"Abhitlern" an der Ostgrenze

Im ostsächsischen Ostritz herrscht am nächsten Wochenende Ausnahmezustand. Zum Führer-Geburtstag hat die Neonazi-Szene eines ihrer der Nachwuchswerbung dienenden Festivals angesetzt. Diesmal fehlen aber einige Schäfchen.

Chemnitz/Ostritz.

Der Gesang ist geröchelt, der Text pathetisch: "Wenn Du freien Geistes bist, man sperrt Dich weg als Terrorist ... Wir hören nicht auf, für Dich zu singen. Über Zäune, über Mauern soll ein Gruß für Dich erklingen." Das Lied heißt "Nationale Solidarität". Es wurde von der Thüringer Rechtsrock-Band "SKD" im November 2012 zu einem Sammel-Album beigesteuert. Mag der Textauszug harmlos klingen, der Name der Band ist eine Reverenz an das für seine Kriegsverbrechen berüchtigte "SS-Sonderkommando Dirlewanger".

16 Neonazi-Bands und Einzelinterpreten bekundeten auf der CD mit Namen "Solidarität IV" eben solche mit dem seit 2011 in Haft sitzenden Ralf Wohlleben. Seit 2013 ist der ehemalige Jenaer NPD-Kreischef im Münchner NSU-Prozess der Beihilfe zum Mord angeklagt. Er soll fürs Kerntrio des "Nationalsozialistischen Untergrundes" (NSU), also die mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, die schallgedämmte Mordwaffe für die Serie an Hinrichtungen ausländischer Kleinunternehmer organisiert und finanziert haben.

Produziert wurde das Solidaritäts-Album vom Chemnitzer Rechtsrock-Label "PC Records". Dessen damaliger Betreiber Yves R. tat sich über Jahre als Gönner der Szene hervor und sponserte Rechtsrock-Konzerte und Festivals. Mit dem Album sollte Geld für Wohllebens Verteidigung eingespielt werden. Die CD-Produktion verband Bands mit bedeutungsvollen Namen: "Preussenstolz", "Tätervolk", "Blitzkrieg", "Blutbanner", "Uwocaust und alte Freunde" sowie die "Lunikoff-Verschwörung". Letztere wird in der nationalen Szene als Kultband gehandelt. Die Gruppe entstand im Umfeld von Michael Regener, dem Ex-Sänger und Frontmann der ehemaligen Berliner Gruppe "Landser".

Diese war die erste Rechtsrockband, die man je in der Bundesrepublik als "kriminelle Vereinigung" verbot. Wie einer Art "musikalischem Marschbefehl" folgend, hatte sich in den 90er-Jahren eine Vielzahl rechtsextremer Gewalttäter unabhängig voneinander mit Landsers "Afrika-Lied" aufgeputscht, kurz bevor sie auszogen, um Ausländer tot zu schlagen oder tot zu treten. Landser selbst hatten sich in einem anderen Lied als "Terroristen mit E-Gitarren" bezeichnet. "Wir bringen mal wieder geistigen Sprengstoff zur Explosion, bis an die Zähne bewaffnet mit Schlagzeug und E-Gitarren. Wir sind die Bombe in diesem Käfig voller Narren." So heißt es im Titel "Rock gegen ZOG" auf dem verbotenen Album "Ran an den Feind". Dieses Album - die Nähe der Szene zum NSU ist allgegenwärtig -wurde einst vom Chemnitzer Extremisten Jan Botho W., ebenfalls mutmaßlicher NSU-Unterstützer und Waffenbeschaffer, produziert.

Das Kürzel ZOG im Titel des Landser-Liedes macht den größeren Rahmen deutlich. Es ist Jargon der ursprünglich aus Großbritannien stammenden Organisation "Blood and Honour". ZOG steht für "Zionist occupied government", zu deutsch "zionistisch besetzte Regierung". Als solche gelten der Szene, in Anlehnung an die nationalsozialistische Propaganda der "jüdischen Weltverschwörung", alle nicht nationalistischen Systeme weltweit.

"Blood and Honour" - in den 80er-Jahren von dem britischen Rechtsextremisten Ian Stuart Donaldson, Sänger der Rechtsrockband "Skrewdriver", gegründet - vernetzte zeitweise die rechtsextreme, rassistische und antikommunistische Musikszene europaweit. Der deutsche Ableger von "Blood and Honour" inklusive einzelner sogenannter Sektionen in den Bundesländern wurde im September 2000 verboten. Nahezu zeitgleich fielen in Nürnberg die Schüsse auf den Blumenhändler Enver Simsek. Die NSU-Mordserie hatte begonnen.

