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"Das geilste Moped der Welt!" Klaus-Dieter Lindeck (l.) mit Heritage Softail (1550 ccm/78 PS/350 kg) und Eberhardt Grohmann mit Street Glide (1690 ccm/85/368 kg).

Foto: Jürgen Lösel

Erste Harley Days im Osten: In Stahl gegossene Potenz

In Dresden trifft sich Anfang August die Bikerszene - zu den ersten Harley Days im Osten. Tausende Maschinen werden erwartet. Was ist dran am Mythos Harley?

Von Katrin Saft
erschienen am 17.07.2017

Dresden. Beim Spielzeug des Mannes ist die Farbe egal. Hauptsache Schwarz! Wie in einem Freiluftmuseum stehen die Harleys am Schillergarten in Dresden aufgereiht: die Street Glide mit der martialischen Kanzel, die Heritage mit den nietengespickten Koffern und die chromblitzende Sportster, in deren Auspuffrohren die Sonne tanzt. Bis zu 102 Pferdestärken auf zwei Rädern rollen hier jeden Dienstag vor. In Stahl gegossene Potenz. Es ist Stammtischzeit beim Harley-Chapter Dresden. Küsschen rechts, Küsschen links. Echte Bikes verbinden.

Chapter-Vorstand Klaus-Dieter Lindeck ist in Dresden bekannt wie ein bunter Hund. Im offiziellen Leben organisiert er das Stadtfest für eine halbe Million Menschen. Doch wenn er abends auf seiner Harley zum Stammtisch fährt, trägt er Schwarz, was sonst? Lederhose, aufgekrempeltes Hemd, Pilotenbrille und Kutte, wie die traditionelle Biker-Weste heißt. Der gestickte Adler auf dem Rücken ist ein weltweites Zeichen: Ich gehöre zur Familie der Harley Owners Group.

Lindeck, den alle kurz KDL nennen, hat druckfrische Flyer dabei. Sie künden von den ersten Harley Days im Osten. Das Kultevent, für das Biker europaweit anreisen, soll nach Hamburg nun auch in Dresden etabliert werden - in der Rinne im Ostragehege. Premiere ist vom 4. bis 6. August. "Das Programm steht", sagt KDL feierlich. "Haudegen und Black Rosie rocken. Es gibt Bullriding, Wrestling- und Strongman-Shows. Eintritt gratis." Er suche jetzt noch Freiwillige aus dem Chapter, die mit ihrer Maschine Probefahrer auf den neuesten Modellen begleiten. Drei Männer melden sich. Es soll raus in Richtung Sächsische Schweiz gehen, damit Fremdbiker die Faszination Harley unterm eigenen Hintern spüren können. Doch was macht sie eigentlich so besonders, die legendäre Harley?

Keine andere Motorradmarke schafft es, so zu polarisieren: Entweder man hasst oder man verfällt Harley. BMW-Fahrer rümpfen schon mal die Nase über die alten Männer auf technisch antiquierten Eisenschweinen. Und für die jungen Wilden auf ihren asiatischen Rennmaschinen sind Harleys oft überbezahlte Relikte mit viel Hubraum, aber zu wenig Geschwindigkeit.

Wenn KDL "das geilste Moped der Welt" beschreiben soll, drückt er auf den Anlasser. Ein tiefes Blubbern erklingt, der unverwechselbare Sound, der für Harley-Fahrer Musik ist. Kein schrilles Kreischen oder Aufheulen des Motors, wenn er am Gasgriff dreht. 108.000 Kilometer hat Lindeck auf seiner Heritage Softail schon zurückgelegt - von Dresden bis nach Mallorca, über Schotterpisten in Südafrika und mitten durch die russische Pampa, wo Polizisten nicht abkassieren, sondern neugierig fragen kommen: Was wiegt die denn? "340 Kilo." Wie lange putzt du an der denn? "Eine Stunde plus x."

Für den Harley-Fahrer ist der Weg das Ziel. Dabei geht es ihm nicht um Tempo, sondern um Genuss und Lebensfreude. Stolz und aufrecht sitzt er auf seinem Bock - und will gesehen werden. Er bewundert den Klatschmohn am Straßenrand, inhaliert den Geruch von frisch gemähtem Heu, spürt die angenehme Kühle einer Allee an einem heißen Sommertag. Statt mit anderen Herstellern um den technologischen Fortschritt zu konkurrieren, hat Harley-Davidson den Erlebniswert seiner Maschinen in den Mittelpunkt gerückt. "Bei uns kaufst du ein Lebensgefühl - das Motorrad bekommst du kostenlos dazu", heißt ein Werbeslogan. Und der zieht. Die Marke riecht nach Abenteuer. Am Stammtisch im Dresdner Schillergarten werden Geschichten getauscht: Von der Route 66, die heute eine Holperpiste sei. Vom Marlboro-Felsen, der in Echt genauso rötlich in der Abendsonne leuchte wie im Kino. Oder von Haarnadelkurven in den Alpen, so tückisch, dass die Maschine fast umgekippt wäre.

