Vorsitzender des Landeselternrats: "Haubitz hielt Etikette nicht ein"

Der Vorsitzende des Landeselternrates über den Rauswurf des Kultusministers und die Verbeamtung von Lehrern

Chemnitz.

Die Personalie sorgt weiter für Gesprächsstoff: Warum musste Kultusminister Haubitz gehen? Oliver Hach sprach darüber mit Michael Becker, dem Vorsitzenden des Landeselternrates.

Freie Presse: Herr Becker, in Sachsen wurde der Kultusminister - ein parteiloser Quereinsteiger, in den viele Hoffnungen setzten - nach acht Wochen wieder entlassen. Wie haben Sie die Entscheidung des neuen Ministerpräsidenten aufgenommen?

Michael Becker: Wir waren erst einmal genauso überrascht wie viele andere in Sachsen auch. Andererseits hatten wir schon damit gerechnet, dass Herr Haubitz höchstens bis zur Landtagswahl 2019 im Amt bleiben würde. Oder eben kürzer - je nachdem, wie viele kritische Themen er von heute auf morgen sehr undiplomatisch anspricht.

Sie hatten also durchaus gesehen, dass es - etwa bei der Frage der Verbeamtung der Lehrer - Widerstand bei der CDU gab und dass dies womöglich der Auslöser für den Rauswurf war?

Widerstand gab es nicht nur bei der CDU. Auch andere Parteien sagen, dass Verbeamtung nicht das Allheilmittel ist, damit wir in Sachsen mehr Lehrer bekommen.

Was sagen Sie als Landeselternrat zur Verbeamtung?

Wir sind für faire Bezahlung. Und die kann man über einen landesweiten Tarifvertrag besser sichern. Mit einer Verbeamtung bindet man die Lehrer und steht womöglich irgendwann, wenn die Schülerzahlen wieder zurückgehen, vor demselben Dilemma, wie wir es schon einmal hatten. Hinzu kommt, dass nur ein sehr geringer Teil verbeamtungsfähig ist und durch eine Verbeamtung enorme Belastungen für nachfolgende Generationen entstehen können.

Aus Ihren bisherigen Äußerungen kann man nicht so richtig entnehmen, dass der Landeselternrat verärgert ist über die Ablösung von Minister Haubitz. Bei vielen Eltern, das sehen wir an Leserreaktionen, war das anders. Da stieß die Entscheidung auf großes Unverständnis.

Die frühe Abberufung von Herrn Haubitz hat auch bei uns für Erstaunen gesorgt. Wir wussten: Er kam aus der Praxis, war viele Jahre lang Gymnasialrektor. Er weiß, wie es in den Schulen zugeht, und er hat als Vorschlaghammer Türen aufgestoßen. Das sorgte für viele Diskussionen, in der Politik auch für Verstimmung, weil er Etikette nicht einhielt. Am Ende ging es eher um persönliche Befindlichkeiten als um Inhalte.

Aber die Lehrer sind auch sauer. Es herrsche Empörung und Resignation in den Lehrerzimmern, erklärte der Lehrerverband.

Sicher, weil der Hoffnungsträger für ihre Verbeamtung und eine faire Bezahlung jetzt nicht mehr da ist.

Und was denken die Schüler? Der Landesschülerrat hat sich ja in einer Pressemitteilung sehr wohlwollend zum neuen Kultusminister Piwarz geäußert.

Das ist durchaus verständlich. Herr Haubitz hat sehr deutlich gezeigt, dass er an den Lehrkräften, aber weniger an den Schülern oder den Eltern interessiert ist. Sein erster Satz in einem Presseinterview war eine Entschuldigung. Im zweiten Satz ging es darum, dass er nur Sekunden überlegte, das Amt anzutreten. Anschließend sagte er, was es mit ihm nicht geben wird. Das konnte man schon als ungünstigen Einstieg werten. Christian Piwarz hingegen hat politische Erfahrung, er kennt die Spielregeln. Das erleichtert ihm die Arbeit. Und er ist einer der ersten Kultusminister mit eigenen Kindern im Schulalter. Er hat die Thematik am Frühstückstisch, er sieht das Bildungssystem aus Schüler- und nicht aus Lehrersicht.

Dennoch bleibt festzuhalten: Viele Bürger sind empört. Werden Sie den Eltern erklären, dass Christian Piwarz der bessere Kultusminister ist?

Grundsätzlich ist das Sache der Politik. Als Landeselternrat sagen wir aber: Gebt Herrn Piwarz eine Chance. Wir gehen davon aus, dass der Ministerpräsident sich bei der Entscheidung etwas gedacht hat.

