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Krisentreffen bei der CDU im Erzgebirgsort Crottendorf (von links): Markus Nestler, Jürgen Schmiedgen, Kai Schulze und der parteilose Bürgermeister Sebastian Martin.

Foto: Uwe Mann

Volkspartei sucht Volk

Warum dieser Absturz? Bei der CDU herrscht Ratlosigkeit. Aber die Parteibasis will verstehen und zurück zum Dialog mit dem Bürger. Ein Besuch im Erzgebirge.

Von Oliver Hach und Alessandro Peduto
erschienen am 06.10.2017

Crottendorf. Crottendorf. Sie müssen reden. Über dieses Wahlergebnis. Weil sie nach Erklärungen suchen. Weil sie viele Bürger im Ort, ihre Nachbarn, nicht mehr verstehen. Im Sportlerheim haben sie sich versammelt an diesem stürmischen Herbstabend: Mitglieder des CDU-Ortsverbands Crottendorf, der parteilose Bürgermeister, der CDU-Landrat.

Uwe Hochberger, der Vorsitzende des Ortsverbandes, hat ein Interview mitgebracht, das der sächsische CDU-Fraktionschef Frank Kupfer der Deutschen Presse-Agentur gab. Hochberger will wissen, was seine Parteifreunde von Kupfers Einschätzung halten, wonach die CDU die Bundestagswahl vor allem wegen der Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel verlor. "Was die Kanzlerin 2015 gemacht hat", so zitiert er Kupfer, "wird von den Menschen nicht akzeptiert."

Crottendorf ist eine Gemeinde mit 4000 Einwohnern südwestlich von Annaberg-Buchholz im oberen Erzgebirge. Am Ortseingang stehen ein großes Werk des Türklinkenherstellers Hoppe und die berühmte Räucherkerzchenfabrik. Arbeit haben hier heute fast alle, im Erzgebirgskreis lag die Arbeitslosenquote zuletzt bei unter fünf Prozent. "Es geht uns ja allen gut", sagt Jürgen Schmiedgen, der im Ort ein Baubüro und eine Imkerei betreibt. Trotzdem verlor die CDU hier dramatisch: 2013 holte sie 52 Prozent der Zweitstimmen, 2017 noch 35 Prozent. Dafür stieg das Ergebnis der AfD von 7 auf über 26 Prozent.

Schmiedgen macht sich vor allem um eines Sorgen: "Der Verfall der Sitten - dass Niveau und gegenseitiger Respekt so gesunken sind." Er glaubt nicht, dass die CDU die Wahl allein wegen der Flüchtlingsfrage verlor. Aber auch er nickt zustimmend, als der CDU-Ortschef sagt, er hätte sich von Merkel klarere Worte gewünscht, dass Fehler gemacht wurden. Grenzöffnung als humanitärer Akt - ja, aber vorübergehend, meint Hochberger. Doch später habe er das Gefühl gehabt: "Das nimmt kein Ende, und alle anderen schotten sich ab."

Landrat Frank Vogel ist Vorsitzender der CDU im Erzgebirgskreis. "347.000 Einwohner und 2000 Flüchtlinge - ist das wirklich das einzige Problem?", fragt er. Vogel sieht viel größere Herausforderungen: dass im Erzgebirge Menschen fehlen - in der Privatwirtschaft, bei Behörden, in der Gesundheitsversorgung. "Es hat schon lange ein Wettlauf um die Köpfe begonnen", sagt der Landrat. Er spricht nicht von den besten Köpfen. Er meint, es gehe an die Substanz: Dass hier überhaupt noch jemand leben will. Bei jungen Ärzten sieht er "geringe Bereitschaft, sich einzubringen". Wenn er beruflichen Nachwuchs im Landratsamt bekommt, sagen ihm die jungen Leute, dass sie nicht mehr voll arbeiten wollen, weil sie Familie haben oder eine planen.

Die CDU ist in Sachsen noch immer die größte Partei, doch sie schrumpft kontinuierlich. Ende 2016 hatte sie 11.000 Mitglieder, Ende August 2017 noch 10.678. Nach der Wahl gab es vermehrte Eintritte. Vielleicht, so hofft Josua Littig vom CDU-Landesverband in Dresden, sagten sich einige: "Jetzt erst recht".

In Crottendorf spricht der CDU-Ortsverbandschef vom Lehrermangel, von seiner Tochter in der neunten Klasse. "Der Stundenausfall - was den Lehrern zugemutet wird!" Der Landrat entgegnet, die Zahlen seien lange bekannt. "Das ist eine Entwicklung der letzten 15 Jahre."
Es sind Probleme, die sich nicht von heute auf morgen lösen lassen, aus denen die AfD - wie beim Asylthema - aber Kapital schlagen konnte. "Bisher reichte Kritik", sagt Vogel. Jetzt müsse die Partei auch Lösungen präsentieren. "Man wird sich mit deren Vorstellungen auseinandersetzen müssen."

