Lügen mit zu langen Beinen

Geheimdienstler Andreas T. war am letzten Tatort der Ceska-Mordserie dabei. Vor Auffliegen des NSU stand er selbst unter Verdacht, zog sich aber aus der Affäre. Jetzt belegen britische Experten, die im NSU-Prozess gehört werden sollen, dass seine Version erlogen sein muss.

Kassel/Zwickau.

Das Zählwerk unter dem Polizeivideo steht auf 0. Der Geheimdienstler Andreas T. schaltet den Computer ab. Etwas steif geht er vom Computerraum auf den Durchgang zu, der zum vorderen Teil des Internetcafés führt. Dort befinden sich Telefonzellen. Links neben dem Gang, durch den der Verfassungsschützer tritt, ist der Tisch, an dem Café-Besitzer Halit Yozgat seine Kunden in Empfang zu nehmen pflegte und Gebühren kassierte.

Laut Zählwerk am Video der Tatort-Rekonstruktion tritt T. in Sekunde 18 durch den Türrahmen. Er wendet sein Gesicht nicht nach links, wo üblicherweise der Café-Besitzer saß, sondern weg von dessen Tresen. T. geht zum Ausgang, öffnet die Tür, die auf die Holländische Straße führt. Direkt vorm Café hat er seinen E-Klasse-Mercedes geparkt. Bei Sekunde 29 schaut er draußen nach links und rechts, kommt wieder rein und geht erneut am Tresen vorbei in den hinteren Raum. Er zieht eine Münze aus dem Portemonnaie, tritt an den Tresen, hält aber so viel Abstand, dass er sich vorbeugen und auf einem Bein balancieren muss, um seine 50 Cent auf den Tisch zu legen. Er verlässt den Laden und steigt in den Mercedes. Bei einer Minute 19 Sekunden endet das Video.

Erstellt wurde dieser Film kurz nach dem Mord an dem 21-jährigen Besitzer des Internetcafés. Der geschah am 6. April 2006 in Kassel und stellte den letzten von neun Morden mit einer Ceska-83-Pistole als Tatwaffe dar. Die Mordserie an ausländischen Gewerbetreibenden sowie einen weiteren an einer Polizistin in Heilbronn und mindestens zwei Bombenanschläge schreibt man seit 2011 dem "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) zu, konkret den mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Im Kasseler Fall war 2006 zunächst der Geheimdienstler Andreas T. der Hauptverdächtige gewesen.

Das Video sollte Abläufe rekonstruieren angesichts jener unglaubwürdigen Version, die der Geheimdienstmann den Ermittlern auftischte. Am Tag des Mordes war der V-Mann-Führer des hessischen Verfassungsschutzes zur Tatzeit - oder bis Sekunden davor - am Tatort gewesen. Unerkannt verschwand er, wurde aber von einem weiteren Kunden im Café exakt beschrieben. Als T. nicht auf einen öffentlichen Aufruf reagierte, sich zu melden, machte man ihn anhand der Protokolle des Café-Computers ausfindig.

Und diese Protokolle lassen T.s Beteuerung, er habe beim Gehen vergeblich den Betreiber gesucht, sein Geld auf einem verwaisten Tresen hinterlassen, vom Mord gar nichts mitbekommen, fragwürdig erscheinen. Das Zeitfenster zwischen T.s Ausloggen und dem Auffinden des Mordopfers durch dessen Vater war zu knapp. Um 17.01 und 40 Sekunden hatte T. den Rechner abgeschaltet. Eine Minute und 46 Sekunden später betrat Ismail Yozgat, der Vater des Opfers, den Laden. Zieht man die eine Minute und 19 Sekunden der Video-Rekonstruktion ab, verblieben nach T.s Verlassen des Lokals 27 Sekunden. In denen hätte der laut T. vorübergehend abwesende Halit Yozgat - von woher auch immer - an seinen Platz zurückkehren und punktgenau von den Mördern überrascht worden sein müssen. Den Tätern wären maximal 20 Sekunden geblieben, um in den Laden zu stürmen, zwei gezielte Schüsse abzugeben und zu flüchten, ohne dem draußen nahenden Vater des Opfers in die Arme zu laufen.

