Von St. Moritz nach Chemnitz

Ab Montag ist der Roman "Großwildjagd" die neue tägliche Fortsetzungslektüre - Katharina Sulzbach bietet darin ein Kontrastprogramm auf

Chemnitz.

Ein weibliches Trio hat Katharina Sulzbach in die Lesewelt geschickt - sehr erfolgreich. Heike, Susanne und Claudia sind die "Westendladies", die in einer vermeintlich heilen Glamourwelt leben. Die Kronenberger Autorin betrachtet dies mit satirischem Blick. Auch in "Stutenparade" wissen sich die drei Freundinnen gegen allerlei Fährnisse zu behaupten. "Großwildjagd" heißt nun der dritte Roman der Hessin, dessen Handlung unter anderem in Chemnitz spielt und der ab Montag als neuer Fortsetzungsroman in unserer Zeitung zu lesen ist. Uta Trinks hat Katharina Sulzbach zu ihrem unterhaltsamen Buch befragt.

Freie Presse: Können Sie für all jene, die die Vorgänger-Romane nicht gelesen haben, Ihre drei Heldinnen Heike, Susanne und Claudia zunächst kurz charakterisieren?

Katharina Sulzbach: Heike hat eigentlich alles, wovon die meisten träumen: Eine riesige Altbauvilla, einen Mann mit Superjob und zwei süße Kinder. Styling, Status und Prestige, sind die Attribute, auf die es bei ihr ankommt, aber glücklich machen sie ihr Leben nicht. Da versucht sie es mit einer heißen Affäre... Susanne, die Kunsthistorikerin, Geschäftsführerin eines Auktionshauses in Zürich, kinderlos, lebt mit einem Galeristen zusammen. Sie geht mit fachlicher Brillanz, Leichtigkeit und Chaos durchs Leben. Und Claudia hat in der "Großwildjagd" die Hauptrolle: Nach einer schmutzigen Scheidung muss sich die alleinerziehende Mutter dreier Kinder und Karrierefrau als selbstständige Anwältin durchs Leben schlagen. Sie strebt in allen Bereichen Perfektion an und scheitert oft kläglich. Doch ihr Leitsatz lautet: Ich schaffe es trotzdem!

Alles könnte so schön sein: Die drei Freundinnen liegen in der winterlichen Sonne in St. Moritz. Aber Claudia, die einen Anruf erhält, dass ihre Tante nach einem Unfall im Koma liegt, muss die luxuriöse Idylle in der Schweiz verlassen und fährt nach Chemnitz. Wie kommen Sie auf Chemnitz als einen Handlungsort in Ihrem neuen Roman?

Chemnitz ist der ursprüngliche Heimatort meines Vaters, bevor er in den Westen ging. Ich habe viele Erinnerungen an diese Stadt, die noch Karl-Marx-Stadt hieß, als ich sie das erste Mal besuchte. Damals war ich etwa zehn Jahre alt. Der Gutshof in Adelsberg, auf dem die Handlung zum Teil spielt, war tatsächlich einmal unser Familiensitz. Direkt nach der Wende habe ich dann einige Wochen als Urlaubsvertretung für einen Rechtsanwalt in Chemnitz gearbeitet und bin anschließend immer wieder zurück gekehrt. Ich mag die Stadt.

In Chemnitz stößt Claudia auf eine Mauer aus Vorurteilen, Ressentiments und Schweigen - die ihre Ursachen tief in der Vergangenheit haben, in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges, und die man eher nicht in einem Unterhaltungsroman vermutet. Was hat Sie bewogen, solch ein Kontrastprogramm aufzubieten?

