Das andere Dresden

Rund 35.000 Menschen demonstrierten am Samstag vor der Frauenkirche für Weltoffenheit. Das waren fast doppelt so viele wie zuletzt bei Pegida.

Dresden.

Es ist Erstaunliches passiert in Dresden: Roland Kaiser hat ein paar Fans verloren. In der Stadt wird der Schlagerbarde seit Jahren so gefeiert wie nirgendwo anders. Schon zwei seiner in diesem Sommer sogar vier Konzerte beim traditionellen "Kaisermania Open Air" am Elbufer sind ausverkauft. Doch nun wollen tatsächlich manche Anhänger ihre Karten zurückgeben. "Alle CD's werden verschrottet", kündigt Marlies B. auf Facebook an - und das nur, weil Kaiser sich bereit erklärt hatte, am Samstag vor der Frauenkirche aufzutreten.

"Für Dresden, für Sachsen - für Weltoffenheit, Mitmenschlichkeit und Dialog im Miteinander" hieß das Motto der Kundgebung, zu der Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Oberbürgermeisterin Helma Orosz recht kurzfristig aufgerufen hatten. Beide CDU-Politiker wollten sie nicht als Gegenveranstaltung zu den Pegida-Demonstrationen verstanden wissen. Und tatsächlich legte wohl auch ein Teil der 35.000 Teilnehmer Wert darauf, "für etwas" hergekommen zu sein statt "gegen Pegida", wie ein 42-jähriger Familienvater hervorhob.

Einem anderen Teil wiederum kam es offensichtlich genau darauf an, Pegida offensiv etwas entgegenzusetzen. Vorwiegend Jüngere tauchten in signalfarbenen Warnwesten auf - die sich seit einer ersten von Dresdner Musikern initiierten "Neujahrsputz"-Aktion von Pegida-Gegnern vor einer Woche zu einem neuen Statussymbol in der Landeshauptstadt zu entwickeln scheinen.

"Schön, dass ihr auch schon da seid", stand auf einem großen Plakat, das auch auf der Bühne keiner übersehen konnte - in Anspielung darauf, dass die Gegendemonstranten in Dresden den Pegida-Teilnehmern in den vergangenen Wochen zahlenmäßig immer hoffnungslos unterlegen waren. Grünen-Politiker posierten mit dem Spruch "Pegida-Versteher nein danke!" Auch die Dresdner Reggae-Band Yellow Umbrella, deren Musiker sich allesamt in Warnwesten gezwängt hatten, ließen in ihrem neuen Lied "No Pegida" keine Fragen offen: "Wir sollen unterscheiden zwischen Bürger und Rassist?/Dann unterscheidet bitte zwischen Moslem und Islamist/Euer ganzer Hass vergiftet unser Klima/Wir sagen Nein - No Pegida!"

Da wippte SPD-Chef Martin Dulig auf der Bühne genauso mit wie Orosz, die sogar den Refrain "No Pegida" mitsang. Tillich, der neben DGB-Chefin Iris Kloppich stand, klatschte nach Liedschluss immerhin kurz Beifall. Er trat als neunter Redner auf und sprach von der Botschaft der 35.000, "freiheitsliebend und demokratisch, weltoffen und tolerant, mitmenschlich und solidarisch" zu sein. Rassismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit hätten "bei uns hier in Dresden, in Sachsen keinen Platz".

Das Wort Pegida nahm Tillich nicht in den Mund - auch nicht, als er von seinem Wunsch sprach, einen "intensiven Dialog" zu führen. Er kenne "Menschen in diesem Land, die Sorge vor Überfremdung haben". Aber Tillich betonte auch, dass es Grenzen des politischen Anstands gebe. "Wer gegen alles Fremde polemisiert und gegen Ausländer, Flüchtlinge und Asylsuchende Ängste schürt, mit dem lässt sich nicht sachlich reden." Orosz hatte zuvor ganz ähnliche Worte gefunden: "Wir lassen uns durch Hass nicht spalten."

Pegida schrieb später auf Facebook von einem "staatlich subventionierten Samstags-Gratis-Konzert-Happening mit Promigästen unter falscher Flagge", das man nicht mit dem "friedlichen Montag-Abendspaziergang" vergleichen könne. Der hatte bislang noch jedes Mal mehr Menschen als zuvor angezogen, vor einer Woche waren es 18.000. Heute soll es den nächsten geben - "mit Trauerflor für die Terroropfer für Paris". Dies haben sich freilich Karikaturisten aus Frankreich verbeten. Pegida stehe für all das, was die getöteten Kollegen vom Satireblatt "Charlie Hebdo" in ihrem Werk und Leben bekämpft hätten, heißt es in einem Aufruf.

