Der Mundart-Pastor

Der Erzgebirger Karl-Heinz Schmidt war Bäcker, wurde Pastor und schaute seinen Schäfchen - frei nach Luther - aufs Maul. Was er sah, schrieb er in Erzgebirgisch auf - und wurde so noch Schriftsteller.

Hierzulande kann man als Pastor einen Platz in den Geschichtsbüchern bekommen, wenn man Bundespräsident wird. Aber man kann auch evangelischer Pfarrer bleiben und vielleicht nicht gerade Geschichte, aber Geschichten schreiben. Und da sind wir bei Karl-Heinz Schmidt, der oben in Sachsenberg bei Klingenthal in die Welt und auf den Aschberg guckt. Da sitzt er Tag für Tag, denn mittlerweile ist er im Ruhestand und schreibt seine heiter-nachdenklichen Geschichten. Karl-Heinz Schmidt schreibt Deutsch, aber er schreibt in erzgebirgischer Mundart. Wir werden noch darauf zurückkommen. Doch jetzt dreht er in dem schmalen Arbeitszimmerchen den Sessel zum Besucher und sagt: "Aber nun ist Schluss! Anderthalb Dutzend Bücher, das reicht. Man muss auch aufhören können." Da hat er vielleicht recht.

Und wie das alles begann, das ist eine Geschichte für sich.

Geboren wurde er 1938 in Chemnitz an der Hans-Sachs-Straße und nicht weit von der Lutherkirche entfernt, und der Dichter Hans Sachs wie auch Luther passen ganz gut zu ihm. "Dem Volk aufs Maul schauen" oder "Deutsch mit jemand reden", diese Luther-Worte, das werden später einmal Schmidts Devisen als Schreiber sein. Doch zunächst wächst er am Rande des Krieges auf. Die Eltern betreiben in Chemnitz eine kleine Vulkanisieranstalt. Und bald muss der Vater in Hitlers Krieg ziehen, kommt schwer krank zurück und stirbt 1944. Die Mutter zieht mit dem sechsjährigen Jungen wieder in ihre Geburtsheimat nach Rittersgrün, ins Erzgebirge. Da wächst er auf, in der Dorfwelt, aber eben auch im Umbruch der Gesellschaft. Geht in die Volksschule, und da ist er schon in der DDR angekommen. Er wird Bäcker lernen, irgendwie gefällt ihm der Beruf. In der Familie gab es schon das Bäckerhandwerk. Und dazumal waren alle Beschäftigungen, die eine nahrhafte Note hatten, begehrt. Drei Jahre Lehrzeit, fünf Jahre als Geselle. Und so hätte das weitergehen können. Aber es gab da noch etwas anderes, das ihn bewegte.

Er wuchs in einer christlichen Umgebung auf, kam in die Junge Gemeinde und in den Jugendbund der Landeskirchlichen Gemeinschaft. Da wachte der Junge aus der Backstube auf, hatte das Bedürfnis, über seinen Glauben mit anderen ins Gespräch zu kommen. Und er wollte anderen seinen Glauben bringen, Pfarrer werden. Aber er hatte kein Abitur, ein Studium der Theologie an einer Universität war nicht möglich. Da ging er an die Predigerschule Paulinum nach Berlin, die 1946 gegründet wurde, um jungen Leuten sozusagen auf dem zweiten Bildungsweg ein Studium zu ermöglichen.

Karl-Heinz Schmidt wurde Student in bewegten Zeiten. Er kam 1960 nach Berlin, 1961 wurde die Mauer gebaut. Übrigens: Auch Rainer Eppelmann absolvierte das Paulinum, und der wurde Minister. Doch Schmidt wollte wieder ins Erzgebirge zu seinen Leuten, aber die damalige sächsische Landeskirche wollte keine Absolventen des Paulinums. So zog Schmidt mit seiner Frau in die Uckermark. Auch sie stammte aus Rittersgrün, und er kennt da einen Mundartvers: "In der Ritterschgrie sei de Maad gar schie, hobn su grusse Nischel, wie de Reisigbüschel." Über diesen Vers kann auch seine Frau lachen.

Also zogen sie in die Uckermark, in das beinahe letzte Dörfchen am Rande der Mark Brandenburg, nach Rollwitz, die nördlichste Gemeinde der Berlin-Brandenburgischen Kirche. Und hier blieb er einige Jahre, und seither hat er eine besondere Sympathie für Norddeutschland. Bis es eine Möglichkeit gab, ins Erzgebirge zurückzugehen, nach Markersbach. Karl-Heinz Schmidt lacht und meint: Ein Pfarrer sollte dreimal wechseln. Und da war er nun wieder in der Erzgebirgsheimat angekommen, für fünfzehn Jahre. Bis eines Tages bei einem Gottesdienst ein paar unbekannte Männer in der Kirche saßen.

