Sachsens älteste Bürgerin wird morgen 112 Jahre alt

Sie wurde zwölf Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs geboren: Frieda Szwillus aus Raschau im Erzgebirge. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist sie die zweitälteste Deutsche.

Raschau.

Wenn morgen der Bürgermeister von Raschau-Markersbach Frieda Szwillus zum 112. Geburtstag gratuliert, hat er einen besonderen Gruß dabei: ein Glückwunschschreiben des Bundespräsidenten Joachim Gauck. Es wird ein schöner und ein schwerer Gang für den Gemeindechef. "Schön, weil sich jeder glücklich schätzen kann, der so ein Lebensalter erreicht. Schwer, weil ich weiß, dass mich Frau Szwillus nicht mehr erkennt", sagte Manfred Meyer. "Ich werde den Besuch deshalb nicht über Gebühr ausdehnen, aber ich freue mich, dass ich nun zwei über 100-Jährige im Dorf habe."

Bis heute keinerlei Pillen

Frieda Szwillus lebt mit ihrer 47-jährigen Enkelin Heike Groschup, deren Mutter und ihrer eigenen Familie, zu der die 18-jährige Urenkelin Laura gehört, unter einem Dach. "Die Oma leidet inzwischen an schwerer Altersdemenz. Deshalb wissen wir auch nicht, wie gut oder schlecht sie an ihrem Geburtstag drauf ist", erzählt die Enkelin. "Die meiste Zeit lebt sie wie in einer eigenen Welt und wie ein Kind. Sie kann nichts mit Tageszeiten anfangen und gleich gar nichts mit ihrem Alter. Sie realisiert auch nicht, dass sie Geburtstag hat." Trotzdem soll es für die Oma ein besonderer Sonntag werden - nicht im Bett, sondern im Sessel, im engen Kreis der Familie und mit einer Geburtstagstorte. Und den Gratulanten aus Rathaus, Kirche und der Nachbarschaft.

Heike Groschup arbeitet als gelernte Krankenschwester in der Altenpflege. Das kommt ihr auch zu Hause zugute. Die Oma sei eine große Anstrengung - für alle, gesteht sie. Aber die Familie sei auch stolz, dass eine Frau, die zwei Weltkriege durchlebt hat, die sogar leibhaftig Kaiser Wilhelm zugewinkt hat, noch unter ihnen ist. Dass sie immer die Familie um sich hatte, habe sie vermutlich so lange auf Trab gehalten. Bis heute nimmt Frieda Szwillus zudem keinerlei Medikamente.

Zweimal war die kleine Frau verheiratet, hat ein leibliches und drei Stiefkinder großgezogen. Alle starben vor ihr. Und sie habe immer bescheiden und sparsam gelebt. Sicher auch gezwungenermaßen - mit einem Job in einer Strumpffabrik.

Glückwünsche aus Berlin

Das persönliche Glückwunschschreiben des Bundespräsidenten kann die Erzgebirgerin nicht selbst lesen. Die Augen machen schon einige Jahre nicht mehr mit, berichtet Urenkelin Laura Groschup, die die Oma "mit dem faszinierenden faltigen Gesicht" immer wieder gern fotografiert - für die Familienchronik.

Das Bundespräsidialamt in Berlin bestätigt, dass Frieda Szwillus wahrscheinlich die zweitälteste Deutsche ist. Nur eine Frau in Göttingen rangiere noch vor ihr. Ihr gratulierte Joachim Gauck am 8. Dezember vergangenen Jahres - ebenfalls zum 112. Geburtstag. "Älter ist wohl niemand", sagt ein Sprecher der Behörde. Aber immerhin beglückwünschte Joachim Gauck 2013 exakt 6392 Bürger zum 100. Geburtstag sowie weitere 593 Deutsche zum 105. oder einem noch höheren Ehrentag. 110 Jahre wurden fünf Frauen und ein Mann. 111 Lebensjahre vollendeten drei Frauen, 112 voriges Jahr nur die Göttingerin. "Unsere Glückwunschliste könnte aber nicht ganz vollständig sein, weil wir auf die Meldungen aus den Kommunen angewiesen sind." Sie seien angehalten, ihre hochbetagten Jubilare mitzuteilen, tun es aber nicht immer.

Die weltweite Liste der Ältesten

Auch für Thomas Breining ist die Raschauerin die zweitälteste Deutsche. Der Radiologe von der Uniklinik Ulm befasst sich als Hobby mit Hochbetagten. Er ist Mitglied der "Gerontology Research Group" in den USA, die fortlaufend an einer Liste der ältesten Menschen der Welt ab 108 Jahre arbeitet. Lange war Deutschland unterrepräsentiert. Für die Aufnahme in die Liste seien hohe Kriterien zu erfüllen. "Das Leben des Betreffenden muss sich zurückverfolgen lassen", sagte der 34-jährige Mediziner. Deshalb müssten allerlei Dokumente beigebracht werden: Kopien der Geburts- und bei Frauen der Heiratsurkunde, aber auch des aktuellen Personalausweises. Für Frieda Szwillus werde die Aufnahme in diese Liste gerade vorbereitet. Den ersten Kontakt mit der Familie im Erzgebirge habe es nach Presseberichten vor zwei Jahren gegeben. "Vor zwei Monaten haben wir die Unterlagen nun vollständig in die USA geschickt."

Er selbst habe vor etwa zehn Jahren mit dem Hobby begonnen, weil in seinem Heimatort Lindau am Bodensee zwei über 100-jährige Damen lebten. "Die eine starb mit 106, die andere feierte noch ihren 108. Ehrentag." Damals sei in der Lokalpresse viel spekuliert worden, ob es noch Ältere gibt. "Ich wollte es genau wissen, nahm Kontakt mit der Gruppe in den USA auf und arbeite mit einem halben Dutzend Mitstreitern seither mit", erzählt der Ulmer.

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