Von heißen Sommern und kalten Herzen

Vor 70 Jahren begann in einem vom Krieg und moralischer Verwüstung gezeichneten Land die Filmproduktion. Die "Freie Presse"-Leser erinnern sich an ihre Defa-Lieblinge. Ein Sommerfilm mit den Schlagerstars Chris Doerk und Frank Schöbel wurde in der Leserumfrage an die Spitze gewählt. Doch was macht diesen Kinohit zum Kult? Und warum hatten es zeitgenössische Dramen so schwer? Eine Zeitreise.

Die meisten Filme der vor 70 Jahren gegründeten Defa sind bereits vergessen. Nur ein Bruchteil davon hat der Kinofreund gesehen: Von 1946 bis 1989 wurden beim staatlichen Filmbetrieb immerhin etwa 700 Spielfilme, zahlreiche Animations-, Kurz- und Dokumentarfilme gedreht. Im kollektiven Gedächtnis vieler Ostdeutscher haben aber einige Filme überlebt, andere wurden erst nach der Wende entdeckt. Mancher Film erlebt immer wieder einmal ein Revival, zum Beispiel "Heißer Sommer".

Die Filmemacher in der DDR hatten keinen einfachen Job. Die Kulturbürokratie verlangte nach publikumswirksamen Stoffen, die SED-Kulturkader sahen im Film ein äußerst wichtiges Propaganda-Instrument. Auf der anderen Seite die Kritiker in Zeitungen und Magazinen, die mit Leidenschaft in einem ansonsten kaum zur kritischen Selbstreflexion fähigen Land ihren Beruf ausübten. Und da war ja noch das gemeine Publikum, dem nach dem verlorenen Krieg nicht der Sinn nach Agitation, Propaganda und Vergangenheitsbewältigung stand. Auch zeitgenössische, kritische Stoffe hatten es bei den Kinobesuchern schwer. Wie überall in der Welt flüchteten sie lieber in Traumwelten. Und die boten vor allem westdeutsche, französische und italienische Produktionen, sowjetische Märchenfilme und Hollywood.

Manchmal aber auch die Defa. Im Musikfilm "Heißer Sommer", der im Juni 1968 in die Kinos kam, war die DDR eine problemfreie Zone, das Land leuchtete in bunten, hellen Farben. Junge, hübsche, schick gekleidete Menschen tanzten und sangen - ganz vorn dabei die angesagten Schlagerstars Chris Doerk und Frank Schöbel. Wen interessierte da noch die Handlung um Oberschüler aus Karl-Marx-Stadt und Oberschülerinnen aus Leipzig, die ihre Ferien zusammen in einer Jugendherberge an der schönen Ostsee verbringen? Dialektfrei krabbeln sich dem Drehbuch von Maurycy Janowski folgend die Teenager, machen dumme Streiche, verlieben und entlieben sich, um sich dann wieder neu zu verlieben. Als ostdeutsches "Grease" bezeichnete ein amerikanischer Filmexperte wohlwollend den Film. Dabei feierte das berühmte US-Musical erst 1971 als Bühnenstück Premiere. Auf die Leinwand kam es 1978. Es ist dennoch sehr unwahrscheinlich, dass "Heißer Sommer" als Vorlage für "Grease" diente.

"Grease" schaffte es nicht in die DDR-Kinos. Solche Filme mochte die Bürokratie nicht, so ganz ohne Arbeiterklasse und FDJ. Das musste 1959 bereits Defa-Regisseur Slatan Dudow feststellen, dessen Film "Verwirrung der Liebe" für Stirnrunzeln in der Parteipresse sorgte. Der Film hätte genauso gut in Italien oder Westdeutschland gedreht worden sein können. Das war von Karl-Eduard von Schnitzler, damals Filmkritiker, nicht als Kompliment gemeint. "Diese jungen Menschen sind unverbindlich in einem gesellschaftlich fast luftleeren Raum angesiedelt", meinte er und diffamierte Dudows Werk als "Filmchen". Ähnlich erging es "Heißer Sommer". Die scharfzüngige Kritikerin Renate Holland-Moritz konnte dem Musikfilm, als er 1981 erneut in die Kinos kam, nicht viel abgewinnen. "Das dürftige Gerippe scheint von Maurycy Janowski vor allem als Beschäftigungstherapie für eine Schar jugendlicher Anfänger erdacht worden zu sein", schrieb sie im "Eulenspiegel".

