Bunte Falter - bedrohte Vielfalt

In Sachsen hat man ein Schmetterlings-Projekt gestartet, das auch die Umweltbildung der Bürger im Blick hat. Ziel: Bunte Artenvielfalt schätzen zu lernen. Der Einfluss des Menschen hat das Artensterben binnen 150 Jahren um das bis zu Tausendfache beschleunigt.

Burgstädt.

Aus den Baumwipfeln schmettert ein Buchfink sein Lied. Von der Menschentraube, die auf die Wiese der Naturschutzstation des Burgstädter Ortsteils Herrenhaide drängt, zeigt er sich unbeeindruckt. Während Sachsens Umweltminister Thomas Schmidt (CDU), zuvorderst im Tross, am Wiesenrand ein Schild festschraubt, das das Areal als Modellfläche des Schmetterlings-Projekts "Puppenstuben gesucht" ausweist, beugt sich Wolfgang Heinig zu einer rosa Blüte hinab.

"Kuckuckslichtnelke", sagt der Rentner. Eine jener Pflanzen mit so tiefem Blütenkelch, dass sie fast nur von Schmetterlingen mit ihren langen Rüsseln bestäubt werden können. Daneben zeigt Heinig auf krautiges Blattwerk: "Teufelsabbiss." Noch eine Schmetterlingspflanze, in dem Fall eine, die den Raupen des in Sachsen vom Ausssterben bedrohten Abbiss-Scheckenfalters als Futter dient. Von einst 114 in Sachsen beheimateten Schmetterlingsarten sind 16 bereits ausgestorben oder verschollen, 20 weitere vom Aussterben bedroht. Zusammen mit den laut Roter Liste als "gefährdet" und "stark gefährdet" geführten machen sie 58 Prozent aller Falter-Arten aus. Für mehr als die Hälfte von Sachsens Schmetterlings-Arten also ist die Situation bedrohlich oder schon gekippt.

Für den blauschillernden Feuerfalter, die Berghexe und den Alexis-Bläuling scheint jede Hilfe zu spät. Die Feuerfalter-Art wurde letztmals 1938 nachgewiesen und gilt als in Sachsen ausgestorben. Die beiden anderen Arten sind verschollen. Vom Blaukernauge gab es 1973 die letzte Meldung. Seither wurde seine letzter Lebensraum-Insel in Parthenstein im Kreis Leipzig durch Gesteinsabbau derart verändert, dass auch er wohl ausgestorben ist.

Veränderung von Landschaften macht weltweit den größten aller Faktoren aus, mit denen der Mensch in den letzten 150 Jahren das normale Arten-Sterben bei Tieren und Pflanzen um das Tausendfache beschleunigt hat, sagt Volker Mosbrugger, Generaldirektor der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung. Diese ist einer der Partner des Schmetterlings-Projekts. "Dabei sind wir gar nicht gut beraten, Wirtschaft und Naturschutz als Antagonisten zu sehen", sagt Mosbrugger. Zumal man von den vielen Wechselwirkungen in der Natur noch so wenig wisse. Was man weiß, ist, wie wichtig Bestäubung von Pflanzen durch Bienen und andere Insekten ist. Der Geldwert dieser Leistung wird europaweit auf 14,2 Milliarden Euro beziffert. Zur Gesamtheit aller Leistungen des Ökosystems für die Weltwirtschaft gibt es eher vage Bewertungen. Doch auch die machen schon klar, wie wichtig die Ökologie für die Ökonomie ist. Das Team des weltweiten Vordenkers der "Öko-Ökonomen", Robert Constanza, bezifferte die Gesamtheit aller "Öko-Dienstleistungen der Welt für die Weltwirtschaft" 2014 auf zwischen 125 und 145 Billionen Dollar (englisch: trillions). Das ist das fast Doppelte des Brutto-Welt-Produkts aller Länder aus dem Jahr 2013.

