Sachsens ältester Mensch wird heute 110 Jahre alt

Frieda Szwillus aus Raschau hat den deutschen Kaiser noch leibhaftig gesehen

Raschau. Der Lebenswille der kleinen Frau scheint unerschöpflich. "Es ist für uns ein Wunder, dass sich die Oma wieder aufgerappelt hat", sagt Enkeltochter Heike Groschupp über Frieda Szwillus. Einige Wochen war Sachsens älteste Frau Ende 2011 ans Bett gefesselt. "Wahrscheinlich hatte sie sich verrenkt, sie konnte sich kaum bewegen", erzählt die 45-Jährige. Oma Frieda musste gefüttert werden, war oft nicht ansprechbar. Heute ist das alles anders, denn die hochbetagte Dame ist wieder mobil. Sie verlässt mithilfe ihrer Familie das Bett, schaut aus dem Fenster, kämmt sich. Und was das Wichtigste ist: Das Essen schmeckt. Der Appetit auf Eierkuchen und Puddingsuppe ist zurückgekehrt, auf die Wurstschnitte oder eine Semmel mit Butter und Marmelade, auf Bohnenkaffee mit viel Milch oder ein Schokokeks.

Geschafft hat Oma Frieda die Rückkehr ins Leben nicht mit Tabletten oder im Krankenhaus, sondern aus eigener Kraft. Groschupp: "Bis heute nimmt sie keine einzige Pille. Als es ihr so schlecht ging, haben wir sie mit viel Geduld und einigen Hausmittelchen, wie etwa warmen Umschlägen, versorgt." Dazu gab es täglich eine kleine Dosis Familien-Trubel, denn den braucht die alte Frau. Wenn die Urenkelinnen Laura und Lydia in der Stube sitzen oder wenn Ururenkel Til Fabio Autos über den Boden jagt, huscht ein Strahlen über ihr Gesicht. "Mittlerweile redet die Oma viel mehr als vor ihrer Krankheit", sagt die 45-jährige Enkeltochter. Mitunter verfalle die Seniorin gar aufs Reimen. Immer detaillierter würden auch Erinnerungen an früher. Sie erzähle aus ihrer Schulzeit und von Freundinnen, die "etwas Besseres" waren.

Ihr Alter hat Frieda Szwillus ausgeblendet. Mal ist sie 16, dann wieder 40. "Sie lebt in der Vergangenheit, ist oft durcheinander", sagt die Enkelin, "aber sie ist ja auch schon 110". Heike Groschupp: "Unvorstellbar, dass unsere Oma den deutschen Kaiser leibhaftig gesehen hat."

Die alte Frau, die zwei Mal verheiratet war und ein leibliches Kind sowie drei Stiefkinder großgezogen hat, hat bescheiden und sparsam gelebt. Viel brachte die Arbeit in einer Strumpffabrik auch nicht ein. Die vergangenen Jahrzehnte hat sich ihr Leben immer mehr auf die große Familie fokussiert. Ihre Stube war der Treff der Kinder und Kindeskinder.

Frieda Szwillus' Tagesablauf folgt ihren Bedürfnissen. Wenn sie in der Nacht wach sein will, ist das okay. Dann schaut ein Familienmitglied nach ihr. Die 16-jährige Laura Groschupp hat ihr Zimmer genau über der Stube der Uroma. Sie hört alles, kann notfalls Vater, Mutter oder Großeltern alarmieren. Ein Vorteil, wenn man unter einem Dach lebt. "Ich gucke jeden Tag auch zu ihr rein, ähnlich wie meine Schwester", sagt die Urenkelin. Ihre Urgroßmutter sei was ganz Besonderes.