Diejenige, die das Lebensgefühl in Sachsen verkauft, will so gar nicht ins Bikerklischee passen. Sibylle Thomas-Göbelbecker ist eine zierliche blonde Frau und immer top-modisch gekleidet. Ihr Büro befindet sich in einem gläsernen Autohaus in Radebeul. Die Fahrzeuge darin haben mit Harley eines gemein: Die Farbe ist egal. Hauptsache Rot! Neben Ferrari vertreibt Thomas-Göbelbecker noch andere teure Männer-Träume wie Rolls-Royce, Bentley, Aston Martin und Maserati. "Da passte Harley einfach dazu", sagt sie. 2008 eröffnete sie den Shop in Dresden-Radebeul, 2013 in Chemnitz und voriges Jahr in Leipzig. Über mangelnde Nachfrage kann sich die Geschäftsfrau nicht beklagen. Gerade lässt sie in Radebeul eine neue, größere Werkstatt bauen. "Wir verkaufen etwa 370 Harleys im Jahr", sagt Thomas-Göbelbecker, "Gebrauchtfahrzeuge nicht mitgerechnet." Die Bikes kommen aus den USA ins europäische Zentrallager in Rotterdam. Von dort dauert es bis Sachsen zwei Wochen - so das Modell lieferbar ist. Einige Biker aus dem Harley Chapter mussten auf ihre Maschine Monate warten.

Chapter heißen die an den Händler angeschlossenen Klubs, die das Harleygefühl gemeinschaftlich ausleben. Drei davon gibt es im Freistaat: Dresden, First Sachsen in Leipzig und Westsachsen in Chemnitz. Die Ostsachsen fahren zumeist im First Lausitz Chapter Spremberg mit. Eberhardt Grohmann hat vor 21 Jahren das Dresden-Chapter mitgegründet. Heute ist er der Präsident. Am Stammtisch verliest er die nächsten Termine: "Hochzeits-Convoi, Benefiztour für den Blinden- und Sehschwachenverband, Sonntagsausfahrt zum Butterberg." Jeder kann, keiner muss. Alle kennen die Regeln auf der Straße und fädeln sich artig im Reißverschlussprinzip ein: einer fährt außen, der Nächste versetzt innen. Das ist sicherer und hilft, geschlossen über die Kreuzung zu kommen. Im Chapter existieren keine Standesunterschiede zwischen Arbeiter und Akademiker. "Das dürfte einmalig in der Szene sein", sagt Eberhardt, Spitzname Ebs. Um den Hals trägt er eine Gliederkette mit einem silbernen Schwein. Ebs ist Fleischer von Beruf.

Viele Schillergarten-Besucher beobachten die Biker an ihrem Stammtisch neugierig, einige aber auch skeptisch. Dabei haben die Chapter nichts mit den berüchtigten Motorrad-Clubs gemein. Die Totenschädel, die manche auf ihren Kutten oder Siegelringen tragen, sind Glücksbringer. Wenn der Tod schon da ist, kann unterwegs nichts mehr passieren, hoffen sie. Die Aufnäher und Anstecker auf den Kutten gleichen Trophäen und erzählen von den abgefahrensten Touren.


 

Wer im Chapter mitmachen will, muss eine eigene Harley besitzen und eine mindestens einjährige Probezeit bestehen. Die teuerste Maschine kostet mit knapp 42.000 Euro so viel wie ein gehobener Mittelklassewagen - eine CVO limited, ein sonderlackierter Reisedampfer. "Für An- und Umbauten kann man dann gut und gerne noch mal 10.000 bis 20.000 Euro drauflegen", sagt Präsident Ebs. Denn keine andere Motorradmarke ist so individualisierbar. Der Wettbewerb um das schönste Gesamtkunstwerk gleicht einem Muskelspiel und ernährt inzwischen eine ganze Industrie: Elektrische Auspuffanlagen und Ape-Lenker wie bei Easy Rider, fette Hinterradreifen oder mit Kuhfell bespannte Sitze - fast alles lässt sich nachrüsten, bis an die Grenze der Zulassungsfähigkeit. Präsident Ebs hat seine mattschwarze Street Glide noch schwärzer gemacht und diverse Chromteile ausgetauscht. Das teuerste aufgerüstete Bike, das Sibylle Thomas-Göbelbecker jemals verkauft hat, ging für 70.000 Euro an einen Autohausbesitzer weg. Die schwarze Road Glide tourt jetzt mit Zwei-Liter-Motor und 145 Pferdestärken durch Sachsen.

