Streichkonzert erzeugt Missklang an Unis

Die Studentenzahlen in Sachsen steigen. Doch die Zahl der Stellen an den Hochschulen soll sinken. Von den vier Universitäten im Freistaat muss Leipzig am meisten bluten.

Dresden/Chemnitz. Die Grünen sehen Sachsen bei der Hochschulpolitik am Scheideweg: "Investitionen in die Köpfe oder Investitionen in Beton, das ist die Frage", sagte der Landtagsabgeordnete Karl-Heinz Gerstenberg gestern. Sollte die schwarz-gelbe Regierungskoalition am geplanten Abbau von 1042 Stellen bis 2020 festhalten, drohe den Hochschulen ein Absinken auf Mittelmaß.
Als der Landtag 2010 die Streichung der 1042 Stellen beschloss, da wussten die Abgeordneten noch nicht so genau, was auf die Unis zurollen wird. Die Aussetzung der Wehrpflicht, die die Studierendenzahlen plötzlich anschwellen ließ, kam erst im Juni 2011. Und auch der Studentenschub durch doppelte Abiturjahrgänge in einigen Bundesländern war 2010 noch nicht konkret abzusehen.
Noch den Schatten des Krisenjahrs 2009 im Rücken, stimmte die schwarz-gelbe Mehrheit im Dresdner Parlament 2010 dem Sparplan zu. Ziel: Um dem demografischen Wandel im Freistaat Rechnung zu tragen, sollen die Posten im öffentlichen Dienst bis 2020 von damals 83.000 Stellen auf dann 70.000 abgebaut werden. Auch die Hochschulen werden dabei in die Pflicht genommen - mit eben jenen 1042 abzubauenden Stellen bis 2020.

Inzwischen wissen Staatsregierung, Abgeordnete und Hochschulen, dass die dem Streichplan zugrundeliegenden Prognosen der Studentenzahlen ziemlich danebenlagen. So traten etwa im Jahr 2012 rund 21.000 junge Frauen und Männer im Freistaat ein Studium an - über 40 Prozent mehr als noch 2010 prognostiziert. Einige Akademiker-Schmieden stehen daher heute vor größten Problemen, wenn sie die Dresdner Vorgaben erfüllen müssen. Dabei treffen die Sparvorgaben die vier sächsischen Universitäten extrem unterschiedlich. Während die TU Dresden gar keine Stellen streichen und die Leipziger Universität ganze Institute schließen muss, kürzt die TU Chemnitz ausschließlich beim nichtwissenschaftlichen Personal. Die TU Bergakademie in Freiberg setzt den Rotstift ausgewogen an - nicht jedoch bei Professoren, wie eine Umfrage ergab. Inzwischen haben die Hochschulen entschieden, wo genau bis zum Jahr 2015 gekürzt werden soll, und ihre Pläne dem Wissenschaftsministerium mitgeteilt.

Sachsens größte Uni in Leipzig muss demnach am meisten bluten: Von 2013 bis 2015 fallen dort drei Jahre lang je 24 Stellen weg. Neben dem sachsenweit einzigen Studiengang Pharmazie soll auch das Institut für Theaterwissenschaft dem Rotstift zum Opfer fallen - das einzige in Ostdeutschland. Ebenso das Institut für Archäologie - die sachsenweit einzige Einrichtung, die Klassische Archäologie anbietet. Die Theaterszene läuft seit Bekanntwerden der Pläne Sturm. Der Deutsche Archäologenverband sammelte in einer Internet-Petition bereits über 14.000 Unterschriften gegen das Streichkonzert. Außerdem flatterte Wissenschaftsministerin Sabine von Schorlemer (parteilos) und Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) jüngst eine parteiübergreifende Resolution aus Leipzig auf den Tisch, in der zum Beispiel Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) die Rücknahme des "Dresdner Spardiktats" fordert.

Die Leipziger Uni-Rektorin Beate Schücking fordert, die Sparmaßnahmen den aktuellen Studentenzahlen anzupassen. "Sonst droht die Schließung ganzer Fakultäten oder größerer Einheiten." Das wolle man sich nicht vorstellen. Denn die Hochschulen seien doch "Keimzellen von Wirtschaftswachstum und Motoren einer positiven demografischen Entwicklung, weil sie junge Leute im Land halten oder hierherziehen. Der Freistaat verspielt große Chancen, wenn er bei dem Sparplan bleibt", warnt Schücking.

Die TU Chemnitz baut von 2013 bis 2015 drei Jahre lang je 14 Stellen ab. "Wir werden mit Quietschen, aber ohne akademische Strukturmaßnahmen hinkommen", sagt TU-Rektor Arnold van Zyl. Es werde ausschließlich beim nichtwissenschaftlichen Personal gekürzt. "Dies beeinträchtigt die Fähigkeit, unser hohes Drittmittelaufkommen zu verwalten und neue Drittmittel zu akquirieren." Van Zyl hofft aber, dass die Uni-Rektoren die Politik bei der für 2015 angesetzten Überprüfung der Hochschulpläne noch überzeugen können, ab 2016 vom weiteren Stellenabbau abzusehen. Da sind nach den bisherigen Planungen aber erst 288 der 1024 Stellenstreichungen geschafft.

