Werbung/Ads
Menü
Andreas Martin, der einstige "Sauensäger", hat sich mit Blockhausen einen Rückzugsort geschaffen, und zugleich ein Touristenziel. Deshalb sorgt Martin dort immer wieder für Belebung - am Pfingstwochenende mit einer Weltmeisterschaft der Kettensägenschnitzer.

Foto: Eckardt Mildner

Im Sehnsuchtswald

Auf einem Hügel unter Fichten steht Andreas Martins Lebenswerk: Blockhausen. Wenn es still ist, wirkt es wie aus der Zeit gefallen. Aber manchmal flippen sie aus im Paradies. Und Martin lässt die Kettensägen kreisen.

Von Ronny Schilder
erschienen am 02.06.2017

Mulda. Jetzt in seinem sechzigsten Lebensjahr fand Andreas Martin die Muße, seine Geschichte einmal aufzuschreiben. Er lässt eine Fledermaus von sich erzählen - von dem Förster, der einen Tempel des einfachen Lebens errichtet hat, um die Menschen zur Natur zurückzuführen. Mit Heubett, Feuerplatz und Badezuber.

Die Idee mit der Fledermaus mag Martin gekommen sein, als er auf dem Balkon übernachtete, wie er das immer wieder einmal macht, selbst wenn es schneit. An wärmeren Abenden schaut er mit langsam erschlaffenden Lidern dem Nachtgetier zu, wie es aus seinem Unterschlupf ausschwärmt, und denkt über das Leben nach.

Auf diesem Balkon stehend, wandert der Blick bei Tag zum Bienenstand hinunter und dann über sattgrüne, unverbaute Wiesen hinauf bis zum Horizont. Der Buchdeckel von Martins Fledermausgeschichte - "Blockhausen. Magie in Holz" - zeigt eine noch stärker romantisierte Ansicht des Ortes. Wald, Hütte, Lagerfeuer und darüber der gleißende Mond, der alles in dunkles Blau hüllt wie in einen Mantel aus Samt. Von Romantik erzählt diese Zeichnung, von Sehnsucht und von Nostalgie. Womöglich sieht es ganz ähnlich in Andreas Martins Seele aus.

Was ist Blockhausen? Ein Hirngespinst? Nur eine Geschäftsidee, wie mancher Erzgebirger argwöhnt, der von Haus aus "zammnemmsch" und ein bisschen misstrauisch ist? Oder doch eine Sehnsucht, ein Refugium, ein Lebenstraum?

Auf dem Weg nach Blockhausen bleibt der Wagen unten vorm Zauberwald stehen, hinauf geht es zu Fuß. Je weiter man steigt, um so mehr geschnitzte Fabelwesen schälen sich aus den Stämmen des Waldes und geleiten den Gast. Beim Hirschkäfer wird rechts abgebogen. Hier würden sogar Harry-Potter-Gestalten den Weg weisen können, wenn Martins Bitte um Erlaubnis von der Filmfirma erhört worden wäre. Aus Pottermore kam keine Antwort. Trotzdem sieht es so aus, als läge um die nächste Ecke Hogwarts und nicht Brand-Erbisdorf.

Das größte Blockhaus auf der Lichtung wirkt wie ein Palast: mit Glockenturm und Außentreppen. Eine Heerschar geschnitzter Gestalten umkreist das Anwesen und hält es zusammen. Drinnen hat es Gasträume und Fremdenzimmer, samt einer Hochzeitskammer, in der geschnitzte Uhus probelieben.

Ein anderes Blockhaus auf der Lichtung beherbergt das Heuhotel, ein drittes eine Stube zur Vermietung für gemütliches Beisammensein. Es gibt einen Imbiss, der Wanderer versorgt, und dazu einen überdachten Tisch, der früher mal ein mehr als vierzig Meter hoher Baum war, seinerzeit der längste Tisch der Welt. 120 Japaner oder 100 Europäer oder 80 Amerikaner fänden Platz, sagt Andreas Martin ungerührt und beobachtet aus den Augenwinkeln, ob die Stichelei zündet. Romantik hin oder her, die außergewöhnliche Länge seines Tisches hat sich Martin von der Guinness-Weltrekord-Gesellschaft zertifizieren lassen.

