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Bernd Merbitz. Einen Namen als "Nazi-Jäger" hat er sich schon Anfang der 1990er-Jahre gemacht. Der ehemalige DDR-Kriminalist und Leiter der Morduntersuchungskommission Leipzig mit SED-Parteibuch schaffte es gegen viele Widerstände 2007 als erster Ostdeutscher in der Polizei Sachsens zum Landespolizeipräsidenten.

Foto: Dominik Butzmann/laif

Der etwas andere Polizist

Sachsens Polizei hat ein markantes Gesicht.Es gehört Bernd Merbitz, der es seit Jahren mit Extremisten und Terroristen aufnimmt. Der Udo-Lindenberg-Fan und Hobbyautor geht dabei unorthodoxe Wege und verblüfft Dienstherrn und Öffentlichkeit immer wieder durch seine Unberechenbarkeit.

Von Uwe Kuhr
erschienen am 26.04.2017

Dresden. Wo er ist, sei vorn, sagt er. Wo er steht, gehe es um Recht und Demokratie. "Das ist meine Berufung." Was zunächst ziemlich unbescheiden klingt, der wohl bekannteste sächsische Polizist lebt es: Bernd Merbitz. Einen Namen als "Nazi-Jäger" hat er sich schon Anfang der 1990er-Jahre gemacht, als Rechtsextremisten 1991 in Hoyerswerda und anderen Orten Sachsens mit ausländerfeindlichen Übergriffen von sich reden machten. An jenem ersten Tiefpunkt für den Freistaat sorgten vor allem Merbitz und die ihm unterstehende Sonderkommission Rechtsextremismus (SoKo Rex) für eine Kehrtwende. Dafür gab es deutschlandweit Applaus. Die Truppe wurde zur Blaupause für andere Bundesländer.

Damit war Merbitz - damals Abteilungsleiter Staatsschutz im Landeskriminalamt und sogar in den eigenen Reihen als "harter Hund" und "Haudrauf" bekannt - in den Medien angekommen, die ihn für seine andererseits wohldosierten kernigen Ansagen gern hofierten, und deren Kontakt er nicht ohne Eigennutz suchte. Bis heute. So ist der inzwischen 61-Jährige ein unverwechselbares Gesicht der sächsischen Polizei mit hohem Image-Faktor.

Als vor 20 Jahren in Sachsen der Kampf gegen rechts runtergefahren wurde, geriet Merbitz unter Druck. Er wurde als Polizeipräsident von Grimma in die Wüste geschickt, "seine SoKo" bis zur Unkenntlichkeit geschröpft. Es waren jene Jahre, wo das Kleinreden brauner Umtriebe en vogue war und ein Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) erklärte, die Sachsen seien immun gegen Rechtsextremismus. Und trotz ähnlicher Hochs und Tiefs blieb er präsent und ist heute einflussreicher denn je. Erarbeitet Konzepte zur Terrorabwehr, lässt aber seine weitere Laufbahn offen.

Der ehemalige DDR-Kriminalist und Leiter der Morduntersuchungskommission Leipzig mit SED-Parteibuch schaffte es gegen viele Widerstände 2007 als erster Ostdeutscher in der Polizei Sachsens zum Landespolizeipräsidenten. Ohne alte Seilschaft, sagen Kollegen und Kritiker gleichermaßen anerkennend. Merbitz stammt aus dem Altenburger Land in Thüringen. Als es um seine Berufung ging, bäumten sich die im Landtag sitzenden NPD-Abgeordneten auf, die rechte Szene kochte. "Die kannte ich alle in- und auswendig", kommentiert Merbitz heute die damalige Zerreißprobe. Auch Karl Nolle aus der SPD-Fraktion ging den "Wendehals", wie er ihn bezeichnete, hart an. Nolle widmete ihm später in seiner 2009 erschienenen Broschüre "Sonate für Blockflöten und Schalmeien" ein Kapitel, in dem er Merbitz zu DDR-Zeiten als "linientreu bis auf die Knochen" und als "strammen SED-Genossen" bezeichnete. Über die Bedenken setzte sich schließlich Biedenkopf-Nachfolger Georg Milbradt (CDU) zugunsten von Merbitz hinweg.

Geholfen hat wahrscheinlich, dass Merbitz im Jahr 2000 der CDU beigetreten war. In seiner neuen politischen Heimat machte er bald Karriere und stieg in den Landesvorstand auf. Seine Arbeit wird geschätzt, noch mehr seine Loyalität. Doch die hört mitunter dort auf, "wo mal gesagt werden musste, was zu sagen war". Mit diesem Spruch entschuldigte Merbitz häufig seine verbalen Ausbrüche in den Medien, wenn ihm etwas in der Politik über die Hutschnur ging. Diese Weckruf-Aktionen kamen selten gut an, dafür bewegten sie oft etwas. "Das halte ich aus", wischte er Bedenken vom Tisch.