Matthias Nuß, Insektenexperte des Dresdener Senckenberg-Museums, winkt ab. Für Schmetterlinge griffen solche Berechnungen eher nicht, da wirtschaftliche Nutzpflanzen eher von Bienen und anderen Insekten bestäubt würden. Deshalb arbeitet er auf andere Art für eine Schmetterlings-Lobby. Nuß leistete den Großteil der Vorarbeit des aktuellen Projekts. Er erstellte eine 40-seitige Broschüre, die erklärt, worum es geht. Die 30 Modellwiesen, die - von regionalen Organisationen gepflegt (in Herrenhaide vom Nabu) - , Schmetterlingsarten Lebensraum bieten, sollen nur Multiplikatoren sein. "Puppenstuben", also Flächen, deren Pflanzen Schmetterlingsraupen Nahrung und Raum für eine Verpuppung bieten, sucht man in ganz Sachsen. "Es geht darum, Schmetterlinge auch in Städte und andere Orte zu holen", sagt Nuß. Voraussetzung ist, dass Grünflächen nicht im Zwei-Wochen-Takt "kurz geschoren" werden. Auch darf man immer nur einen Teil der Flächen mähen, damit auf dem Rest die Schmetterlingspopulation überleben kann: in Form jener unter Blättern oder an Halmen klebender Puppen, die Zeit brauchen, sich zur nächsten Falter-Generation zu entwickeln. Einen Vorteil für Großvermieter sieht Nuß darin, dass Grünflächenpflege günstiger, weil seltener wird. "Doch erfordert das ein Umdenken", sagt er. Auch er kennt Bürgerbeschwerden, wie es sie in Chemnitz hagelt, wenn man auf öffentlichen Flächen die Pflanzenwelt zu hoch wuchern lässt.

Dass Lebensräume für Schmetterlinge über Jahrzehnte so geschrumpft sind, liegt zum Großteil an intensivierter Landwirtschaft. Feldraine und Randflächen sind in Zeiten immer größerer Einheiten kaum noch vorhanden. Dennoch richtet sich das Projekt nicht an die Landwirtschaft. "Obwohl wir uns freuen, wenn auch Bauern Teilflächen stehen lassen", sagt Nuß.

Wen die Aktion "Puppenstuben gesucht" vielmehr im Blick hat, ist der Durchschnittsbürger - aus schlichtem Grund. Nuß will mehr Bewusstsein für den Reichtum der Umwelt schaffen, mehr Wissen und Neugier für die Besonderheiten der Arten, die uns umgeben. "Der Fokus liegt stark auf Umweltbildung. Deshalb haben wir für unser Projekt auch acht noch nicht gefährdete oder bedrohte Arten ausgesucht, die ja nur noch in Schutzgebieten vorkommen. Die kann man schlecht in Städte holen", sagt er. Die acht Tagfalter-Arten, für die man "Puppenstuben" sucht, sind dagegen noch so verbreitet, dass jeder die Chance hat, sie in der Natur anzutreffen und mit etwas Anleitung zu erkennen. Die Logik: Was man kennt, schätzt man und was man schätzt, schützt man!

Kindern und jung gebliebenen Forscher-Naturen gibt Nuß' Broschüre sogar eine Anleitung zum Bau einer Behausung für Schmetterlingspuppen, mit denen man Entwicklung und Schlüpfen der Falter genau beobachten kann. Sein Fazit: "Wenn wir es schaffen, dass Menschen, wenn sie morgens aus dem Haus gehen, innehalten und sich darüber freuen, dass da was flattert, dann haben wir schon viel erreicht."

www.freiepresse.de/schmetterlinge

Viel Schatten und wenig Licht beim Artenschutz

Jede dritte untersuchte Art in Deutschland ist nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz (BfN) gefährdet. Das geht aus dem nun vorgestellten ersten umfassenden Artenschutz-Report hervor. Ob Rebhuhn oder Wildbienen: "Der Zustand der Artenvielfalt in Deutschland ist alarmierend", sagte BfN-Präsidentin Beate Jessel. Das nationale Ziel, den Verlust der biologischen Vielfalt in Deutschland aufzuhalten, werde bislang verfehlt, betonte die Professorin. Eine wichtige Ursache hierfür sei die intensive Landwirtschaft. Jessel forderte eindringlich, die Anstrengungen für den Naturschutz zu verstärken.

Besonders dramatisch ist dem Bericht zufolge die Situation bei den wirbellosen Tieren, zu denen Insekten gehören: Knapp 46 Prozent der untersuchten Arten und Unterarten sind bedroht, extrem selten oder ausgestorben. Mit Sorge beobachten Experten dabei auch die negative Entwicklung aller 600 Wildbienenarten.
28 Prozent der Wirbeltierarten - Süßwasserfische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere - seien in ihrem Bestand gefährdet. Die Situation bei den Brutvögeln hat sich laut Bericht spürbar verschlechtert. "Allerweltsarten" unter den Agrarvögeln wie Kiebitz und Feldlerche gehe es kontinuierlich schlechter.

