Das neue Schuljahr in Sachsen startet mit 720 Seiteneinsteigern

Es war ein Kraftakt sondergleichen, die freien Stellen an den Schulen zu besetzen. Doch der Schuljahresstart bleibt holprig.

Dresden.

Dresden. Es wird das Schuljahr mit den meisten Fragezeichen für Schüler und Eltern in Sachsen. So hat zwar das Kultusministerium in Dresden mitgeteilt, dass es die ausgeschriebenen 1400 Lehrerstellen nahezu besetzen konnte, doch der Preis sei hoch. Nicht nur weil in 860 Fällen mit übertariflichen Zuschlägen von mehreren hundert Euro im Monat nachgeholfen werden musste. Mit 52 Prozent sind erstmals  mehr als die Hälfte der neuen Lehrkräfte (720) berufsfremde Seiteneinsteiger. Zum Schuljahresstart 2016 lag diese Quote noch bei 45 Prozent. Dazu kommt, dass die meisten Berufsstarter ab kommendem Montag noch keinen Unterricht geben können, weil sie selbst noch die Schulbank drücken. "Es wird eng mit der Unterrichtsversorgung in der ersten Phase des neuen Schuljahres", sagte Ministerin Brunhild Kurth (CDU).

Seiteneinsteiger erhalten vor ihrer ersten Unterrichtsstunde einen dreimonatigen Grundkurs. Deshalb stehen drei Viertel der Neulinge in den ersten Monaten nicht zur Verfügung. Die Kurse laufen seit 1. Juli, abgeschlossen werden sie aber erst Ende November. Es könne zu Unterrichtsausfall und intensiverer Beschulung in Fächern von verfügbaren Lehrern kommen, räumte Kurth ein. Erst ab Dezember könne sich der Alltag normalisieren.

Doch da beginnt an den Schulen die Einarbeitung der Seiteneinsteiger. Das wird in einigen Regionen schwierig, denn die Anzahl der Neulehrer zum Beispiel in Chemnitz und Bautzen liegt weit über dem Landesdurchschnitt. So sind in und um Chemnitz gut drei Viertel der neuen Grundschullehrer Berufsneulinge, an den Oberschulen 69 Prozent. Im Bereich der zuständigen Regionalstelle der Bildungsagentur liegt bei insgesamt 293 neuen Lehrkräften die Laienquote bei 59 Prozent - hinter Spitzenreiter Ostsachsen mit 65 Prozent.

Dieser Trend ist in Deutschland einmalig. Über alle Bundesländer bezifferte die Kultusministerkonferenz 2016 den Anteil an Seiteneinsteigern bei Lehreranstellungen mit 8,4 Prozent. Sachsen und Berlin - die einzigen Länder ohne Verbeamtung - liegen einsam an der Spitze.

"Wir finden nicht genügend regulär ausgebildete Lehrer - weder in Quantität noch in der Ausbildung für einzelne Schularten", sagte die Ministerin. Die aktuelle Situation werde noch drei Jahre anhalten. Kurth räumte zudem gravierende Fehler des Freistaats ein. So seien Schritte zur Erhöhung der Studienplatzkapazität für das Lehramt Ende 2012 viel zu spät erfolgt, "wie wir heute bitter erfahren müssen".
Mit einem Maßnahmenbündel will ihr Ministerium die Lage abmildern. So sollen Bewerbungen einfacher werden, Ruheständler erhalten Angebote zur Rückkehr in die Schulen, Lehrer werden um Mehr- und Überstunden gebeten. Künftig soll ein Bachelor-Abschluss reichen, um Seiteneinsteiger zu werden.

Der Landesschülerrat begrüßt die fast komplette Besetzung der Lehrerstellen, sagt aber auch, dass die hohe Zahl an Seiteneinsteigern neue Probleme schaffe. Für Petra Zais, Bildungsexpertin der Grünen, droht das Land in einem Strudel des Lehrermangels zu versinken. Kurth sollte auf die Gewerkschaften zugehen, die an Lösungen mitwirken wollen. Für Sachsens Linke geht der Umgang mit Lehrern an die Substanz, denn Schule sei trotz einer "Unterrichtsgarantie" nicht abgesichert.