Warum nur wurde "Heißer Sommer" dennoch zum Kulthit, den auch die "Freie Presse"-Umfrage-Teilnehmer mehrheitlich zu ihrer Nummer eins gewählt haben? Denn ganz Unrecht hatte Holland-Moritz schließlich nicht. Die Handlung ist vernachlässigungswürdig. Überhaupt muss der Film auch damals schon irgendwie aus der Zeit gefallen gewirkt haben. In Westberlin, in Paris und in vielen anderen Städten der westlichen Hemisphäre rannten auf der Straße linke Studenten gegen ihrer Meinung nach verkrustete Strukturen an. Woodstock war nicht mehr weit. Nur einen Monat nach dem Kinostart in der DDR wurde in Prag der Versuch eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz brutal unter Panzerketten des östlichen Militärbündnisses begraben. Und im Film sangen die Akteure "Ist ein heißer Sommer - wie wunderbar"...

Neben den guten Songs vom Vater/Sohn-Gespann Gerd und Thomas Natschinski sind es die Unbeschwertheit, die Atmosphäre, das Lebensgefühl, die den Film wohl zum Kult haben werden lassen.

"Meine Frau macht Musik" (1959), "Revue um Mitternacht" (1962), "Geliebte weiße Maus" (1964), "Reise ins Ehebett" (1966), "Heißer Sommer" - die wenigen Defa-Musikfilme fanden immer ihr Publikum. Chris Doerk und Frank Schöbel spielten und sangen zum letzten Mal gemeinsam in der Musical-Produktion "Nicht schummeln, Liebling" (1972). Nachdem die einflussreiche Holland-Moritz in ihrer Kino-Kolumne erklärte, "etwas derart Dummes, Konstruiertes und Witzloses" habe es seit Bestehen der Defa noch nicht gegeben, hatte kein Regisseur mehr Lust und Nerven, einen zeitgenössischen Musikfilm zu drehen.

Den Regisseuren, Drehbuchautoren von Gegenwartsdramen und Dokumentarfilmen ging es oft nicht anders. Der kritische Blick auf das angebliche Arbeiter- und Bauernparadies war allenfalls geduldet, meistens aber unerwünscht. Nach dem kulturellen Kahlschlag Mitte der 1960er-Jahre wagten Regisseur Heiner Carow und sein Drehbuch-Autor Ulrich Plenzdorf einen riskanten Neuanfang - mit "Die Legende von Paul und Paula", der 1973 in die Kinos kam. Das Liebesdrama war auf den ersten Blick alles andere als systemkritisch. Doch das Plädoyer für Selbstbestimmung, Individualismus und Freiheit machte den Film verdächtig. Ausgerechnet Erich Honecker, der sich als Hardliner und maßgeblicher Initiator des Kahlschlag-Plenums von 1965 profilierte, winkte den Film durch. Zu einem neuen Aufbruch reichte es nicht, auch wenn es immer wieder einige zeitkritische Filme auf die Leinwände schafften: "Bürgschaft für ein Jahr" von Herrmann Zschoche, "Die Stunde der Töchter" von Erwin Stranka, "Unser kurzes Leben" und "Bis dass der Tod euch scheidet" von Lothar Warneke, "Jadup und Boel" von Rainer Simon, "Erscheinen Pflicht" von Helmut Dziuba und "Solo Sunny" vom großartigen Konrad Wolf. Auch dieser Film ein Plädoyer gegen Bevormundung und für Individualität.

Bleiben werden sicher auch Märchenfilme wie "Das kalte Herz" mit dem gruseligen Holländer-Michel. Der erste Märchen- und Farbfilm der Defa geriet 1950 zum Skandal, weil er viel teuerer als geplant wurde. Als erfolgreichstes Defa-Kinowerk gilt mit knapp 13 Millionen Kinobesuchern ebenfalls ein Märchenfilm. "Die Geschichte vom kleinen Muck" (1953) von Wolfgang Staudte ist ein Klassiker geworden, der nichts von seinem zauberhaften Charme verloren hat. Gegenüber diesen beiden Kinohits waren "Das singende, klingende Bäumchen" (1957) und "Frau Holle" (1963) geradezu minimalistisch ausgestattet. Kinder und Erwachsene liebten beide Filme dennoch oder gerade deswegen.

Starkult war in der DDR verpönt. Doch einige wenige Stars gab es dennoch, Manfred Krug beispielsweise und vor allem der Serbe Gojko Mitic - der "Chefindianer der Defa". Ein Held ohne Fehl und Tadel, opferbereit, gutaussehend, immer auf der richtigen Seite, ohne Selbstzweifel - eben eine Rothaut im Sozialismus.

Leserumfrage

Die "Freie Presse" hat in den vergangenen Wochen ihre Leser gefragt: Welcher Defa-Film ist Ihr Favorit? 31 Filme standen zur Auswahl. 528 Leser gaben ihre Stimme ab.

