Ein streitbarer Gewerkschafter geht in den Ruhestand

Er hat 20 Jahre lang die Geschicke der größten IG-Metall-Geschäftsstelle in Ostdeutschland in Zwickau gelenkt, nun hört Stefan Kademann auf. Über einen streitbaren Metaller, gerettete Firmen und das Auf und Ab einer Gewerkschaft.

Zwickau.

Die letzte Tarifrunde hat Stefan Kademann noch mitgemacht, stand Anfang Februar bei einem 24-Stunden-Streik vor dem Zwickauer VW-Werk auf der Bühne, um die Streikenden anzufeuern - obwohl er sein Büro da schon längst geräumt hatte. Und auch in den Tagen danach war sein Terminkalender gut gefüllt. "Der fährt mit 180 in die Garage", witzelte ein Kollege.

20 Jahre lang hat der Mann mit den kurz geschorenen Haaren die Geschicke der IG Metall in Westsachsen gelenkt. Die Geschäftsstelle in Zwickau ist mit 26.000 Mitgliedern die größte der Gewerkschaft in Ostdeutschland. Eine, die strukturbestimmend für die IG Metall ist. Die neunzehntgrößte bundesweit. Den Posten des Ersten Bevollmächtigten hat er vor einigen Wochen aufgegeben, mit 61 Jahren. Die Freistellungsphase seiner Altersteilzeit hat begonnen. Im August 2020 wird er in Rente gehen. 47 Versicherungsjahre kann er dann vorweisen. "Das ist genug", sagt er. Heute wird er von Kollegen und Weggefährten verabschiedet. Auch Firmenchefs und Politiker stehen auf der Gästeliste.

Nun hat Kademann für ein paar Stunden noch mal in seinem früheren Büro im dritten Stock im Gewerkschaftshaus in der Zwickauer Bahnhofsstraße Platz genommen. Er steht vor dem Bücherregal, mustert die Reihen. Und winkt ab. Das, was er erhofft hatte zu finden, ist nicht mehr da. Sein Nachfolger hat schon umgeräumt. Er setzt sich und erzählt. Von Rettungsaktionen für Firmen, Betriebsschließungen und Arbeitskämpfen. Von Aktionen gegen Rechts und Gerechtigkeitsfragen.

Der Mann hat Spuren hinterlassen in Sachsen. "In diese Fußstapfen kann man nicht steigen", sagt der VW-Betriebsratsvorsitzende Jens Rothe. Sabine Zimmermann, linke Bundestagsabgeordnete aus Zwickau und DGB-Kreisverbandschefin, bescheinigt ihm "hohes Ansehen, auch außerhalb der IG Metall". Selbst die Gegenseite zollt Respekt. Vom Ex-Geschäftsführer des Plauener Speziallampenherstellers Vosla, Gerhard Liebscher, bekam Kademann einen Brief. Liebscher hatte aus der Zeitung über den Abgang erfahren. "Wir waren beide sehr streitbar, aber einem gemeinsamen Ziel verpflichtet", schreibt Liebscher und bedankt sich für die gute Zusammenarbeit. Beide kämpften darum, dass der Standort eine Zukunft hat. Der Philips-Konzern wollte das Werk schließen. Der Protest von IG Metall und Belegschaft trug dazu bei, dass es nicht dazu kam. Die Belegschaft war sogar vor die Konzernzentrale gezogen. Die ist in Eindhoven, in den Niederlanden. Am Ende wurde das Werk ausgegliedert, verkauft - und blieb.

Es war nicht der einzige Betrieb, um den er sich kümmern musste, weil ein Aus drohte. "In den 1990er-Jahren haben wir einigen Firmen über die Klippe geholfen", erinnert sich Kademann. Und auch später gab es immer wieder Handlungsbedarf. Im Jahr 2014 zum Beispiel. Da habe man beim Busbauer Neoplan in Plauen erreicht, dass "der Standort nicht geschliffen, sondern umgebaut wird", sagt er. "Die wollten den Laden zumachen."

Doch nicht immer gab es eine Lösung, manche Schließung mussten Kademann und seine Mitstreiter schlucken. Der schlimmste Fall war die Pleite des Druckmaschinenherstellers MAN Roland, der mit der Plamag ein Werk in Plauen betrieb. Ende 2012 war Schluss. "2500 Industriearbeitsplätze sind verloren gegangen", sagt Kademann. Noch heute ärgert ihn dabei eines: "Dass man die Politik in Sachsen zum Jagen tragen musste. Im Westen funktionierte das. Am Firmensitz in Augsburg saßen einen Tag nach der Pleite alle an einem Tisch." Während der Plamag-Krise gab es Nächte, in denen er nicht schlafen konnte. Eine anstrengende Zeit. Aber er konnte nicht anders: "Entweder machst du den Job mit Herzblut oder lässt es bleiben."