"Und meistens sehr geduldig", lobt Heike Groschupp. Frieda Szwillus lässt sich von der Friseurin gern die Haare schneiden, ist beim Essen kooperativ. Nur in einem ist sie unduldsam. Medizinische Untersuchungen lässt Frieda Szwillus nur höchst ungern zu. Wolle die Hausärztin Blutdruck oder Blutzucker messen, reagiere die Seniorin mit lautem Protest. "Zum Glück sind wir bisher ohne medizinische Dauerhilfe zurechtgekommen", sagt die berufstätige Enkeltochter, die lange in einer Hausarztpraxis als Schwester gearbeitet hat: "Omas Herz ist stark, der Kreislauf stabil. Nur sehen kann die Oma nicht mehr so gut." Für den Blick aus dem Fenster reiche es aber noch allemal aus.


Regelmäßiger Kontakt zu Familie und Freunden hält Senioren geistig flexibel

Prof. Vjera Holthoff von der Uniklinik Dresden ist Expertin für Alterspsychiatrie. Mit der stellvertretenden Klinikchefin sprach Samira Sachse.

Freie Presse: Ist körperliche Gesundheit die einzige Voraussetzung, um alt zu werden. Welche Rolle spielt die Psyche?

Vjera Holthoff: Die Gene und die Gesundheit spielen die größte Rolle, aber auch die geistige Flexibilität, das wissen wir aus verschiedenen wissenschaftlichen Studien.

Freie Presse: Gibt es dafür eine Art Training?

Vjera Holthoff: Nein, nicht so wie wir es von Gehirnjogging oder Sport kennen. Zu viel Beschäftigung kann sogar kontraproduktiv sein, weil sich Ältere überfordert oder genervt fühlen. Geistige Flexibilität entsteht vor allem in Haushalten, in denen mehrere Generationen zusammenleben. Dort müssen sich die alten Menschen immer wieder auf die jüngeren einstellen. Sie nehmen Anteil am Geschehen, an positiven und negativen Ereignissen.

Freie Presse: Und sie sind wohlbehütet ...

Vjera Holthoff: Ja, das hohe Maß an Vertrautheit minimiert Stress und Angst vor Unbekanntem. Es wirkt beruhigend.

Freie Presse: Aber viele haben keine Chance, im Schoß der Familie alt zu werden...

Vjera Holthoff: Es muss nicht dringend sein, dass alle Generationen unter einem Dach leben. Auch der regelmäßig Kontakt mit Nachbarn und Freunden wirkt positiv, gibt Sicherheit, Zufriedenheit. Die Verankerung im Leben, der Austausch mit anderen sind elementar.

Freie Presse: Gilt es das erst im hohen Alter?

Vjera Holthoff: Nein, schon beim Übergang ins Rentnerleben ist das Verankertsein in einem Leben voller Vertrautheit wichtig. Regelmäßige Telefonate mit Freunden und Verwandten zählen dazu, das Treffen, Reden, Anteilnehmen. Alte Leute entwickeln eine emotionale Beteiligung an ihrer Umwelt. Ihr Mitgefühl wird stärker.

Freie Presse: Haben ältere Menschen deshalb auch eine besondere Beziehung zu ihren Tieren?

Vjera Holthoff: Natürlich. Auch der Hund oder die Katze bringen Vertrautheit und sind ein Anker. Und sie vermitteln das Gefühl, gebraucht zu werden.


Eine Frau hält Altersrekord

Als fünfälteste lebende Frau in Deutschland ist die Erzgebirgerin Frieda Szwillus mit dem Geburtsdatum 30.3.1902 derzeit bei Wikipedia aufgelistet. Die älteste lebende Frau der Republik ist am 19.8.1901 geboren und lebt in Friesland.

Den Altersweltrekord hält die Südfranzösin Jeanne Calment mit 122 Jahren und 164 Tagen. Sie war der älteste Mensch, dessen Chronologie zweifelsfrei gesichert ist. Sie starb im August 1997.

Um in die Liste der 100 nachweislich ältesten Menschen der Weltgeschichte zu gelangen, muss man nach derzeitigen Stand mindestens 113 Jahre und 290 Tage alt werden.

In Sachsen gibt es laut Staatskanzlei 24 105-Jährige. 106 Jahre alt sind neun, 107 sieben Menschen, 108 sind vier, 109 und 110 nur je einer.

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