Erneut werden heute auch Pegida-Gegner auf die Straße gehen, ruft doch das Bündnis "Dresden für alle" zum zweiten "Neujahrsputz" auf. Vor einer Woche machten etwa 4000 mit, viele davon auch mit Warnwesten und Besen, um den Platz der Pegida-Kundgebung von "Ressentiments" zu befreien. Die Band Yellow Umbrella wird anders als bei der Premiere diesmal zwar nicht dabei sein, warb aber noch auf der Bühne für die Aktion.

Gestern forderte zudem Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) die Dresdner zur Teilnahme an der Besenaktion auf. Köpping wird auch bei den Gesprächsforen der Regierung dabei sein, die nächste Woche beginnen und sich ausdrücklich an Pegida-Demonstranten richten. "Schwelende Unstimmigkeiten aufgrund sozialer Ungerechtigkeit und Unzufriedenheit müssen besprochen werden", findet auch Roland Kaiser. Der hat vor der Frauenkirche nicht gesungen, sondern nur kurz als "Freund ihrer Stadt" zu den Dresdnern gesprochen. Seine Botschaft an Pegida: "Die Zeiten der Sündenböcke sollten der Vergangenheit angehören."

Spiegel: Ausländerfeindliche Äußerungen von Pegida-Organisatoren

Zwei der zehn Mitgründer des am 14. November gegründeten Vereins Pegida sind laut "Spiegel" durch ausländerfeindliche Kommentare auf Facebook aufgefallen. Einer der beiden - ein früheres FDP-Mitglied, das dem Bericht zufolge jetzt der AfD angehört - habe Muslime als "mohammedanische Kamelwämser" oder "Schluchtenscheißer" beschimpft. Über die Kurden, die sich dem Terror des "Islamischen Staates" widersetzen, soll er geschrieben haben: "Sie sind genauso eine große Gefahr für das zivilisierte Europa/Deutschland wie alle anderen Strömungen innerhalb der Mohammedaner."

Von der AfD lag bis gestern Abend keine Bestätigung für den Parteieintritt des 39-Jährigen vor, der laut "Spiegel" auch bei der Demonstration "Hooligans gegen Salafisten" in Köln dabei war. Die AfD-Landtagsfraktion hatte sich vergangenen Mittwoch mit sieben Pegida-Vertretern getroffen.
Im zweiten Fall handelt es sich um einen früheren Meißener CDU-Stadtrat. Das 46-jährige Pegida-Gründungsmitglied soll laut "Spiegel" 2013 über Asylbewerber geschrieben haben: "Was wollen wir mit dem zu 90 Prozent ungebildeten Pack was hier nur Hartz 4 kassiert und unseren Sozialstaat ausblutet." Nach einer Messerstecherei mutmaßte er, dies sei "bestimmt wieder ein in seiner Entwicklung gestörter oder halbverhungerter Ramadan Türke." (tz)

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2Kommentare
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  • 3
    2
    berndischulzi
    12.01.2015

    Es wurden auch verschiedene Institutionen angeschrieben, mit der Forderung, an dieser Demo teil zu nehmen.

  • 4
    2
    gelöschter Nutzer
    12.01.2015

    Nach dem ich gestern verschiedene Posts auf sozialen Netzwerken verfolgt und eine Aufzeichnung gesehen ahbe habe, sehe ich die Veranstaltung in Dresden doch etwas distanziert !Wenn es stimmt was User berichten, dann erinneret das wohl eher an eine mit entsprechendem Druck verordnete Veranstaltung wie zu DDR Zeiten. Bereits bei der ersten Veranstaltung gegen PEGIDA wurde ja der Verdacht laut, das die sächsische Staastkanzlei "Demonstarnten" mit 10,oo € / Stunde gesponsert hat !
    Auf der Veranstaltung waren wieder nur die üblichen Parolen zu hören, aber keine wirklich akzeptablen Vorschläge.
    Dabei wäre es gerade jetzt sehr wichtig, zu zeigen wo wir stehen und eine klar differenzierte Position zu beziehen statt nur zu pauschalieren.
    Wenn wir es nicht lernen, einen gemeinsamen Dialog zu finden und uns satt dessen auf gegenseitige Schulzuweisungen und Parolen auf solchen Verabstaltungen beschränken werden alle Seiten unglaubwürdig und eine Eskalation steht zu befürchten!



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