Als er sich in der CDU/FDP-Koalition nach 2009 vom Personalabbaufieber aber anstecken ließ und es mit der Loyalität übertrieb, geriet er zunehmend zwischen die Fronten von Polizisten und Ministerialbürokratie. Als er sich spät - der Nationalsozialistische Untergrund war mit seinen bundesweiten Untaten Ende 2011 gerade aufgeflogen - dann doch Luft machte und wieder mehr Personal forderte, fiel er bei seinem Minister in Ungnade. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) war auch nicht versöhnt. "Wenn er etwas verbockt hat, bemüht er sich zwar um Lösungen, doch Selbstkritik ist nicht unbedingt seine Stärke", so GdP-Landeschef Hagen Husgen.

2012 hieß es: Zurück auf Los. Das bedeutete für "Bernie", wie Bernd Merbitz bei der Truppe genannt wird, ab nach Leipzig - als Chef des dortigen Polizeipräsidiums. Dabei ging es für ihn vier Besoldungsstufen bergab. Auch Minister Markus Ulbig (CDU) geriet selbst in die Bredouille. Er musste Merbitz zur stärkeren Bekämpfung rechter wie linker Umtriebe das neu geschaffene Operative Abwehrzentrum Extremismus (OAZ), das eigentlich ins Landeskriminalamt nach Dresden gehört hätte, in die Messestadt mitgeben.

Merbitz nahm die "Reste" der "SoKo Rex" und baute die neue Struktur auf. Anfänglich haperte es am Personal. Die 120-Mann-Sollstärke wurde lange nicht erreicht. Als Asylbewerberheime brannten, Amtsträger zunehmend attackiert und terroristische Tendenzen sichtbar wurden, da hat Bernie wieder mal gesagt, was gesagt werden musste. Heute hat er in dieser Einheit knapp 150 Stellen. Die Aufklärungsquoten liegen bei über 70 Prozent. "Das kann sich doch sehen lassen?", fragt Merbitz kokett. Die Extremismus-Expertin der Linken, Kerstin Köditz, lässt die Frage stehen, äußert sich aber anerkennend. "Wenn Sachsens Polizei von Anfang an so konsequent gegen rechts aufgetreten wäre, hätten wir heute viele Probleme weniger", sagt sie. Da könne man über Anflüge von Eitelkeit hinwegsehen.

Was Merbitz nicht erzählt, aber in seine Logik passen würde: Aus seinem OAZ soll - so verlautet aus Polizeikreisen - der entscheidende Hinweis an den Generalbundesanwalt über die vermeintlich rechtsterroristische "Gruppe Freital" gegangen sein. In Leipzig schätzte man ein, dass Gefahr im Verzug sei, war mit dieser Ansicht aber im Freistaat ansonsten ziemlich allein. Kurze Zeit später - im April 2016 - rückte die GSG 9 in Freital ein und verhaftete zunächst fünf Verdächtige. Inzwischen wird der Gruppe in Dresden der Prozess gemacht.

In Leipzig, der Kriminalitätshauptstadt Sachsens, verstand es Bernd Merbitz, seine zentrale Position auszubauen. Sein Polizeipräsidium verfügt inzwischen über 3000 Stellen - neben dem OAZ. Es ist mit Abstand das größte landesweit. Polizei-Gewerkschafter monieren seinen "großen Einfluss", womit er eher Personal bekomme als andere Polizeipräsidien. Neid sei die Konsequenz. Und Nörgeleien an der Arbeit der Leipziger.

Dass der evangelisch getaufte Merbitz, der zu DDR-Zeiten als Atheist galt, 2012 nach Firmung in die katholische Kirche eintrat, war dann schon ein Knaller. Der überzeugte Uniformträger - "Ich gelte in der Bekleidungskammer als der mit dem größten Verschleiß an Uniformen" - drückt seitdem regelmäßig die Kirchenbank. Im damaligen Bischof des Bistums Dresden-Meißen, Heiner Koch, habe er einen Freund gefunden. "Vor allem hat er in mir einiges bewegt. Er hat mir in Situationen zur Seite gestanden, als es Probleme in der Familie gab", sagte Merbitz der Bistumspostille.

Bernd Merbitz, der auch den Spagat zu seinem Musik-Idol Udo Lindenberg locker hinbekommt, fuhr im Vergabeverfahren für den 100. Katholikentag mit Bischof Koch nach Bonn an den Rhein zum Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Als er nicht wie erwartet über ein Sicherheitskonzept für das Treffen berichten, sondern über seinen Weg zum Glauben reden sollte, hat er viel von Demut, Menschlichkeit und Zuneigung gesprochen. Und er hat von seiner Stadt geschwärmt: "Leipzig ist eine crazy Stadt, die pulsiert!" Besser hätte es Lindenberg auch nicht sagen können. Der Katholikentag fand im Mai 2016 in Leipzig statt. "Das ist auch mein Werk", sagt Bernd Merbitz etwas unbescheiden.