1. Platz: "Heißer Sommer", 1968, mit Chris Doerk, Frank Schöbel. Flirterei zwischen Oberschülerinnen aus Leipzig und Oberschülern aus Karl-Marx-Stadt an der Ostsee. Trotz Kritiker-Verriss ein Publikumserfolg. Der Film zeigt in Ansätzen das Lebensgefühl junger Leute, dazu Musik von Vater und Sohn Natschinski. 100 Stimmen entfielen bei der Leserumfrage auf diesen Film.

2. Platz: "Die Söhne der großen Bärin", 1966, mit Gojko Mitic. Indianerfilm. 79 Stimmen.

3. Platz: "Die Legende von Paul und Paula", 1973, mit Angelica Domröse, Winfried Glatzeder. Liebesfilm mit Musik von den Puhdys. 49 Stimmen.

4. Platz: "Das singende, klingende Bäumchen", 1957, mit Christel Bodenstein. Märchenfilm mit hochmütiger Prinzessin, bösem Zwerg, gutmütigem Bär und viel Pappmaché. 46 Stimmen.

5. Platz: "Die Geschichte vom kleinen Muck", 1953, mit Thomas Schmidt. Orientalisches Märchen nach Wilhelm Hauff - der erfolgreichste Defa-Film aller Zeiten. 38 Stimmen.

"Sieben Sommersprossen", 1978, mit Kareen Schröter, Harald Rathmann. Teenagerfilm. Ebenfalls 38 Stimmen.

6. Platz: "Das kalte Herz", 1950, mit Lutz Moik, Hanna Rucker, Erwin Geschonneck. Verfilmung des Märchens von Wilhelm Hauff. Millionen Kinder gruselten sich vor dem Riesen Holländer-Michel. 34 Stimmen.

7. Platz: "Die Kinder von Golzow", 1962 bis 2007, Regie: Barbara und Winfried Junge. Die Chronik einer Landschulklasse aus Golzow (Oderbruch) und die unterschiedlichen Lebensläufe von ehemaligen Schülern in der ältesten Langzeitbeobachtung des internationalen Films. 27 Stimmen.

8. Platz: "Solo Sunny", 1980, mit Renate Krößner. Der leidenschaftlichen Sängerin Sunny bleibt der große Erfolg im Showbusiness versagt. Auch in der Liebe findet sie keine Erfüllung. Plädoyer für Individualität. 24 Stimmen.

9. Platz: "Frau Holle", 1963, mit Mathilde Danegger, Karin Ugowski, Katharina Lind. Die Studioproduktion ist minimalistisch, das Märchen wirkt wie ein episches Theaterstück. 13 Stimmen.

10. Platz: "Der Untertan", 1951, mit Werner Peters. Der erste Defa-Film, der verboten wurde, aber nicht in der DDR, sondern in der Bundesrepublik. Die Romanverfilmung (Heinrich Mann) ist eine Satire auf den preußischen Untertan in Form der Figur des Diederich Heßling. 12 Stimmen.

11. Platz: "Jakob der Lügner", 1974, mit Vlastimil Brodsky, Erwin Geschonneck, Henry Hübchen. Ein jüdisches Ghetto im besetzten Polen. Jakob erfindet ein Radio und bald auch gute Nachrichten von der Front ... Der einzige Defa-Film mit einer Oscar-Nominierung. 10 Stimmen.

Mit je unter zehn Stimmen folgen "Ein irrer Duft von frischem Heu", "Der Mann, der nach der Oma kam", "Insel der Schwäne", "Hauptmann Florian von der Mühle", "Professor Mamlock", "Gevatter Tod", "Im Staub der Sterne", "Das Kaninchen bin ich", "Die Architekten", "Flüstern & Schreien", "Anton der Zauberer", "Die Mörder sind unter uns", "Ehe im Schatten", "Verwirrung der Liebe" und "Winter ade". (mqu/kl)

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3Kommentare
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  • 0
    0
    Schinderhannes
    06.05.2016

    :-)

  • 1
    0
    Blackadder
    06.05.2016

    Darf ich ergänzen: Zwei schräge Vögel, Ede und Ali.

  • 2
    0
    Schinderhannes
    06.05.2016

    Meine Favoriten:

    1. Die Legende von Paul und Paula

    2. Für die Liebe noch zu mager

    3. Spur der Steine

    4. Solo Sunny

    5. Und nächstes Jahr am Balaton

    6. Die Abenteuer des Werner Holt

    7. Einer trage des Anderen Last

    8. Sieben Sommersprossen

    9. Stülpner - Legende

    10. Karbid und Sauerampfer

    ... :-)



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