Über 100 Pflegeheime in Sachsen haben zu wenig Fachpersonal

Gegen vier Häuser wurde bereits ein Aufnahmestopp verhängt. Und der Notstand könnte noch schlimmer werden.

Chemnitz.

Personalmangel in der Pflege ist seit Jahren ein Problem in Sachsen. Doch jetzt spitzt sich die Lage zu: Immer mehr Pflegeheime unterschreiten die gesetzlich vorgeschriebene Quote beim Fachpersonal. Nach einer Verordnung des Bundes müssen mindestens 50 Prozent der Beschäftigten qualifizierte Fachkräfte sein. In Sachsen erfüllen derzeit 107 der rund 800 Pflegeheime diese Vorgabe nicht mehr.

Der Kommunale Sozialverband Sachsen (KSV) ist für die Heimkontrollen in Sachsen zuständig. Gegenüber der "Freien Presse" bestätigte er gestern die Zahlen, die der Mitteldeutsche Rundfunk verbreitet hatte. "Die Fachkraftquote in diesen 107 Einrichtungen lag - wenn auch nur geringfügig - unter 50 Prozent", sagte KSV-Sprecherin Monika Pittasch. In vier Pflegeheimen habe man zum Ende des vergangenen Jahres einen Aufnahmestopp von zu pflegenden Menschen ausgesprochen. In diesen Häusern seien jedoch weitere Mängel hinzugekommen, insbesondere bei Pflege und Betreuung.

Ausgebildete Altenpfleger gibt es auf dem sächsischen Arbeitsmarkt kaum noch. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren im Dezember im gesamten Freistaat 100 Beschäftigte der Branche arbeitslos gemeldet. 1018 freie Stellen waren zu besetzen. Hauptursache für die Misere ist die im Bundesvergleich extrem schlechte Bezahlung der Pflegekräfte. Nach dem Entgeltatlas der Arbeitsagentur liegt das mittlere Gehalt einer Altenpflegerin in Sachsen aktuell bei 2050 Euro brutto im Monat. In Bayern sind es 2875 Euro. Andererseits sind dort die von den Heimbewohnern zu zahlenden Eigenanteile auch deutlich höher. In Sachsen liegen sie aktuell zwischen 800 und 1500 Euro pro Monat.

Steffen Köcher ist Geschäftsführer der Seniorenheime Freiberg, die rund 380 Pflegebedürftige betreuen. 240 Pflegekräfte hat die gGmbH, die Hälfte davon sind qualifizierte Fachkräfte. Es sei schwer, die Personalanforderungen zu erfüllen, sagt Köcher. Mit den Pflegekassen verhandele man über Bruttoarbeitszeiten. "Aber die Mitarbeiter haben Urlaub, werden krank - und das öfter als in anderen Berufen." Für Langzeitkranke und Mitarbeiterinnen in Mutterschaft könne man keine befristeten Verträge zur Überbrückung anbieten, da diese für die wenigen Arbeitsuchenden unattraktiv seien. So rissen immer wieder Lücken auf.

Der Chef der Seniorenheime Freiberg sieht keine schnelle Lösung und fragt: "Mehr Geld für die Pflege - woher soll das kommen?" Erst vor einem Jahr wurden auf Bundesebene die neuen Pflegegrade eingeführt. Damit bekamen viele Versicherte höhere Leistungen. "Aber das reicht nicht", sagt Köcher. Doch im Zuge dieser Gesetzgebung sei festgelegt worden, dass über höhere Pflegesätze frühestens 2020 verhandelt werde. Köcher warnt: "Die Lage wird sich weiter verschärfen."

Auch die Linke im Sächsischen Landtag rechnet mit weiteren Aufnahmestopps. Sie sprach gestern von einer "Bankrotterklärung der sächsischen CDU-Pflegepolitik". Es sei längst nicht damit getan, den Pflegemindestlohn im Osten endlich auf das West-Niveau zu erhöhen, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion, Susanne Schaper. "Alle Pflegeberufe brauchen eine ordentliche und flächendeckende tarifliche Bezahlung." Grünen-Fraktionschef Volkmar Zschocke warnte: "Eine Absenkung der Fachkraftquote ist kein Weg aus der Personalkrise." Und der sozialpolitische Sprecher der AfD, André Wendt, forderte: "Die CDU-geführte Staatsregierung muss endlich ihren Einfluss auf die Pflegekassen und Tarifpartner nutzen und höhere Gehälter durchsetzen."