Die TU Bergakademie in Freiberg muss bis Ende 2015 insgesamt 28 Stellen streichen. Professorenstellen seien nicht dabei, sagte Sprecherin Madlen Domaschke. "Bei uns ist es zum Glück auch nicht so drastisch wie in Leipzig. Wir müssen keine Lehrstühle und Institute schließen." Bei weiteren Stellenkürzungen könne dann aber die Qualität an der Bergakademie nicht mehr gewährleistet werden.
Die TU Dresden ist wegen ihres Exzellenzstatus zumindest bis 2015 von Stellenabbau ausgenommen. Bis dahin verschont bleiben auch das Internationale Hochschulinstitut Zittau und alle Kunst- und Musikhochschulen.

Das sagt Wissenschaftsministerin Sabine von Schorlemer (parteilos) zur Kritik an den Sparplänen im Hochschulbereich


Kritikpunkt 1: Die im Jahr 2010 beschlossenen Stellenkürzungen sind heute nicht mehr sinnvoll.

Schorlemer
: Wir haben derzeit eine besondere Situation durch das Aussetzen der Wehrpflicht und die doppelten Abiturjahrgänge in vielen Bundesländern. Dadurch hat sich die Zahl der Studienanfänger erhöht. Und darauf haben wir reagiert und die Hochschulen nicht alleingelassen. Zur sofortigen Entlastung wurden 300 zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen für stark nachgefragte Studienbereiche. Hinzu kommen weitere zusätzliche 189 Stellen an den Universitäten für die Lehrerausbildung. Faktisch haben unsere Hochschulen derzeit sogar mehr Stellen zur Verfügung.


Kritikpunkt 2: Die bis 2020 geplante Streichung von 1042 Stellen gefährdet den Hochschulstandort Sachsen.

Schorlemer: Es geht derzeit um weniger als 70 Stellen pro Jahr, bei aktuell 9255 Stellen insgesamt. Wir wollen verantwortungsvoll mit unseren Ressourcen umgehen, da müssen auch Hochschulen ihren Beitrag leisten, so wie alle anderen öffentlichen Bereiche auch. Hinsichtlich der weiteren Vorgaben zum Stellenabbau werden die Entscheidungen auf Grundlage einer Evaluierung im Jahr 2015 getroffen. Diese soll die Studierendenzahlen und die demografische Entwicklung berücksichtigen. Das nehmen wir sehr ernst und ich werde auch hier an der Seite unserer Hochschulen stehen.


Kritikpunkt 3: Die sächsischen Universitäten sind unterfinanziert.

Schorlemer: Ein Drittel des sächsischen Haushalts fließt in Bildung und Forschung. Das zeigt: Hier setzen wir wirklich einen Schwerpunkt. Mit den Hochschulen haben wir gemeinsam eine Vereinbarung unterschrieben. Diese sichert denen knapp zwei Milliarden Euro in den nächsten Jahren bis 2017 zu. Damit haben die Hochschulen langfristige Planungssicherheit. Das gibt es in keinem anderen Bereich. Das ist nicht nur angesichts der mehrjährigen Planungssicherheit eine Privilegierung der Hochschulen gegenüber anderen Einrichtungen, sondern bei einem Landeshaushalt von rund 15 Milliarden auch eine hohe Investition in Bildung.


Kritikpunkt 4: Die Sparpläne der Landesregierung zwingen die Universitäten zu Einschränkungen, die im Endeffekt zu Lasten der wissenschaftlichen Vielfalt gehen.

Schorlemer: Wir haben Hochschulautonomie und es liegt in der Verantwortung der Hochschulen, die für sie richtigen Prioritäten zu setzen und zu entscheiden, welche Fakultäten - ob große oder kleine - sie in den Blick nehmen. Das Ministerium hat bei der Einrichtung, Änderung und Aufhebung von Studiengängen kein Mitsprache- oder Eingriffsrecht, mit Ausnahme von Staatsexamensstudiengängen. Selbst wenn ich es wollte, könnte ich den Beschluss des Leipziger Rektorats nicht korrigieren. (te)

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1Kommentare
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  • 1
    1
    marioh
    22.02.2014

    Leider wird nur von den großen Unis gesprochen. Was ein Stellenabbau von z.B. 5 Stellen pro Jahr für die Fachhochschulen beudetet, stellt viel größere Probleme dar. Falls die Sparpläne so umgesetzt werden wie geplant, müssen sicher ganze Hochschilen schließen. Durch den fehlenden akademischen Mittelbau arbeiten die FH's ohnehin schon am Rande ihrer Kapazitäten, da sie seit ein paar Jahren ebenfalls massiv Drittmittel einwerben sollen, jedoch dafür keinerlei personelle Ausstattungen besitzen.



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