Sachsen sucht Vormünder für junge Flüchtlinge

Mehr als 2000 Jugendliche, die ohne Eltern nach Deutschland gekommen sind, leben im Freistaat. Die Jugendämter stoßen bei der Betreuung an ihre Grenzen.

Chemnitz/Dresden.

Die Jugendämter in Sachsen suchen nach Freiwilligen, die bereit sind, eine Vormundschaft für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge zu übernehmen. Im Gegensatz zu hauptamtlichen Vormündern, die oft 50 und mehr entsprechende Fälle betreuen, sollen sich die Freiwilligen lediglich um einen Jugendlichen kümmern. "Wenn wir wollen, dass die Jugendlichen sich integrieren, müssen wir gute Bedingungen schaffen - und dazu gehört, Einzelvormünder zu finden", sagt Gunda Georgi, Chefin des Chemnitzer Jugendamtes. In Chemnitz betreuen die hauptamtlichen Vormünder derzeit im Schnitt jeweils 40 Personen.

Die jugendlichen Flüchtlinge haben oft viel Leid gesehen, meist eine abenteuerliche Strecke hinter sich - und sie kommen allein: Minderjährige, die ohne Eltern vor Krieg, Armut oder Perspektivlosigkeit nach Europa aufgebrochen sind. Die meisten sind Jungen zwischen 15 und 17 Jahren, aber auch zwölfjährige Mädchen sind dabei. Sie stammen überwiegend aus Afghanistan und Syrien. Rund 66.000 unbegleitete minderjährige Ausländer leben derzeit in Deutschland. 2104 sind es in Sachsen, davon sind derzeit 288 in Dresden untergebracht, 215 leben in Chemnitz.

Diese Teenager brauchen einen Vormund. In der Regel übernimmt ein hauptamtlicher Betreuer des Jugendamts diese Aufgabe. Er betreut nicht nur ausländische, sondern auch deutsche Jugendliche. Laut Gesetz darf ein Amtsvormund maximal 50 Mündel betreuen. Doch vielerorts sind es inzwischen mehr: Bis zu 67 Mündel hat ein Amtsvormund derzeit in Dresden, kaum weniger in Bautzen zu vertreten. Damit ist eine gute persönliche Betreuung und Integration nur schwer möglich, kritisiert Ali Türk vom Bundesverband Vormundschaftstag.

Deswegen suchen die Landkreise und kreisfreien Städte in Sachsen dringend Ehrenamtliche. Die unbegleiteten Jugendlichen genießen nach der UN-Kinderrechtskonvention einen besonderen Schutz. Für sie gilt daher das Sozialgesetzbuch zur Kinder- und Jugendhilfe. Die jungen Flüchtlinge haben beispielsweise einen Anspruch auf eine Unterkunft in einer Jugendhilfeeinrichtung sowie auf medizinische Versorgung und Schulbildung. Meist sind sie auch vor einer Abschiebung geschützt.

Wie viele Flüchtlinge kommen in diesem Jahr?

Die Bundesregierung legt sich nicht auf eine Vorhersage fest, wie viele Flüchtlinge in diesem Jahr nach Deutschland kommen werden. "Zum derzeitigen Zeitpunkt ist es nicht möglich und hilfreich, eine seriöse Prognose für das Jahr 2016 zu erstellen", erklärte das Bundesinnenministeriumam Dienstag. Es gebe auch keine entsprechende Vorgabe des Ministeriums an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Die "Rheinische Post" hatte unter Berufung auf Kreise in der Arbeitsverwaltung berichtet, die Bundesregierung rechne 2016 mit etwa 500.000 Flüchtlingen.

Auch das Bamf betonte: "Eine seriöse Prognose ist aktuell nicht möglich." Die Behörde räumte zwar ein, dass die Zahl 500.000 im Raum gestanden habe. Dabei sei es aber nur um die Bearbeitungskapazität des Bamf gegangen. (dpa)

So werde ich Vormund für Flüchtlingskinder 

Die alleinreisenden Minderjährigen sind oft traumatisiert - Jugendämter suchen ehrenamtliche Helfer für sie

In Sachsen leben rund 2000 Teenager, die ohne Eltern nach Deutschland geflüchtet sind. Für diese unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden suchen die Jugendämter Freiwillige, die bereit sind, eine Vormundschaft zu übernehmen. Sie geht über eine Patenschaft hinaus. Was sind die Aufgaben? Wer ist geeignet? Martina Hahn gibt einen Überblick.

Worum muss sich ein ehrenamtlicher Vormund kümmern?

Der Vormund hat das Recht und die Pflicht, für die Person und das Vermögen des Mündels zu sorgen, insbesondere das Mündel zu vertreten. Der Vormund schaut, wie der Aufenthaltsstatus des Jugendlichen ist. Er hilft dem Jugendlichen, einen Antrag auf Asyl zu stellen. Oder einen Antrag auf Zahnersatz, Bekleidungs- und Taschengeld. Er hilft ihm, eine Schule oder Lehrstelle zu finden, geht zu Elternabenden, vertritt ihn vor Gericht, besucht ihn in seiner Wohngruppe, begleitet ihn zum Arzt und genehmigt OPs. Ein Vormund kann sich aber auch über solche Pflichten hinaus engagieren: Etwa schauen, dass sein Mündel zusätzliche Deutschkurse besucht. Mit ihm Vokabeln büffeln, etwas unternehmen oder ihn im Sportverein anmelden - einfach Dinge, die helfen, dass er sich gut integriert. Dafür bekommen die Freiwilligen eine Schulung. "Wir können Ehrenamtliche nicht alleine lassen, sonst werfen sie das Handtuch", sagt Hanka Böhm vom Jugendamt Dresden.

