Wo Weltbilder in Stein gemeißelt sind

Korrespondent Klaus Scherer hat in Leipzig sein Buch "Wahnsinn Amerika" vorgestellt

Leipzig. Wenn ein Korrespondent die Tür seines Büros in Washington ins Schloss fallen lässt, um sich in die Weiten des Landes aufzumachen und über Otto-Normal-Verbraucher zu berichten, kann er ganz schön erschrecken. Zum Beispiel, wenn der Arzt einer Hilfsorganisation erklärt, warum er der Frau eben 16 Zähne ziehen musste. Sie hatte die Spitze eines Drahtkleiderbügels über einer Kerze zum Glühen gebracht und sich damit die Nerven ihrer kaputten Zähne abgetötet. Eine Behandlung konnte sie sich nicht leisten. Andere versuchen sich in der Not, die Zähne gleich selbst zu ziehen. Deshalb gibt es in den USA Hilfsorganisationen - so wie in Entwicklungsländern -, die auf Spendenbasis und mit Ärzten aus Leidenschaft die letzte Rettung sind.

"Wahnsinn Amerika" heißt das neue Buch von Klaus Scherer, der von 2007 bis zum Sommer diesen Jahres ARD-Korrespondent in Washington war. Wahnsinn deshalb, so sagte Scherer am Mittwoch bei einer Lesung in Leipzig, weil dieses Land so riesig ist; weil die Menschen so offenherzig sind; aber auch, weil die vermeintliche Supermacht mancherorts einem Entwicklungsland gleicht - Beispiel Zähne. "Da fehlte nur noch der Dschungel."

Es ist ein Buch vor dem Hintergrund der Präsidentschaftswahl. Und eines Wahlkampfes, der manche Europäer fassungslos macht. Fassungslos über einen Herausforderer Mitt Romney, der die Hälfte seiner Landsleute als Schmarotzer beleidigt, der sich irritierend über den Hauptstadtstatus in Israel ausdrückt und der fragt, warum man im Flugzeug kein Fenster öffnen kann. Der aber auch Präsident Barack Obama attackiert, den Mann, der Projekte wie die Gesundheitsreform durchboxt, die einem Teil der Amerikaner ein Graus sind - viel zu viel reguliere da der Staat, das sei doch Sozialismus! Anhänger der Tea-Party beispielsweise wollen die Regierung gleich ganz abschaffen; sie würden nie im Traum Obama wählen, dann schon das kleinere Übel Romney, Hauptstadtlücken hin oder her. Trotzdem, sagt Scherer: Die Tea-Party ist nicht Amerika, eigentlich sei sie eine Minderheit, nur dass sie durch ihre Präsenz in den Medien als viel stärker wahrgenommen werde. Ein Teil der Amerikaner ticke durchaus wie Europäer, die in einer Gesundheitsreform keinen Sozialismus sehen.

Das Problem sei, dass sich zwischen beiden Lagern "derzeit eine Hass erfüllte Atmosphäre" entwickelt habe und Mittler fehlten. Idealismus schlägt Pragmatismus. Es sei auch kein Wunder, so Scherer, dass es in den USA so viele Klimawandel-Skeptiker gebe: Würde man sich einen Klimawandel eingestehen, müsste man einräumen, dass der Staat regulierend eingreifen muss. Doch wer das ablehnt, kann einen Klimawandel nicht akzeptieren. "Der passt nicht ins Weltbild." Und auch die Gegner der Gesundheitsreform hielten sich nicht bei Details auf, sondern argumentierten mit der Verteidigung amerikanischer Werte, der Freiheit, der Verfassung. Die große Angst vor dem Sozialismus.

Dabei seien die Amerikaner dem Sozialismus näher, als sie glauben, sagt Scherer. Nirgendwo gebe es so viele Stoppschilder wie in diesem Land, eine Regulation ohnegleichen. Und so erzählt Scherer auch mit Schmunzeln aus dem Alltag. In dem ihm ein Rätsel blieb, warum in einer Supermacht die meisten Küchengeräte aus den 1950er-Jahren stammen. Und ihn wurmte, dass ein Gewitter zwei Wochen Stromausfall bedeutet, weil die Oberleitungen beschädigt sind, die in der Weltmacht noch nicht unterirdisch verlegt werden. Dass aber, wenn Obama anregt, mit einem staatlichen Programm arbeitslose Bauarbeiter aus der Hausbaubranche in den Straßenbau zu bringen, er ausgebremst werde. Argument: zu teuer; der Staat solle sich raushalten.

Ob nach dem Wahlkampf die Polarisierung überwunden wird? Scherer glaubt das. Denn dann muss wieder regiert werden, und ganz ohne Pragmatismus geht das nicht. Selbst in Amerika.

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