Poesie auf Aarzgebeergsch - Gedichte-Schreiber pflegen ihre Sprache

Dreimal im Jahr treffen sich Autoren zum Mundartstammtisch - Doch sie bleiben unter sich

Chemnitz. Franziska Böhm will ausreisen. Am besten in ein Land, in dem ihre Sprache gesprochen wird. Denn sie versteht keiner mehr. "Wenn de fei alt warscht, is net schie", sagt sie. "Meitwaang." Das Meinetwegen klingt trotzig. Der Ausreiseantrag der 74-Jährigen ist dennoch eine leere Drohung. Ohne ihr Erzgebirge würde sie zugrunde gehen. Das ist ihre Heimat. Wie ihre Sprache. Ohne die wäre sie längst tot. Deshalb sucht die ehemalige Lehrerin aus Breitenbrunn im Erzgebirge Menschen, die sie verstehen. Noch gibt es die. Am Sonntag kamen hundert von ihnen im Wasserschloss Klaffenbach bei Chemnitz zusammen. Zum Mundartstammtisch des Erzgebirgsvereins. Auf den ersten Blick wirkt die Runde wie eine Geburtstagsgesellschaft für Oma. Es sind 16 Gedichte-Schreiber, die ihre Heimat-Lyrik vortragen wie Verwandte Glückwunschgedichte. Alle zwischen 60 und 80 Jahre alt. Was heute junge Menschen in Szene-Läden mit hektischen Gedichte-Wettbewerben als Neuerfindung feiern, wird hier in aller Stille traditionell gepflegt. Ohne Kampf, ohne Sieger, sondern in Harmonie. Man liest, was vorher am Schreibtisch entstand, keiner wird ausgepfiffen. Jeder darf sich als Gewinner seiner Spracherfindungen fühlen.

Thema am Sonntag: Frühling. "Was is das für ne Schau, alle Wiesn liechten blau", rezitiert Bernd Richter aus Drebach. Er schwärmt von den Krokuswiesen, die in seinem Heimatort jedes Jahr im Frühjahr das Blaue vom Boden blühen. Dann läuft er sprachlich zur Hochform auf, wandert rund um "Drabach" bis ins Nachbarland und zitiert in der Geschichte seine Frau: "Du warscht wo in dor Tschechei, wo die Weiber die alten Berschtn sei." Zwischen den Sprechern singen die Lauterer Spakörbl Lieder mit Zeilen wie "Mir sei mir und mir bleim hier". So wird das Wasserschloss für Franziska Böhm für zwei Stunden zum Kurbad am Wörter-See - ein Wiederbelebungsversuch für das aussterbende "Aarzgebeergsch".

Regelmäßig wird Sächsisch bei deutschlandweiten Umfragen zum unbeliebten Dialekt degradiert. Nie wird jedoch geklärt, welches Sächsisch eigentlich gemeint ist. Die Sprache unterteilt sich in 25 Sprachregionen. Und genau wie kein einheitliches Sächsisch gesprochen wird, existiert auch kein einheitliches Erzgebirgisch. Das pflegt verbale Nuancen, die im Süden des Landkreises Mittelsachsen anders klingen als im Erzgebirgskreis sowie in und rund um Zwickau, jene Gegend, wo bekanntlich die Hasen Hosen und die Hosen Husen haßen. Dort wird Westerzgebirgisch gesprochen, das sich ein wenig unterscheidet zum Vorerzgebirgischen, dem westlichen Osterzgebirgischen und dem östlichen Osterzgebirgischen. "Zu viel und zu weng, das is su e Deng. Esu reden mir", sagt Franziska Böhm, die in Klaffenbach auch ihre Gedichte vorträgt, Lyrik, die sie inzwischen in sechs Büchlein herausgab. Eine CD mit 32 eigenen Liedern sang sie ebenfalls ein.

Bisher schreibt jeder Autor so, wie er es für richtig hält. Da protestiert Franziska Böhm, sie möchte Regeln, die sich so nah wie möglich am hochdeutschen Schriftbild orientieren. Die Lautformen sind etwas anderes. Der umstrittenste Laut ist das "A", sagt Franziska Böhm. Wie bitte schreibt man das: "AA" oder "AO" oder "AH" oder "AAH" oder wie? Und wie ist es beim "ist", die Form von sein, "is" oder "es" oder "des" oder wie? Da gab es schon viel Streit unter den Autoren. Doch eine exakte Rechtschreibung existiert bisher nicht, auch kein verbindliches Wörterbuch wie beispielsweise das Oberlausitzer Wörterbuch von Hans Klecker oder das Kleine Sächsische Wörterbuch von Gunter Bergmann, das auf dem Wörterbuch der obersächsischen Mundarten der Sächsischen Akademie der Wissenschaften beruht. Andreas Göbel aus Schlettau unternimmt zurzeit einen Versuch, im Internet erzgebirgische Vokabeln mithilfe der Einwohner zu sammeln. Eine kleine, aber feine Sammlung gelang schon.