Die sächsische Sektion hatte sich kurz zuvor von "Blood and Honour" abgespalten und blieb so vom Verbot verschont. Die Liste der Namen aus dem "Blood and Honour"-Umfeld im Raum Chemnitz liest sich wie ein Wer-ist-Wer eben jener Unterstützer-Szene, die Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe 1998 beim Untertauchen half. Allen voran bereits genannter Jan Botho W., der Chef der sächsischen Sektion war.

Laut Bericht des sächsischen Verfassungsschutzes für 1998, das Jahr, in dem das NSU-Kerntrio abgetaucht war, galt Sachsens "Blood and Honour"-Sektion schon damals als die bestvernetzte in Deutschland. Sogar die britische Neonazi-Kult-Band "No Remorse" hatte die Sektion, beziehungsweise ihr örtlicher Vorläufer, für ein Konzert nach Chemnitz lotsen können. "No Remorse", zu deutsch "Keine Reue", hatten sich mit einem auf die Pogrome von Rostock-Lichtenhagen anspielenden Titel in sämtliche Neonazi-Herzen gespielt. Zwar nicht ganz faktensicher, dafür ideologietreu heißt es im Text des Liedes "Barbecue in Rostock" (Grillfeier in Rostock): "Wie magst Du Deine Türken? Magst du sie gut durchgebraten?"

Wie der britische Szene-Kenner Nick Lowles in seinem Buch "White Riot - die Geschichte von Combat 18" ausführt, hatte "No Remorse" damals gleich mehrere Vertreter der Organisation "Combat 18" im Schlepptau. Deren Name bedeutet im Szene-Jargon übersetzt "Kampfeinsatz Adolf Hitler". Die Gruppe ist eine Art Terror-Arm von "Blood and Honour" und propagiert den bewaffneten Kampf konspirativer Zellen gegen das System. Auf der britischen Webseite von "Blood and Honour" finden sich Handlungsanweisungen für potenzielle Terroristen, die sich wie eine Blaupause für die Anschläge des NSU lesen.

Nicht nur in Chemnitz und dem restlichen Sachsen wuchs die Zahl der Konzertveranstaltungen ab Mitte der 90er-Jahre unter "Blood and Honour"-Management an. Szene-Mitglieder reisten durch Europa. Für ein im ungarischen Budapest regelmäßig stattfindendes Festival organisierte der Thüringer "Blood and Honour"-Chef Marcel D., der später als V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes enttarnt wurde, sogar Sammelbusse. In diesen fanden sich wiederum viele NSU-Helfer beziehungsweise NSU-Kontaktleute gemeinsam auf der Ungarn-Tour wieder: etwa der NSU-Wohnungsgeber Max-Florian B., die Sprengstoff-Lieferanten Jörg W., Giso T. und Thomas S. sowie Gunnar F., ein mutmaßlicher Aliasgeber Böhnhardts.

Ein Jahr vor ihrem Chemnitzer Gastspiel waren "No Remorse" bereits auf dem Grundstück des niedersächsischen Rechtsextremisten Thorsten Heise in Northeim bei Göttingen aufgetreten. Heise war seinerzeit Landesvorsitzender der ebenfalls 1995 verbotenen "Freiheitlichen Arbeiter-Partei" (FAP) in Niedersachsen. 1999 zog er nach Fretterode im Dreiländer-Eck Niedersachsen/Hessen/Thüringen, wo er ein altes Herrenhaus erworben hatte. Dort gründete er den "Witwe-Bolte-Versand", der CDs rechtsextremer Bands aus dem "Blood and Honour"-Umfeld vertreibt. Auch als Veranstalter und Sponsor von Neonazi-Festivals trat Heise seither auf. Nach einer Annäherung an die NPD ist Heise seit 2017 deren Landesvorsitzender in Thüringen.

Im NSU-Komplex geriet auch Heise mehrfach in den Fokus der Ermittler. Kurz nach Abtauchen des Trios war bei ihm angefragt worden, ob er helfen könne, Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos ins Ausland zu bringen. Auch zählte Heise den geständigen NSU-Unterstützer Holger G. 1999 zu seinen Hochzeitsgästen. Zum dritten wurden bei ihm einst Tonbänder von einem Gespräch mit dem V-Mann Tino Brandt beschlagnahmt, in denen es um eine Geldsammlung der Szene fürs abgetauchte Trio ging.

