Die Bürde des Bischofs

Ende Mai erhält die evangelisch-lutherische Landeskirche Sachsens ein neues Oberhaupt. Es könnte erstmals eine Frau werden. Aber auch ein sehr konservativer Chef ist denkbar. Sicher ist nur: Es wird spannend.

Dresden.  Margrit Klatte, Dietrich Bauer, Tobias Bilz und Carsten Rentzing. Das sind die Namen der Kandidaten für das Bischofsamt der evangelischen Kirche in Sachsen. Anfang dieser Woche diskutierten die vier in der Dresdner Kreuzkirche. Wie kann ein Bischof Chef und zugleich geistlicher Führer sein? Was wird sich ändern mit der Amtseinführung im August? Die Fragen reichen von der Zusammenarbeit mit Nichtchristen über demografische Probleme bis hin zur Zugänglichkeit von Kirchen für Behinderte.

Es ist es still im Publikum. Die ganze Zeit. Doch könnte man das Wort "still" steigern, müsste man dies tun, um die Atmosphäre zu beschreiben, als die letzte offizielle Frage gestellt wird. Was sagen Sie, wenn ein homosexuelles Paar zu Ihnen kommt und den Segen wünscht?

Als vor drei Jahren Sachsens Kirchenführung die Pfarrhäuser für homosexuelle Paare öffnen wollte, ging ein Riss durch die Landeskirche. Liberale, ausgleichende Positionen einerseits - charismatische, konservative Haltungen andererseits. Letztlich auch radikale Meinungen. Es gab Pfarrer, die wollten weder den Bischof, die Kirchenleitung noch die Landessynode weiter als ihre geistliche Leitung anerkennen. Sie formulierten die Markersbacher Erklärung, drohten mit Austritt aus der Landeskirche. Bischof Jochen Bohl hatte keinen leichten Stand, waren es doch vor allem mitgliederstarke Gemeinden aus dem Erzgebirge, die sich lossagen wollten. Bischof, Kirchenleitung und Synode fanden einen Kompromiss: Sie verordneten der Kirche drei Jahre Ruhe, um nachzudenken.

Die drei Jahre sind um. Die Bürde des neuen Bischofs wird es sein, die Kirche zusammenzuhalten und, soweit das im Amt möglich ist, die Richtung zu weisen. Denn Fakt ist: Das Amt wird den Träger verändern. Weder werden die eher konservativ und charismatisch agierenden Carsten Rentzing und Tobias Bilz alle Christen überzeugen können, noch wird eine Bischöfin Klatte oder ein Bischof Bauer liberale Ansichten zum Maßstab erheben können. Konsenssuche wird Alltagsgeschäft.

Margrit Klatte ist die erste Kandidatin für dieses Amt in der sächsischen Geschichte. Die Pfarrerin leitet in der Dresdner Neustadt den größten Pfarrbezirk der Landeskirche. Drei der vier von ihr geführten Gemeinden seien liberal, die vierte eher charismatisch. Sie hätten es immer vermocht, Brücken zu schlagen zwischen den Gemeinden. In diesen leben, wie Klatte schätzt, wahrscheinlich die meisten Homosexuellen. Gern würde sie die Paare segnen, sie fühlt sich aber an derzeit gültige Kirchengesetze gebunden.

Ähnlich antwortet Dietrich Bauer, der aus Leipzig stammt, Stadtteil Großzschocher. Komme ein gleichgeschlechtliches Paar mit dem Segenswunsch zu ihm, habe er "höchstes Verständnis". Carsten Rentzing, Pfarrer in Markneukirchen, stellt heraus, dass es in dieser Frage "keine gemeinsame Linie" geben wird. Werde er Bischof, wolle er eine "offene und ehrliche Debatte" führen. "Die Kirche braucht eine theologisch begründete Antwort." Der derzeitige Landesjugendpfarrer Tobias Bilz meint, dass ein Bischof nicht einfach nach eigenem Ermessen handeln könne. Gottes Wort sei ausschlaggebend. Daran würde er sich als Bischof gebunden fühlen und homosexuelle Paare nicht segnen. Nicht im Gottesdienst.

Die vier Bischofskandidaten stellen sich am Montag, 18. Mai, ab 19 Uhr in der Markuskirche Chemnitz vor und sie können befragt werden. Der Eintritt ist frei.


Wer wählt? Wie wird gewählt?

Der Nachfolger von Bischof Jochen Bohl, der Ende August in den Ruhestand geht, wird auf einer Sondersynode vom 29. bis 31. Mai in Dresden gewählt. Die Einführung des neuen Bischofs ist am 29. August geplant.