Nach dem blamablen Scheitern der Polizeiaktion zur Verhaftung des vermeintlichen Terroristen Dschaber al-Bakr in Chemnitz im Herbst 2016 begann sich, auch für Merbitz, das Karrierekarussell wieder zu drehen. Ulbig kündigte strukturelle Veränderungen und personelle Konsequenzen vor allem im Landeskriminalamt an, auf dessen Kappe der Fehlschlag ging. Merbitz, der diesmal nicht sagte, was hätte gesagt werden müssen, erhielt den Auftrag, ein Polizeiliches Terrorabwehrzentrum (PTAZ) im LKA aufzubauen.

Darin sollen im Kern die Staatsschutzabteilung des LKA und das Operative Abwehrzentrum aus Leipzig aufgehen. Ursprünglicher Termin: Herbst 2017. Merbitz kniete sich rein und überrascht jetzt mit der Nachricht: Das neue Zentrum sei bereits ab 1. Juli arbeitsfähig. Plan vorfristig erfüllt. "Ich glaube, dass wir hier eine sehr effektive Struktur schaffen werden", sagt er. Es ist wie bei der "SoKo Rex" wieder Pilotprojekt in Deutschland. Es werde kompatibel zum Gemeinsamen Terrorabwehrzentrum im Bund sein, in das auch die sächsischen Verbindungsbeamten eingebunden sind. Gegenstand werden die Themenfelder Ausländer, rechter und linker Extremismus sowie Terrorismus einschließlich Gefährder sein. Es werde eine noch engere Verzahnung mit den Polizeipräsidien und der Generalstaatsanwaltschaft geben. Geführt werde die neue Einheit vom Landeskriminalamt.

Erwartet wurde allseits, dass Bernie damit der rote Teppich für eine Rückkehr nach Dresden ausgerollt wurde und zwar direkt bis an den Chefsessel des LKA-Präsidenten. Ein Personalgespräch fand statt, Ulbig machte das Angebot - und Merbitz lehnte ab. Endlich müsse die Familie zu ihrem Recht kommen, die er über Jahre habe vernachlässigen müssen. Außerdem hätten ihn und seine Familie jahrzehntelange Anfeindungen und Bedrohungen vor allem aus der rechten Szene mürbe gemacht, deutete er an.

Passt er schon - oder pokert er noch? Das fragt man sich nun in Polizei und Innenministerium. Der Mann, der in Sachsen wie kein anderer in Polizeistrukturen denken kann, der zu Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) direkten Zugang habe und noch bis zur nächsten Landtagswahl 2019 zur Verfügung steht, zieht sich nach Leipzig zurück? Ein Altenteil habe er hier nicht, entgegnet er. In höheren Polizeikreisen kursieren Spekulationen, dass Bernie den großen Coup plane. Im Herbst gilt als sicher, dass das Innenministerium angesichts seiner wachsenden Aufgabenfülle einen zweiten Staatssekretär bekommt. Wer Merbitz gut kennt, beginnt an dieser Stelle, den Lindenberg-Hit "Hinterm Horizont geht's weiter" zu summen, und kneift ein Auge wissend zusammen. Er selbst gibt dazu nichts preis.

Bei Merbitz ist fast nichts unmöglich. Dass er inzwischen Krimigeschichten schreibt, gehöre für ihn zur Öffentlichkeitsarbeit. "Auch die Polizei braucht Gesichter", sagt er und meint wohl vor allem sich. Er liest auf der Bühne der Veranstaltungsreihe "Leipziger Krimi-Nacht" - fremde Texte und auch Geschichten aus der eigenen Feder. "Spurlos verschwunden" heißt sein Erstling, geschrieben in einem Italien-Urlaub und veröffentlicht zu Jahresanfang in der Anthologie "Stammtischmorde - Das Finale" der Edition Krimi Leipzig. Darin erzählt er, wie er 1990 nach eigenem Bekunden an der ersten deutsch-deutschen Aufklärung eines Mordfalls beteiligt war, der im Westen geschah und im Osten gelöst wurde. Von "Profis, die ihre Arbeit verstanden", schreibt Bernd Merbitz. Wenn ihnen bei der Arbeit nach Rauchen zumute war, griffen sie in jenen Tagen gern zu den "Vernehmerzigaretten". Der Raucher Merbitz notiert: "Ernte 23. Vor kurzem waren es noch F6. Wie sich die Zeiten ändern."

 
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Onkel-Max-Frage
Warum hält ein Ei dem Druck der Handinnenflächen stand?
Onkel Max
Tomicek

Warum lässt sich ein Hühnerei, das man an beiden runden Spitzen zwischen den Handinnenflächen hält, auch bei großem Kraftaufwand nicht zerdrücken? (Diese Frage hat Wolfgang Weigel aus Lauter-Bernsbach gestellt.)

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