"Das alles begann mit 75 Hektar Wald", erzählt er nun. "Die haben wir Mitte der 1990er-Jahre von der Treuhand abgekauft, als ich noch Revierförster war." - "Wir", das meint auch Martins Frau Steffi, eine Agraringenieurin aus dem Harz und seine Verbündete, die den Traum von Blockhausen teilt. Sie besorgt heute die Gastronomie.

Seine Ur-Hütte verdankte Martin einem Kurs im Blockhaus-Bau in Bad Segeberg, man schriebe lieber: "Sägeberg". Sie stand erst unten im Dorf und zog später auf die Lichtung um. Spätestens jetzt zeigte sich auch die örtliche Bürokratie von Martins Träumen inspiriert und entfachte einen Wirbel um Anträge, Nachweise, Genehmigungen. Es gab Ausbauetappen für Blockhausen, da redeten 52 Träger öffentlicher Belange mit, vom Landratsamt bis zum Naturschutzbund. Hätte er sie alle um den größten Tisch der Welt versammeln können! Stattdessen flogen Briefe, füllten sich die Aktenordner unten in Freiberg und in der Gemeinde.

Am Ende klappte alles, Martin zollt den Ämtern dafür Dank. 2010, im Alter von 54 Jahren, machte er sich mit Steffi in Blockhausen selbstständig. Heute sagt er: "Zum Glück wusste ich am Anfang nicht, welcher Aufwand vor dem guten Ende steht. Sonst wäre ich wohl Förster geblieben und hätte Gott einen guten Mann sein lassen!"

Inzwischen kommen Tausende Besucher im Jahr. Der Forstmann und sein Projekt wecken Interesse über die Grenzen hinaus. Häufig fragen Journalisten, in Eile meist, und greifen urwüchsige Sätze und Fotos mystischer Szenerien ab, die Blockhausen freigiebig bereithält.

Es kommen aber auch Reporter wie Carla Ronga aus Rom, die am Holztisch neben dem Fenster sitzt und versonnen in den Laptop tippt. Frau Ronga führte elf Jahre lang eine Dokumentarfilmreihe im dritten italienischen Fernsehprogramm. Nun dreht sie ein Porträt über Andreas Martin und sagt über ihn: "Was für ein einzigartiger Mensch!"

Die Geschichte ihrer Bekanntschaft ist ein bisschen kompliziert. Ein Freund spielt eine Rolle und Martins guter Ruf in der Kettensägenschnitzerszene. Eines Tages wurde der Waldmann dann von Frau Ronga aus Rom angerufen, und zwar aus dem Vatikan, und glaubte halb im Ernst, halb im Scherz, das hätte mit dem Papst zu tun. Frau Ronga wiederum sah in Martin einen Papst - den "Papst der Kettensägenschnitzer", worüber noch zu reden sein wird. So jedenfalls begann das mit den Dreharbeiten. Und wenn Carla Ronga fertig ist, werden bei Filmfestivals nächstes Jahr in Italien und Bulgarien auch Bilder aus Blockhausen zu sehen sein.

Der "Papst" der Kettensägenschnitzer also: Bevor Andreas Martin diesen Ehrentitel erwarb, hatte er Jahrzehnte auf konventionelle Weise geschnitzt. Martin stammt aus Olbernhau. Als Viertklässler fing er in der Pionierschnitzgruppe an. Aber erst in seinen frühen Vierzigern griff er das erste Mal nach seinem altvertrauten Werkzeug vom Forst, der Motorkettensäge, um eine Wildsau aus dem Stamm zu schälen. Binnen weniger Jahre arbeitete er sich in die Elite der Kettensägenschnitzer vor, nahm die Wildsau zum Wappentier und wurde zum "Sauensäger".

Die Schnitzerei mit der Motorsäge stammt aus den USA, wo 1952 der "Wild Mountain Man" Ray Murphy als erster seinen Namen ins Holz gesägt haben soll. Murphy hat Martin letztes Jahr in Blockhausen besucht. Ein älterer, freundlicher Herr, sagt Martin. Den Frauen sehr zugeneigt.