Schon 2015, so Vogel, habe er mehr Abschiebungen gefordert. Aber er wisse auch, was möglich sei und was eben nicht. Etwa wenn sich die Heimatländer weigern, abgelehnte Asylbewerber zurückzunehmen. "Sollen wir die Leute einfach ins Flugzeug setzen und über dem Mittelmeer die Klappe aufmachen?"

Sebastian Martin ist Bürgermeister in Crottendorf. "Die AfD hat das clever gemacht: komplexe Themen einfach erklärt", sagt er. Aber so einfach sei es eben oft nicht. Zur Aussage von CDU-Fraktionschef Kupfer, der Islam gehöre nicht zu Deutschland und nicht zu Sachsen, sagt der junge Mann: "Das Grundgesetz garantiert Religionsfreiheit. Wer genug Geld hat, baut eine Moschee." Hochberger hält dagegen, er wisse, was im Grundgesetz steht. "Aber die Leute empfinden etwas anderes." Es komme eben darauf an, wie man als Politiker die Menschen anspreche. Und er sei auch besorgt über Hassprediger und Parallelgesellschaften in westdeutschen Großstädten.

Die große Welt im kleinen Crottendorf: Selbst bei der doppelten Staatsbürgerschaft wird es kompliziert. Man müsse sich uneingeschränkt zu dem Land bekennen, in dem man lebe, so der Tenor der Debatte. Imker Schmiedgen merkt an, seine Tochter lebe in Großbritannien, Kinder seien in Deutschland geboren. "Das letzte, was sie abgeben würde, wäre ihr deutscher Pass."

Die Runde im Sportlerheim endet als offene Diskussion. Es gibt weiter Gesprächsbedarf, Uwe Hochberger ist dafür, dass die CDU in den offenen Dialog mit den Bürgern tritt. Statt mit der AfD sollte man sich "mit Sachthemen auseinandersetzen". Eines hält er jedoch für völlig verkehrt: den Rücktritt Merkels als Parteichefin. Er holt den aktuellen Artikel der "Freien Presse" aus Freiberg hervor, wo der CDU-Stadtverband diese Forderung aufmacht, und sagt: "Das wollen wir nicht!"


 

Union hat mehrere offene Flanken

CDU und CSU reden seit der Wahl vor allem über ihre Verluste an die AfD, dabei sind jene an die FDP viel größer

Der Ausgang der Bundestagswahl hat die deutsche Politik durcheinandergewirbelt. Während die SPD schon länger mit linker Konkurrenz lebt, ist es für CDU und CSU eine gänzlich neue Erfahrung, dass es mit der AfD fortan einen Wettbewerber rechts von ihnen im Bundestag gibt. Seit Tagen debattiert die Union darüber, ob und wie ihre "rechte Flanke" zu schließen sei. Dabei geht fast unter, dass gar nicht die AfD der Union die meisten Wähler abgeworben hat. Vielmehr wanderte die größte Gruppe zur FDP, genauer gesagt rund 1,62 Millionen, wie Umfragen von Infratest Dimap zeigen. In Richtung AfD zogen am Wahlsonntag dagegen mit 1,04 Millionen deutlich weniger.

In Sachsen verlor die CDU zwar mit etwa 171.800 Stimmen bzw. 5,1Prozentpunkte tatsächlich am meisten an die AfD. Die "Alternative" schnitt in Sachsen bei der Bundestagswahl sogar als stärkste Partei ab. Die zweitgrößten CDU-Verluste von rund 89.600 Stimmen beziehungsweise 2,7 Prozentpunkten gingen aber auch hier an die FDP. Das geht aus Analysen des Fachportals "Wahlforschung.de" hervor. In der CSU-Hochburg Bayern verbuchten die Christsozialen jedoch die größten Verluste an die Liberalen, nämlich etwa 270.000 Stimmen. Das sind 2,84 Prozentpunkte. Zur AfD wechselten dort mit 158.000 Stimmen erheblich weniger Wähler. Diese Entwicklungen zeigen, dass eine Fokussierung auf die AfD zu kurz greift, wenn es um die Analyse des historisch schlechtesten Ergebnisses der Union geht. Denn auch an der "liberalen Flanke", etwa bei den Themen Wirtschafts-, Finanz- und Wettbewerbspolitik, scheinen viele Wähler unzufrieden gewesen zu sein mit CDU und CSU.

Eine neue Bertelsmann-Studie beleuchtet derweil die AfD-Zuwächse in den unterschiedlichen sozialen Schichten. Demnach verlieren die Union und die anderen etablierten Parteien besonders in sozial schwächeren Milieus Wähler, aber auch in der bürgerlichen Mitte. Die AfD konnte bei der Bundestagswahl dagegen in diesen Wählerschichten stark punkten, wie die am Freitag veröffentlichte Untersuchung zeigt.