Und die gingen auch nicht, sondern fragten den Pfarrer, ob er nicht Lust habe, ein wenig weiter ins Gebirge zu kommen, nach Sachsenberg, einen der drei Kirchenbezirke in Klingenthal. Da war die Sachsenberger Stelle neu zu besetzen. Das war nun die dritte Stelle. Hier blieb er bis zum Ruhestand, und hier lebt er nun als Schriftsteller. Wie das begann?

Ach, er hatte schon in seiner Markersbacher Zeit ein paar Geschichten mit seinen Erlebnissen niedergeschrieben, und 1978 schickte er ein Manuskript an die Evangelische Verlags-Anstalt in Leipzig. Wie es schien, gefiel den Verlagsleuten auch, was da der Klingenthaler Pastor in erzgebirgischer Mundart niedergeschrieben hatte. Aber Bücher von Pastoren waren von der DDR-Obrigkeit nicht gerade gern gesehen, den Zensoren der Druckgenehmigung war das Ganze ein wenig suspekt. Bis einer auf den Gedanken kam, dass doch dieses Buch "Itze schlöft dr Pastor ei" vielleicht ein Buch sein könnte, das die Leute gerade von den Pastoren fernhielt. Aber weit gefehlt! Das Buch wurde ein Erfolg, denn der Pastor als Autor war hellwach und seine Leser fanden diese Erlebnisse aus dem Alltag lustig und gut.

So begann also der Weg des Mundartautoren Schmidt. Seine Bücher, die Titel tragen wie "Dumm geborn und nischt drzugelarnt" oder "Arscht kumm ich, und dann kimmst du" sind eigentlich mündliche Erzählungen zu Papier gebracht. Man muss ihn erleben, wenn er aus seinen Büchern vorliest oder sagen wir besser: Wie er vorträgt, denn er kennt seine Texte auswendig, und er weiß, wie er sie in einem Spagat zwischen Mundart und Hochdeutsch seinen Zuhörern präsentiert.

"Die Menschen sind schlecht, sie denken nur an sich, nur ich denke an mich", sagt er am Anfang, und da hat er die Lacher schon auf seiner Seite. Dass im Erzgebirge noch immer Mundart gesprochen wird, wissen wir, aber ihre Tage sind wohl gezählt. Heute noch wohnt man in Berlin und morgen schon in Stützengrün und übermorgen in München. Was der Mundart geblieben ist, es ist ihre Möglichkeit, den Alltag heiter, oft auch ein wenig derb zu beleuchten und zu belachen. Und genau das kann dieser Mundart-Pastor Schmidt. Er kennt seine Schäfchen. Seine Geschichten sind das, was schon immer zur Mundart gehörte, die Schnorke, der witzige kurze Text mit einer Pointe. Manchmal aber nimmt er die Mundart mit in die Kirche.

Das hat es ja schon einmal gegeben, da war der Pastor der Auftraggeber, der dem armen Mundartdichter Fritz Körner ein Zubrot geben wollte und sagte, Herr Körner, schreiben Sie doch das Lukas-Evangelium auf Erzgebirgisch. Und Körner lieferte Kapitel für Kapitel und bekam jeweils drei Reichsmark. Das Büchlein von Körner, das im traditionsreichen Verlag von Max Müller in Chemnitz erschien, ist heute eine Rarität. Aber da sind wir ein ganzes Stück von unserer Geschichte in eine andere Geschichte geraten, genau wie das Karl-Heinz Schmidt in seinen Büchern macht: "Das sprudelt när esu, könnt mehr sogn." Also manchmal trägt er die Mundart auch in die Kirche. Denn sein Ruhestand ist ein Unruhestand, noch immer wirkt er als Pfarrer, als Seelsorger in seiner Kirchgemeinde. Freilich, in der Kirche hält er sich an die Liturgie, an den Gottesdienst. Aber auch hier hat er Zulauf, wenn er mit der Gesangsgruppe "Schennhaader Maad" und der Mundartautorin und -sprecherin Martina Gutzeit auftritt. Vielleicht in der Weihnachtszeit: "Dr Himmel is e Lichterbugn", das passt in die Kirche und auch ins Erzgebirge.

So lebt er halbwegs zwischen Erzgebirge und Vogtland, als Pfarrer und Schreiber, und da er jetzt seine Adresse an der Adalbert-Stifter-Straße hat, ist er am richtigen Platz. Denn Karl-Heinz Schmidt lebt als Poet und Pfarrer auch nach dem "sanften Gesetz" des Dichters Stifter. Nach dem das Rieseln des Wassers größer ist als das prächtige Gewitter, der Blitz, der Häuser spaltet. Es ist dem Mundart-Pastor also das genaue Hinsehen ein Bedürfnis, aber auch das humorvolle auf-die-Schippe-nehmen - zum Vergnügen seiner Leser.

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