Claudia Crawfords langer Atem

Einst wurde sie als junge Ministerin unter ihrem damaligen Namen Claudia Nolte bekannt, jetzt sorgt sie sich für die Konrad-Adenauer-Stiftung um die deutsch-russischen Beziehungen. Den Kurs der EU in der Ukraine-Krise hält sie für richtig.

Chemnitz.

Seit Sommer vergangenen Jahres ist Claudia Crawford nach Stationen in Belgrad und London Leiterin des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Moskau. Eine nicht ganz einfache Aufgabe inmitten der Ukraine-Krise, wie sie gern zugibt. Vergangene Woche war sie zu Gast in Chemnitz, um im "Tietz" über Russlands Präsidenten Wladimir Putin und die Ukraine zu sprechen. "Es ist eine äußerst komplizierte Situation. Die Strategie, die die Europäische Union bislang fährt, ist der einzig richtige Weg. Wir müssen deutlich machen, dass wir die europäische Friedensordnung nicht infrage stellen dürfen. Gewaltsame Grenzverschiebungen können kein Mittel der Politik sein."

Die Sätze könnten auch vom Regierungssprecher stammen. Claudia Crawford kennt sich aus in dem Metier. Immerhin war sie in den 1990er-Jahren unter dem Namen Claudia Nolte vier Jahre lang Familienministerin im letzten Kabinett von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU). Allerdings möchte sie auf diese Episode als junge Politikerin nicht mehr angesprochen werden, sagt sie heute. Vielleicht rührt aus dieser Zeit aber noch ihre Abneigung gegen Etiketten. "Die Analogien zu der Zeit des Kalten Krieges vor 1989/90 halte ich nicht für zielführend. Aber die aktuelle Situation bereitet mir große Sorgen. Es ist müßig, immer wieder Begriffe dafür zu finden. Wir brauchen Lösungen."

Auch mit dem meist abwertenden Wort "Putinversteher" kann sie nichts anfangen. "Verstehen ist ein positiver Begriff. Es ist wichtig, Menschen zu verstehen. In der deutschen Sprache kann es aber auch Verständnis und Akzeptanz meinen. Dann wird es im Zusammenhang mit Putin problematisch." Ja, es sei wichtig, dass man die Geschichte Russlands kenne und die Argumente Moskaus. "Doch das heißt deswegen nicht, dass man das richtig findet. Das Bemühen des Westens, den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen, ist andererseits noch lange keine Appeasementpolitik." Claudia Crawford hält den gegenwärtigen, zweigleisigen Kurs für erfolgversprechend: "Die Sanktionen sind ein starkes Signal, um Russland deutlich zu machen, dass wir das nicht akzeptieren und eine Politik der Deeskalation erwarten. Das heißt aber nicht, dass man den Dialog nicht suchen soll."

Sanktionen "eine Überraschung"

Sie verweist auf die Minsker Vereinbarungen, die die Basis für die Suche nach einer friedlichen Lösung sein müssten. In der weißrussischen Hauptstadt hatten sich die ukrainische Regierung und Rebellen auf einen Waffenstillstand geeinigt, der jedoch in den vergangenen Wochen immer wieder gebrochen wurde.

Ob die Sanktionen Putin tatsächlich zur Einsicht bringen, wird von vielen Beobachtern bezweifelt. Claudia Crawford ist sich da nicht so sicher: "Die Sanktionen waren für Moskau eine Überraschung. Der Kreml hatte gehofft, dass sie nicht verhängt werden."

Wenn sie in Moskau ist, dann sagen ihr die Menschen auf der Straße ziemlich genau das, was die russischen Umfragen melden: "Die Russen finden das mit der Krim gut. Viele verweisen auf das Jahr 1954, als der damalige Kremlchef Nikita Chruschtschow die Krim einfach den Ukrainern geschenkt hatte. Damals habe keiner die dort heimische Bevölkerung gefragt - diesmal schon, sagen die Moskauer."

Putin bekommt für seine Politik Zustimmung. "Die Stimmung in Sachen Europa verändert sich. Im Januar hatten sich noch 51 Prozent der Russen positiv über die EU geäußert, im September sackte dieser Wert auf 19 Prozent ab. Es gibt eine starke Kampagne in den Medien, die sich gegen den Westen richtet. Das hinterlässt Spuren." Aber sie glaubt nicht, dass sich diese Ressentiments so verfestigt haben, dass sie nicht auch wieder ins Positive gewendet werden können. Wie lange das dauert? Es wird ein langwieriger Prozess, befürchtet sie.

Werben für Reformen

Das deutsch-russische Forum und den "Petersburger Dialog schätzt sie als wichtige Ansätze für einen zivilgesellschaftlichen Dialog. An den vielen Wirtschaftsvertretern im Forum nimmt sie keinen Anstoß. "Die Wirtschaft ist doch auch ein Teil unserer Gesellschaft, und ich glaube nicht, dass sie für ihr Verhältnis mit Russland das Forum braucht." Die deutsche Seite muss sich bemühen, dass sich die Vielfalt des zivilgesellschaftlichen Engagements darin widerspiegele. "Es wäre deshalb gut, das jetzige Format auf den Prüfstand zu stellen." Und auf russischer Seite; angesichts der vielen putintreuen Vertreter in Forum und "Petersburger Dialog"? "Wir werben dafür, dass das auf der russischen Seite auch so ist", gibt sie sich diplomatisch.

Wie auch die Konrad-Adenauer-Stiftung sorgen die beiden Organisationen für Begegnungen: Russi- sche Nichtregierungsorganisationen werden unterstützt, junge Leute gefördert. Es ist eine breite Plattform des Dialogs. "Die Konrad-Adenauer-Stiftung organisiert zum Beispiel Konferenzen mit den regionalen Menschenrechtsbeauftragten in Russland, die als Schnittstelle zwischen Zivilgesellschaft und regionalen Regierungen wirken." Eine Arbeit im Kleinen, fernab der Scheinwerfer. Wie für die große politische Lösung im Ukraine-Konflikt brauchen Menschen wie Claudia Crawford auch dafür viel Geduld und einen langen Atem.

Zur Person:  Claudia Crawford

Unter ihrem Namen aus erster Ehe wurde sie 1994 bekannt, als sie der damalige Kanzler Helmut Kohl als Familienministerin in sein Kabinett holte. Damals war Claudia Nolte 28 Jahre alt. Bis heute ist sie damit die jüngste jemals berufene bundesdeutsche Ministerin. Nach Kohls Niederlage 1998 verlor sie ihr Ministeramt, blieb aber bis 2005 Bundestagsabgeordnete.

Als Claudia Wiesemüller wurde sie 1966 in Rostock geboren, später studierte sie Kybernetik in Ilmenau. Ihre politische Karriere begann sie bei der CDU in Ilmenau. Später war sie Abgeordnete in der letzten DDR-Volkskammer. Nach ihrer Scheidung heiratete sie einen US-Journalisten. (slo)

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2Kommentare
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  • 0
    0
    aussaugerges
    01.12.2014

    Als CDU Frau hat sie sich ja erstaunlich geöffnet.
    Gar keine Hetze und Entstellungen.

  • 0
    1
    Pixelghost
    01.12.2014

    Sie hat schon mal meine Sympathie, weil sie sich nicht von diesem dämlichen Doppelnamen-Mainstream hat beeinflussen lassen.



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