Der erste Häftling in Bautzen II

Karl Wilhelm Fricke ist am Donnerstag für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden. Die Repression in der DDR, über die er schrieb, hatte er selbst erfahren.

Bautzen/Berlin.

Er kam mit dem ersten Transport politischer Häftlinge 1956 nach Bautzen II: Karl Wilhelm Fricke. Der 1949 aus dem Osten geflohene Journalist hatte unter anderem im Berliner "Tagesspiegel" und im "Rheinischen Merkur" kritische Artikel über die DDR geschrieben und polemisiert. Es herrschte Kalter Krieg. Die Staatssicherheit der DDR stellte Fricke eine Falle und entführte den unliebsamen Journalisten aus Westberlin. In einem Geheimprozess wurde Fricke zu vier Jahren Haft verurteilt, die er in Bautzen II in Einzelhaft verbüßen musste. Am Donnerstag wurde er für sein Lebenswerk von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mit dem Aufarbeitungspreis ausgezeichnet, der in diesem Jahr erstmals verliehen wird. Wie kaum ein anderer habe sich Fricke vor und nach 1989 mit der Repression in der DDR auseinandergesetzt, seine sachlichen und faktenreichen Analysen als Autor und jahrelanger Redakteur des Deutschlandfunks sind bis heute von herausragender wissenschaftlicher Bedeutung, heißt es in der Begründung der Stiftung.

Bautzen II war keine normales Gefängnis. Es war nach dem Krieg zu einem Hochsicherheitstrakt mit 200 Haftplätzen für politische Sondergefangene ausgebaut worden. Die Haftanstalt unterstand unmittelbar dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Willkür herrschte. Auf einen Bewacher kamen hier nur zwei Häftlinge: Die Überwachung war hundertprozentig. Damit wurde ein Grad der Isolation erreicht, der Gefangenen das Gefühl gab, schutzlos den Herrschenden ausgeliefert zu sein, abgeschnitten von Familie, Freunden.

Rückblickend empfand Fricke die Isolation als das Schlimmste. Auch das Strafgesetzbuch der DDR untersagte ungerechtfertigte Einzelhaft. Die Stasi verhängte sie regelmäßig. "Einzelhaft ist psychische Folter, und die kann viel qualvoller sein als physische", hatte Fricke vor Jahren in einem Interview mit der "Freien Presse" gesagt.

Um seinen Wortschatz nicht verkümmern zu lassen, versuchte Fricke Romane "nachzudenken", versuchte, sich an längst vergessene Gedichte wieder zu erinnern, artikulierte laut. Irgendwann hatte er durchsetzen können, dass er lesen und schreiben durfte

Fricke kam nach seiner Haftentlassung 1959 nach Hamburg und nahm seine Arbeit als Journalist und Publizist wieder auf. Mit seinem Wechsel nach Köln wurde er 1970 (bis 1994) leitender Redakteur beim Deutschlandfunk. Das MfS beobachtete ihn weiter.

Bei seinem Wiedereinstieg ins Berufsleben habe ihm seine Bekanntheit durch die Entführungs-Aktion der Stasi sogar etwas geholfen. Denn überall, wo Fricke hinkam, wurde er auf seine Erlebnisse angesprochen. Für die Stasi war die Entführung damit unterm Strich "ein voller Schlag ins Wasser". Fricke, 88, lebt heute bei Köln, könnte glücklich sein. Doch er ist es nicht. "Bautzen II - das hat mich Zeit meines Lebens nicht mehr losgelassen."

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