Die Preise erklären, warum so wenige junge Menschen Harley fahren. Auch das Dresden-Chapter wünscht sich Nachwuchs. Zwar soll eine neue Baby-Harley namens Street den Einstieg erleichtern. Sie beginnt "schon" bei 7500 Euro. Doch viele sparen lieber jahrelang darauf, sich den Traum von einer typisch luftgekühlten Harley zu erfüllen. So wie Chapter-Mitglied Peter Kadner. "Mit 14 hatte ich mein erstes Moped", erzählt er am Stammtisch seine Geschichte. "Bei 250 Kubik war in der DDR ja dann Schluss." Kadner, heute 50, fährt Busreisende durch Europa. Kein besonders gut bezahlter Job. "Als ich 2006 meine erste Harley gebraucht bei eBay ergattert hatte, konnte ich an nichts anderes mehr denken", erinnert er sich. "Egal, wen du auf einer Harley triffst: Du verstehst dich gleich, du gehörst dazu, du hilfst Dir untereinander." Das sei das Schöne.

Aus 250 Kubikzentimeter Hubraum sind inzwischen mehr als 1700 geworden. Für Kadner ein Zugewinn an Freiheit. Seine Frau Bettina begleitet ihn auf seinen Touren mit der Electra Glide - ein bequemer Tourer mit Soundsystem und Armlehnen für die Beifahrerin. "Ich wollte immer einen echten Mann", sagt sie, "und keinen, der wie ein Frosch auf der Gießkanne hängt." Nur wenige Frauen im Chapter fahren selbst. 300 bis 400 Kilo Leergewicht zu rangieren, ist nicht wirklich Mädchensache. Denn anders als die Goldwing von Honda besitzt eine Harley keinen Rückwärtsgang.

Die meisten Motorradhersteller haben versucht, eigene Retro-Bikes rauszubringen und das Erfolgsmodell von Harley-Davidson zu kopieren. Das Rückbesinnen auf alte Werte kommt an. Doch keiner hat es fertiggebracht, dass sich seine Kunden so sehr mit der Marke identifizieren - bis ins Private hinein. Harley-Fahrer lassen ihre Maschine schon mal im Wohnzimmer überwintern, sie fahren darauf zur Hochzeit. Und sie tragen Shirts, Hosen und Jacken mit dem Firmenlogo, auch wenn die Teile oft überteuert sind. Die Story von William Harley und Arthur Davidson stärkt den Glauben daran, dass alles möglich ist: zwei Freunde, die vor 114 Jahren in einer Bretterbude in Milwaukee mit Schrauben begannen und einen Weltkonzern aus der Taufe hoben. Das Motorenprinzip ist unverändert geblieben: ein mächtiger V-Twin, wie er heute noch in der Heritage von Klaus-Dieter Lindeck blubbert.

Wie viele Fans zu den ersten Dresden Harley Days anrollen, kann KDL nur schätzen: "4000 bis 5000 Biker vielleicht, je nach Wetter, und 20.000 Besucher dazu." Die Idee für das von Harley lizenzierte Event stammt von einer Firma aus Zwickau - der All in one Event GmbH. "Wir organisieren Catering und Logistik für große Festivals", sagt Geschäftsführer Sven Kunze, "und sind leidenschaftliche Harley-Fahrer." Angesichts der Dimension hat sich Sachsens Harley-Händlerin mit eingeschaltet. KDL unterstützt sie mit seinem Netzwerk.

Das Programm, das Lindeck am Stammtisch vorstellt, folgt dem Schema europaweiter Bikerfeste: eine Bühne mit Livemusik, diverse Shows, Händlermeile, Customizer, Tattooarea, Streetfood und Campground. Unter Harley-Fahrern ist selbst die Sprache very amerikanisch. Highlight soll die Harley-Davidson-Parade am Sonntag durch Dresden werden: 26 Kilometer vorbei an Zwinger, Semperoper und VW-Manufaktur. Die Polizei hat die Anzahl der Bikes auf 300 begrenzt. Ihr Sound wird sich wie ein Teppich über die Altstadt legen.

KDL will seine Heritage Softail für das Spektakel auf Hochglanz polieren. "15 Jahre ist sie jetzt alt - und hat mich noch nie im Stich gelassen", sagt er. Trotzdem liebäugelt er manchmal mit einer neuen Maschine. Technisch hat sich bei Harley-Davidson einiges getan. Vergessen die Qualitätskrise in den 70ern. Vorbei auch die Zeiten, als der Harleyfahrer daran zu erkennen war, dass er mit schwarzen Fingern winkend am Straßenrand stand. "ABS wäre schön, Integralbremse und Navi natürlich auch", sagt Lindeck. Das künftige Modell stehe noch nicht fest. Die Farbe schon: Hauptsache Schwarz!

www.dresdenharleydays.de

 
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