Doch eignen sich rechtsextreme CDs wie auch Musikfestivals nicht nur zum Geld sammeln. Das erkannte ein anderer NSU-Unterstützer schon vor Jahrzehnten. "Die Musik ist heutzutage eines der wichtigsten Mittel, unsere Ziele und Ideen weiterzugeben ... Denn es ist zweifellos so, dass man über Musik in der Lage ist, den Jugendlichen Denkanstöße zu geben." So urteilte ein Sprecher der Vereinigung "Weiße Bruderschaft Erzgebirge" vor Jahren im Interview mit dem sächsischen Szene-Heftchen "Foier frei". Die "Weiße Bruderschaft Erzgebirge" hatte zwei Köpfe: die Johanngeorgenstädter Zwillingsbrüder Maik und André E.. Letzterer steht zusammen mit Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben, Holger G. und Carsten S., dem Überbringer der Mordwaffe, in München vor Gericht. Unter anderem soll er für einen der Sprengstoffanschläge des NSU in einem Lebensmittelladen in Köln ein Wohnmobil gemietet haben. E. und seine Frau Susann gehörten zu den engsten Vertrauten des Trios.

Mag es Geld, mag es Anwerbe-Potenzial, mag es jenes die Szene zusammenschweißende Erlebnis sein, dass der klandestin arbeitende Journalist Thomas Kuban gegenüber "Freie Presse" einmal treffend als "Abhitlern" bezeichnete - Fakt ist: Die nächste Großveranstaltung der Szene steht vor der Tür. Wohl nicht zufällig zum Führer-Geburtstag am 20. April ist im ostsächsischen Ostritz an der polnischen Grenze das Festival "Schild und Schwert" anberaumt, das zwei Tage dauern soll. Anmelder: der bereits genannte Thorsten Heise. Musikalische "Hauptattraktion": der ebenfalls erwähnte Michael Regener mit seiner "Lunikoff-Verschwörung". Einige weitere, zum Teil aus dem Ausland anreisende Neonazi-Bands sind im Gefolge. Rund 1000 Teilnehmer werden erwartet - allerdings auch etwa ebensoviele Gegendemonstranten.

Ein zweitägiges Festival sei in Deutschland ein Novum, sagt Rechtsrock-Experte Jan Raabe. Der Sozialpädagoge und Fachbuch-Autor sieht in dem Programm ein Experiment, Bands, politische Redebeiträge und eine rechtsextreme Kampfsportschau zu verbinden. Der sächsische Verfassungsschutz rechnet mit einer Stärkung der Aktions- und Gewaltbereitschaft der Szene.

Dennoch - Michael Schlitt vom Internationalen Begegnungszentrum (IBZ) in Ostritz will sich nicht einschüchtern lassen, sondern sich wehren. Er hat eine der insgesamt fünf Gegenveranstaltungen angemeldet, das Friedensfest, das am Freitagabend vom sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer eröffnet wird. "Aus der Mitte der Gesellschaft setzen wir ein Zeichen: Neonazis und Rassisten sind hier nicht willkommen." Andere Einwohner der 2400-Seelen-Gemeinde befürchten Sachbeschädigungen und Gewalt. Einige wollen deshalb am Wochenende die Stadt verlassen, weiß Mirko Schultze vom Görlitzer Ortsverband der Linken. Er ist Anmelder der weiteren Gegenveranstaltung "Rechts rockt nicht".

Ob Rechts rockt oder nicht am Hitler-Geburtstag - fest steht: Zwei bedeutende Neonazis aus dem Unterstützer-Umfeld des NSU rocken vorerst nicht mit. Zwar haben sowohl Ralf Wohlleben als auch André E. im Münchner NSU-Prozess inzwischen mehr als die üblichen zwei Pflichtverteidiger. Trotzdem gibt es bislang keine Anzeichen dafür, dass das Gericht die von der Bundesanwaltschaft geforderten Strafmaße für die beiden als überzogen einstufen wird. Für beide, Wohlleben und André E., hatte Bundesanwalt Herbert Diemer zwölf Jahre Haft gefordert. Sollte das Gericht dem folgen, hätte Wohlleben bei möglichem Erlass eines Drittels der Strafe wegen guter Führung zwar nur noch rund anderthalb Jahre abzusitzen. Immerhin ging er 2011 kurz nach Beate Zschäpe in U-Haft. Für André E. wird seine Abstinenz vom "Abhitlern" im Fall einer Verurteilung aber noch länger andauern.

Seine gegebenenfalls zwölf Jahre hätte er noch vor sich. Erst zum Ende des Plädoyers der Bundesanwaltschaft wurde er in Haft genommen - wegen Fluchtgefahr. Es war der Tag, an dem ihm sein fast fünf Jahre währendes gut gelauntes Grinsen im Prozess verging.

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