Frank Haubitz als Vorschlaghammer: Was wird von ihm denn nun noch bleiben?

Ein Eintrag im Guinness-Buch für die kürzeste Amtszeit.

Michael Becker

Der 35-Jährige ist seit Dezember 2016 Vorsitzender des Landeselternrates in Sachsen. Michael Becker lebt mit seiner Partnerin und drei Kindern in Dresden, ein Kind besucht dort eine Grundschule. Der freiberufliche Informatiker im Bereich IT-Sicherheit war zunächst Klassen- und Schulelternsprecher einer freien Schule in Dresden und kam als Vertreter der Schulen in freier Trägerschaft zum Landeselternrat. (oha)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
 Artikel versenden
Die mit * gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.
12Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 5
    0
    gelöschter Nutzer
    22.12.2017

    Zur Causa Haubitz und der CDU-Denke dazu kann man sich aktuell mal auf der sz-online umschauen ...

  • 5
    1
    gelöschter Nutzer
    22.12.2017

    "Ich denke, man sollte das Thema etwas unaufgeregter und aus echter Sicht der Schüler und Eltern betrachten." Und genau das geht nicht! Sie müssen es als Kultusminister aus der Sicht der Schüler, Eltern und Lehrer sehen. Das ist mir auch bei den Äußerungen des Vorsitzenden des Landeselternrates aufgestoßen, dass so getan wird, als seien die Lehrer die Gegner der Eltern und Schüler. So wird das nichts, wenn die Eltern gegen die Lehrer arbeiten. Wenn die Eltern mehr entscheiden wollen, müssen Sie dann auch mehr Verantwortung übernehmen. Hier wird aber gefordert, dass die Eltern zwar bestimmen (z.B. beim Übergang zum Gymnasium); dann aber die Lehrer verantwortlich sind, wenn ein Schüler dort scheitert. Wenn die Sicht der Schüler und Eltern die "echte" Sicht sein soll, haben die Lehrer (inkl. Haubitz) wohl die falsche? Sagen Sie ihrem Fachmann in Gesundheitsfragen auch, wie er sie behandeln soll, oder vertrauen Sie darauf, dass er in jahrelangem Studium und in der Praxis gelernt hat, worauf es ankommt? Werfen Sie ihrem Arzt auch vor, dass er die falsche Sicht auf ihre Gesundheit hat? Warum glauben eigentlich alle, sie seien die besseren Lehrer? Noch keine Minute vor knapp 30 Schülern gestanden und glauben, weil sie selbst mal in der Schule gewesen sind, wüssten sie alles besser. Ich lag auch schon mehrfach im OP und glaube deswegen nicht, dass ich operieren kann. Das sächsische Schulsystem ist auch nicht so schlecht wie sie tun; alle Studien sagen genau das Gegenteil. Problematisch ist in der Tat allerdings der Anteil der Schüler ohne Abschluss. Nur kann man nicht von einem Kultusminister erwarten, dass er das in 8 Wochen löst und ihm danach Unfähigkeit vorwerfen. Irgendwo muss man anfangen. Die notgedrungene Überschwemmung der Schulen mit schlecht ausgebildeten Seiteneinsteigern, ist im Moment das größte Problem! Daher ist es auch verständlich, dass sich Haubitz genau diesem Problem gewidmet hat. (Da sie ja der Meinung zu sein scheinen, alle, außer ausgebildete Lehrer könnten gut unterrichten, verstehe ich aber, dass ihnen dieser Punkt kaum Bauchschmerzen bereitet.)

  • 6
    1
    Freigeist14
    22.12.2017

    VaterinSorge@,Sie sind nicht der Einzige(mit Herrn Pirwarz),der schulpflichtige Kinder hat und in Sorge lebt.Ob Herr Haubitz die beste Wahl war und sich nur auf die Verbeamtung positionieren wollte ,wissen Sie nicht,weiß ich nicht und weiß auch nicht der Vorsitzende des Elternbeirates. Ihn nach nach nur wenigen Wochen aus dem Amt zu werfen und sich dann über seine Themenarmut zu beschweren ist mehr als unfair. Der Volljurist Pirwarz fängt bis auf seine Frühstückstisch-Erfahrungen bei Null an ,während Frank Haubitz als Gymnasialdirektor Referenzen vorweisen kann.