Ursprünglich hatte ich die Idee, das Tagebuch meiner Großmutter, die in Chemnitz den Gutshof bewirtschaftet hat, als Grundlage für einen Roman zu nehmen. Ihre Aufzeichnungen sind sporadisch und weisen viele Lücken auf. Aber sie reichen bis ins Jahr 1937 zurück, und ich fand, dass sie es verdienten, ausgeschmückt zu werden. Das allein geriet mir zu "Pilcher-artig", zu sentimental. Ich finde es immer spannend, Gegensätze zu verbinden und satirisch aufzubereiten. Den superreichen Russen in St. Moritz begegne ich einmal im Jahr, während unseres Skiurlaubs im Januar und bestaune, wie sie die Luxusgeschäfte leerkaufen, auch wenn seit dem Ukraine-Konflikt immer weniger kommen. In Chemnitz kann ich dagegen nicht glauben, wie menschenleer die Innenstadt und ihre Läden an einem Samstagvormittag sind. Viele verbringen ihr Wochenende eben wirklich lieber gemeinsam im Garten oder in der sprichwörtlichen Datsche. Genau diese Kontraste haben mich interessiert. So habe ich erzählerisch den Bogen gespannt, von einer russischen Oligarchen-Familie in der Schweiz, zu deutschen Lebenstragödien, die im Zweiten Weltkrieg wurzeln, bis ins heutige Chemnitz - und mittendrin meine Westendladies.

Auch Claudias Leben im Speziellen spiegelt diese Kontraste - zwischen Glitzerwelt daheim und Tristesse, die sie im Osten empfindet. Wie sehen Sie nach 25 Jahren Wiedervereinigung das Zusammenwachsen von Ost und West?

Es ist nicht unbedingt Tristesse, auf die Claudia im Osten stößt. Sie liebt eben Mode, Styling und Labels und da hat Chemnitz, wie Sie zugeben müssen, nicht viel zu bieten. Den meisten Bewohnern fehlt daran jegliches Interesse. Darüber mokiert sich Claudia dann auch bei jeder Gelegenheit. Von dieser Geschmacksfrage abgesehen, finde ich, wir alle haben das "Zusammenwachsen" ganz gut hingekriegt. Das Zwischenmenschliche funktioniert doch meistens. Kann man denn erwarten, dass sich 40 Jahre Sondersozialisation, also zwei Generationen "Leben in unterschiedlichen Welten", einfach abschütteln lassen?

Sie haben einen Job und drei Kinder. Da könnten die Tage ausgefüllt sein. Wann finden Sie die Zeit zum Schreiben?

Ich habe wirklich sehr vollgepackte Tage. Aber mein Hilfsmittel ist die Vorgabe, irgendwann am Tag eine Seite an meinen Romanen zu schreiben. Und zwar auch am Ostersonntag und am Neujahrstag. Manchmal ringe ich mir diese eine mühsam ab und lösche sie am nächsten Tag. Manchmal werden es auch fünf, die ich stehen lasse. So geht es stetig voran.

Schreiben Sie bereits an einem neuen Buch?

Zwei neue Romane gleichzeitig habe ich in Arbeit - ein waghalsiges Projekt. Das eine spielt wieder in Frankfurt und berührt unter anderem das Thema "Flüchtlingshilfe". Die Handlung des anderen Romans ist in Deutschland im Jahr 2066 angesiedelt.

Was lesen Sie selbst am liebsten, und was liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?

Ich habe was für ungewöhnliche Lebensgeschichten übrig. Sie stapeln sich immer auf meinem Nachttisch. Gerade liegt zuoberst: Peggy Guggenheim, "Ich habe alles gelebt". Dann: Yasmina Reza, "Glücklich die Glücklichen". Darunter: Nino Haratischwili, "Das Achte Leben".

 

Das Buch

Katharina Sulzbach: "Großwildjagd". Knaur Taschenbuch. 480 Seiten. 8,99 Euro. ISBN 978-3-426-51457-3.

Katharina Sulzbach

Die Autorin unseres neuen Fortsetzungsromans, Katharina Sulzbach, studierte Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main sowie Paris und arbeitete anschließend als Justiziarin. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern im Taunus. "Großwildjagd" ist nach ihrem Überraschungserfolg "Westendladies" (2011) und "Stutenparade" (2012) ihr dritter Roman.

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1Kommentare
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    28.04.2015

    Das ist ja sehr interessant.... ich habe dem Weg umgekehrt gemacht von Chemnitz nach St. Moritz....



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