Eine sportliche Großfamilie

Das Sportensemble Chemnitz feiert seinen 55. Geburtstag. Was einst als Sportwerbegruppe begann, hat sich zum einzigartigen Showensemble gemausert.

Chemnitz.

Der Zirkus ist da! So einer mit Akrobaten, Turnern, Hochradfahrern, Tänzern, Rhönradfahrern. Und einige fabrizieren Kunststückchen, bei denen man den Atem anhält. Na ja, zugegeben, es ist kein Zirkus. Aber es fällt einem nichts anderes ein, wenn man an diesem Nachmittag die Turnhalle der Gebrüder-Grimm-Schule auf dem Chemnitzer Kaßberg betritt. Junge Leute jonglieren mit Bällen, bunten Ringen, sogar mit Schuhen. Daneben sind Einradfahrer, Kinder am Minitrampolin und Akrobaten am Vertikaltuch in luftiger Höhe aktiv. "Im Gymnastikraum trainieren die Rollschuhfahrer und heute Abend kommen noch die Leiterakrobaten und die Truppe vom großen Trapez", klärt Michael Bischoff auf. Damit sind alle Sportarten genannt, die heute auf dem Trainingsplan des Sportensembles Chemnitz stehen. Aber nicht alle, die es in der Truppe gibt. Dazu kommen: Boden- und Gerätturnen, Kautschuk, Kunstradfahren, Rhönradturnen, Rope Skipping - eine besondere Art des Seilspringens - Sportakrobatik, Ringtrapez, Tanz und Vorschulturnen.

"Wer hätte gedacht, dass wir mal so groß werden?" Micha Bischoff lächelt und schaut eine Weile etwas nachdenklich dem Treiben zu: "Kein Vergleich zu damals", sagt er und meint damit die Anfänge vor 55 Jahren. Damals unter dem Namen Sportwerbegruppe. Eigentlich kein schlechter Name. Denn das Ensemble, eine Abteilung des TSV Einheit Süd Chemnitz, machte und macht eine tolle Werbung für den Sport.

Michael Bischoff ist der Insider, wenn es um das Ensemble geht. Kein Wunder, er ist von Anfang an dabei - mehr als 55 Jahre, denn die Geburtstagsfeier findet etwas verspätet statt. Der 67-Jährige war Aktiver, Übungsleiter und heute ist der gelernte Elektriker der ehrenamtliche Mann für alle Fälle. Er repariert, baut, weiß scheinbar auf alles eine Antwort. Auch darauf, wie es die Truppe geschafft hat, 55 Jahre durchzuhalten - über die Wende.

"Wenn wir nicht so eine dufte Mannschaft wären... Auch wenns abgedroschen klingt: Bei uns ist einer für den anderen da - wie in einer gut funktionierenden Großfamilie. Und die Familie gibt man nicht so einfach auf. Stimmts?", fragt er die Übungsleiterin, die gerade das Training mit den Einradfahrern beendet hat. Brigitte Stiehl schmunzelt: "Stimmt." Apropos Familie. Auch die beiden sind Familie, Eheleute. Kennengelernt haben sie sich, na klar, im Ensemble. Gitti, wie sie alle nennen, war 25 Jahre Chefin. Jetzt, mit 66, wo das Leben bekanntlich erst anfängt, ist sie Übungsleiterin im Ehrenamt. Sie erinnert sich an die Zeit der Wende. "Wir konnten doch nicht abwarten, so nach dem Motto: Mal sehen, was wird. Man muss vorwärts gehen, vor allem darf man nicht ängstlich sein." Nein, die beiden sind keine Freunde großer Sprüche. Aber erzählen, erzählen, können sie. Es war vier Wochen vor der Währungsunion. Da ist ein Teil des Ensembles zum Turnfest nach Dortmund gefahren. "Das war es doch: Turn- und Sportfeste, Spartakiaden, Weltfestspiele, da haben wir immer gezeigt, was wir drauf haben. Und wir haben Kontakte geknüpft, die geholfen haben. Das alles musste doch auch ,drüben' funktionieren." Mit 100 Mark Begrüßungsgeld, einem Trabant und einem Barkas, in dem die große Leiter verstaut wurde, ging es auf Reisen. In Dortmund verblüfften sie die Zuschauer. So ein Ensemble, das Sport mit künstlerischen Elementen vermischt und so mitreißende Shows auf die Bühne zaubert, kannte dort niemand. "Da ist uns bewusst geworden, dass wir ein Alleinstellungsmerkmal haben, nicht nur in Sachsen", so Bischoff.

Kontakte haben sie inzwischen viele geknüpft: Bei einem Auftritt lernten sie einen Sportprofessor von der Uni Konstanz kennen, Hartmut Riehel. Der war so begeistert, dass er die Truppe zum Trainingslager einlud. Seitdem geht es jedes Jahr nach Konstanz. Bei Auftritten im Saarland und im Stuttgarter Raum machten sie Bekanntschaft mit einer Gruppe Rope-Skipper beziehungsweise einer Berufsartistin. Seilspringer Eric Rupp und Artistin Katrin Engelhardt nahmen Einladungen an und gaben bei Workshops in Chemnitz ihre Erfahrungen preis - Leistungsgewinn für alle.

