Eskalation im Erstaufnahme-Lager

Bis zu 300 Menschen beteiligten sich an einer Schlägerei mit Holzlatten und Steinen - Die Lagerunterbringung bei zu großem Zustrom ist problematisch - auch für die Notfallmediziner.

Chemnitz/Schneeberg. Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Polizei nicht Einsatzkräfte bündeln und zu Schlägereien in Asylbewerbereinrichtungen ausrücken muss. Einer der größten Vorfälle ereignete sich am Dienstagabend in der Erstaufnahmeeinrichtung Schneeberg. Auf dem einstigen Bundeswehrgelände stehen 840 Plätze zur Verfügung. 776 sind belegt. Während die Landesdirektion dort bisher vor allem Familien unterbrachte, musste angesichts täglicher Zustromzahlen im dreistelligen Bereich von diesem Vorgehen abgewichen werden. Die Einrichtung ist rund um die Uhr von einem privaten Wachschutz bewacht, der bei größeren Auseinandersetzungen die Polizei alarmiert.

Am Dienstag sollen zwei Gruppen von je 30 Albanern und Eritreern aufeinander losgegangen sein. Warum ist noch unklar. Als die Polizei eintraf, die 20 Beamte zusammenzog und Unterstützung der Direktion Zwickau erbat, waren etwa 300 Asylbewerber in die Schlägerei verwickelt. Einige Männer seien im Gelände mit Steinen und Latten aufeinander losgegangen, sagt Polizeisprecher Rafael Scholz. 13 Beteiligte seien verletzt worden, fünf mussten in die Klinik. "Zehn Verdächtige sind uns bekannt. Gegen sie wird wegen Landfriedensbruchs ermittelt." In Haft genommen wurde indes nur einer - für eine Nacht.

Der in Schneeberg tätige Koordinator für Asylarbeit, Michael Beyerlein, war nicht verwundert über die Eskalation. Hunderte Menschen verschiedenster Kulturen und Nationen zusammengepfercht auf kleinstem Raum und zum Nichtstun verdammt - da seien Gewaltausbrüche keine Überraschung. In Chemnitz-Ebersdorf ist das angesichts der großen Zahl ankommender Männer an der Tagesordnung. Nachdem es am Montag bei der abendlichen Essensausgabe zu einer Schlägerei unter 40 Personen kam, war 24 Stunden später der nächste Großeinsatz notwendig. 30 Männer schlugen aufeinander ein, darunter Asylsuchende aus Pakistan, Tunesien und Tschetschenien. Die Polizei warnt seit geraumer Zeit vor einer Eskalation der Gewalt - wegen der mit dem Zustrom von Flüchtlingen einhergehenden Überfüllung der Erstaufnahmen. In der Zeit des Ramadan verschärften die Fastenregeln die Situation noch. Zwischen Sonnenauf- und -untergang dürfen Muslime weder essen noch trinken, was für einige Anspannung bedeutet. In der Vorwoche war es in Chemnitz bei der Essensausgabe zu einer Schlägerei gekommen, weil sich Wartende in der Schlange vordrängten.

Nach Angaben der Landesdirektion kamen 2015 bis Juni mehr als 8200 Asylsuchende nach Sachsen. Die Kapazitäten für die Erstaufnahme in Chemnitz mit 798 und Schneeberg mit 840 Plätzen reichen nicht mehr. In Leipzig und Dresden vorgesehene Einrichtungen sind noch nicht fertig. Deshalb wurden Ausweichquartiere in Böhlen (183), Görlitz (136), Grillenburg (80), Meißen (160) und Freital (280) eingerichtet. Die Probleme löst das nicht.

