Kindesmissbrauch: Pater steht ab heute vor Gericht

Die Schatten der Vergangenheit verfolgen auch das Benediktinerkloster in Wechselburg. Hier war der 44 Jahre alte Angeklagte, der sich im oberbayerischen Kloster Ettal an Schutzbefohlenen verging, mehrere Jahre tätig.

Wechselburg/Ettal.

Die Erinnerung an die deutschlandweit verbreiteten Schlagzeilen von brutaler Züchtigung und sexuellem Missbrauch von Minderjährigen im Internat des Klosters Ettal schien verblasst, das Thema aufgearbeitet, abgehakt. Doch fünf Jahre nach Bekanntwerden der Gewaltexzesse in dem Benediktinerkloster muss sich ein Pater ab heute vor dem Münchner Landgericht verantworten.

Die Anklagebehörde wirft dem 44-Jährigen vor, sich zwischen 2001 und 2005 an zwei Jungen vergangen zu haben, in zwei weiteren Fällen habe er es versucht. Über Jahre soll er sein Vertrauensverhältnis zu Kindern und Jugendlichen für sexuellen Missbrauch ausgenutzt haben. Laut Anklage soll er unter anderem einen 13-Jährigen im Herbst 2001 minutenlang unter der Unterhose gestreichelt haben.

Und damit ist der Skandal mit einem Schlag wieder präsent, nicht nur in Bayern, auch in Sachsen. Denn der Angeklagte - einst Erzieher im Internat Ettal - war 2005 ins Benediktinerkloster Wechselburg (Mittelsachsen) versetzt worden - nachdem intern Missbrauchsvorwürfe gegen ihn laut geworden waren. Der heute 44-Jährige konnte damals den Ettaler Abt Barnabas Bögle noch davon überzeugen, dass es sich bei den Vorfällen lediglich um eine Nichtbeachtung der nötigen Distanz zu den Schülern gehandelt habe. Eingeräumt hatte der Geistliche damals, dass er Schüler im Gesicht, an Oberkörper und Beinen gestreichelt habe. Auch 2010 bestritt der Pater die Missbrauchsvorwürfe. Der Abt meldete 2005 den Fall nicht weiter, und so blieb auch den Wechselburgern die Vorgeschichte des jungen Mannes in Mönchskutte verborgen.

Pater G. durfte hier als Jugendseelsorger arbeiten, leitete das Jugend- und Familienhaus der Benediktiner und scheute die Öffentlichkeit nicht. Im Gegenteil: Pater G. machte sich als Sprecher des Klosters einen Namen, wurde Vorsitzender eines regionalen Tourismusvereins, war Mitglied im Jugendhilfeausschuss des Landkreises, warb bei Politikern um Unterstützung für den Ausbau des Klosters - kurz: Pater G. hatte außerhalb der Klostermauern einen Ruf als Macher fernab der Klischeevorstellung eines zurückgezogenen Mönchslebens. Bis die Missbrauchsaffäre von Ettal im Frühjahr 2010 das Kloster Wechselburg erreichte. Im März 2010 wurde er von seinen Aufgaben entbunden. Pater G. kehrte zurück ins Mutterkloster Ettal, wurde dann auf eigenen Antrag beurlaubt und hat sich ins Privatleben zurückgezogen. Der 44-Jährige ist aber nach wie vor Mitglied des Benediktinerordens.

Heute gibt man sich im Kloster Wechselburg zum Fall von Pater G. verschwiegen: "Bis zum Abschluss des Verfahrens werden wir keine Stellungnahme dazu abgeben", sagte gestern Maurus Kraß, Prior des Benediktinerklosters. Er folgt damit der Linie, die Abt Bögle aus Ettal für Presseanfragen vorgegeben hat. Seit 2012 leitet Kraß das Priorat in Wechselburg, vier Mönche leben und arbeiten im Kloster. Der ehemalige Prior von Ettal und Leiter des dortigen Gymnasiums markierte mit seinem Wechsel nach Sachsen einen Neubeginn, setzte sich auch für eine öffentliche Aufarbeitung der Vorwürfe von ehemaligen Schülern ein.

Die Aufarbeitung schien bereits 2013 abgeschlossen. Damals legte das Kloster Ettal einen Bericht zum Missbrauch im Internat vor. Kernaussage: Die Pädagogik der Ettaler Erzieher habe dazu gedient, "ein System der Unterdrückung aufzubauen und zu bewahren". Zuvor war ein von der Kirche eingesetzter Sonderermittler zu dem Schluss gekommen, dass im Kloster Ettal zwischen 1960 und 1990 insgesamt 15 Patres mindestens 100 Schüler misshandelt und missbraucht hätten. Bis Anfang 2013 wurden insgesamt 700.000 Euro Entschädigung an die Opfer gezahlt. (mit dpa)

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