Die Liebe zur Mundart ist ausgeprägt wie der Stolz der Deutschen zu ihren Dialekten überhaupt. 56 Prozent der Deutschen mögen ihre Dialekte, 60 Prozent sprechen sie, bestätigen immer neue Studien zum Sprachverhalten. Dabei handelt es sich jedoch zumeist um regionalspezifisch verbal verändertes Hochdeutsch. Wenn der Berliner berlinert, ist das allgemein verständlich, ähnlich dem Sächsischen, das mit unterschiedlicher Färbung in Leipzig, Chemnitz und Dresden gesprochen wird. Beim Erzgebirgisch dagegen handelt es sich um eine Dialektgruppe, die moderne Lautverschiebungen nicht wahrnahm und zugleich nach wie vor ein eigenes Vokabular pflegt. Eine eigenartige Sprache im besten Wortsinn.

Doch während beispielsweise Sorbisch als Fremdsprache in Sachsen anerkannt und deren weitere Existenz staatlich gefördert wird, hockt Erzgebirgisch in der Verbal-Nische. Der Erzgebirgsverein ist angewiesen auf die Mitgliedsbeiträge und kleine Spenden. Hier geschieht alles ehrenamtlich. Seit vergangenem Jahr findet der Mundarttreff jetzt drei Mal jährlich statt, alle zwei Jahre die Mundarttage.

Franziska Böhm ärgert es, wenn sie merkt, dass ihre Mundart nicht nur durch sogenanntes Hochdeutsch, sondern vor allem durch englische Vokabeln ersetzt wird. Sie sammelt Wörter wie andere Briefmarken. Tausende Vokabeln tippte sie in ihren Computer. Eines Tages möchte die Mundartdichterin ein erzgebirgisches Wörterbuch herausgeben. "Was ich aufschnappe, schreib ich auf. Es geht so viel verloren", sagt die Frau, die ihre Enkel und Urenkel gern verstehen möchte und hofft, dass sie verstanden wird. Sie müsste wohl hundert Jahre alt werden, um ihr Wörterbuch zu schaffen. Doch sie hat wie viele Rentner zu wenig Zeit. "So isses un so warsch, nach dem Buggl kommt der Steiß. Meitwaang", sagt sie und das klingt gar nicht mehr trotzig.


Sächsischer Gebirgsklang

Die Sprache Erzgebirgisch ist eine sächsische Mundart, die vor allem im mittleren Erzgebirge gesprochen wird. Sie ist bisher sprachwissenschaftlich kaum erforscht. Fest steht aber, dass die Sprache zur sächsischen Dialektgruppe gehört und große Gemeinsamkeiten mit dem Bairischen und Ostfränkischen aufweist. Vermutlich waren es Altbairisch- oder Altostfränkisch-Sprecher, die voretwa 1000 Jahren das Erzgebirge besiedelt und die vorher dort ansässigen Slawen verdrängt haben.

Neben diesen Einflüssen greift das Erzgebirgisch auch auf das Slawische Elemente zurück, genau wie auf französische Lehnwörter, nicht anders als das Sächsische insgesamt. Bisher gibt es keine offiziellen Bestrebungen, Erzgebirgisch zu verschriftlichen, obgleich es zahllose in Mundart verfasste Kurzgeschichten, Gedichte und Lieder gibt. Seit 1937 gelten die durch den sächsischen Heimatverein aufgestellten Richtlinien zur Schreibung der erzgebirgischen Sprachen, jedoch werden diese Empfehlungen von vielen Autoren kaum berücksichtigt.

Der Erzgebirgsverein veranstaltet seit vergangenem Jahr einen Mundartstammtisch. Der nächste findet am 8. Juni, um 17 Uhr in Marienberg statt. Kontakt zum Verein gibt es über die Geschäftsstelle im Haus der Vereine 08056 Zwickau, Stiftstraße 11. Oder über die Geschäftsstelle des Erzgebirgsvereines, Markt 6, in 08289 Schneeberg, 0 37 72 / 37 12 21.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...