Vorhang zu, alle tot

Das Theater Chemnitz bringt mit "Lucia di Lammermoor" ausgesprochen vitalen Opernkitsch als erste Premiere der neuen Spielzeit auf die Bühne.

Chemnitz.

"Ich glaub', die Message ist angekommen", meinte eine Besucherin, vom Alter her etwas unterm Publikumsdurchschnitt, am Samstagabend beim Verlassen der Chemnitzer Oper verschmitzt zu ihrer Freundin: "Sie ist tot!" Sie, das war "Lucia di Lammermoor" - und bildete nur einen Teil des Leichenhaufens, den Schicksal, Ränke, Umstände, Stiletto und Libretto auf die Bretter gelegt hatten. Doch um Handlung geht es bei dem berühmten Belcanto-Werk des Italieners Gaetano Donizetti auch nicht wirklich, sondern eher um ein Fest des anspruchsvollen Gesangs. Daher ist die "Lucia" auch eine der am häufigsten auf Tonträgern festgehaltenen Opern überhaupt, sie funktioniert ohne Bilder perfekt. Die wohlklingende Musik, eine Art Vorahnung dessen, was Disney heute für Filme verwendet, nimmt die Geschichte eher als Kolorit und bildet sie klanglich in etwa so gut nach wie der Song "Waterloo" von Abba die gleichnamige blutige Schlacht.

Und ein Gesangsfest war es dann auch - mit Alik Abdukayumov als Höhepunkt, der Enrico Ashton mit mächtiger Stimme als wutglühenden Vulkan auf die Bühne brachte. Das gab tosenden Beifall. Artjom Korotkov als Edgardo war ein perfekter Gegenpol - sinnlich, versöhnlich, verliebt, enttäuscht und ebenfalls zu Recht gefeiert. Enorm hörenswert auch Pavel Kudinov als kräftig-warmer Raimondo. Valentina Farcas meisterte die Lucia mit Bravour. Dafür, dass sie souverän und eigenwillig eine Rolle füllte, die Opernfreunde ja von der Callas bis zur Netrebko schon im Ohr haben, bekam sie vor dem Vorhang den größten Beifallsausbruch. Die Schumann-Philharmonie unter Felix Bender rollte dem Gesang einen blitzsauber gewebten Flauschteppich aus und war eine würdige, mitunter sogar etwas zurückhaltende Begleiterin. Nett: Bei der Wahnsinns-Arie erklang mit einem Verrophon als "Geisterstimme" ein ähnliches Instrument wie die ursprünglich vorgesehene Glasharmonika, die dort meist von einer Flöte ersetzt wird.

Und sonst? Die Geschichte des Stückes basiert auf der "Braut von Lammermoor", einem Bestseller von Walter Scott, Anfang des 19. Jahrhunderts einer der meistgelesenen Autoren: Klar, dass damalige Opernmacher auf den Stoff so scharf waren wie heute Hollywood auf "Harry Potter". Librettist Salvatore Cammarano nahm sich aber das Original für die 1835 uraufgeführte Oper in etwa so zu Herzen wie der wackere Drehbuchautor Harald G. Petersson 128 Jahre später Karl May für seinen Film-"Winnetou": Die "Romeo-und-Julia"-Story um zwei schottische Clans kann man daher im Kern so ernst nehmen wie Bully Herbig. Regisseurin Helen Malkowsky versuchte daher gar nicht erst, großartig doppelte Böden einzuziehen: Alle Protagonisten verbluten mit Dolch im Leib im genüsslichen Opern-Klischee, die parallel als Unschuld auftretende Kind-Lucia (Ksenia Buhl) wirkte nur wie ein Wink mit dem morschen Interpretations-Zaunpfahl. Kostüme und Kulissen zeichneten dazu ein Bild zwischen Mafia und viktorianischen Antiquitäten - und bildeten ebenso guten Kulissenkitt wie der Soft-Gothic-Zombie-Chor. Perfekt unpenetranter Kitsch also, der dem Gesang nicht unnötig im Weg stand und schön stylisch Moderne behauptete, ohne an der Tradition zu kratzen.

 

Das Stück

Lucia, Schwester des aufstrebenden Lords Enrico Ashton, liebt dessen Todfeind Edgardo Ravenswood - was ungünstige Auswirkungen auf dessen Racheschwur gegen das Ashton-Gezücht hat, welches seinen Besitz geraubt und seine Familie ermordet hat. Edgardo will Versöhnung und Hochzeit. Weil Enrico seine Schwester jedoch aus Wut, politischen Gründen und des dramaturgischen Effekts wegen anderweitig verheiraten will, kommt es zu einem Gemetzel, das keine der Hauptpersonen überlebt.

Weitere Vorstellungen am 25. September sowie 4., 11. und 17. Oktober.

www.theater-chemnitz.de

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