Streit um Stolpersteine erreicht Sachsen

Schwere Zeiten für Gunter Demnig: München und Annaberg-Buchholz lassen den Künstler abblitzen. Der hält die Debatte für absurd.

Johanngeorgenstadt.

Nein, das ist kein Maurer bei der Arbeit. Es ist Gunter Demnig, 67 Jahre alt, Cowboy-Hut, Jeanshemd, rotes Halstuch - Schöpfer der Stolpersteine. Fünf davon verlegt er gestern, 9 Uhr, in Johanngeorgenstadt. Mit Hammer, Spachtel, Wasser und Zement. Nun glänzen die Namen der jüdischen Familie Lewinsohn in der Sonne, eingraviert auf Messingplatten. Es ist Demnigs erster Termin an diesem Tag. Gegen 10 Uhr packt er das Werkzeug zurück in sein Auto, 30 Leute applaudieren - Anerkennung, die der Künstler gut gebrauchen kann. Denn sein Werk steht derzeit wieder in der Kritik: In Annaberg-Buchholz, seiner nächsten Station, braucht er Hammer und Spachtel gar nicht erst auszupacken.

Erneute Demütigung?

Seit 20 Jahren verlegt Demnig die Stolpersteine. Seine messingfarbene Spur zieht sich durch ganz Europa: mehr als 54.000 Steine an 1200 Orten in 19 Ländern. Die Mahnmale erinnern an Opfer des Nationalsozialismus, an Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Behinderte, politisch Verfolgte. Die Stolpersteine gelten als das größte dezentrale Denkmal Europas. Etliche Preise hat Demnig dafür bekommen.

Auch die Stadt Annaberg-Buchholz hatte vor einigen Monaten Stolpersteine bestellt, zum Gedenken an ihre jüdischen Bürger Hans und Hanns Heinrich Kaplan, die während der Nazi-Herrschaft als KZ-Häftlinge litten. Doch Anfang der Woche entschied sich Oberbürgermeister Rolf Schmidt gegen die Verlegung - auf Wunsch der Nachfahren. Laut Stadtverwaltung sehen die Kaplan-Angehörigen keine Würdigung darin, die Namen ihrer toten Verwandten auf dem Fußweg zu platzieren. Vielmehr handle es sich um eine "erneute Demütigung".

Die Kaplan-Nachfahren berufen sich dabei auf Argumente der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern. Deren Präsidentin Charlotte Knobloch findet es "unerträglich", wenn auf den Namen ermordeter Juden "herumgetreten" werde. In München währt der Streit um die Verlegung schon mehr als zehn Jahre. Erst am Mittwoch sprach sich der Stadtrat erneut gegen die Stolpersteine aus.

Künstler Demnig ist mit dieser Kritik schon oft konfrontiert worden. Er spricht vom "Bazillus aus München". Die Argumente hält er für absurd: "Wer über die Stolpersteine geht, der putzt die Erinnerung blank", sagte er gestern. Oder: "Will jemand die Namen lesen, muss er den Kopf senken. Das ist wie eine Verbeugung vor den Opfern."

Kein Konsens unter Juden

Offensichtlich ist es eine Frage der Interpretation. Selbst innerhalb der jüdischen Gruppen in Deutschland besteht kein Konsens über die Stolperstein-Frage. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, hält Demnigs Kunstwerke für eine "gute Form des Gedenkens". Allerdings sagt er: "Wenn Nachfahren keine Stolpersteine für ihre Angehörigen haben wollen, sollte man das auf jeden Fall akzeptieren."

So wie in Annaberg-Buchholz. Neben der symbolischen Abwertung fürchteten die Kaplan-Nachfahren laut Stadtverwaltung "rechtsextremistische Aktionen". Tatsächlich werden Stolpersteine immer wieder beschmiert, gestohlen oder mit Teer übergossen. Zentralrats-Präsident Schuster sagt jedoch: "Aus diesem Grund darauf zu verzichten, würde den Rechtsextremen in die Hände spielen."

Die bestellten Stolpersteine gibt Künstler Demnig im Rathaus von Annaberg-Buchholz ab. Was mit ihnen passiert, ist noch offen. Aber Demnig hält an seinem Ziel fest: "Weitermachen, so lang, wie's geht." Heute will er Steine in Olbernhau verlegen.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...