Schließt man vorab die Möglichkeiten aus, dass Andreas T. Augenzeuge des Mordes oder selbst an diesem beteiligt war, bleibt nur ein Schluss übrig. Der sterbende Yozgat muss schon hinterm Tresen gelegen haben, als T. den Laden verließ. Da hätte der 1,90-Meter-Mann ihn aber theoretisch sehen müssen.

Dass das auch ganz praktisch der Fall ist, wiesen jetzt Experten des britischen Kriminalforschungs-Instituts "Forensic Architecture" nach. Im Auftrag der Initiativen "6. April" und "Tribunal NSU-Komplex auflösen" nutzten die Forensiker das beschriebene Polizeivideo für eine Simulation. Diese visualisiert die am Tatort gefilmten Abläufe aus Perspektive des Geheimdienstmannes. Der Höhepunkt: Als Andreas T. vorgebeugt am Tresen steht und seine Münze ablegt, verläuft seine Blickachse durch die ungelenke Haltung sehr niedrig. Dennoch wandert der Blick unweigerlich über die Tischkante hinaus, wo er auf Kopf, Schultern und Rücken einer animierten Person trifft. Am 6. April 2006 lag dort Halit Yozgat in seinem Blut. Auf der Tischplatte waren Blutspritzer. Die Simulation zeigt: Wenn Andreas T. nicht Augenzeuge des Mordes oder daran beteiligt war, muss er das Opfer gesehen haben. Die Darstellung, die er seit elf Jahren erzählt, ist ganz offensichtlich erlogen.

"Für uns steht fest, dass er lügt", sagt Rechtsanwalt Thomas Bliwier. Er vertritt die Familie des Opfers. So hätten bereits ursprüngliche Ermittler der hessischen Polizei geurteilt. "Definitiv gelogen muss sein, wenn er sagt, er habe die Schüsse nicht gehört, er habe die Leiche nicht gesehen von seinem Blickwinkel am Tresen aus. Entweder hat er etwas gesehen, das er nicht sagen will oder er war selbst am Mord beteiligt", sagte Bliwier im Gespräch mit der "Freien Presse".

In dem seit 2013 am Oberlandesgericht München laufenden NSU-Prozess musste kein Zeuge häufiger antreten als Andreas T. Zu vielen Ungereimtheiten nahm Richter Manfred Götzl ihn in die Mangel - besonders zum Telefonat, das der hauptamtliche Geheimdienstler kurz vor seinem Aufbruch ins Internetcafé mit Benjamin G. geführt hatte, seinem V-Mann in der rechtsextremen Szene. Laut später erhobenen Metadaten dauerte das Telefonat elf Minuten. T. will sich nicht daran erinnern können. Laut Benjamin G. ging es ums Abstimmen eines Termins. Elf Minuten lang? Das glaubte Richter Götzl nicht. In den Vernehmungen wies er T. immer wieder auf die Unglaubwürdigkeit seiner vielen Erinnerungslücken hin.

Mit umso größerer Verwunderung nahmen Opferanwälte und Beobachter deshalb am 296. Prozesstag in München eine Erklärung des Gerichtssenats zur Kenntnis: Man glaube Andreas T. seine Version, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein und mit dem Geschehen nichts zu tun gehabt zu haben.