Gewählt wird der Bischof oder die Bischöfin von den 80 Mitgliedern der 27. Landessynode. 60 dieser Mitglieder (20 Geistliche, 40 Laien) sind von den Kirchgemeinden gewählt, 20 sind von der Landeskirchenleitung berufen. Die Synode wurde 2014 gewählt. 42 Abgeordnete gehörten dem vorherigen Parlament nicht an, sodass das Stimmverhalten nicht klar vorhersehbar ist. Bekannt ist, dass 13 Synodale gewählt wurden, deren Gemeinden die Markersbacher Erklärung gegen die Öffnung von Pfarrhäusern für homosexuelle Paare unterstützen.

Bischof oder Bischöfin ist, wer im ersten oder zweiten Wahlgang eine Zwei-Drittel-Mehrheit erzielt. Ab dem dritten Wahlgang sind mehr als 50 Prozent der Stimmen erforderlich. Im fünften und letzten Wahlgang reicht die einfache Mehrheit.


Margrit Klatte - Die Liberale

Margrit Klatte, Jahrgang 1968, bisher Pfarramtsleiterin in Dresden-Neustadt, ab Juni Personaldezernentin im Landeskirchenamt.

 

Was sehen Sie als die wichtigste Aufgabe der künftigen Bischöfin oder des Bischofs in Sachsen an?

Stärken: die Gemeinden, auch die kleinen, in ihrem Selbstvertrauen, ihrem Gestaltungswillen, ihrer Zuversicht ermutigen

Integrieren: unsere Verschiedenheit dialogisch verbinden, als Chancen wahrnehmen, die verschiedenen Gaben fördern

Fokussieren: die veränderten Aufgaben für Kirche mit Gemeindegliedern und Mitarbeitenden geistlich durchdringen Vertreten: für Menschen öffentlich eintreten, deren Würde und Rechte bedroht sind.

 

Wie wollen Sie dazu beitragen, dass kirchliche Leitungspositionen verstärkt mit Frauen besetzt werden?

Indem ich mich dieser Wahl in einer männlich geprägten Umgebung aussetze.
Indem ich ermutige, anstatt von Quoten von spezifischen Begabungen auszugehen, diese zu benennen und zu diskutieren.
Indem ich jede und jeden ermuntere, das eigene Wahlverhalten kritisch zu reflektieren.
Indem für Männer wie Frauen flexiblere Arbeitsmöglichkeiten geschaffen werden.

 

Wie wollen Sie als Bischöfin/Bischof die Einheit der Landeskirche befördern, nachdem ein tiefgreifender Dissens deutlich wurde bei der der Frage, ob homosexuelle Paare im Pfarrhaus leben dürfen. An der Kirchenbasis - in den Gemeinden - hält die Debatte an.

Den von der Synode gefundenen Konsens im Lichte der Jahreslosung: "Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob." mit Leben füllen:
- miteinander Bibel lesen, dabei verstehendes Hören über richtendes Argumentieren setzen
- miteinander das Heilige Abendmahl feiern - in dem Bewusstsein, dass nicht wir selbst die Einheit schaffen, sondern dass sie uns in Jesus Christus geschenkt ist
- hören und erzählen von der Vielfalt heutigen Christenlebens in Sachsen und in der weltweiten Ökumene und miteinander staunen über Gottes wunderbare Gaben.

 

Halten Sie am so genannten Leitbild von Ehe und Familie fest oder plädieren Sie dafür, eingetragene Lebenspartnerschaften, auch Pfarrerinnen und Pfarrer betreffend, völlig gleichberechtigt zu behandeln?

Ich halte am Leitbild - das nicht durch eine kleine Minderheit, sondern durch Scheidungen und Bindungsängste bedroht ist - fest. Aber es gibt auch andere Formen verbindlichen Zusammenlebens, die Orientierung und Stärkung durch Gott brauchen.


Dietrich Bauer - Der Moderne

Dietrich Bauer, Jahrgang 1960, seit 2009 Mitglied des Landeskirchenamtes, Dezernent für Gemeindeaufbau, Seelsorge und Medien.

 

Was sehen Sie als die wichtigste Aufgabe der künftigen Bischöfin oder des Bischofs in Sachsen an?

Die Botschaft lautet: Von Gott geliebt - beherzt - zusammen. Gott ist Liebe. Das spiegelt die Liebe zwischen Menschen wider. Ein Herz für die, die es schwer unter uns haben. Mit Hoffnung beherzt gehen wir die Aufgaben an, die vor uns liegen. In aller Meinungsvielfalt ‎ sind wir nur zusammen als Kirche in unserem Glauben authentisch.