Während die Stadt Chemnitz in ihre eigene Obhut überantwortete Asylbewerber zu fast 80 Prozent dezentral, also in Wohnungen, unterbringt und damit seit Jahren gute Erfahrungen macht, ist solches Vorgehen bei der in freistaatlicher Zuständigkeit liegenden Erstaufnahme nicht möglich. Laut Asylverfahrensgesetz müssen sich Bewerber mindestens sechs Wochen, aber höchstens drei Monate in einer zentralen Erstaufnahmeeinrichtung aufhalten. "Der Gedanke war, dass die Wege kurz sein sollen", sagt Christiane Germann, Sprecherin des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Nürnberg. Ihre Behörde unterhalte in jeder Einrichtung mit über 500 Plätzen eine Außenstelle, um Asylanträge zu bearbeiten. Angesichts der momentanen Überlastung der Heime habe man im Vorjahr die Mindestverweildauer oft nicht einhalten können und viele Asylbewerber vor Ablauf von sechs Wochen weiterverteilt.

"Das ganze System knirscht gewaltig", sagt Bernd Mesovic, zweiter Geschäftsführer der bundesweit aktiven Organisation Pro Asyl. "Natürlich bringt dezentrale Unterbringung weniger Probleme mit sich, aber die ist für die Erstaufnahme nicht vorgesehen. Deswegen kann das Problem dort nur durch drastisches Aufstocken der Bearbeiter gelindert werden, damit man die Verfahren schneller abarbeitet." Bisher sei die Haltung der meisten Asylbewerber gewesen: "Drei Monate halte ich die lagerartige Unterbringung schon aus." Doch je mehr Menschen auf engstem Raum untergebracht seien, desto mehr verschärfe sich die Situation. "Es gibt keine Privatsphäre mehr, und das auch bei Leuten, die schwer traumatisiert sind, sei es durch Folter oder andere Gewalt, die auf der Flucht sahen, wie Mitreisende ertranken, die zusammengeschlagen oder erpresst wurden." Wenn da wegen der Platznot derzeit noch Gruppen auf dem gleichen Gang untergebracht seien, die sich ohnehin spinnefeind sind, provoziere das eine Eskalation.

 Von Gabi Thieme und Jens Eumann  (mit juef)


 Doppelt so viele Flüchtlinge

Die Zahl der Flüchtlinge, die übers Mittelmeer kommen, steigt laut UN weiter. Für die zweite Jahreshälfte erwarte man doppelt so viele Menschen wie im ersten Halbjahr, sagte UN-Flüchtlingskommissar António Guterres in Genf. Laut Flüchtlingshilfswerk wurde im ersten Halbjahr die Rekordzahl von 137.000 Flüchtlingen und Zuwanderern verzeichnet, die mit Booten in Italien oder Griechenland ankamen. Griechenland hat Italien als erstes Ziel in Europa abgelöst. Dank des Einsatzes von Rettern sei die Zahl Ertrunkener zurückgegangen. Im ersten Halbjahr kamen 1867 Menschen bei der Überfahrt ums Leben. (dpa)


 Als Notarzt nur mit stichsicherer Schutzweste ins Heim

Chemnitz. Immer wieder geraten in sächsischen Asylunterkünften widerstreitende Volksgruppen aneinander und sorgen damit für Schlagzeilen. So prügelten im September 2013 Tschetschenen und Nordafrikaner in der Chemnitzer Erstaufnahmeeinrichtung aufeinander ein. Am Ende der Auseinandersetzung gab es 21 Verletzte, zwei von ihnen schwer, sowie einen hohen Sachschaden. Ein vermeintlicher Rädelsführer wurde im März von einem Gericht in Chemnitz verurteilt.

Notärzten der Region ist dieser Vorfall noch gut in Erinnerung. Es war der bisher größte Gewaltausbruch unter Asylbewerbern in Sachsen. Bei einem derartigen Massenanfall von Verletzten bei einer völlig unüberschaubaren Lage werden Szenarien für Großschadensereignisse hochgefahren. Das war auch in der Nacht zu Mittwoch in Schneeberg der Fall, wie der Leitende Notarzt Axel Schneider bestätigte, der als Oberarzt am Helios-Klinikum Aue arbeitet. Im Einsatz waren drei Rettungswagen mit Besatzung, sagte gestern Wolfgang Niederstrasser, der Ärztliche Leiter Rettungsdienst im Rettungszweckverband Chemnitz/Erzgebirge. Fünf der verletzten 13 Männer mussten aufgrund ihrer Verletzungen in Krankenhäuser gebracht werden. "Prellungen, eine Schnittverletzung", sagt Niederstrasser. "Nichts Gravierendes."

