hochspielen kann, dort aber bitter enttäuscht wird und in den Westen flieht - nur um dort dieselbe Enttäuschung von einer anderen Seite kennenzulernen.

Unschwer erkennt man im Protagonisten Mike Züge des Autoren wieder - Kay Lutter begann seine Karriere in den 1980er-Jahren als Bassist der Bluesband Freygang, die, mehrfach verboten, im DDR-Untergrund einen legendären Rebellen-Ruf genoss. Und auch an den Orten seiner eigenen Biografie hangelt Kay Lutter sich entlang, erzählt von einer Jugend in Potsdam mit ersten Bands, vom Blues-Open-Air in Ketzin oder der Berliner Musikhochschule mit ihrer für Ost-Mucker wesentlichen Tanzmusik-Abteilung.

Aber ist er auch Mike? Kay hängt die Motorradjacke über einen Stuhl: "Eigentlich halte ich mich vor allem am Autobiografischen fest, weil ich das Schreiben nicht gelernt habe", sagt er. Dass er es sehr gern tut, hat er beim Verfassen von Tourtagebüchern für In Extremo gemerkt, die bei den Fans ausgezeichnet ankamen. "Aber ein Roman, das ist was ganz anderes. Da habe ich ein Gerüst gebraucht, und da ist das eigene Erleben ja erst einmal das einzige, das man hat." Handlung und Anekdoten sind daher zum größten Teil wirklich so passiert, wurden aber meist anderen Personen zugeordnet. Selbst bekannte Künstler oder Bands tauchen nur mit "Decknamen" auf.

Das erhöht den Reiz des Buches sehr: Es baut nicht auf den Erinnerungen des Musikers auf, man kann nicht auf Enthüllungen lauern. Stattdessen nimmt einen der rote Faden mit und führt von den reichlich ausgebreiteten Klischees rund um die DDR-Musikszene weg. "Bluessommer" ist vor allem ein Plädoyer für die individuelle Suche nach wirklicher Freiheit, die man nun einmal nicht in Schablonen finden kann. Und genau diese Schablonen entlarvt Lutter im Szene-Gehabe der Untergrund-DDR. Bei ihm gibt es wenig rebellische Helden, keine ruhmreichen Musiker, vereint mit den Fans in der Auflehnung gegen ein unterdrückerisches System: Er zeigt stattdessen harten Konkurrenzkampf, verkrampfte Starkulte und Abhängigkeitsverhältnisse in der Musikszene. Vor allem die Bluesbands, auf die eine ganze Generation DDR-Jugendlicher ihr Freiheitssehnen projizierten, gehen untereinander rüde um, man kämpft mit harten Bandagen um Einfluss, Konzerte oder Beschallungsanlagen und betrügt sich beim An- und Verkauf exorbitant teurer West-Instrumente gegenseitig. "Ein Kumpel hat damals sein Haus verkauft, um sich Instrumente leisten zu können. Das war Kapitalismus!" sagt Lutter.

Und dennoch kippt das Buch nie in Verbitterung - seine Stärke ist es, einen realistischen, nüchternen Blick auf den oft so hemmungslos verklärten Untergrund mit all der Liebe und Leidenschaft zu verbinden, die die Fans damals in die Dorfsäle trieb. Mit diesem Geraderücken erweist Kay Lutter dem Ostrock den vielleicht größten Dienst der letzten Jahre - zumal er quasi nebenbei die große Rolle der Tramper- und Bluesszene richtig einordnet: "Wir haben Musik gemacht und Alkohol getrunken. Klar hatten wir auch freche Texte, aber wir waren keine Revolutionäre. Viele haben sich dann nach der Wende als Widerständler verkauft. Das nervt mich", sagt er.

Seine große literarischen Qualität entfaltet "Bluessommer" vor allem im letzten Drittel, in dem Hauptperson Mike nach gelungener Flucht im Westen dort mit den kapitalistischen Zwängen ebenso schwer klarkommt wie zuvor mit denen des Sozialismus. Lutter schafft es großartig, mit seiner Figur danach zu suchen, wie man dem Leben ein Maximum von Freiheit inmitten gesellschaftlicher, vor allem aber persönlicher Zwänge abringen kann - vor allem, als sein Antiheld sich wirklich von allen Fesseln lösen kann, dann aber die Leere kennenlernt und auf offener See im wahrsten Sinn des Wortes den lebenswichtigen Antrieb verliert. "Bluessommer" räumt so gründlich in der von Ostalgie verstaubten Erinnerung an die Spätphase der DDR auf, dass es mitunter schmerzt: Weil Lutters Gedanken wie kalter, frischer Wind das alte Herz wieder zum schnellen Pumpen anregen.

Lesungen Kay Lutter kommt mit "Bluessommer" am 29. November ins "Puschkin" nach Dresden, am 30. November in den Museumskeller Erfurt und am 3. Dezember in den Blauen Salon nach Leipzig. Am 16. Januar 2018 ist er im Paradiescafé Jena und am 21. Februar in der Alten Brauerei Annaberg-Buchholz. Für musikalische Begleitung sorgt als Gast In-Extremo-Sänger Michael Rhein.

www.bluessommer.de

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