Reingerutscht war er in sein Gewerkschafterleben. In Döbeln geboren, begann er 1973 dort eine Lehre als Werkzeugmacher bei Doblina, wo er auch danach blieb. Als sich die Bürgerbewegung Neues Forum in Döbeln konstituierte, war Kademann dabei, kümmerte sich um die Betriebsgruppen. Als 1990 Betriebsratswahlen durchgeführt wurden, habe es geheißen: "Kademann, das musst du machen." Auf einmal war er Betriebsratschef. Ein Jahr drauf organisierte er einen wilden Streik. Der Betrieb, in dem zu der Zeit Kurzarbeit angesagt war, habe einen Aufschlag nicht mehr zahlen wollen. "Als am nächsten Tag die Leute vor dem Verwaltungsgebäude standen, waren die Fronten geklärt."

Die IG Metall sei dann auf ihn zugekommen, ob er nicht für den Vizechef-Posten in der Verwaltungsstelle Döbeln-Grimma kandidieren wolle. Er sagte zu. Am 27. März 1991 war sein erster Arbeitstag. Zeit, um sich einzuarbeiten, blieb nicht: Vier Tage später standen die Gänge voll mit Menschen. Eine Kündigungswelle bescherte der IG Metall jede Menge Arbeit. Zwei Jahre später wechselte er in die Bezirksleitung nach Dresden, später ging es nach Berlin.

Als 1997 in Zwickau eine neue IG-Metall-Spitze gewählt werden sollte, ließ er sich aufstellen. "Ich wollte zurück nach Sachsen." 1999 zog er ins Vogtland. In Neuensalz saß er zwei Wahlperioden im Gemeinderat. Für ihn sei es immer wichtig gewesen, sich zu engagieren. Politisch aktiv ist der 61-Jährige bis heute - als SPD-Mitglied. Allerdings: Es gab Zeiten, da hat er gehadert mit der Sozialdemokratie. Das war in der Zeit, als die rot-grüne Regierung unter Kanzler Schröder die Hartz-IV-Reformen auf den Weg gebracht hatte. Aus Enttäuschung darüber trat er aus. In der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) fand er eine neue Heimat. Als die WASG mit der PDS zur Linkspartei fusionierte, ging er zwar mit, trat später aber wieder aus. Das sei nicht seine Perspektive gewesen. Mit der SPD ist er derweil versöhnt, auch wenn dort zuletzt "Kasperletheater" geherrscht habe. Kademann weiß, dass man ab und an Abstriche machen muss. Es ist das Prinzip von Tarifabschlüssen.

Sabine Zimmermann, die Kademann lange kennt, sagt: "Er hat nie nur auf seinen Tisch geguckt." Etliche Demos gegen Rechts habe er mitorganisiert. Er habe immer vorn gestanden. "Gesicht zeigen, das tut er." Für Kademann ist das Engagement "eine Verpflichtung aus der Gewerkschaftsgeschichte heraus". Ja, und mobilisieren könne die IG Metall. Noch allzu präsent ist die Geschichte mit Heiko Maas. Bei der Maikundgebung 2016 in Zwickau störten Rechte den Auftritt des Justizministers. Also organisierte Kademann Wochen später einen "1. Mai 2.0". "Wir wollten beweisen, dass es gelingt, 2000 Leute auf den Hauptmarkt zu bekommen. Hat geklappt."

Seinem Nachfolger hat Kademann "ein gut bestelltes Haus" hinterlassen. "Wir sind gut aufgestellt", sagt Thomas Knabel, der neue IG-Metallchef in Zwickau. Seit ein paar Jahren bekommt die Geschäftsstelle, deren Gebiet die Kreise Zwickau, Vogtland und Teile des Erzgebirgskreises umfasst, wieder mehr Zulauf. Die Mitgliederzahlen steigen.

Es gab auch Zeiten, da lief es nicht so gut. Kademann fing in einer schwierigen Zeit an. "Die Region befand sich Ende der 1990er-Jahre im Arbeitsplatzabbau", erinnert sich VW-Betriebsratschef Rothe. Für die Gewerkschaften insgesamt ging es bergab im Osten. Der Organisationsgrad bei den Beschäftigten über alle Gewerkschaften hinweg stürzte laut einer Studie der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung bis zur Jahrtausendwende auf 18 Prozent ab, 1991 lag er noch bei 50 Prozent.

Die wohl schwerste Stunde für die IG Metall im Osten brach nach dem Arbeitskampf um die Einführung der 35-Stunden-Woche an, den die Gewerkschaft nach öffentlichem Druck abbrechen musste. Der Arbeitskampf "schien geradezu symbolisch einen Auflösungsprozess gewerkschaftlicher Organisationsmacht anzudeuten. Der Osten drohte, wenn schon nicht zu einer gewerkschaftsfreien Zone, so doch zu einer Region ohne nennenswerten Gewerkschaftseinfluss zu werden", schreiben die Autoren um den Jenaer Arbeitsmarktforscher Prof. Klaus Dörre in der 2015 erschienenen Studie "Gewerkschaften im Aufwind?". Kademann beschreibt das Jahr 2003 als "schlimm". Er habe damals sogar überlegt, sein Amt aufzugeben. Er sei öffentlich beschimpft worden, selbst bei der Silvesterfeier auf dem WC. Er ging an dem Abend vorzeitig nach Hause. Viele Mitglieder habe man verloren. "Für die Geschäftsstelle war das existenziell", sagt er. Und doch ging es weiter. "Wir sind damals bei Betriebsversammlungen mit Pfiffen begrüßt und mit Beifall verabschiedet worden."