 

Wie wollen Sie dazu beitragen, dass kirchliche Leitungspositionen verstärkt mit Frauen besetzt werden?

Schon jetzt habe ich in Kirchenleitung daran mitgewirkt, dass Führungspositionen unserer Kirche verstärkt mit Frauen besetzt werden. Zukünftig ist es wichtig, dass nicht nur viele Frauen Theologie studieren, sondern auch als Pfarrerinnen den Dienst in unserer Landeskirche beginnen. Dann kommen Frauen mehr als bisher in Leitungsverantwortung.

 

Wie wollen Sie als Bischöfin/Bischof die Einheit der Landeskirche befördern, nachdem ein tiefgreifender Dissens deutlich wurde bei der der Frage, ob homosexuelle Paare im Pfarrhaus leben dürfen. An der Kirchenbasis - in den Gemeinden - hält die Debatte an.

Als Bischof will ich mich in den Gemeinden dafür einsetzen, die Gewissensentscheidung anderer zu respektieren und die eigene Haltung so zu leben, dass es die ganze Kirche aufbaut. Es gibt zu dieser ethischen Frage unterschiedliche Haltungen. Aber auch eine gemeinsame Basis, die uns als Kirche trägt und verbindet. Nämlich der Glaube an Jesus Christus. Einheit bedeutet, dass Christen unterschiedlicher Meinung gemeinsam auf dem Weg bleiben. Dazu braucht es das gemeinsame Bibelstudium, gegenseitige Wertschätzung und viel direktes Gespräch miteinander. Und nicht zuletzt das Gebet.

 

Halten Sie am so genannten Leitbild von Ehe und Familie fest oder plädieren Sie dafür, eingetragene Lebenspartnerschaften, auch Pfarrerinnen und Pfarrer betreffend, völlig gleichberechtigt zu behandeln?

Unsere Kirche bejaht das Leitbild von Ehe und Familie ausdrücklich. Dazu stehe ich. Liebe, Treue und Hilfsbereitschaft leben auch gleichgeschlechtliche Paare. In der Sondersituation Pfarrhaus braucht es die Zustimmung der Gemeinde.


Tobias Bilz - Der Charismatische

Tobias Bilz, Jahrgang 1964, bis 2007 Jugendpfarrer im Bezirk Stollberg, seit 2009 Landesjugendpfarrer.

 

Was sehen Sie als die wichtigste Aufgabe der künftigen Bischöfin oder des Bischofs in Sachsen an?

Der Landesbischof bzw. die Landesbischöfin hat die Aufgabe, für die Einheit der Landeskirche zu stehen und diese durch seine/ihre Persönlichkeit bzw. seine/ihre Wortmeldungen zu befördern. Dazu gehört nicht nur, in Streitfragen zu vermitteln und immer neu einen Konsens herbeizuführen. Es ist genauso wichtig, die Kirche an ihre vier Grundaufgaben zu erinnern: Gott zu ehren, Gemeinschaft zu pflegen, der Welt zu dienen und die christliche Botschaft weiterzugeben.

 

Wie wollen Sie dazu beitragen, dass kirchliche Leitungspositionen verstärkt mit Frauen besetzt werden?

Ich beobachte, dass Frauen mit dieser Fragestellung ganz unterschiedlich umgehen. Deshalb muss mit ihnen gemeinsam überlegt werden, wie dieses Anliegen berücksichtigt werden kann. Mir kommt es so vor, als ob man Frauen mehr als Männer dazu ermutigen muss, sich selbst eine Führungsposition zuzutrauen. Es braucht mehr Offenheit für neue Formen der Amtsausübung.

 

Wie wollen Sie als Bischöfin/Bischof die Einheit der Landeskirche befördern, nachdem ein tiefgreifender Dissens deutlich wurde bei der der Frage, ob homosexuelle Paare im Pfarrhaus leben dürfen. An der Kirchenbasis - in den Gemeinden - hält die Debatte an.

Die Einheit wird nicht durch Übereinstimmung in einzelnen Lehrfragen erzielt. Es ist ein Markenzeichen der evangelischen Kirche, dass sie die kontroverse Debatte liebt. Der Landesbischof muss die Kirche daran erinnern, dass sie ihre Einheit dem Wirken des Heiligen Geistes verdankt und nicht in erster Linie menschlicher Bemühung. Zudem müssen wir uns der einheitsfördernden Fundamente unserer Kirche vergewissern. Dazu zählen der Glaube an Jesus Christus, die Taufe und das Glaubensbekenntnis. Darüber hinaus wächst die Einheit durch Gebet, Begegnung und Gespräch.

