"Was, ihr amüsiert euch? Das ist ein Blueskonzert!"

Andi Valandi und Wellbad treiben ihrem Genre die Novemberstimmung aus

Annaberg-Buchholz.

Der November ist eigentlich ein guter Monat für ein Blues-Konzert: Grauer Himmel, trübe Stimmung, das Jahr geht zu Ende. Dazu dieses immer gleiche Zwölf-Takt-Schema, ellenlange Gitarrensoli, die sich in 30 Jahren nur unwesentlich ändern. Wer diese Art Blues sucht, ist bei Andy Valandi nebst Band und Wellbad falsch. Etwa 100 Gäste in der Annaberger Alten Brauerei waren am Samstag offensichtlich am richtigen Ort, feierten ausgelassen eine neue Blues-Generation. "Was, ihr amüsiert euch? Das ist hier'n Blueskonzert - so kann ich nicht arbeiten", nimmt Wellbad-Sänger Daniel Welbat die Genre-Klischees auf die Schippe.

Es darf gelacht werden, und es wird gelacht. Bei Andy Valandi manchmal auch mit geballter Faust in der Tasche. Der Gitarrist und Sänger seines Trios mit Schlagzeugerin Yvonne Rühle und Keyboarder Frank Dresig ist Punker im Herzen, mag aber lieber Blues. Deshalb reichert er die alte Musikform mit zeitgemäßen Themen an. Frisch, frech, ganz unfromm, aber sehr frei singt er vom "Underground im Altersheim", wo die Oma mit dem Pfleger und ein paar bunten Pillen in die Karibik durchbrennt. "Muddi" muss auch weg, denn sie nervt mit ihren ewigen Mahnungen zu Arbeit und Pünktlichkeit. Und "Herrn Lehmann", der Schwule und Migranten schlimm findet, geht es nicht besser. Das klingt rau, direkt, manchmal bisschen unperfekt - aber gerade so, dass es eigentlich perfekt ist. Daraus kann was ganz Großes werden.

Ein bisschen größer sind Wellbad schon - was nichts mit Wellenbaden zu tun, obwohl sie aus Hamburg kommen, sondern mit den englischen Wörtern für gut und schlecht, sowie dem Namen des Sängers spielt. An Daniel Welbat ist ein Schauspieler und Entertainer verloren gegangen - dafür hat die Band einen beeindruckenden Sänger gewonnen. Zwar wirkt sein grimassen- und gestenreicher Auftritt manchmal tatsächlich wie ein - allerdings großartiges - Schauspiel, das weit über den Blues hinaus geht, aber die Perfektion der Kapelle lässt den Eindruck schnell vergessen. Allein die Soli bei der abschließenden Band-Vorstellung hätten das Kommen gelohnt: Bassist Stefan Reich wirkt wie ein Hip-Hopper, der sich in eine Rockband verirrt hat, schlägt mit ungeheurer Energie akustischen wie E-Bass. Drummer Jonas Vom Orde sieht aus, als hätte er die Hamburger Schule geschwänzt, trommelt sich freudestrahlend die Seele aus dem Leib. Keyboarder und Multiinstrumentalist Simon Andresen beherrscht auch leise, balladeske Töne. Und Gitarrist Lennard Eggers gibt dem Sound solistisch wie innerhalb der Band eine solche Kraft, dass man ihn nur sprachlos bewundern kann. Welbat singt mit dunkler Tom-Waits-Stimme über dreibeinige Hunde und vertrackte Liebesgeschichten. Mit solchen Bands muss einem um die nächsten 100 Jahre Bluesgeschichte nicht bange sein.

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