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12Kommentare
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    vomdorf
    10.08.2017

    Ein grundständig ausgebildeter Grundschullehrer beginnt mit einem Gehalt von 3129 ? Brutto, hat aber auch ein entsprechendes Studium hinter sich.
    Dass jetzt jeder für diesen Beruf genommen wird, der ein Hochschulstudium gemacht hat, motiviert eher nicht, sich für das Lehrerstudium zu bewerben.
    Wer Lehrer werden will sollte sich im Vorfeld genau informieren, es das ist. Viele kommen mit anderen Vorstellungen in die Praktika, und merken oft erst dann, dass dieses " wie sag ich's meinem Kinde" nicht ganz so einfach ist.
    Manch einer wird ja auch für ein grundständig Studium abgelehnt, weil er vielleicht nicht die entsprechenden Zensuren hat, aber durchaus ein entsprechendes Händchen für Kinder und das ganze Drum- und Dran eines Lehrerberufes.
    Gönnen wir doch den studierten Lehrern und denen, die erst welche werden wollen ihr Gehalt. Dabei finde ich 2100? für den Anfang als ungelernt nicht so schlecht. Und wenn man nach 40 Jahren in diesem Job bissel mehr als der Durchschnitt bekommt sei das demjenigen auch gegönnt. Er Halbjahr über die Jahre auch einige Ausgaben gehabt.
    Übrigens wurden die in der DDR ausgebildeten Erzieher mit Lehrbefähigung, sog. Einfachlehrer und andere jahrzehntelang auch so wie Seiteneinsteiger bezahlt.

  • 2
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    TaiBlaine
    09.08.2017

    @vomdorf: Bei vielen Punkten stimme ich ihnen zu. Nur bei einem muss ich widersprechen: das Gehalt. Ein grundständig ausgebildeter Grundschullehrer erhält die Gehaltsklasse E11 und bei 40 Dienstjahren die 5. Stufe. Das sind etwa 4700? brutto. Ein Seiteneinsteiger bekommt die Gehaltsklasse E9 und natürlich nur die 1. Stufe und liegt damit bei etwa 2600?. Das sind mal eben 2100? Unterschied. Und ganz ehrlich: Lehrer sein ist teuer. Da kann man nicht nur mit Mindestlohn ankommen.

  • 2
    0
    gelöschter Nutzer
    09.08.2017

    Ganz klar: Die famose CDU!

    Der deutsche Michel eben ...

  • 2
    0
    vomdorf
    09.08.2017

    Natürlich sollen und müssen sich die Eltern für die Interessen der Kinder einsetzen, nur kann man so keine neuen Lehrer backen. Wer hat Sachsen in den letzten Jahren regiert, ist also für diese Misere (einschließlich zu weniger Polizisten usw.) verantwortlich? Und wen werden auch viele Eltern wieder wählen?

  • 1
    2
    gelöschter Nutzer
    09.08.2017

    Wer sonst sollte sich für die Interessen der Kinder einsetzen, wenn nicht deren Eltern?

  • 1
    1
    vomdorf
    09.08.2017

    @ffc19: Denken Sie, das würde was nützen, wenn die Eltern dort aufschlagen?
    In Thalheim hatten voriges Jahr zwei Klassen keinen Klassenleiter.
    Die ehemalige Gornsdorfer Schulleiterin hat sich "bis ganz nach oben gezofft", damit die Schule eine Schulleiterin bekommt. Und? Nun muss eine Schulleiterin zwei Schulen leiten und noch Klassenleiter sein, weil es keine Lehrer gibt.

    Die SBA hat auch keine Zeit, sich um solche Sachen zu kümmern, denn die strukturieren sich gerade um.

  • 3
    1
    gelöschter Nutzer
    08.08.2017

    Wieso stehen die Eltern dieser Drittklässler aus Einsiedel nicht in der SBA in 09120 Chemnitz, Annaberger Straße 119, auf der Matte?

  • 1
    0
    Steuerzahler
    08.08.2017

    Es kam, wie es abzusehen war! Heute Schuljahresbeginn in Einsiedel. Eine dritte Klasse durfte bei der anderen Klasse mit Platz nehmen, weil kein Lehrer vorhanden war! Wer verantwortet das unseren Kindern und deren Eltern gegenüber?

  • 6
    0
    Steuerzahler
    04.08.2017

    Das ist das Ergebnis, wenn Leute Schule machen, die selbst nicht 7 Jahre im Voraus planen und rechnen können. Aber wie immer wird auch bei der nächsten Wahl das Kreuzchen an der gleichen Stelle gemacht. Da ist es scheinbar auch nicht so wichtig, wenn wie z. B. in Einsiedel offensichtlich eine dritte Klasse ohne Klassenleiter das Schuljahr beginnt und die Direktorin auf mehreren Hochzeiten tanzen muss. Ein Trauerspiel, ach nein, eine Frechheit, was mit der Bildung in Sachsen bei sprudelnden Steuereinnahmen angestellt wurde!