 

Halten Sie am so genannten Leitbild von Ehe und Familie fest oder plädieren Sie dafür, eingetragene Lebenspartnerschaften, auch Pfarrerinnen und Pfarrer betreffend, völlig gleichberechtigt zu behandeln?

Ehe und Familie sind für evangelische Christen ein tragfähiges Leitbild für das Zusammenleben. Darin unterscheiden wir uns nicht von weiten Teilen der Bevölkerung. Lebenspartnerschaften sollten dennoch nicht benachteiligt werden.


Carsten Rentzing - Der Konservative

Carsten Rentzing, Jahrgang 1967, promoviert, bis 2010 Pfarrer in Annaberg, seit 2010 in Markneukirchen.

 

Was sehen Sie als die wichtigste Aufgabe der künftigen Bischöfin oder des Bischofs in Sachsen an?

Angesichts der Herausforderungen, vor denen die Kirche in den nächsten Jahren steht, bedarf es einer Selbstvergewisserung des kirchlichen Auftrags und eines mutigen Ergreifens der Möglichkeiten zur Evangeliumsverkündigung, die sich uns heute bieten. Ermutiger muss der Landesbischof sein, denn "die Freude am Herrn ist eure Stärke" (Neh 8,10).

 

Wie wollen Sie dazu beitragen, dass kirchliche Leitungspositionen verstärkt mit Frauen besetzt werden?

Zunächst müssen kirchliche Leitungspositionen mit geeigneten Personen besetzt werden. Als Mann einer Pfarrerin weiß ich aus eigener Anschauung, wie segensreich die Ergänzung der Gabenprofile von Männern und Frauen ist. Arbeitsbedingungen in entsprechenden Positionen und die Lebenssituation von Frauen müssen zukünftig stärker aufeinander abgestimmt werden.

 

Wie wollen Sie als Bischöfin/Bischof die Einheit der Landeskirche befördern, nachdem ein tiefgreifender Dissens deutlich wurde bei der der Frage, ob homosexuelle Paare im Pfarrhaus leben dürfen. An der Kirchenbasis - in den Gemeinden - hält die Debatte an.

Das Problem für die Einheit der Kirche besteht nicht in theologischem Streit und unterschiedlicher theologischer Positionierung. Ein Problem entsteht da, wo wir uns nicht mehr gemeinsam unter Christus und das Wort der Heiligen Schrift stellen. Der theologische Streit darf und muss weiter ausgetragen werden in der Erwartung, dass uns unser Herr gemeinsam tiefere Erkenntnis schenken wird. Ansonsten gilt das apostolische Wort: "Lasst uns wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus." (Eph 4,15)

 

Halten Sie am so genannten Leitbild von Ehe und Familie fest oder plädieren Sie dafür, eingetragene Lebenspartnerschaften, auch Pfarrerinnen und Pfarrer betreffend, völlig gleichberechtigt zu behandeln?

Das Leitbild von Ehe und Familie ist vor dem Hintergrund der Heiligen Schrift für die Kirche Jesu Christi unaufgebbar. Andere Lebensformen müssen sich daran messen und unterscheiden lassen. "Prüft aber alles, und das Gute behaltet." (1. Thess 5, 21)

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4Kommentare
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    aussaugerges
    18.05.2015

    Es sollte heißen:::
    Aber nicht die in goldenen Badewannen sitzenden deutschen Bischöfe.

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    PeKa
    18.05.2015

    @aussaugerges, das sehe ich auch so, und gerade DESHALB bin ich in der Kirche.

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    aussaugerges
    17.05.2015

    Der Salvordanische Erzbischof """Romero """ (ermordet1980) ist für mich ein Vorbild und die mindestens 10 ermordeten Priester und Bischöfe.
    Aber nicht die in goldenen Badwannen sitzen deutschen Bischöfe....

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    PeKa
    17.05.2015

    Information an die Forumteilnehmer, die von meiner Seite aus als wertungsfrei zu betrachten ist:
    Im Januar 2012 wurde die Sächsischen Bekenntnis-Initiative gegründet.

    www.bekenntnisinitiative.de/index.php/de/start/7-gruendung-der-saechsischen-bekenntnis-initiative

    Sie gab nachfolgende Erklärung heraus:

    www.weiterdenken.de/sites/default/files/downloads/ErklaerungKirchgemeinden.pdf



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