In den amerikanischen Wäldern hatte sich ab etwa 1840 eine Kultur der Holzfäller entwickelt, zu deren Riten es gehörte, im Camp untereinander die Kräfte zu messen. Die Ursprungsszene löste sich um 1940 auf, als große Harvester-Maschinen mit Gebrüll in die Wälder einbrachen und die Holzfällercamps daraus verschwanden. Ein Erbe dieser Zeit sind die Logger- und Lumberjack-Wettbewerbe, die lokal und auf internationaler Ebene ausgetragen werden. So hat der schwäbische Weltmarktführer für Motorsägen 1985 die "Stihl Timbersports Series" als Markenzeichen schützen lassen.

Auch die Schnitzer unter den Motorsägern verbinden Kreativität mit einem Element der Konkurrenz. 1987 fanden ihre ersten Weltmeisterschaften statt. Andreas Martin kam als "Chainsaw-Carver" in der Welt herum: 2003 fuhr er zum Ridgeway Rendezvous nach Pennsylvania, USA, dann zu Wettbewerben in Japan, Australien, Chile. 2007 holte er einen Europameistertitel.

Noch zu Zeiten, als er im Hauptberuf Förster war, hob Martin seinen eigenen Wettbewerb in Blockhausen aus der Taufe. Der Name "Huskycup" leitet sich vom Sponsor Husqvarna her, dem schwedischen Gerätehersteller. Für den Contest besorgt Martin jedes Mal gut 130 Festmeter Eichenholz, 300 bis 400 Jahre alt, neuerdings vom Großhändler. Man könne Skulpturen aus vielen Hölzern sägen, sagt er. Aber nichts sei beständig wie alte Eiche.

Denn das sind die Spielregeln: Die Skulpturen des Huskycups kauft Martin zum Festpreis an, um sie in Blockhausen aufzustellen. Die Gewinner kriegen Preisgelder. Nach Martins Worten ist der Cup der höchstdotierte Wettbewerb dieser Art auf der Welt. Alle Teilnehmer werden von Martin persönlich ausgewählt und eingeladen. Er bezahlt ihnen den Flug und sorgt dafür, dass es im Feld immer altgediente Kämpen und neue Gesichter gibt. Um die Attraktivität noch zu steigern, hat Martin einen Wettbewerb im Schnellschnitzen ausgelobt. Hier treten Deutsche und Tschechen gegeneinander an. Einen gewissen Unterhaltungswert versprechen auch die Themen, die Martin für die Wettbewerbe vorgibt. Voriges Jahr: "Wikinger überfallen ein englisches Dorf". Dieses Jahr: "Die großen Wildtiere Europas, bei der Liebe oder im Kampf". Seit Montag sind denkwürdige Motive in Arbeit.

Die Schnitzerei mit der Motorsäge ist hart. Die Matadore schützen Augen, Mund und Ohren, Körper und Füße, auch wenn es heiß ist. Nach einem Tag mit der Säge in der Hand sei man "tot", sagt Martin.

Er selbst, der Papst der Kettensägenschnitzer, hat das Gerät vor zwei Jahren mehr oder weniger aus der Hand legen müssen. Zwangsweise. Er ist an Parkinson erkrankt.

Zitterkrankheit nennt es die Fledermaus im Buch. In Martins Schreibe endet die Geschichte so, dass die Kinder des Sauensägers, er hat deren vier, das Werk des Vaters weiterführen. "So wie es bei uns Zwergfledermäusen immer wieder kleine Zwergis gibt, so ist es auch bei der Sauensägerfamilie. Da muss es uns um die Zukunft nicht bange werden."

14. Huskycup der Kettensägenschnitzer in Blockhausen zwischen Dorfchemnitz und Mulda bei Freiberg. Siegerehrung am Montag um 17 Uhr. Bis Montag täglich Speedcarving.

 

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
0
Lesen Sie auch:
 
Kommentare
0
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)

 
 
 
 
 
 
 
am meisten ...
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
|||||
mmmmm