Zur Ehrenrettung des Senats ist zu sagen, dass man T.s nachgewiesene Lügen auch von der Frage einer Tatbeteiligung entkoppelt betrachten kann. Seine Frau saß schwanger daheim, als er ins Café fuhr und auf der Plattform "Ilove" mit anderen Frauen chattete. Denkbar, dass er angesichts eines Toten hinterm Tresen in Panik geriet und sich davonstehlen wollte, als sei nichts gewesen. Zunächst hatte es allerdings geheißen, auch dienstlich wäre es T. untersagt gewesen, das Internetcafé zu besuchen, da es einem Beobachtungsobjekt zu nahe gelegen habe. Doch scheint das an den Haaren herbeigezogen. T. schlug das Café seinem V-Mann Benjamin G. sogar einmal als Treffpunkt vor. Der lehnte mit dem Hinweis ab, das Café sei zu schmutzig. Zu dienstlichen Belangen ist T. inzwischen einer weiteren Lüge überführt. Das brachte ihm jüngst sogar eine Strafanzeige der Linken im hessischen Landtag ein.

Der Abgeordnete Hermann Schaus, der für die Linken in Hessens NSU-Untersuchungsausschuss sitzt, will geahndet sehen, dass T. bei einer Vernehmung im NSU-Bundestags-Ausschuss log. Dort hatte T. abgestritten, vor dem Kasseler Mord je dienstlich mit den Ceska-Morden zu tun gehabt zu haben. Nach einem jahrelangen Kampf um behördlich vorenthaltene Akten sei inzwischen aber klar, dass T. dienstlich mit den Ceska-Morden befasst war, sagt Schaus. T.s Chefin beim Verfassungsschutz hatte zwei Wochen vor dem Kasseler Mord eine Dienstmail an T. und Kollegen versandt. Sie sollten ihre V-Leute zu den Ceska-Morden und zur Waffe aushorchen. T. zeichnete diese Mail als einer der ersten als gelesen gegen - noch vorm Kasseler Mord. Und nur vier Tage nach dem Mord im Internetcafé fachsimpelte T. vor einer Kollegin mit dem Wissen, dass dieser mit derselben Waffe verübt worden sei wie die bundesweit anderen Morde. Zu dem Zeitpunkt lag das ballistische Gutachten aber noch gar nicht vor. Es kam erst einen Monat später. Man werde "nichts unversucht lassen, das Lügengebäude im Kasseler NSU-Mord zu erschüttern und die Frage aufzuhellen: Wie war es wirklich?", verlautbarten Hessens Linke.

Die Nebenklagevertreter der Opferfamilie Yozgat wollen im Prozess ebenso alle Hebel ziehen. "Der Senat beurteilt alles unter der Frage, was hat es für Auswirkungen für die Schuldfrage von Frau Zschäpe. Stimmt dann die Version der Bundesanwaltschaft nicht mehr", sagt Rechtsanwalt Thomas Bliwier. Im Fall Andreas T. habe sich das Gericht daher "irgendwann dazu durchgerungen, zu sagen: Da ist mal Schluss. Das können wir so nicht akzeptieren", sagt Bliwier. Seine Kollegen und er wollen deshalb die neue Simulation des britischen Instituts "Forensic Architecture" in den nächsten Wochen in den NSU-Prozess einführen und Andreas T. damit konfrontieren. "Wir haben den Anspruch, jede Erkenntnisquelle auszuschöpfen", sagt Bliwier.

Auch wenn man den Fakt, dass Andreas T. zu den Abläufen im Internetcafé log, seiner Angst zuschreibt, dass sonst die Untreue gegenüber seiner Frau aufzufliegen drohte, so erklärt das eines nicht: die weiter reichenden Folgelügen.

Laut dem Zeugen Ahmed A. aus dem Internetcafé, dessen Aussage die Polizei überhaupt erst auf T.s Spur brachte, hatte Andreas T. im Café eine Plastiktüte dabei - eine durch offenbar schweren Inhalt in die Länge gezogene Tüte. Anhand winziger Plastikspuren von anderen Tatorten weiß man, dass die Morde der Ceska-Serie mit einer in eine Plastiktüte gehüllten Pistole vom Typ Ceska 83 verübt wurden. Diese Vorgehensweise diente dazu, die Patronenhülsen aufzufangen und mitzunehmen. T. behauptet kategorisch, keine Tüte dabeigehabt zu haben, obwohl seine Frau in ihren Vernehmungen bestätigt hat, zu ihrem Missfallen habe ihr Mann oft Plastiktüten mit sich herumgetragen.