  • 4
    0
    VaterinSorge
    04.08.2017

    wir wissen und wussten das schon lange, viel zu lange. Dennoch macht man fleißig sein Kreuzchen immer wieder an der gleichen Stelle und hoffte, das alles so bleibt wie es ist und irgendwie weiter geht. Nun wird sich alles verändern, sei es in der Qualität der Bildung, der Ausbildung oder eben in der Wirtschaft, der Wissenschaft oder im Handwerk bzw. Dienstleistungsbereich. Da hilft jetzt kein jammern, da hilft nur zusammen stehen, Ärmel hoch krempeln und das Beste daraus machen. Wenn man sein Kreuzchen weiter an der gleichen Stelle macht, muss man auch akzeptieren, dass alles so gewollt und in Kauf genommen wurde und wird und eben aktiv ranklotzen, damit aus der nächsten Generation doch irgendwie was wird, sie doch noch in Lohn und Brot kommen. Tut mir leid, andere Wege gibt es nicht.

  • 8
    0
    vomdorf
    04.08.2017

    Den meisten Menschen ist doch gar nicht klar was es bedeutet, Seiteneinsteiger an einer Schule zu haben...woher sollen sie es auch wissen.

    Ein Beispiel: Ein Grundschule mit ca. 9 Lehrern (grundständig ausgebildet, wie es neudeutsch heißt) bekommen einen Seiteneinsteiger. Dieser soll möglichst voll arbeiten, fehlt aber an einem Tag, da an diesem der Crash-Kurs für unstudierte Lehrer stattfindet. Nun braucht man aber den Seiteneinsteiger unbedingt für Sport, die Turnhalle steht der Schule aber ausgerechnet an diesem Tag nur 6 Stunden zu Verfügung. Es gehen sowieso immer 2 Klassen zum Sport, weshalb so eine Regelung für den Seiteneinsteiger günstig ist, denn er kann von der grundständig ausgebildeten Kollegin lernen und diese unterstützen. Eine Lehrerin allein kann aber beim besten Willen nicht mit zwei Klassen Sport machen, weil die Turnhallen ja oft auch nicht neben der Schule sind.
    Also was tun? Aller 2 Wochen geht nun eine Klasse zum Sport. Die andere muss in der Schule einen Lehrer kriegen, der aber nicht da ist, weil ja alle unterrichten. Nun, die Klasse aufteilen....es sind aber nicht in jedem Zimmer ausreichend freie Plätze, oft nicht mal Stühle vorhanden. Die Klasse allein lassen darf eigentlich nicht sein....

    So wird zumindest an einigen Schulen bis Ende August ein bisschen Chaos herrschen, weil die Stundenpläne einfach nicht baubar sind. Es müssen ja auch noch die Stunden der Gastlehrer, die von anderen Schulen kommen und die ganz einfach feststehen, eingeplant werden, und Religion und Ethik, die oft parallel liegen (müssen). Ach ja, und oft kommen Kinder aus vielen Orten mit dem Bus, so dass der Unterricht nicht einfach früh mal eine Stunde später beginnen könnte, wie das früher noch war, als es in jedem Ort eine Schule gab. Und Nachmittagsunterricht geht auch nicht, weil mittags ja die Busse die Kinder nach Hause bringen ( zumnidest für Grundschulen ist es sehr schwer, dieses Chaos irgendwie zu planen).

    Und die paar grundtändig ausgebildeten Lehrkräfte schauen mit Kopfschütteln zu und fragen sich wie es sein kann, dass z.B. Lehrer, die schon aus dem Schuldienst raus waren und sich wieder einstellen lassen noch einige blaue Scheinchen obendrauf kriegen, und dass die Seiteneinsteiger im Verhälnis zu einem Gehalt von einem Lehrer, der 40 Jahre oder länger im Schuldienst ist, recht üppig bezahlt werden.
    Sollen sie es haben, aber die alten, die die ganzen Jahre die Sache am Laufen gehalten haben, die unbezahlte Überstunden gemacht haben, fragen sich, wo das noch hinführt.
    ES GEHT UM UNSERE KINDER!!!!!!!!!

  • 10
    0
    872889
    04.08.2017

    Skandalöse Zustände mit jahrelanger Ansage auf Kosten der Bildung unserer Kinder und zum steigenden Frust der regulär ausgebildeten Lehrer. Allen Warnungen zum Trotz ist die Landesregierung mit ihrem irrsinnigen Sparkurs vorsätzlich und bewusst in diese Situation geraten, welche sich bei weitem nicht nur auf den Bildungsbereich beschränkt. Mag sein, dass es durchaus den einen oder anderen guten Quereinsteiger gibt, die Erfahrung lehrt in der Regel jedoch etwas anderes. Augen auf, liebe Eltern und vor allem auch Landesregierung.



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