Aleppo in Dresden - Streit um das Gedenken zum 13. Februar

Bevor eine Menschenkette am Montag ein Signal zur Versöhnung setzen soll, könnten Demonstranten schon am Freitag ganz andere Botschaften aussenden.

Dresden.

Ein "Zeichen für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit" hatte Sachsens Landeshauptstadt damit setzen wollen. Drei ausrangierte Linienbusse ragen seit Wochenanfang in die Höhe und verstellen den Blick auf die Frauenkirche. Bis zum 3. April, das sind noch mehr als 50 Tage.

Von einem "besonders starken Symbol" hatte Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) vorab geschwärmt. Der 32-jährige Künstler Manaf Halbouni lebt seit neun Jahren in Dresden, sein Vater ist Syrer, die Mutter Deutsche. Bei seinem "Monument" ließ er sich inspirieren von Fotos einer Bus-Barrikade im syrischen Aleppo, die 2015 um die Welt gingen. Mit seiner Installation vor der im Zweiten Weltkrieg zerstörten und erst ein halbes Jahrhundert später wieder aufgebauten Frauenkirche will er eine Verbindung zwischen dem Nahen Osten und Europa herstellen, zwischen Geschichte und Gegenwart, Zerstörung und Frieden.

Dass das nicht allen Dresdnern gefallen wird, dürften Hilbert und Halbouni genauso gewusst haben wie viele Helfer hinter dem Projekt. Manche Landeshauptstädter haben nicht nur Probleme mit der prominenten Ortswahl, sondern auch mit dem Datum. Das "Monument" gehört zum Begleitprogramm des traditionellen Gedenkens am 13. Februar. Vor 72 Jahren hatten Luftangriffe der Alliierten in Dresden bis zu 25.000 Opfer gekostet, wie eine 2004 eigens eingesetzte Historikerkommission nach jahrelangen Untersuchungen ermittelt hatte.

Und trotzdem hält sich unter Dresdnern bis heute hartnäckig der Irrglaube, dass die Zahl der Toten ein Vielfaches höher gewesen sein müsse und die Historiker nur ein Gefälligkeitsgutachten abgeliefert hätten. Ablesen lässt sich diese Haltung auch jetzt wieder am Wortlaut mancher Kommentare auf Facebook oder in anderen Foren, wo zu Halbounis "Monument" allerhand Verschwörungstheorien zirkulieren.

Diese reichen bis zur Frage, ob es sich nicht in Wahrheit um eine verkappte "Solidaritätsaktion" für eine dschihadistische Terrormiliz handele, auf die die Stadt Dresden hereingefallen sei. Anlass ist eine Aufnahme der Barrikade vom März 2015, auf der über den Bussen eine Fahne der Rebellengruppe Ahrar ash-Sham (deutsch: "Die Freien von Syrien") weht, die also zumindest zeitweise an der Straßensperre in Aleppo das Sagen gehabt hatte.

Halbouni zeigt sich von der Fahne überrascht und versichert, dass ihm bis jetzt nur andere Aufnahmen der Barrikade ohne Fahne bekannt gewesen seien und er mit keiner Kriegspartei in Syrien sympathisiere: "Es geht bei diesem Mahnmal um die zivile Bevölkerung." Aber die im Umfeld von AfD und Pegida versammelten Gegnern des "Monuments" fühlen sich längst durch einen anderen Fund auf der Homepage Halbounis bestätigt: 2015 hatte er unter dem Titel "What if" (Was wäre, wenn?) "Kampfkarten" einer fiktiven Welt entworfen, in der Europa von arabischen Ländern kolonialisiert und unter zwei Mächten aufgeteilt wurde. Ein Kunstprojekt natürlich, aber die Dresdner AfD wirft ihm trotzdem ernsthaft "Islamisierungs-Fantasien" vor.

Auch von Pegida wird die Verknüpfung des Schicksals Aleppos mit dem einstigen Leid von Dresden kategorisch abgelehnt. Nicht ausgeschlossen, dass es auch am Freitag Proteste gibt. Wie am Dienstag vor der Frauenkirche könnte es nun vor der Semperoper zu Unmutsbekundungen kommen. Dort wird am Nachmittag das Kunstprojekt "Lampedusa 361" eröffnet. Mehr als 90 wetterfeste Fotomatten zeigen bis zum 14. Februar Grabstellen von Flüchtlingen, die Italien nach der gefährlichen Überfahrt übers Meer nicht mehr lebend erreichten.

Wie die Bus-Barrikade muss auch dieses Gemeinschaftsprojekt einer Bürgerinitiative mit der Landeshauptstadt rund um die Uhr überwacht werden. Der Dresdner Polizei dürfte auch so ein eher unruhiges Wochenende bevorstehen. Das Bündnis Dresden Nazifrei rechnet mit zwei Neonazi-Aufmärschen. Für die von einem Rechtsradikalen aus Bayern angemeldete Demonstration wird weniger Resonanz erwartet als für einen Auflauf der lokalen Szene. Diese war schon im Vorjahr vom 13. Februar auf den Vorabend ausgewichen, 600 Teilnehmer zogen damals durch einen Dresdner Außenbezirk.

Für Montag hat Dresden Nazifrei erneut einen "Mahngang Täterspuren" angemeldet, bevor die Landeshauptstadt ab 17.15 Uhr zur Menschenkette lädt. Diese soll an die Opfer der Luftangriffe, aber auch an Konflikte wie in der Ukraine oder eben den Krieg in Syrien erinnern, heißt es im Aufruf. Es gehe darum, "Hand in Hand" einen "Beitrag zur Versöhnung" zu leisten. (mit dpa)

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