"Solche Einsätze in der Erstaufnahmeeinrichtung von Chemnitz sind inzwischen nicht mehr ohne", erzählte der Chemnitzer Notarzt Thomas Morgner. "Mein Team und ich, wir gehen nur noch mit schuss- und stichsicheren Westen in die Heime. Bei jedem Einsatz", sagt er. Diese Westen gehören inzwischen zur Standardausrüstung. Bei den notärztlichen Einsätzen überwiegt die Versorgung von "normalen" Erkrankungen deutlich die schlagzeilenträchtigeren Blaulichtfahrten zu Handgreiflichkeiten. Aber selbst bei scheinbar normalen Einsätzen gab es schon Drohungen oder Wortgefechte. "Deshalb geht die ganze Notarztwagenbesatzung in Schutzwesten und nur in Begleitung von Wachmännern rein", so Morgner. Anschließend müssen alle Asylbewerber außer dem Betroffenen den Raum verlassen. "Erst dann können wir uns wirklich auf den Kranken konzentrieren."

Auch Notarzt Bodo Albrecht aus Chemnitz hat seine Erfahrungen gemacht und bleibt ebenfalls vorsichtig. "Im Zweifel bleibe ich außerhalb des Heims und lasse mir den Kranken rausbringen", sagt er. Bei Schlägereien gehe er prinzipiell nicht auf das Gelände der Erstaufnahmeeinrichtungen. "Selbstschutz geht vor Fremdschutz - diesen Grundsatz kennen alle Notärzte", sagt er. Es gebe tatsächliche eine spürbare Zunahme von Notarzteinsätzen in den Heimen, schätzt auch er ein, aber vor allem wegen tatsächlicher Erkrankungen und psychischer Krisen, wenn beispielsweise Asylbewerbern die Abschiebung droht.

 Von Uwe Kuhr

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6Kommentare
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  • 2
    2
    Interessierte
    04.07.2015

    Wer bezahlt denn die Unkosten und Versorgung der Flüchtlinge in den 2 Erstaufnahmelagern in Chemnitz und in Schneeberg ?
    Übernimmt das der Freistaat - oder muß das Chemnitz bestreiten ?

    Dann wären wir neben den für Chemnitz prozentualen Aufnahmen in Bernsdorf / Altendorf / Kappel ... etc. 3x belastet ....

    Im Westen hat die Stadt , wo das Erstaufnahmelager steht , keine weiteren Unterkünfte ..

    Und wie ist denn das in Halberstadt ?
    Haben die zusätzlich noch prozentuale Flüchtlinge ?
    .
    http://www.volksstimme.de/nachrichten/sachsen_anhalt/1406244_Zentrale-Anlaufstelle-fuer-Asylbewerber-ZASt-in-Halberstadt.html
    ( und warum muß Bremen nur 1 % nehmen ?

    http://www.mz-web.de/mitteldeutschland/anlaufstelle-fuer-asylbewerber-in-halberstadt-ankunft-im-neuen-leben,20641266,29562452.html
    ( haben die DDR-Klopapier ?

  • 2
    1
    Soundnichtanders
    04.07.2015

    Lasset die Kindlein zu uns kommen! Die Erde schafft sich ab. Wenn nur noch Müßiggänger durchgefüttert werden sollen werden selbst die Müßiggänger irgendwann keinen Ansprechpartner mehr finden!

