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Foto: Franziska Kraufmann/dpa

Das neue Schuljahr in Sachsen startet mit 720 Seiteneinsteigern

Es war ein Kraftakt sondergleichen, die freien Stellen an den Schulen zu besetzen. Doch der Schuljahresstart bleibt holprig.

Von Uwe Kuhr
erschienen am 03.08.2017

Dresden. Dresden. Es wird das Schuljahr mit den meisten Fragezeichen für Schüler und Eltern in Sachsen. So hat zwar das Kultusministerium in Dresden mitgeteilt, dass es die ausgeschriebenen 1400 Lehrerstellen nahezu besetzen konnte, doch der Preis sei hoch. Nicht nur weil in 860 Fällen mit übertariflichen Zuschlägen von mehreren hundert Euro im Monat nachgeholfen werden musste. Mit 52 Prozent sind erstmals  mehr als die Hälfte der neuen Lehrkräfte (720) berufsfremde Seiteneinsteiger. Zum Schuljahresstart 2016 lag diese Quote noch bei 45 Prozent. Dazu kommt, dass die meisten Berufsstarter ab kommendem Montag noch keinen Unterricht geben können, weil sie selbst noch die Schulbank drücken. "Es wird eng mit der Unterrichtsversorgung in der ersten Phase des neuen Schuljahres", sagte Ministerin Brunhild Kurth (CDU).

Seiteneinsteiger erhalten vor ihrer ersten Unterrichtsstunde einen dreimonatigen Grundkurs. Deshalb stehen drei Viertel der Neulinge in den ersten Monaten nicht zur Verfügung. Die Kurse laufen seit 1. Juli, abgeschlossen werden sie aber erst Ende November. Es könne zu Unterrichtsausfall und intensiverer Beschulung in Fächern von verfügbaren Lehrern kommen, räumte Kurth ein. Erst ab Dezember könne sich der Alltag normalisieren.

Doch da beginnt an den Schulen die Einarbeitung der Seiteneinsteiger. Das wird in einigen Regionen schwierig, denn die Anzahl der Neulehrer zum Beispiel in Chemnitz und Bautzen liegt weit über dem Landesdurchschnitt. So sind in und um Chemnitz gut drei Viertel der neuen Grundschullehrer Berufsneulinge, an den Oberschulen 69 Prozent. Im Bereich der zuständigen Regionalstelle der Bildungsagentur liegt bei insgesamt 293 neuen Lehrkräften die Laienquote bei 59 Prozent - hinter Spitzenreiter Ostsachsen mit 65 Prozent.

Dieser Trend ist in Deutschland einmalig. Über alle Bundesländer bezifferte die Kultusministerkonferenz 2016 den Anteil an Seiteneinsteigern bei Lehreranstellungen mit 8,4 Prozent. Sachsen und Berlin - die einzigen Länder ohne Verbeamtung - liegen einsam an der Spitze.

"Wir finden nicht genügend regulär ausgebildete Lehrer - weder in Quantität noch in der Ausbildung für einzelne Schularten", sagte die Ministerin. Die aktuelle Situation werde noch drei Jahre anhalten. Kurth räumte zudem gravierende Fehler des Freistaats ein. So seien Schritte zur Erhöhung der Studienplatzkapazität für das Lehramt Ende 2012 viel zu spät erfolgt, "wie wir heute bitter erfahren müssen".
Mit einem Maßnahmenbündel will ihr Ministerium die Lage abmildern. So sollen Bewerbungen einfacher werden, Ruheständler erhalten Angebote zur Rückkehr in die Schulen, Lehrer werden um Mehr- und Überstunden gebeten. Künftig soll ein Bachelor-Abschluss reichen, um Seiteneinsteiger zu werden.

Der Landesschülerrat begrüßt die fast komplette Besetzung der Lehrerstellen, sagt aber auch, dass die hohe Zahl an Seiteneinsteigern neue Probleme schaffe. Für Petra Zais, Bildungsexpertin der Grünen, droht das Land in einem Strudel des Lehrermangels zu versinken. Kurth sollte auf die Gewerkschaften zugehen, die an Lösungen mitwirken wollen. Für Sachsens Linke geht der Umgang mit Lehrern an die Substanz, denn Schule sei trotz einer "Unterrichtsgarantie" nicht abgesichert.

 
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Kommentare
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Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 10.08.2017
    15:01 Uhr

    vomdorf: Ein grundständig ausgebildeter Grundschullehrer beginnt mit einem Gehalt von 3129 ? Brutto, hat aber auch ein entsprechendes Studium hinter sich.
    Dass jetzt jeder für diesen Beruf genommen wird, der ein Hochschulstudium gemacht hat, motiviert eher nicht, sich für das Lehrerstudium zu bewerben.
    Wer Lehrer werden will sollte sich im Vorfeld genau informieren, es das ist. Viele kommen mit anderen Vorstellungen in die Praktika, und merken oft erst dann, dass dieses " wie sag ich's meinem Kinde" nicht ganz so einfach ist.
    Manch einer wird ja auch für ein grundständig Studium abgelehnt, weil er vielleicht nicht die entsprechenden Zensuren hat, aber durchaus ein entsprechendes Händchen für Kinder und das ganze Drum- und Dran eines Lehrerberufes.
    Gönnen wir doch den studierten Lehrern und denen, die erst welche werden wollen ihr Gehalt. Dabei finde ich 2100? für den Anfang als ungelernt nicht so schlecht. Und wenn man nach 40 Jahren in diesem Job bissel mehr als der Durchschnitt bekommt sei das demjenigen auch gegönnt. Er Halbjahr über die Jahre auch einige Ausgaben gehabt.
    Übrigens wurden die in der DDR ausgebildeten Erzieher mit Lehrbefähigung, sog. Einfachlehrer und andere jahrzehntelang auch so wie Seiteneinsteiger bezahlt.

    0 1
     
  • 09.08.2017
    21:41 Uhr

    TaiBlaine: @vomdorf: Bei vielen Punkten stimme ich ihnen zu. Nur bei einem muss ich widersprechen: das Gehalt. Ein grundständig ausgebildeter Grundschullehrer erhält die Gehaltsklasse E11 und bei 40 Dienstjahren die 5. Stufe. Das sind etwa 4700? brutto. Ein Seiteneinsteiger bekommt die Gehaltsklasse E9 und natürlich nur die 1. Stufe und liegt damit bei etwa 2600?. Das sind mal eben 2100? Unterschied. Und ganz ehrlich: Lehrer sein ist teuer. Da kann man nicht nur mit Mindestlohn ankommen.

    0 2
     
  • 09.08.2017
    21:39 Uhr

    ffc19: Ganz klar: Die famose CDU!

    Der deutsche Michel eben ...

    0 2
     
  • 09.08.2017
    21:10 Uhr

    vomdorf: Natürlich sollen und müssen sich die Eltern für die Interessen der Kinder einsetzen, nur kann man so keine neuen Lehrer backen. Wer hat Sachsen in den letzten Jahren regiert, ist also für diese Misere (einschließlich zu weniger Polizisten usw.) verantwortlich? Und wen werden auch viele Eltern wieder wählen?

    0 2
     
  • 09.08.2017
    20:29 Uhr

    ffc19: Wer sonst sollte sich für die Interessen der Kinder einsetzen, wenn nicht deren Eltern?

    2 1
     
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