  • 4
    1
    gelöschter Nutzer
    22.12.2017

    @Vater...: Ich kann dem nur zustimmen! Die jungen Leute, die wir uns zukünftig hier in SN als Lehrer wünschen, haben vordergründig Interesse an einer zu anderen Bundesländern vergleichbaren (oder eben besseren) Bezahlung. Verbeamtung spielt bei den meisten nur eine zweite Rolle. Und bevor hier einige Diskutanten oder eben auch die Entscheider bei Kultus oder der sonstigen Landesregierung wegen dieser Behauptung die Nase rümpfen: Geht doch (endlich) mal hin zu den jungen Leuten und fragt!

  • 5
    2
    Tauchsieder
    22.12.2017

    Ja "VaterinSorge", dies ist ein Rundumschlag was das sächs. Bildungssystem betrifft, geht hier aber völlig am Thema vorbei. In der Schule würde man sagen: Thema verfehlt, .. setzen!

  • 3
    6
    VaterinSorge
    22.12.2017

    Ich denke, man sollte das Thema etwas unaufgeregter und aus echter Sicht der Schüler und Eltern betrachten. Für eine gute Bildung braucht es gerade in Sachsen die besten Lehrer an allen Schularten, nicht nur an Gymnasien. Mit einer Verbeamtung allein ist das auch nicht getan, wenn schon mehr als 50 % der Oberschullehrer Seiteneinsteiger sind und nie eine Chance bekommen würden, verbeamtet zu werden. So lange nicht einmal 20 % unserer fertigen Akademiker von den drei Unis und der Freiberger Bergakademie in der sächsischen Wirtschaft einen adäquaten Job finden, sollte der absolute Qualitätsschwerpunkt auf der frühkindlichen Bildung, den Grund,- Förder,- Berufs- und besonders Oberschullehrergewinnung liegen. Dafür aber nicht irgendwelche, sondern die motiviertesten und besten Lehrerinnen und Lehrer. Diese Personengruppen legen mehr Wert auf Entfaltungsfreiheit, streitbare Sachthemen und absolut faire Bezahlung und Arbeitsbedingungen, weniger Wert auf einen Beamtenstatus, der zwar finanzielle Sicherheit bietet, aber auch viele Dinge einschränkt. Man kann sich alle Sachverständigenanhörungen im Landtag durchlesen und wir bei den Kommentaren von Herrn Haubitz nur immer lesen: "Unser Schulsystem ist gut, warum soll man daran was ändern". Das freute zwar MP Tillich und FM Unland, die nächste Generation sieht das wenigstens anders, denn es muss sich was ändern, da wir zu viele Verlierer im System haben, über 60.000 Menschen in Sachsen jährlich in Rente gehen, aber nur 33.000 Jugendliche jährlich aus den Schulen kommen. Wenn davon über 10 % keinen Abschluss haben und fast 40 % studieren gehen wollen, dann bleibt zu wenig Potential übrig, was an beiden Seiten deutlich verändert werden muss. Deshalb ein klares Ja zu MP Kretschmers Entscheidung und ein klares Ja zur fairen Bezahlung, fortschrittlichen Lehr- und Lernmodellen und besseren Abschlussquoten.

  • 8
    2
    gelöschter Nutzer
    21.12.2017

    @Interessierte: Ihre Sicht verstehe ich tatsächlich nicht. Auf der einen Seite kritisieren Sie hier ständig die Fremdsteuerung des Lebens der "einfachen Leute" durch die Politik; insbesondere in Form westdeutscher Politiker. Auf der anderen Seite hätten Sie dann aber doch lieber als Minister einen "echten" Politiker, weil nur der das richtig macht. Wie kommen Sie darauf, dass Politiker besondere Menschen sein sollen, deren Arbeit nur sie schaffen könnten und zu denen die anderen ehrfürchtig emporblicken müssten? Warum ein gestandener Schulleiter und Lehrer nicht fähig sein soll zu diskutieren verstehe ich auch nicht. Dass er Politiker-Schönsprech nicht kann und Klartext spricht ist eigentlich eher eine Auszeichnung, als ein Mangel. Warum soll er die Diskussion zu einem Thema einfordern, das schon seit Ewigkeiten ergebnislos besprochen wird. In die Politik geht man eigentlich um etwas zu bewegen und nicht um sich Posten zu sichern und "rumzulabern". Wenn man etwas ändern will, muss man es anpacken. Ich vermute Haubitz hat schon geahnt, dass er schnell sein muss, weil er nur sehr wenig Zeit haben wird. Der Mann ist ja nicht dämlich. Der Elternsprecher scheint für eine zukünftige politische Karriere zu üben. Sehr eigenartige Antworten und Meinungen, die er da sprachlich umsegelt. Unangenehm stimmt mich auch die Konfrontationshaltung, die aus Lehrern und Eltern Gegner machen. Es geht nur, wenn beide am gleichen Strang ziehen, aber da kann man sich wohl nicht ausreichend für die Karriere profilieren.

