In Sachsen wächst die digitale Kluft zwischen Stadt und Land

Manche Netzbetreiber meiden strukturschwache Regionen aus wirtschaftlichen Gründen. In Ballungsräumen rechnen sich Investitionen eher.

Chemnitz.

Bis 2018 soll die Datenautobahn ins Neuland fertig sein. Wie schnell man darauf unterwegs sein wird, ist im Koalitionsvertrag der schwarz-roten Regierung festgeschrieben: 50 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) sollen es beim Download sein - überall. Doch diese Vollversorgung noch rechtzeitig hinzubekommen, sei für Sachsen ziemlich illusorisch, sagt der Grünen-Bundestagesabgeordnete Stephan Kühn. Eine Anfrage an die Bundesregierung, die der Dresdner Politiker und mehrere Parteikollegen gestellt hatten, ergab, dass der Freistaat bisher nur eine Abdeckung von 47 Prozent schafft. "Für einige Landkreise ist das Ausbauziel schlichtweg unrealistisch geworden", sagt Kühn. Bestes Beispiel dafür ist Mittelsachsen: Dort liegen nur in 16 Prozent aller Haushalte 50 Megabit an.

Betrachtet man bei der Breitband-Infrastruktur Leitungen und Funknetze gemeinsam, zeigt sich, wie tief die digitale Kluft zwischen Stadt und Land ist: Während im Erzgebirgskreis nur rund 23,5 Prozent der Haushalt mit Anschluss in den Genuss von 50 Megabit oder mehr kommen, sind es in Chemnitz 67,7 Prozent der Anschluss-Inhaber. Doch die Schere öffnet sich noch weiter: In den ländlichen Regionen Sachsens schreite der Netzausbau viel langsamer voran als im Bundesschnitt, so Kühn. Das liege auch daran, dass die Netzbetreiber manche strukturschwache Region aus Wirtschaftlichkeitserwägungen meiden. In Ballungsräumen rechnen sich Investitionen eher.

Beim Mobilfunk-Standard Long Term Evolution (LTE) landet Sachsen im Vergleich der 16 Bundesländer auf Rang zehn. Mittlerweile können rund 91 Prozent aller Haushalte eine Bandbreite von zwei Mbit/s und mehr nutzen. Ob das heutzutage noch als "schnelles Internet" durchgeht, ist Ansichtssache. Schon 2014, als die Grünen die erste Anfrage dieser Art stellten, mahnte Kühns Parteikollege Miro Jennerjahn, LTE sei kein Ersatz für schnelle leitungsgebundene Internetzugänge, sondern allenfalls eine Ergänzung.

Zweifellos zukunftsfähig sind Netzzugänge per Glasfaser. Solche Anschlüsse, bei denen die Daten per Lichtleitkabel in die Wohnung (Fibre To The Home, kurz FTTH) oder ins Gebäude (Fibre To The Building, FTTB) kommen, sind aber noch rar. Laut Erhebung des Bundesverkehrsministeriums können in Sachsen 94.000 Haushalte auf FTTH- oder FTTB-Anschlüsse mit einer Datenrate von mindestens 50 Mbit zurückgreifen. Das entspricht einem Anteil von 4,3 Prozent aller Haushalt, genauso viel wie im Bundesdurchschnitt. Bayern ist mit Versorgungsquote von 9,2 Prozent beim Thema Glaserfaser deutlich weiter. Doch der Ausbau der Netze ist teuer. Die Telekom setzt daher auch auf das sogenannte Vectoring. Damit ist die Aufrüstung veralteter Kupferkabel-Infrastruktur gemeint. Durch die Brückentechnologie sollen 5,9 Millionen Haushalte einen VDSL-Vectoring-Anschluss mit Datenraten von bis zu 100 Mbit/s erhalten.

Doch damit bundesweit rund 8000 Hauptverteiler umgerüstet werden können, dürfen über diese Kästen keine normalen VDSL-Anschlüsse mehr laufen. Die Deutsche Telekom hat deshalb bei der Bundesnetzagentur beantragt, von Wettbewerbern gemietete VDSL-Anschlüsse kündigen zu dürfen. Das Projekt ist aus wettbewerbsrechtlicher Sicht umstritten. Die Telekom versuche sich hier ein neues Monopol aufzubauen, sagte Martin Witt vom Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten neulich. Jetzt nur auf Vectoring zu setzen, führe in die Sackgasse. Woran es derzeit fehle, sei eine Vision über das Jahr 2018 und die 50-Mbit-Marke hinaus. So sieht es auch der Grünen-Politiker Stephan Kühn. "Sinnvoller ist eine gezielte Förderung von nachhaltiger Glasfaser-Technologie."

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