"Das klinkt heute alles so einfach, war es aber nicht. Wir haben schon Kraft und Nerven gelassen", sagt Brigitte Stiehl. Auch, als sie im Vorjahr den Staffelstab an Claudia Günther, studierte Sportwissenschaftlerin und Pädagogin, und, ja, einst Ensemblemitglied, übergeben wollte, musste sie Sportgeist beweisen und einige Hürdenläufe absolvieren. Sie hat Stadträten die Notwendigkeit des Postens erläutert, damit sie sich für dessen Erhalt aussprechen. "So einfach nebenbei kann man diese Arbeit nicht machen."

Die Sportler haben wirklich alle Register gezogen. So sind sie vor dem Entscheid im Stadtrat im Rathaus aufgetreten. Und: Die Stadtoberen haben sich zum Ensemble bekannt. "Es steht für eine ganz besondere Form des Sporttreibens", sagt Heiko Schinkitz, Präsident des Stadtsportbundes, und einst erfolgreicher Langstreckenläufer. "Kinder werden in vielfältiger Weise an den Sport herangeführt. Manches, was die Truppe heute bietet, ist Leistungssport." Nicht zuletzt erhält das Ensemble Unterstützung, da es, wie Schinkitz sagt, Sozialarbeit leistet. "Sie fahren in Trainingslager, die Kinder und Jugendlichen sind in ihrer Freizeit stets in guter Obhut", unterstreicht der Linken-Stadtrat und verrät, dass er vor "langer Zeit" selbst Mitglied war. "Da ist meine Liebe zum Sport gewachsen", gibt der 59-Jährige zu.

Als Stadtsportbund-Chef will er noch etwas hervorgehoben haben: "Das Ensemble repräsentiert die Sportstadt Chemnitz weit über ihre Grenzen hinaus - auf höchstem Niveau." Bestes Beispiel: Die Rope-Skipping-Weltmeisterschaft im Vorjahr in Paris. Drei Gold- und drei Silbermedaillen brachten die Sportlerinnen mit nach Chemnitz.

Mittlerweile trainieren in der Truppe rund 300 Mitglieder im Alter zwischen drei und 30 Jahren. "Ich kann so viele Sportarten ausprobieren- einmalig", sagt Lisa Marie Morgenstern. Und wie sie sich ausprobiert: am Rhönrad, am Trapez, bei der Akrobatik und der Tuchakrobatik. Sie gehört mit ihren 20 Jahren zu den Übungsleitern. "Ja, bei uns kommt der Nachwuchs aus den eigenen Reihen. Ein- bis zweimal im Jahr schicken wir jemanden zur Ausbildung", sagt Chefin Günther. Das war auch bei Tom Schlemmel, Isabell Kunze und Antonia Walther so, die heute mit ihren Schützlingen beim Üben sind. "Manchmal höre ich: Dreimal Training die Woche, das ist doch extrem! Ist es nicht. Ich treffe mich schließlich mit Freunden, die das gleiche Hobby haben. Das schweißt zusammen", sagt Isabell.

Lisa Marie ist acht Jahre im Ensemble. Heute hat sie ihre Mädchen von der Tuchakrobatik zusammen. Luzie, Frieda, Flora und Vanessa sind stolz. Schließlich traut sich nicht jeder, am Tuch hoch überm Boden Kunststücke zu vollführen. Nur einen Haken gibt es: Sie würden ihr Können öfter bei Auftritten zeigen. "Aber das Tuch muss an einer Decke aufgehängt werden. Das geht eben nicht überall. Deshalb hat die Übungsleiterin auch Hochachtung davor, dass die Mädchen bei der Stange, pardon, am Tuch bleiben.

Als sich vor einem reichlichen halben Jahrhundert ein paar Sportenthusiasten zusammenschlossen und die Sportwerbegruppe Karl-Marx-Stadt gründeten, hat wohl niemand geahnt, dass das die Geburtsstunde eines großen Show-Ensembles sein sollte. Mittlerweile haben sozusagen vier Generationen die Geschichte des Ensembles fortgeschrieben. Denn viele Eltern und Großeltern der Mitglieder waren selbst in der Truppe aktiv. Die meisten Ehemaligen werden sich nächstes Wochenende die große Geburtstagsshow der Truppe "Ein Turnschuh kommt selten allein", im Opernhaus anschauen.

"Ein Ehemaligentreffen gibt es alle fünf Jahren. Wir haben es uns noch nie entgehen lassen - bei so einer Supertruppe", sagt Kirsten Pelz aus Frankenberg. Wir, dazu gehören auch die Schwestern Carola und Nicole, die extra von der Ostsee beziehungsweise aus Berlin kommen. Beim Treffen werden sicher viele Kindheits-Geschichten die Runde machen - wie das eben so ist, in einer Großfamilie.

www.sportensemble.de

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