  • 8
    2
    Tauchsieder
    21.12.2017

    Sie meinen wohl "Interessierte" er hätte noch eine Fremdsprache lernen müsse, Politikergequassel. Damit stellen sie sich selbst ein schlechtes Zeugnis aus oder sind sie etwa der Meinung, dass man zum Politiker geboren sein muss. Übrigens fiel er nicht mit der Tür ins Haus. Vor seinem Amtsantritt sagte fromm, frei und fröhlich was er umsetzen will, z.B. im "Sachsenspiegel"

  • 1
    10
    Interessierte
    21.12.2017

    Ich habe da wieder bißchen ´ne andere Meinung dazu ; der Herr Haubitz ist ein ´sehr guter `Lehrer , aber kein Politiker Wenn man in den Kreisen sitzt , dann muß man auch ´politisch` diskutieren/argumentieren können , das fehlt ihm sicherlich ? Und man will ja seine ´guten´ Ratschläge berücksichtigen , das stand hier : ?Er hat die Tür für Veränderungen mutig aufgestoßen und so den Weg für die notwendigen Entscheidungen bereitet?, teilte Kretschmer darin mit. ?Seine Ideen werden wir umsetzen.? http://www.sz-online.de/sachsen/kretschmers-neues-kabinett-haubitz-geht-3842083.html Ich hatte an sich auch nicht verstanden , warum er mit dem Thema so ´mit der Tür ins Haus fällt` , wo es doch schon ewig ´ablehnend` darüber Diskussionen gab ; besser wäre gewesen , er hätte gesagt , wir müssen aber nun mal ´intensiver` darüber nachdenken ...

  • 18
    3
    Pixelghost
    21.12.2017

    Diese Herr vom Landeselternrat ist wohl selbst auf dem besten Wege in Richtung Politik. Die Attitüde trägt er jedenfalls schon spürbar vor sich her. In der Politik ist es wichtig die Etikette einzuhalten. Genau. Bitte nichts direkt ansprechen. Das darf man nicht. Würde den gehobenen Denkprozess stören.

  • 19
    3
    Freigeist14
    21.12.2017

    Der Vorsitzende des Landeselternrat meint,wir sollen Herrn Pirwarz eine Chance geben und der Ministerpräsident "wird sich schon was dabei gedacht haben." Warum hatte Frank Haubitz keine Chance ? Warum wiegt politische Erfahrung (Stallgeruch ?) mehr als Praxisnähe und Fachwissen ? Gänzlich albern wird es,wenn bei Herrn Pirwarz auf seine Kinder im Schulalter verwiesen wird und so eine sensiblere Sicht auf die Schülerseite vertraut wird. So wird ein Gegensatz zwischen Lehrern und Schülern geschürt, den ausgerechnet ein Jurist und CDU-Parteisoldat entschärfen soll. Der Landeselternbeiratschef sagt auf seiner Webseite ."Unsere Forderung nach einer Stärkung der Elternrolle und nach mehr Autonomie einerseits nach einer Befreiung vom erdrückenden Einfluss des Kultusministeriums andererseits,haben keinen Eingang ins Gesetz gefunden." Und nun vertraut man auf die Entscheidung des Ministerpräsidenten,der in der Vergangenheit genau diese Verwerfungen mitgetragen hatte.

  • 18
    3
    Tauchsieder
    21.12.2017

    Ganz wichtig sind natürlich die Hofetikette einzuhalten, immer einen Knicks vor seinem Herrn am sächs. Hofstaat. Sonst ist man schneller als man denkt lediglich der Hofnarr. Zu seiner Entschuldigung muss man ihm zu Gute halten, dass sich bis hinauf auf den Thron noch andere zu Hofnarren gemacht haben. Man hat ihn eingestellt genau aus diesem Grund der Verbeamtung der Lehrer, oder hat man mit ihm im Vorfeld nicht gesprochen ? Kaum hat seine Majestät mal eine Taube steigen lassen, haben die vielen Kammerjäger sie schon wieder vom Himmel geholt. Jetzt muss seine Majestät aufpassen, dass es ihm demnächst(2019) nicht ähnlich geht. Vielleicht wird es ja auch der kürzeste MP aller Zeiten, man denke da nur an die Bundestagswahl.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...