  • 10
    2
    gelöschter Nutzer
    02.07.2015

    es bedarf großer Naivität, darauf zu vertrauen, dass diese Gewalt sich nicht in Kürze auch gegen deutsche Bürger richten wird. Sei es aus reinem Aggressionspotential, sei es durch eingeschleuste Terroristen. http://www.welt.de/politik/ausland/article143186475/Das-naechste-grosse-Schlachtfeld-ist-Europa.html
    Bis 2050 wird mit 950 Millionen wanderungswilligen Afrikanern gerechnet.
    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/zehn_einsichten_an_denen_europa_nicht_vorbeikommt
    Und die islamistische Hetze findet in Deutschland statt:
    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/ein_mitarbeiter_des_is_stellt_sich_vor
    Nette Aussichten.

  • 10
    1
    norbertfiedler70
    02.07.2015

    Auch wenn es Erklärungen für die Gewalt gibt, kann diese nicht toleriert werden. Es gibt auch keine Ausreden wie Ramadan, Langeweile, verfeindete Gruppen. Ramadan kann unterbrochen werden, wenn die Umstände nicht entsprechend sind. Langeweile muss nicht sein, die Asylbewerber können sich mit Lernen beschäftigen - Sprache, Umgangsformen, Kultur. Verfeindete Gruppen - wie das? Das sind doch angeblich Flüchtlinge, die vor Gewalt und Tod geflohen sind. Wie können darunter Menschen sein, die verfeindet sind und dabei ihre Konflikte mit Gewalt lösen? Es hilft diesen Menschen dann keine Flucht irgendwo hin, wenn diese ihre Gewaltprobleme mit auf die Flucht nehmen.

  • 14
    1
    saxon1965
    02.07.2015

    Alles was geschrieben steht von traumatisierten Menschen, Überbelegung ect. stimmt. Aber ansonsten belegen doch diese Geschehnisse ganz deutlich, was passiert, wenn sich "spinnefeinde" Volksgruppen begegnen. Menschen, die von uns Toleranz, Mitgefühl und Sozialleistungen einfordern und selbst nur ihre Weltanschauung gelten lassen. Meine Meinung ist, dass hier viel schneller, viel radikaler ausgesiebt/ausgewiesen werden muss!

  • 18
    1
    Zschorler
    02.07.2015

    Zuerst ein kleines Lob für die FP: Die Schilderung ist nicht so weichgespült wie anderswo bzw. früher in der Zeitung, man scheint die tatsächlich vorhandenen Probleme nun wirklich erkannt zu haben und auch ernsthaft und kritisch darüber zu berichten. Noch vor 2 Wochen war alles im grünen Bereich, keine Probleme, kaum etwas darüber zu lesen. Nun ist es "beinahe täglich" auf der Agenda, die Polizei hier mit einzuschalten. Das erstmal dazu.
    Was beinahe nebenbei hier mit geschrieben ist, und ich denke hier liegt auch ein guter Teil des Unverständnisses, was die "Gegner" der Einwanderung bewegt, ist die Tatsache der Herkunftsländer: Pakistan, Tunesien (stolz als demokratisiert in der Medien dargestellt), Tschetschenien, Albanien, Eritrea. Fällt hier was auf? Wir alle möchten Bürgerkriegsflüchtlingen helfen, das ist unsere verdammte Pflicht, aber WO sind die denn? Syrer, Sudanesen, Opfer des Boko Haram-Terrors stelle ich mir in unseren Einrichtungen vor, hier muss geholfen werden. Aber Albanien? Was ist dort los, schweigt sich die Presse über einen Bürgerkrieg auf dem Balkan aus oder was? Das verstehe ich nicht, hier kann ich keine Notwendigkeit der Hilfe erkennen.
    Und noch etwas: Wenn jemand nach D kommt, und denkt er muss hier seinen Ramadan durchziehen, dann kann er das machen, mir eigentlich gleich. ABER das auch nur im Entferntesten als Rechfertigung für Gewalt jedweder Art zu sehen, geht schon sehr weit. Und warum die festgestellten Redelsführer nach 1 Nacht wieder frei sind ist mir auch schleierhaft - Die KAsenre in Schneeberg bietet viele zellenähnliche Räumlichkeiten.
    Viele Grüße aus Zschorlau



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