"Wir haben kein Lied verarscht"

Heinz-Rudolf Kunze übers Covern von deutschem Pop, die Knef, Heino, Udo Jürgens und das Starsein heutzutage

Chemnitz.

Mit "Meisterwerke: Verbeugungen" hat Heinz-Rudolf Kunze kürzlich das erste Cover-Album seiner Karriere vorgelegt, mit dem er im März auf Tournee in Chemnitz gastiert. Torsten Kohlschein hat sich mit Kunze über das Album und die Arbeit daran unterhalten.

Freie Presse: Wie haben Sie entschieden, vor wem Sie sich musikalisch verbeugen?

Heinz Rudolf Kunze: Zufällig. Hinsetzen. Kritzeln. Nicht nachdenken. Und was einem als Erstes in den Kopf kommt, machen. Das war die Methode. Sonst gerät man ins Grübeln und kommt zu keinem Ergebnis, weil es zu viele Möglichkeiten gibt. Was mein Unbewusstes da mit mir veranstaltet hat, weiß ich nicht. Und warum ich ausgerechnet auf diese Leute neugierig war. Es ist ja eine Art Schauspielerei. Man probiert Lieder aus wie man Rollen ausprobiert. Und ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, diese Lieder zu singen. Es hätten auch andere sein können.

Was auffällt: Es gibt eine zeitliche Riesenlücke. Zwischen 1968, Hildegard Knef, "Für mich soll's rote Rosen regnen" und 1980, Ideal: "Ich steh auf Berlin", wenn ich "Wenn ein Mensch lebt" von den Puhdys 1973 als DDR-Titel rausnehme. Ausgerechnet die Zeit, in der man die Hauptphase der musikalischen Geschmacksbildung von Heinz Rudolf Kunze vermuten darf.

Ja, aber nicht im deutschsprachigen Bereich. Dahinter steckt keine Überlegung, aber es dürfte genau das abbilden. Und in der Zeit gab es ja eigentlich auch keine deutschsprachige Musik. Außer Schlager.

Eine weitere Lücke weist das Album 1993 bis 2003 auf.

Ich weiß gar nicht, woran das liegt. Ich bin ja auch in der deutschsprachigen Musik nicht so bewandert wie in der englischsprachigen. Das wäre mir wesentlich leichter gefallen. Und wahrscheinlich, weil ich mich nicht so auskenne in der deutschsprachigen Musik, sind Titel von Freddy Quinn, Roy Black und Hildegard Knef dabei. Weil das Klassiker sind, die jeder kennt. Sogar ich!

Stichwort Klassiker: Auch Udo Jürgens ist mit "Was ich Dir sagen will" vertreten. Wie war Ihr Verhältnis zu ihm?

Sehr gut. Es wäre fast sogar zu einem Arbeitsverhältnis geworden. Es kam aber nicht zustande. Das lag an mir. Er hatte mich gebeten, für ihn zu texten, und mir ist nichts eingefallen. Ich konnte auf seine fragmentarischen musikalischen Vorgaben nicht antworten. Ich habe das sehr bedauert. Ich hätte gern für ihn gearbeitet. Ich tue mich aber schwer, Texte auf Musik zu schreiben. Ich nehme lieber den umgekehrten Weg. Jürgens war eine besondere Type, die sich nicht einfach in die Schlagerschublade stecken ließ. Natürlich hat er oft mit dem Schlager geflirtet. Aber er war mehr. Einer der wenigen, so wie Herman van Veen, die ihre eigene Schublade haben. Wir haben uns gemocht. Schon vor langer Zeit, als er 50 wurde, (1984, d. Red.) durfte ich in der "Hörzu" über ihn schreiben. Er hat sich sehr bedankt, hat mich gleich angerufen, seither kannten wir uns.

Warum haben Sie die üblichen Verdächtigen außen vor gelassen? Maffay, Westernhagen, Lindenberg, Grönemeyer...

Das war zu nahe liegend. Da hätte der Hörer gesagt: "Ach ja, klar." Es ist heute schwer genug, die Menschen überhaupt noch zu verblüffen. In die Falle wollte ich nicht tappen.

