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Lokführer Steffen Buhler (rechts) und Heizer Falk Vieweger vor der wiederaufgebauten Lok VI-K 99 713, die an diesem Festwochenende zwischen Cranzahl und Oberwiesenthal rollen wird. Allerdings nicht gesteuert von Buhler und Vieweger - sie sind auf anderen Zügen eingesetzt.

Foto: Bernd März

Jahrein, jahraus 17 Kilometer hin und zurück - ein Traumberuf!

Seit 120 Jahren rollen Schmalspurbahnen zwischen Cranzahl und Oberwiesenthal. Auf der Strecke sind heute mehr Menschen unterwegs als je zuvor. Was fasziniert so?

Von Jana Klameth
erschienen am 11.08.2017

Cranzahl/Oberwiesenthal. Steffen Buhler möchte seinen Arbeitsplatz mit niemandem tauschen. Dabei klingen die Bedingungen alles andere als optimal. Er muss die ganze Zeit stehen, friert sich im Winter den Hintern ab, weil es überall reinzieht. Im Sommer herrschen auf der Feuerbüchse oft 50Grad und mehr. Steffen Buhler ist Lokführer bei der Fichtelbergbahn. Seit 1991 fährt der 51-Jährige immer wieder die 17 Kilometer von Cranzahl nach Oberwiesenthal und zurück, kennt quasi jeden Gartenbesitzer mit Vornamen.

Und doch sagt er: "Es ist ein abwechslungsreicher Beruf." Immer wieder wird er von Besuchern mit Fragen gelöchert. Immer wieder winken ihm Wanderer zu. Immer wieder fragen Kinder, ob sie mal zu ihm in den Führerstand klettern dürfen. Das dürfen sie, so lange die Lok im Bahnhof steht. "Auch wenn ich dann höllisch aufpassen muss, dass sie sich nicht am Kessel die Finger verbrennen", sagt Buhler, der selbst drei Kinder hat. Die teilen seine Leidenschaft für die dampfenden Stahlrösser bisher nicht und finden es auch nicht so toll, dass der Vater zusätzlich zur Arbeit noch viel Zeit für seine Eisenbahn opfert - als Vereinsmitglied bei der Preßnitztalbahn. "Mich begeistert einfach die Technik: Wasser, Feuer, Dampf - irre, was das für eine Gewalt, für eine Kraft entfachen kann."

Zu gern würde Buhler diese Kraft auch mal auf dem neuen Liebling aller Eisenbahnfans, der 90 Jahre alten Lok VI-K99 713, spüren. Doch das Privileg, die alte Dame erstmals nach zehn Jahren wieder zu bewegen, hat sich Andrè Dörfelt vorbehalten. Er ist Leiter der Lokwerkstatt in Oberwiesenthal, wo das Dampfross in den vergangenen zwölf Monaten bis auf die letzte Schraube auseinandergebaut worden ist.

"Das war ein riesiges Puzzle", sagt Dörfelt. Bis zu 6000 Teile haben er und die Kollegen sortiert, gereinigt, wenn nötig aufgearbeitet und wieder zusammengesetzt. So eine Hauptuntersuchung ist mindestens aller acht Jahre fällig. Klar, dass Dörfelt dann auch selbst testen wollte, ob die Lok wieder rund läuft. Und so hat der 37-Jährige parallel zur Arbeit als Werkstattleiter dieses Jahr extra die Prüfung zum Dampflokführer abgelegt. Hat sich das gelohnt? "Auf alle Fälle", sagt Dörfelt und kommt ins Schwärmen: "Sie hat ein super Fahrverhalten, schaukelt nicht, liegt schön in den Kurven, zuckt nicht in der Länge. Sie liegt im Vergleich zu anderen Dampfloks im Spitzenfeld."

