A72: Finale für den letzten Autobahnneubau

Wer in diesen Tagen auf der A 72 nach Leipzig fährt, kommt ab Borna ins Grübeln. Auf etlichen Kilometern Länge sieht es aus, als hätte beiderseits der B 95 ein Sturm seine Spuren hinterlassen.

Chemnitz/Leipzig. Wie kann der Bau von einem Kilometer Autobahn durch weitgehend flaches Land mehr als zehn Millionen Euro kosten? Diese Frage stellt sich bei den letzten zwei Abschnitten der Leipzig-Autobahn 72. Die Arbeiten am vorletzten, 9,5 Kilometer langen Stück sind seit Juli 2013 im Gange. Für den letzten Abschnitt von 7,2 Kilometern Länge laufen derzeit umfangreiche, für jedermann sichtbare Vorarbeiten. Es sind die letzten 17 Autobahnkilometer, die in Sachsen gebaut werden. 200 Millionen Euro werden sie verschlingen, sagte Holger Wohsmann, Abteilungsleiter Planung im Landesamt für Straßenbau und Verkehr, der "Freien Presse" bei einer Baustellenbesichtigung.

Einen Grund für die hohen Kosten liefert er gleich mit. Im ersten Abschnitt zwischen den Anschlussstellen Borna Nord und Rötha wird die Trasse westlich der B 95 errichtet. Espenhain wird in großem Bogen umfahren, damit der Ort nach Jahrzehnten extremer Verkehrs- und Schmutzbelastung endlich Ruhe bekommt. Das heißt aber auch: Die Autobahn führt dann bis an den Nord-Ost-Bereich des gefluteten Hainer Sees heran. Der Baugrund so nahe an der Uferböschung wirkt nur scheinbar standfest, haben Probebohrungen ergeben. Sie haben zudem gezeigt, dass nahe unter der Oberfläche zwei Tonschichten verlaufen - zwei beziehungsweise vier Meter mächtig. "Das zwingt uns zur Anwendung eines für Sachsen neuen Verfahrens, um den Baugrund zu stabilisieren", erläutert Wohsmann. Vorgesehen seien entlang der Böschung unter anderem mehrere hundert Bodenaustauschbohrungen - zwei Meter im Durchmesser und bis 30 Meter tief. Die gewaltigen Löcher werden anschließend mit standfestem Material verfüllt, um so den gesamten Baugrund zu stabilisieren. Im Herbst sollen Spezialtiefbaufirmen damit beginnen.

 

Vor Rötha wird die A 72 dann die B 95 kreuzen. Hier ist bereits sichtbar, in welch großem Umfang Forstflächen der Trasse geopfert werden. 19.500 Bäume wurden im Winterhalbjahr auf 35 Hektar Flächen gefällt, die meisten im sogenannten Röthaer Holz, ein Gebiet, das erst in den 1990er-Jahren aufgeforstet wurde, als die Planungen für die Autobahn gerade begannen. Es sind noch relativ junge Bäume und Sträucher, die hier jetzt meterhoch aufgestapelt liegen. "Wir haben uns bei der Frage nach dem Trassenverlauf dafür entschieden, die Autobahn so weit weg wie möglich von Rötha zu legen und dafür Wald zu opfern. So etwas ist immer ein schwieriger Abwägungsprozess", sagte Wohsmann. Die ökologische Funktion dieser Flächen war vor 20 Jahren noch gering. Es galt, Ort und Anwohner zu schützen. Zwischen 40 und 60 Meter breit ist inzwischen die 1,5 Kilometer lange Schneise, die durch das Röthaer Holz geschlagen wurde. Ein bisschen sieht es hier aus, als hätte ein Hurrikan gewütet und würden jetzt die Beräumungsarbeiten laufen.

Die A 72 verläuft im letzten Teilstück weitgehend identisch mit der vierstreifigen Bundesstraße. Das werde während der Bauarbeiten eine besondere Herausforderung - für Bauleute wie auch Kraftfahrer, sagte Isabel Siebert, Sprecherin des Landesverkehrsamtes. Sie betont auch, dass beim Neubau von Straßen und Autobahnen heute bundesweit fünf bis sieben Prozent der Kosten für Umweltschutzmaßnahmen ausgegeben werden. Beim letzten Stück der A 72 wird man wohl eher noch darüber liegen.

Denn hier müssen nicht nur möglichst trassennahe Neuanpflanzungen als Ausgleich erfolgen, sondern an anderen Stellen auch neue Flächen aufgeforstet werden. Ein Novum in Sachsen ist zudem die Errichtung von insgesamt 1100 Metern Sichtschutzwänden aus Holz für Tiere im Bereich des in den 1970er-Jahren angelegten Hochwasserrückhaltebeckens Stöhna. Weil es hier ein Vogelschutzgebiet von europäischer Bedeutung gibt, musste der Nachweis erbracht werden, dass der Autobahnbau keinen Einfluss auf die auch in den angrenzenden Äsungsflächen verweilenden Tiere hat. "Sonst hätten wir nicht bauen dürfen. Denn wir sind die Zerstörer", macht Wohsmann die strengen gesetzlichen Auflagen deutlich. Noch nie wurde in Sachsen für deren Umsetzung ein so großer Aufwand betrieben, gesteht der Experte. Selbst Ameisenhügel und abgestorbene Bäume, in denen sich Käfer eingenistet haben, müssten umgesetzt werden, ebenso Eidechsen und Orchideenpflanzen.

An dem 2,50 Meter hohen Sichtschutzzaun für Tiere haben schon zweimal Holzdiebe Gefallen gefunden. Dabei müssen die Wände bis zur Fertigstellung der Autobahn stehen bleiben. Parallel dazu erfolgen dahinter noch im ersten Halbjahr Neuanpflanzungen. Die wiederum müssen mindestens vier Jahre gewachsen sein, damit sie quasi die Schutzfunktion des Zauns nach dessen Rückbau erfüllen können.

Einen Fertigstellungstermin für die A 72 will das Landesverkehrsamt nicht nennen, lediglich das Ziel, noch im Herbst 2015 mit dem Trassenbau in Form der ersten Brücke im letzten Abschnitt zu beginnen. Realistisch dürfte 2019 sein - drei Jahre Bauzeit pro Abschnitt gerechnet.

Weitere Details

Insgesamt sind auf den letzten zwei Abschnitten von Borna bis zur A 38 11 Regenrückhaltebecken sowie 21 Brücken zu errichten. Fünf Brücken sind bis Rötha bereits fertig.

Als Entnahmestelle für Erdmassen zum Beispiel für die Errichtung von Lärmschutzwällen wurde für zwei Jahre die sogenannte Insel zwischen Hainer und Haubitzer See genehmigt. 750.000 Kubikmeter sollen im Sinne kurzer Transportwege von hier abgebaggert werden. 11,5 der knapp 17 Autobahnkilometer Strecke erhalten Lärmschutzwälle oder -wände.

Die Anschlussstelle Borna Nord wird nicht identisch sein mit dem jetzigen Übergang von der A 72 auf die B 95, sondern sich 500 Meter nördlich davon befinden. (gt)

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