Was muss ein Vormund mitbringen?

Er muss gerne mit Menschen zusammenarbeiten. Offen für andere Kulturen sein, diese wertschätzen - und Lust haben, unsere Kultur anderen nahezubringen. Ein Vormund sollte einfühlsam und warmherzig sein und nach dem Tempo des Jugendlichen gucken: Braucht der gerade Strenge, ein offenes Ohr oder einfach Ruhe? Er sollte akzeptieren, wie bei eigenen Kindern, dass sein Mündel vielleicht gerade lieber seine Freunde trifft. Dass auch mal gemotzt wird. "Eines hab ich gelernt: Pubertät ist universell - egal, ob der Jugendliche aus Eritrea oder Afghanistan kommt", sagt Bärbel Hoffmann, Betreuerin des Projektes "Do it!" von der Diakonie Wuppertal.

Wo sollen die jungen Flüchtlinge leben?

Nicht beim Vormund, sondern in Jugendhilfeeinrichtungen der Jugendämter. Das sind Heime oder Wohngruppen, in denen die jungen Flüchtlinge mit gleichaltrigen Deutschen leben. Manche leben auch bei Pflegefamilien. In Erstaufnahmeeinrichtungen sollen sie nicht bleiben. Dort werden sie nur registriert, bevor sie seit November wie alle Asylbewerber nach einem bestimmten Schlüssel auf die einzelnen Kommunen verteilt werden.

Warum genießen die minderjährigen Flüchtlinge einen besonderen Schutz?

Weil für sie die UN-Kinderrechtskonvention und das Sozialgesetzbuch zur Kinder- und Jugendhilfe gelten. Damit werden sie im Rahmen der Jugendhilfe betreut. Anders als erwachsene Flüchtlinge haben sie Anspruch auf eine Unterkunft in einer Jugendhilfeeinrichtung sowie auf medizinische Versorgung und Schulbildung. Auch sind die Jugendlichen meist vor Abschiebung geschützt. Einen Asylantrag können sie stellen, sobald sie 18 sind - oder ihr Vormund für sie, wenn sie unter 18 sind.

Wer entscheidet darüber, ob ich Einzelvormund werden kann?

Das Jugendamt schlägt dem Familiengericht den ehrenamtlichen Vormund vor. Die Richter entscheiden.

Darf ich mein Mündel "aussuchen"?

Nein. Aber es gibt vorab Treffen, in denen Einzelvormund und Mündel prüfen können, ob es "passt". Ein ehrenamtlicher Vormund kann besondere Wünsche mit dem Mitarbeiter des Jugendamts besprechen. Ein Vormund kann auch mehrere Jugendliche betreuen.

Muss ein Vormund finanziell für den Jugendlichen aufkommen?

Nein. Der Vormund hat gegenüber dem Mündel keine Unterhaltspflicht. Für ihn kommt das zuständige Jugendamt auf.

Wer betreut den Flüchtling außerdem?

Traumatisierte oder kranke Teenager werden zusätzlich von Heilpädagogen und Psychologen betreut.

Haftet der Vormund?

Nein. Ehrenamtliche Vormünder sind über Sammelversicherungen des sie bestellenden Familiengerichts oder Vormundschaftsvereins versichert. Klaut das Mündel oder zerstört es Dinge, haftet es selbst.

Bekommt der Vormund Geld für seine Aufgabe?

Nein. Aber knapp 400 Euro Aufandsentschädigung im Jahr für etwa Fahrtkosten, Telefonate oder Porto. Belege sind erst bei darüber hinausgehenden Kosten nötig.

An wen wenden sich Interessierte?

An das Jugendamt von Stadt oder Kreis. Die Vermittlung kann allerdings dauern - in Chemnitz derzeit etwa ein Vierteljahr.

Muss man eigene Kinder haben?

Nein. Es gibt auch keine Altersgrenzen für Vormünder.

Weitere Informationen am Info-Telefon des Familienministeriums 0800/2005070

oder im Netz unter www.do-it-transfer.de

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
2Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 3
    1
    voigtsberger
    16.02.2016

    Wenn ich die Zahlen in den einzelnen Unterkünften für diese Jugendliche vergleiche, kommt bei mir um ein Vielfaches mehr raus!
    Nun stellt sich hier die Frage, waren die Jugendlichen vor dem illegalen Grenzübertritt auch allein reisend und ist jeder auch aus einem Kriegsgebiet oder wo stecken die Eltern? In unseren Land wollen viele, auch Politiker, das Jugendliche ab 16 Jahre das Wahlrecht bekommen, den Führerschein erwerben und vieles mehr, da ist es mir unklar, warum 16, 17 und manchmal auch 18 Jährige in Wohnheime für Kinder und Jugendliche einquartiert werden, vor allem die Personengruppen aus Nordafrika!

  • 2
    4
    Soundnichtanders
    16.02.2016

    Sicher!



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...