Alle vier Jahre müssen sich die Bevollmächtigten bei der IG Metall zur Wahl stellen. Kademann wurde 2004 erstmals mit 100 Prozent der Stimmen gewählt. Es dauerte aber noch einige Jahre, bis die wichtigste Industriegewerkschaft in der Region wieder in die Erfolgsspur fand.

Für Marcel Thiel, Sozialwissenschaftler an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, hat das handfeste Gründe: Zum einen den Generationenwechsel in den Betrieben. Inzwischen gebe es eine Beschäftigtengeneration, die die Erfahrungen des industriellen Zusammenbruchs und allgegenwärtiger Bedrohung durch Arbeitslosigkeit nicht gemacht habe. Vor allem jüngere Fachkräfte wüssten, dass ihre Qualifikation vielfach gefragt ist. Zum anderen war da die Wirtschaftskrise 2008/9. Da konnten vor allem die Industriegewerkschaften mit gutem Krisenmanagement punkten. Häufig sei es dem Drängen von Gewerkschaft und Betriebsräten zu verdanken gewesen, dass beschäftigungssichernde Instrumente - etwa Kurzarbeit - angewandt wurden, heißt es in der Studie, an der auch Thiel mitgewirkt hat. Ein Imagegewinn.

Und es gibt noch einen Punkt, den Thiel mit "Zwickauer Ansatz" umschreibt. Die Idee: Die Beschäftigten müssten lernen, sich selbst für ihre Interessen einzusetzen. Ein Gradmesser dafür, ob die Belegschaft bereit ist dazu, ist der Organisationsgrad. Stefan Kademann erklärt es so: Mehr als 60 Prozent der Belegschaft muss gewerkschaftlich organisiert sein, bevor die IG Metall in die Auseinandersetzung um einen Haustarifvertrag geht. Kademann: "Ich kann mich natürlich mit dem Megafon vor das Werktor stellen, es wird nur keinen interessieren. Wenn aber die Masse draußen steht, sieht das schon anders aus. So einfach ist das Prinzip."

Die Zeiten haben sich geändert. In der Metallindustrie organisierten sich vor allem wieder jüngere Beschäftigte gewerkschaftlich, heißt es in der Studie. Betriebliche Pakte mit dem Hauptzweck der Jobsicherung, wie sie in der Nachwendezeit üblich waren, erodierten. "Arbeitsplatzsicherung wird nicht mehr um jeden Preis akzeptiert." Heute sorgten vielmehr Lohngefälle zwischen Ost und West sowie im Branchenvergleich für Unzufriedenheit. Der Lohn sei aber nicht mehr alles. Es gehe auch um Arbeitsverdichtung und Arbeitszeitfragen, so Thiel. "Den Metallern ist schon bewusst, dass sie im Jahr einen Monat länger arbeiten als ihre Kollegen im Westen."

Der gerade abgeschlossene Flächentarifvertrag mag so ein Zeichen für geänderte Zeiten sein. Unter anderem sichert er den Beschäftigten das Recht zu, ihre Wochenarbeitszeit zeitweise auf 28 Stunden zu reduzieren. Und mit einer "Gesprächsverpflichtung zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Sachsen" scheint auch ein erster Schritt für eine Angleichung der Wochenarbeitszeiten zwischen Ost und West getan.

Stefan Kademann hat das Ziel nie aus den Augen verloren. Die 35-Stunden-Woche ist für ihn eine Frage der Gerechtigkeit. Irgendwann müssten doch mal gleiche Verhältnisse zwischen Ost und West herrschen, findet er. Doch kümmern werden sich nun andere darum. Er will jetzt erst einmal seinen Fitnesszustand verbessern, mehr Rad fahren. Und sich in seinen Campingwagen setzen. In Ungarn. Seit 1978 fährt er in das Land. Er liebe das Land, das Essen, den Wein. Mehrmals im Jahr fährt er hin, auch in der kalten Jahreszeit. Er hat dort einen Wohnwagen stehen, nahe einem Thermalbad. Im Winter dort im warmen Wasser zu liegen, das sei gut für Knochen, Kreislauf und Wohlbefinden. Das Arbeitsleben hat ein paar Spuren hinterlassen.

Und so scheint er doch irgendwie auch erleichtert zu sein, den Schritt in den Ruhestand getan zu haben. Und nun? "Mal schauen, wie es weitergeht. Ich bin nach wie vor ein politischer Mensch, ich werde mich engagieren", sagt Kademann.

Lesetipps

Studie "Gewerkschaften im Aufwind? Stärkung gewerkschaftlicher Organisationsmacht in Ostdeutschland"

Buch: Klaus Dörre u.a. "Streikrepublik Deutschland? Die Erneuerung der Gewerkschaften in Ost und West", Campus-Buchverlag, 2016, 284 Seiten, 29,90 Euro. 

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