Auf einem bei T. sichergestellten Rechner fand man Fotos vom einem bis heute unbekannten Schießstand, auf dem er wohl sogenanntes Combat-Schießen trainierte. T. behauptete, mit einem Kameraden aus seinem Sportschützenverein Hegelsberg-Vellmar zu einem Großkaliber-Combat-Turnier eines anderen Vereins gefahren zu sein. Die Ermittler zeigten dem von T. benannten Vereinskameraden die Fotos. Der Mann sagte, er kenne weder die Bilder noch den Schießstand. Bei letzterem könne es sich angesichts mangelnder Sicherheitsvorkehrungen gar nicht um einen Vereinsschießstand gehandelt haben.

Warum T. in diesem Fall log, ist mit Angst, seine Untreue könne auffliegen, nicht zu erklären. Nach "Freie Presse"-Recherchen fuhr T. Anfang der 2000er-Jahre zum Combat-Schießen nach Kunowitz in Tschechien. Ob die Fotos dort entstanden, ist allerdings unklar.

Andreas T.s rechtem V-Mann Benjamin G. sind Kontakte ins Thüringer NSU-Umfeld nachgewiesen. Doch wurde eine Direktverbindung T.s zum Trio nicht entdeckt. Zwar gab ein Zeuge den Hinweis, T., der nahe dem hessischen Reinhardshagen zeitweise in einem weiteren Verein schoss, habe in der dortigen Gaststätte "Scharfe Ecke" verkehrt. In dieser sei auch Uwe Mundlos ein- und ausgegangen. Letzteres ließ sich aber bisher nicht erhärten.

Auch die von der "Freien Presse" verfolgte Mercedes-Spur verlief bisher im Sande. Der lila-metallic-farbene Mercedes, den T. zur Zeit des Mordes fuhr, sieht beim Lichteinfall im Polizeivideo fast schwarz aus. Dunkler E-Klasse-Mercedes mit Kasseler Kennzeichen - diese Beschreibung passte exakt zu einer anderen Zeugenaussage. Ein Anwohner der Zwickauer Frühlingsstraße, der Mundlos auf Nachbarschaftsfesten kennengelernt haben will, meldete sich im Dezember 2011 bei der Polizei. Mundlos habe irgendwann mitbekommen, dass er regelmäßig in den Westen pendele, und ihn um eine Mitfahrgelegenheit nach Jena beziehungsweise zur Raststätte Eichelborn bei Erfurt gebeten, sagte der Zeuge. Dreimal habe er Mundlos mitgenommen. Am 19. Juni 2011 sei dieser in Eichelborn aus seinem Auto aus- und aller Wahrscheinlichkeit nach ins einzige zeitgleich anwesende Fahrzeug umgestiegen: Ein dunkler E-Klasse-Mercedes mit Kasseler Nummer sei das gewesen. Zwischen dem Kasseler Mord 2006 und Mundlos' Mitfahrgelegenheit 2011 lagen fünf Jahre. Ob Andreas T. seinen Mercedes aus dem Jahr 2006 da noch besaß, lässt sich ohne Polizei-Befugnisse nicht ermitteln, auch nicht, ob er 2011 eine andere dunkle E-Klasse mit Kasseler Nummer fuhr. Fakt ist: Das 2006 auf T.s lila E-Klasse zugelassene Kennzeichen KS - XC samt zweistelliger Zahlenkombination gehörte 2011 indes bereits zu einem anderen Fahrzeug.

Die Simulation der britischen Forscher

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