Es gibt aber auch Erfolge durch gezielte Maßnahmen: Der Wolf ist zurück, der Biber hat sich erholt, der Schwarzstorch und der Seeadler. Die einst fast verschwundene Kegelrobbe ist in die Nordsee zurückgekehrt und jetzt auch in der Ostsee gesichtet worden. Laut Artenschutz-Report kommen in Deutschland insgesamt rund 72 000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten vor. (dpa)

 Vom Wert der Arten in Euro und Cent

Einst angefeindeter Autor jetzt Vordenker der Umweltbewegung - Frederic Vester lieferte harte Wirtschaftsfakten

"Der Wert eines Vogels" hieß ein Buch, das in den frühen 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts erschien und Umweltschützer wie Wirtschaftler gleichermaßen auf die Palme brachte. Autor Frederic Vester, Biochemiker und Systemtheoretiker, stellte am Beispiel eines Blaukehlchens eine nüchterne Berechnung an: Der veranschlagte Materialwert für Federn, Knochen und Fleisch bewegte sich im Pfennigbereich, etwas mehr setzte Vester für die therapeutische, weil beruhigende Wirkung an, die der seltene Vogel mit seinem Gesang bot. Auf einen Gesamtwert von über 300 Mark pro Blaukehlchen kam Vester, weil er dessen Nutzen als Schädlingsvertilger und Verteiler von Pflanzensamen berechnete.

Naturfreunde liefen Sturm, weil es frevelhaft schien, ein lebendes Wesen in Heller und Pfennig aufzurechnen, Ökonomen war das Ganze suspekt, weil Natur für sie in Wirtschaftsbilanzen keinen Platz hatte. Heute gilt Frederic Vester als Vordenker der Umweltbewegung und des sogenannten vernetzten Denkens. Seine Berechnungen werden in diffizilerer Form inzwischen sogar im Auftrag von Regierungen angestellt, etwa für die UN-Konvention über biologische Vielfalt.

"Natur ist Wirtschaft", kontert Ökonom Robert Constanza die Meinung der Vorväter seiner Disziplin. Der US-Professor ist Mitbegründer der Internationalen Gesellschaft für ökologische Ökonomie. Nach deren Beispiel berechnen mittlerweile Forscher in vielen Ländern Leistungen einzelner Arten als Wirtschaftsfaktoren. Honigbienen etwa erbringen für die Obst- und Gemüseproduktion allein in den USA eine Leistung von umgerecht 2,5 Milliarden Euro. Denn neben der Honigproduktion ist die Biene die wichtigste Bestäuberin der meisten Pflanzenarten. Ohne Biene keine Ernte!

Die tödliche Wirkung, die genmanipulierter Mais für bestimmte Insekten, möglicherweise auf für Bienen hat, war ein Grund dafür, dass die Genmais-Sorte Mon 810, die seit 2005 auch in Deutschland erlaubt war, inzwischen wieder verboten ist.

Regenwürmer kleiden ihre Röhren im Erdreich mit Schleim und Exkrementen aus und liefern Pflanzen so Dünger. Die Gänge sorgen auch dafür, dass aerobe Bakterien genug Sauerstoff bekommen und abgestorbene Pflanzenteile schneller zersetzen. Außerdem fördern Regenwürmer Erde aus tieferen Schichten in ihrem Darm an die Oberfläche und lockern so den Boden auf. Öko-Ökonomen gehen davon aus, dass bei einer Fläche von einer Milliarde Hektar, die weltweit landwirtschaftlich genutzt wird, trotz unterschiedlichster Bodentypen Regenwürmer im Schnitt pro Hektar für je 2,50 Euro Humus bilden.

Selbst berechnen können Gärtner den geldwerten Nutzen, den ihnen eine tolerierte Erdkröte bringt. Sie frisst mit Vorliebe Schnecken. Mit ihrer Hilfe lässt sich jährlich kastenweise Bier sparen. In offen ins Beet gestellten Gläsern ist das sonst eine der effektivsten Schneckenfallen.

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1Kommentare
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  • 0
    0
    aussaugerges
    21.05.2015

    Sehr schön FP.
    Sowas müßte öfter kommen.
    Mal sehen warum in den USA 60% aller Bienen tot waren.
    Neogltizerine oder wie das Gift heißt.



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