Ihnen nimmt man ab, dass Sie zu allen gecoverten Künstlern ein zumindest respektvolles Verhältnis haben. Ist das der Unterschied zu Heinos "Mit freundlichen Grüßen"? Was wollte er uns damit sagen?

Ich weiß nicht. Ich bin Heino ein paarmal begegnet und fand ihn unerwartet witzig. Wie so viele Schlagertypen geht auch er nicht auf in seiner Rolle. Er weiß schon, was er da macht und macht das auch mit einer gewissen Distanz.

Wie waren die bisherigen Reaktionen der "Originale" auf Ihr Album?

Das sind noch relativ wenige. Bisher nur Karat, Puhdys und Münchner Freiheit. Denen gefiel es. Ob den Ärzten gefällt, was wir mit "Deine Schuld" gemacht haben? Wir haben es doch stark musikalisch verändert. Ich hoffe auch, dass jeder kapiert, dass wir ihn ernst genommen haben. Wir haben kein Lied verarscht.

Ihre Blixa-Bargeld-Nummer "Haus der Lüge" weist für mich textliche Parallelen zum frühen Heinz Rudolf Kunze auf.

Aber absolut. Nicht nur zum frühen. Musikalisch haben wir das Stück der heutigen Zeit angepasst. Schließlich ist der Produzent, der das Arrangement gemacht hat, rund 20 Jahre jünger als Blixa und ich. Ich könnte mir vorstellen, dass Bargeld es okay findet. Die Nummer fiel mir am leichtesten, weil ich auch so arbeite. Das ist meine Methode mit Wörtern umzugehen. Da spielt ja auch die Zeit eine Rolle, aus der wir kommen, die Neubauten, Ideal, DAF, wir haben alle zur selben Zeit angefangen.

Warum Hildegard Knef?

Kann ich nicht erklären. Sie ist mir eingefallen - ich hab mich unter Druck gesetzt, Klassenarbeit, Zettel raus, da war ihr Name einer der ersten, die mir eingefallen sind. Ich kenne mich nicht so aus mit Frauenstimmen, aber die ist mir durch Mark und Bein gegangen, wie jedem, der sie mal gehört hat. Ich durfte ja am Ende ihres Lebens auch nochmal für sie arbeiten.

Wobei?

Auf ihrem letzten Album habe ich einen Text für sie übersetzt und einen weiteren selbst geschrieben. Ich hatte sie einmal am Telefon, bin ihr aber nie persönlich begegnet. Sie ist für mich die deutsche Frauenstimme überhaupt. Konkurrenzlos. Nummer Eins. Ansonsten ist es für einen Mann immer problematisch, Frauenlieder zu singen. Wenn ich Frauenstimmen höre, denke ich häufig, ich bin nicht eingeladen. Aber bei der Knef ist es total cool.

Frauen wie die Knef waren ja auch in den 60er-Jahren omnipräsent im Radio. Daran kam man nicht vorbei.

Ja, bei den wenigen Radio- und Fernsehsendern, die es damals gab, war das ganz anders als heute. Das können sich die jungen Leute gar nicht mehr vorstellen. Wer damals Erfolg hatte, der war überall. Heute kann man Superstar in einem Segment sein, das 90 Prozent der Öffentlichkeit gar nicht kennen. Bei zehn Prozent ist man Weltstar. Neulich habe ich festgestellt: Zweitgrößter Weltstar auf Spotify mit vier Millionen Klicks in der Woche ist ein Duo The Chainsmokers. Nie davon gehört. Weltstars! Vier Millionen Klicks! In der Woche! Und ich kenn die überhaupt nicht! Was ist los mit der Welt? (lacht)

Mit seiner Tournee "Meisterwerke: Verbeugungen" gastiert Heinz-Rudolf Kunze am 3. März in der Chemnitzer Stadthalle und am 4. März im Leipziger Gewandhaus. Karten gibt es in allen "Freie Presse"-Ticketshops.

Ein Video der Kunze-Version des Karat-Songs "Blumen aus Eis" sehen Sie unter www.freiepresse.de/kunze

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