Aus dem Sozialministerium in Dresden kamen gestern keine neuen Ankündigungen zur unmittelbaren Bekämpfung der Personalkrise in den Heimen. Ministerin Barbara Klepsch (CDU) setzt stattdessen auf mehr Pflege in den Familien. "Dazu hat der Freistaat Sachsen die Angebote zur Unterstützung im Alltag deutlich ausgebaut und mit Alltagsbegleitern und Nachbarschaftshelfern eine wichtige Entlastung für die pflegenden Angehörigen geschaffen", sagte Klepsch. Die Forderung nach Lockerung der Fachkraftquote, wie sie etwa vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Sachsen kam, wies sie zurück.

Dass sich beim Notstand in den Pflegeheimen so schnell nichts tun dürfte, deutete die Ministerin auch mit einem Verweis auf ein Personalbemessungssystem in der Pflege an, das vom Bund erarbeitet werden soll. Fertigstellung: bis Juni 2020.

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4Kommentare
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    Zeitungss
    02.02.2018

    Ich stelle fest , an der Bezahlung wird es nicht liegen, war so ein Denkfehler von mir. Selbst Bertroffene sehen das auch so, Meinungen gleich NULL. Es soll Leute geben, denen ist auch nicht mehr zu helfen, sie sollten allerdings auch nicht jammern.

  • 2
    0
    Zeitungss
    30.01.2018

    GUTE Bezahlung würde das Problem dauerhaft lösen, was man allerdings unter allen Umständen vermeiden möchte. Wenn die Geschäftsleitung einer Pflegeeinrichtung sehr gut bezahlt wird, sollte das reichen, die Erfolge sind inzwischen überall sichtbar. Ich habe keine Hoffnung, dass dieser Gedanke an richtiger Stelle jemals aufgenommen wird, dazu leben wir im falschen Land.

  • 8
    0
    cn3boj00
    30.01.2018

    Technik allein kann keine Pflege ersetzen. Wohnraumförderprogramme begünstigen z.B. einen altersgerechten Badumbau. Das nützt aber nichts, wenn jemand bettlägerig ist. Und Technik ersetzt keine menschliche Nähe, die auch alte Menschen brauchen. Viele Probleme im Alter entstehen durch Einsamkeit, weil die Angehörigen weggezogen sind, der Arbeit hinterher. Was die Ministerin sagt ist Selbstbetrug und löst die Probleme nicht.
    Ich denke, Pflegeheime sind schon eine gute Sache, wenn sie so ausgestattet sind, dass die Menschenwürde gewahrt bleibt. Letztlich kann jeder entscheiden, ob er zuhause gepflegt wird oder ins Heim geht. Aber es braucht Menschen. Das hat man vor der Wahl auch der Kanzlerin gesagt! Doch womit beschäftigen die sich? Mit dem Familiennachzug von Ausländern. Weil es wichtiger ist, die eigene Macht durch die Bedrohung durch die AfD zu schützen, und weil Menschen gegen Ausländer auf die Straße gehen, aber nicht gegen Leherermangel, Ärztemangel oder Pflegepersonalmangel. Wie wärs z.B. mit einem Programm, mit dem Zuwanderer schnellstmöglich zu Pflegern ausgebildet werden?

  • 7
    1
    VaterinSorge
    30.01.2018

    es ist ein wirkliches Dilemma und alles geht viel zu langsam, doch die Uhren ticken, die riesige Welle der alters- und krankheitsbedingt Bedürftigen rollt unaufhaltsam auf die Einrichtungen zu. Daher hätte längst der Pflegeberuf bereits in der Ausbildung dual mit einer angemessenen Lehrlingsvergütung eingeführt werden müssen und nicht wie bisher, dass Eltern noch dafür Schulgeld bezahlen müssen. Dann wurden viel zu früh und unnötig ältere Menschen aus ihrem Wohnumfeld gerissen und in Heime gesteckt, nur weil man nicht in der Lage ist, das gewohnte Umfeld den Mobilitätsbedürfnissen anzupassen. Es gibt heute technische Assistenzsysteme, die mobil eingeschränkten Menschen den Alltag erleichtern, Würde erhalten und teures Pflegepersonal sparen. Schaut man sich doch nur einmal an, wie es die Japaner machen. Dort gibt es keine Pflegeheime und die Menschen werden im Schnitt über hundert Jahre alt. Man nutzt den technischen Fortschritt, die Lehren der Natur und die Kraft des Wassers. Alles das kann man heute in die Wohnungen bringen und vielen Dingen vorbeugen. Man muss sich nur mal damit beschäftigen, es wollen und entsprechend umsetzen. Die Anfänge sind gemacht. In Sachsen gibt es ein Wohnraumförderprogramm, welches genau diese Dinge fördert. Der Haken: Die, die betroffen sind wissen es nicht, die, die ihnen die Wohnungen vermieten sagen es ihnen nicht und die, die die Wohnungen umbauen könnten, haben weder Lust, noch Zeit. Schade, aber wie immer, muss das Kind erst in den Brunnen fallen .....



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