Dörfelt ist ebenso wie Steffen Buhler überzeugt, dass diese Lok der Star an diesem Wochenende wird. Am Samstag und Sonntag lädt die Sächsische Dampfeisenbahngesellschaft (SDG) zu einem großen Eisenbahn- und Familienfest ein. Denn vor genau 120 Jahren, am 19. Juli 1897, rollte auf der Strecke zwischen Cranzahl und Oberwiesenthal die erste Schmalspurbahn - nach nur zwölf Monaten Bauzeit! "Damals musste halt niemand Umweltgutachten einholen", sagt Kati Schmidt, Sprecherin der SDG und lacht.

Vorrangig waren die Bahnstrecken für den Gütertransport gebaut worden. Holz, Schotter und Flussspat kamen mit den Zügen in die Städte. "Die Strecke war aber auch von Anfang an für den Personenverkehr wichtig", sagt Kati Schmidt. 50.000 Fahrgäste seien im ersten Jahr gezählt worden, zehn Jahre später waren es 100.000. Zum einen nutzten die Arbeiter die Schmalspurbahn, um auf Arbeit zu gelangen. Zum anderen kam im Erzgebirge auch der Tourismus in Schwung. Der Fichtelberg war schon damals ein beliebtes Ausflugsziel - und mit der Bahn kam man am bequemsten hin.Nach dem Krieg traten allerdings auch im Erzgebirge Bus und Auto ihren Siegeszug an. Die Schmalspurstrecken wurden vernachlässigt, in den 1970er-Jahren wurde laut über die Stilllegung der Strecke zwischen Cranzahl und Oberwiesenthal nachgedacht. Ausgerechnet eine Straßensanierung hat schließlich dazu beigetragen, dass die Strecke erhalten geblieben ist. Als 1973 die parallel zur Bahnstrecke verlaufende Straße zwischen Cranzahl und Neudorf voll gesperrt werden musste, war die Bahn der Ersatzverkehr. "Damals ist aller 20 Minuten ein Zug im Sehmatal gependelt", sagt Kati Schmidt. Der Pendelbetrieb blieb bis 1990 so - an diesem Festwochenende wird es ihn wieder geben.Kein Vergleich zu heutigen Zeiten. Schon seit ein paar Jahren zählt die SDG über 260.000 Gäste im Jahr. 2016 waren es 266.071. "Damit sind wir fast an unserer Kapazitätsgrenze", sagt Kati Schmidt. Wegen der Steigungen auf der Strecke können nicht einfach mehr Wagen angehängt werden, das schaffen die alten Damen nicht.

"Glücklicherweise hat sich das Fahrverhalten der Gäste geändert", sagt Schmidt. Wurde die Bahn früher vor allem im Winter genutzt, gibt es heute dank der Wanderer und Radtouristen kaum Flauten. Nur im März und November reicht ein sogenannter Einzugbetrieb: Die Bahn, die von Cranzahl nach Oberwiesenthal fährt, rollt auch wieder zurück. In allen anderen Monaten sind auf der Strecke zwei Züge gleichzeitig unterwegs, 24 am Tag. An diesem Festwochenende setzen die Eisenbahner sogar noch eins drauf. Dann werden 44 Dampfzüge rollen. "Das wird eine echte Herausforderung", ist Kati Schmidt überzeugt.

Dass die Züge alle gut gefüllt sein werden, daran hat sie keinen Zweifel. Am Fahrpreis kann das nicht liegen. Immerhin kostet ein Tagesticket für einen Erwachsenen 17 Euro, das Familienticket (zwei Erwachsene und bis zu vier Kinder bis 14 Jahre) 38 Euro. Lokführer Buhler und Werkstattleiter Dörfelt sind überzeugt, dass die Technik fasziniert. Denn wo kann man heute noch sehen, wie eine Maschine wirklich funktioniert, so ganz ohne Computertechnik? Kati Schmidt hat noch eine andere Erklärung: "Bei uns geht alles gemächlich zu. Die Bahnen fahren maximal 25 Kilometer pro Stunde, man kann die Landschaft genießen, der Hektik des Alltags entfliehen."

 
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