"Was sind das für Menschen?"

Der Leipziger Regisseur Thomas Stuber über die Berlinale, Autor Clemens Meyer und das Problem mit dem Milieu

Berlin.

Morgen beginnen in Berlin die Internationalen Filmfestspiele. Bei der Berlinale werden über 400 Filme gezeigt, 19 davon gehen ins Rennen um Goldene und Silberne Bären, die die internationale Jury unter Tom Tykwer vergibt. Im Wettbewerb steht auch der Leipziger Regisseur Thomas Stuber mit seinem neuen Film "In den Gängen". Er erzählt darin die zarte Romanze zwischen einem schweigsamen Gabelstaplerfahrer (Franz Rogowski) in einem Großmarkt und seiner verheirateten Kollegin (Sandra Hüller). Mit dem Regisseur haben Juliane Streich und Lars Tunçay gesprochen.

"Freie Presse": Herr Stuber, "In den Gängen" wurde zur Berlinale eingeladen als einer von vier deutschen Filmen im Wettbewerb. Was bedeutet Ihnen das?

Thomas Stuber: Das ist eine Riesennummer. Wir haben ihn dafür eingereicht und uns natürlich gewünscht, dass er genommen wird. Aber wenn du dann von Dieter (Berlinale-Direktor Kosslick, Anm. d. Red.) den Anruf bekommst, fällt dir ein Riesenstein vom Herzen. Na klar, es ist der Hammer, ganz toll, es ist das Größte! Gleichzeitig hab ich auch wahnsinnig Respekt vor der Premiere dort, vor 900 Leuten. Vielleicht funktioniert der Film nicht für internationales Publikum, vielleicht verstehen die das nicht? Er kann komplett missverstanden werden. Da kann alles passieren.

Das Drehbuch dieser Liebesgeschichte im Großmarkt haben Sie zusammen mit dem Schriftsteller Clemens Meyer geschrieben. Sie arbeiten viel mit ihm zusammen. Wie kam es dazu?

Ich habe ihn damals wegen meines Abschlussfilms "Von Hunden und Pferden" angefragt: "Ich finde die Geschichte toll, darf ich die machen?" Fand er gut. Und als wir auf der Pferderennbahn gedreht haben, war Clemens logischerweise auch dort, weil er immer auf der Rennbahn ist. Er hat gleich mitgespielt, was er seitdem immer bei unseren Filmen tut. So hat es angefangen mit unserer Zusammenarbeit und Freundschaft. Mit dem Schreiben von "Herbert" hat sie sich weiter verfestigt.

Was macht die Geschichten von Clemens Meyer so interessant für Sie, dass Sie immer wieder darauf zurückgreifen?

Es gibt immer wiederkehrende Sachen, die mich ansprechen. Neben dem Mitteldeutschen, dem Osten, neben den kleinen Leuten, reden wir oft über dasselbe, über Bahnhöfe, Gaststätten, über bestimmte Orte, die ich auch gut finde. Einsamkeit und Sehnsucht ist vielleicht auch etwas, was ihn und mich umtreibt. Clemens hat eine Prosa, die unglaublich viel Raum lässt. Da geht es um das, was er nicht sagt. Das ist für einen Spielfilm, eine Adaption, natürlich wahnsinnig gut, weil ich an dieser Leerstelle ansetzen kann, nicht alles über Seiten hinweg beschrieben ist, sondern Raum zur Interpretation lässt. Da liegt meiner Meinung nach das Filmische.

In "Herbert" sieht man einen ehemaligen Boxer, der ALS hat und langsam zerfällt. Haben Sie eine Grenze, was man dem Zuschauer zumuten kann?
Grundsätzlich würde ich nichts ausschließen. Dem Zuschauer ist ja auch schon so gut wie alles zugemutet worden. Ansonsten würde ich mir nicht auferlegen, was geht und was nicht geht. Das kommt immer aus der Figur, aus der Geschichte, heraus. Wie wahrhaftig und echt ist sie? Und was braucht es, damit es ergreifend wird?

Ihre Filme gehen immer ein bisschen in die gleiche Milieurichtung.

Welche Milieurichtung?

Menschen am Rande der Gesellschaft.

Okay, aber das ist doch kein Milieu, das sind Menschen, oder bestimmte Figuren, Typen. Ein Pferdewetter, ein Boxer und ein Nachtarbeiter sind ja erst mal sehr unterschiedlich, oder? Vielmehr ist die Frage: Was sind das für Menschen? Und ja, es sind nicht die Stars der Gesellschaft, die ich spannend finde. In ihren Geschichten liegt Pathos - im Sinne von großen Gefühlen, von großem Leiden - wie bei "Herbert" - oder vom kleinen großen Glück wie bei "Von Hunden und Pferden". Ich will nicht ein großes Schicksal klein erzählen, sondern ein kleines Schicksal groß. Beim Wort Milieu würde ich vorsichtig sein, weil ja alles von uns ausgedacht ist. Wir sind aber hoffentlich so genau, dass man uns alles abnimmt. Wenn man am Gleis8 (Leipziger Bahnhofskneipe, Anm. d. Red) vorbeigeht, denkt man ja nicht unbedingt: Ne Milieukneipe, oder? Das ist alles aus Glas und Metall. Man muss reingehen ...

"In den Gängen" ist in Bitterfeld und Wittenberg, zumeist nachts in einem Großmarkt entstanden. War das nicht ermüdend?

Ja, das war anstrengend. Drehbeginn war immer 20 Uhr und Drehschluss um sechs. Um 4.30 Uhr kamen die ersten Arbeiter und haben die Brötchenmaschine angeschmissen. Es gab eine Crew, die nur damit beschäftigt war, Paletten und Regale umzugestalten und ganz schnell wieder zurückzuräumen. Und wir brauchten Weihnachtsdeko. Daher haben wir Weihnachten 2016 ganz viel Zeug gehortet, weil wir im Februar, März gedreht haben.

Sind Sie zufrieden mit dem Endprodukt?

Ja und nein. Ich bin nie zufrieden mit meiner Arbeit, dafür bin ich zu perfektionistisch. "In den Gängen" hat eine ganz andere Erzählweise. Bei "Herbert" war die Handkamera ganz nah dran an Peter Kurth, hier gibt es die gar nicht, das Ganze ist sehr distanziert, ruhig choreografiert. Bei "Herbert" gab es viele Schnitte. "In den Gängen" ist minutenlang ohne Schnitt. Dieser Film ist viel getragener, stilisierter.

Was kommt nach der Berlinale?

Neben den "Gängen" habe ich im vergangenen Jahr auch eine Literaturverfilmung gemacht: "Kruso" von Lutz Seiler, ein Fernsehfilm. Dann kommt ein "Tatort", den ich mit Clemens geschrieben habe, für den Hessischen Rundfunk mit Ulrich Tukur. Eine Adaption von John Carpenters "Assault on Precinct 13". Ein irrwitziges Ding: Eine einsame Polizeiwache in Offenbach wird von unbekannten Gestalten belagert. Den müssen wir ganz schnell machen, bevor noch eine Quote auf experimentelle Tatorte kommt.

www.berlinale.de

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