Streit ums richtige Menschenbild

Behinderte und Nichtbehinderte sollen zusammen lernen. Brauchen wir also noch Förderschulen?

Dresden.

Annett Heinich hat eine klare Vorstellung vom kontroversesten Begriff im neuen Schulgesetz. "Inklusion ist für mich in erster Linie Chancengleichheit", sagt die 46-Jährige. Sie ist schwerbehindert, sitzt im Rollstuhl und mischt sich ein für ein gleichberechtigtes Zusammenleben zwischen Behinderten und Nichtbehinderten - früher in Mittelsachsen, inzwischen in ihrer neuen Heimat Dresden.

In ihrem Leben, sagt Annett Heinich, sei es stets besonders wertvoll gewesen, wenn Pädagogen und Mitmenschen sie einfach mitgenommen hätten "ohne dieses Raster". Zum Bürgerforum über das neue Schulgesetz vergangene Woche in Dresden kann sie ihre Erregung nur schwer verbergen. "Machen Sie sich einfach mal Gedanken über Ihr eigenes Menschenbild", ruft sie den Debattierenden am Tisch Inklusion zu.

Es ist eine hochemotionale Debatte, die derzeit in Sachsen geführt wird: Wie sollen und können Behinderte und Nichtbehinderte gleichberechtigt lernen? Im Jahr 2006 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen das "Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen". Zwei Jahre später trat die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft. In dem Papier heißt es, alle gesellschaftlichen Bereiche müssten für die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen zugeschnitten sein oder geöffnet werden. Es sei nicht Aufgabe des Menschen mit Behinderungen, sich anzupassen, um seine Rechte wahrzunehmen.

Sachsen will daher Paragraf 30 in seinem Schulgesetz streichen. Dort werden Kinder zum Besuch einer Förderschule verpflichtet, wenn sie "über eine längere Zeit einer sonderpädagogischen Förderung (...) bedürfen". In der Vergangenheit führte das dazu, dass im Freistaat deutlich mehr Kinder auf Förderschulen landeten (8,5 Prozent) als im Bundesdurchschnitt (6,6 Prozent). Auch so erklärt sich das gute Abschneiden sächsischer Schüler bei Pisa-Tests an Regelschulen.

Im Entwurf der sächsischen Gesetzesnovelle wird indes kein Ziel formuliert, inklusives Lernen zum Regelfall werden zu lassen. "Wir sind schon sehr enttäuscht, dass es keinen Rechtsanspruch gibt", sagt Barbara von Heereman von der Landesarbeitsgemeinschaft Inklusion in Sachsen. Eltern und Kindern wird lediglich ein Wahlrecht zwischen Regel- und Förderschule eingeräumt - mit Einschränkungen: So soll der Schulleiter unter Berücksichtigung vorhandener Ressourcen über die Aufnahme eines Kindes mit Förderbedarf entscheiden dürfen.

Für noch problematischer halten Kritiker den Vorbehalt "soweit die angemessene Förderung anderer Schüler nicht erheblich beeinträchtigt wird". In Dresden sagt dazu die Vertreterin einer örtlichen Elternberatungsstelle, die Formulierung sei eine Steilvorlage, um Vorbehalte gegenüber der Aufnahme von Behinderten an Regelschulen zu schüren. "Hier werden Interessengruppen gegeneinander ausgespielt."

Betroffene Lehrer indes verweisen auf den Personalmangel und begrüßen die Beschränkungen. "Ich weiß nicht, wie wir das schaffen sollen", sagt die Leiterin einer Grundschule in Freital. "Schön, wenn ich als Schulleiter sagen könnte: Die Grenzen sind erreicht." Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) erklärt zum Bürgerforum: "Wir streben kein vollinklusives Schulsystem an." Und sie bekräftigt: "Das schrittweise Zurückfahren der Förderschulen wird es mit mir nicht geben." Man müsse hier einen behutsamen, schrittweisen Weg gehen.

Das Förderzentrum "Käthe Kollwitz" in Freiberg. 240 Schüler mit Beeinträchtigungen beim Lernen werden hier unterrichtet. Schulleiterin Martina Riedig glaubt, dass die Anzahl der Förderschulen in Sachsen perspektivisch schon zurückgehen wird. Aber auch sie ist strikt gegen eine völlige Abschaffung. "Inklusion ist insgesamt gut", sagt sie. "Aber die Förderschule muss erhalten bleiben, weil es Kinder gibt, die diesen geschützten Raum brauchen, und Eltern, die diesen geschützten Raum wünschen."

Antje Thiersch, die mit dem Gesetzentwurf befasste Referatsleiterin im Kultusministerium, sagt, sie kenne Förderschulen, in denen Kinder fitgemacht werden für einen regulären Schulabschluss - aber auch solche Häuser, "wo Familien in der dritten Generation hingehen". Ihr Fazit: "Inklusion ist eine Vision." Über den richtigen Weg dahin wird wohl weiter heftig gestritten.

Bürgerbeteiligung: Noch bis 7. März können Anregungen, Vorschläge und Kritik zum Entwurf des Schulgesetzes online ans Kultusministerium übermittelt werden. www.schule.sachsen.de/20836.htm

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