Im sogenannten "sozial prekären" Milieu kam die AfD demnach auf 28 Prozent aller Wählerstimmen. Zugleich lag die geschätzte Wahlbeteiligung in diesem Bereich nur bei etwa 58 Prozent und damit fast 20 Prozentpunkte unter dem Durchschnitt der gesamten Wahlbeteiligung. Folglich haben fast zwei Drittel (63 Prozent) aller Wahlberechtigten in diesem Milieu entweder gar nicht, die AfD oder eine sonstige Partei gewählt. "In keinem anderen Milieu ist der Erosionsprozess der etablierten Parteien und die Dominanz der Nicht- und Protestwähler soweit fortgeschritten wie im prekären Milieu", erklärte Studienautorin Klaudia Wegschaider.

In der bürgerlichen Mitte macht die AfD vor allem der Union Konkurrenz. In diesem Milieu erreichte die Partei 20 Prozent aller Stimmen, womit sie im Vergleich zur vorherigen Bundestagswahl um rund 15 Prozentpunkte zulegte. Die CDU/ CSU sackte indes um 15 Prozentpunkte auf 37 Prozent ab. (mit afp)

 
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Kommentare
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Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 09.10.2017
    05:46 Uhr

    BlackSheep: https://www.welt.de/vermischtes/article169433297/Ein-brisantes-Strategiepapier-bei-dem-sich-die-Union-windet.html Vieleicht liegt das Wahlergebniss auch daran?

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  • 07.10.2017
    13:14 Uhr

    Interessierte: Politiker machen immer alles richtig , du mußt eben Politiker sein , da hast du über 7 Jahre und länger was zu sagen und für immer viel Geld , da kannst du auch dumm sein , das muß du nur gut überspielen und dass muß dann aber trotzdem alles durchgesetzt und gemacht werden , weil du eben was zu sagen hast , auch , wenn es gen` Himmel schreit ...

    Das sieht man doch auch an den Minderheitsparteien , die nur wenige gewählt haben , u.a. weil sie nicht wußten , wen sie wählen sollen und aber wählen mußten oder eben sollten ; und ´kurzentschlossen` haben die sich dann für ´Grün` entschieden , die kümmern sich doch wenigstens noch um die Bäume

    Und nun kommen die Minderheiten an die Macht , wer hätte das gedacht ...
    Und wer hätte das gedacht , dass man die , die vom Volk ´in der Demokratie und in dem Rechtsstaat` mit vielen Stimmen gewählt wurden , nun von den Minderheiten ausgeschaltet und ignoriert werden und bewußt in eine gewisse Ecke gestellt werden und man sich selbst damit wieder ( ganz raffiniert) an die Macht gebracht hat ?

    Wenn ich jetzt Politiker wäre und ich würde sagen , man muß das Chemnitzer Rathaus wieder einmal von weitem sehen wie in anderen Städten , dann würden auf meine Entscheidung hin die Glas-Paläste in der Stadt wieder abgerissen , welche rund um unser Rathaus stehen und um welche du erst drum´rum laufen muß , willst du unser Rathaus sehen ...

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  • 07.10.2017
    12:54 Uhr

    Nixnuzz: Wenn ich mir die örtlichen o.g. Problemstellungen so ansehe, erinnert mich der Sachzustand an ähnliche Materialsituationen in der DDR: "Hamm wa nich" - "Kommt demnächst" - "Nur im Weschten.." Unsere Großpolitiker in Regierung und Land haben es wohl aus reiner Finanzpolitik zwecks "Schwarzer Null" durch Einsparungen an allen Ecken und Enden geschafft, unseren erforderlichen Geld- und Investitionsbedarf auf den heutigen maroden Stand zu bringen. Oder wollte man auch den Bau überdimensionierter Bauwerke zu Lasten der DDR/BRD wie nach der Wende verhindern? Zu welchem Preis?!
    Und ich bin mir jetzt nicht zu schade, diese durchgreifende Regierungspolitik dem Duo Schäuble-Merkel massiv anzulasten. Da wir den hinkenden Länderfinanzausgleich haben, kriegen wir wohl wegen dieser "Schwarzarbeit der Mangelwirtschaft" jetzt besonders diese in der Bildung etc. voll um die Ohren gehauen. Wir versparen nicht nur den jetzigen Schülern Bildung und Gebäude sondern längerfristig die weltweiten Technikherausforderungen mit angehängter Rentenkasse. Welchen Gewinn hätte dies, unser Land, trotz z.B. eines griechischen Schuldenerlasses oder eines Marshallplanes machen können, wenn wir begrenzte Schulden gemacht hätten. Oder was wollte Hr. Schäuble wirklich erreichen? Moderne Kollonisation über den Euro? Strukturmassnahmen zwecks Industrieansiedlung nach deutschem Gusto? Import ausländischer Intelligenz und Produktionsstandortplanung für hiesige Unternehmer? War das Brüssel? - oder die versammelten Werke der EU-Finanzpolitik? "Wir sind Europa - aber mein Land zu erst!....."

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  • 07.10.2017
    12:14 Uhr

    BlackSheep: @Interessiert, genau die richtige Frage! Aber wenn mann Özuguz und Altmaier sieht, Schuld sind doch die anderen, wir haben alles richtig gemacht.

    0 9
     
  • 07.10.2017
    11:14 Uhr

    Interessierte: Wie ist denn das Volk verloren gegangen und vor allem - wann ???

    0 8
     
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