Werbung/Ads
Menü
Gab es im früheren Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit in Chemnitz auf dem Kaßberg ein Röntgengerät, mit dem nicht nur Effekten durchleuchtet wurden? Ein früherer Insasse glaubt, er sei bestrahlt worden. Es fehlen Forschungsergebnisse, die seinen Vorwurf untermauern könnten.

Foto: Uwe Mann

Weißer Alptraum: Bestrahlte die Stasi ihre Opfer?

Ein früherer Insasse des Stasi-Gefängnisses auf dem Chemnitzer Kaßberg sucht Anerkennung vor einem westdeutschen Sozialgericht als Opfer einer geheimen Bestrahlung. Er leidet an Krebs.

Von Ronny Schilder
erschienen am 20.04.2017

Chemnitz. Nur ein paar Wochen. Wäre er nur ein paar Wochen später am Eisernen Vorhang aufgetaucht, hätte ein Picknick bei Sopron mit einer friedlichen Massenflucht geendet, hätte ein ungarischer Sozialist den Grenzzaun nach Österreich mit einer Schere durchtrennt, hätte ein Bonner Außenminister den Botschaftsflüchtlingen in Prag freies Geleit verkündet, und es wären Züge über Karl-Marx-Stadt in den Westen gerollt. Und dann wäre die Mauer gefallen.

Andreas P. (Name auf Wunsch des Betroffenen geändert) war 1989 etwas zu früh dran. Wie so vielen war ihm die DDR zu eng geworden. Fast dreißig, keine eigene Wohnung, keine Perspektive und immer einer, der sagt, was man machen soll. Von Karl-Marx-Stadt fuhr P. nach Ungarn, nachts in der Jugendherberge, tags im Grenzgebiet, zu Fuß. Drüben das Burgenland, die freie Welt.

In der Gegend am Neusiedler See kann man noch heute einige Wachtürme sehen und einen großen Monumentenpark auf der Wiese des Paneuropäischen Picknicks im August 1989, das zu einer einmaligen, verfrühten Grenzöffnung führte. In Büchern stehen Geschichten von Grenzern, die auf Flüchtlinge schossen, und solchen, die das ablehnten. Wo P. sein Leben riskierte, spazieren heute Sommerfrischler über die Grenze zum Gulaschessen.

Andreas P. lief einer ungarischen Streife in die Arme und wurde in Handschellen abgeführt. In ungarischer Haft, sagt er, drehten sie ihm die Arme auf den Rücken. Er sei geschlagen worden, ins Gesicht und in den Bauch. Ein Keller ohne Tageslicht, mieses Essen, kein Kontakt. Verunsichert nur an guten Tagen, lebensmüde an den schlechten.

P. wird nach Karl-Marx-Stadt überstellt: Linienflug nach Berlin, dann Barkas B 1000, mit eingebauten Zellen, 1,20 Meter mal 80 Zentimeter. Unterwegs Halt bei einer Stasi-Kaserne. P. in einem Zelt, wo er sich ausziehen muss, ärztliche Untersuchung. Freiwillig sei er zurückgekehrt in die DDR, das soll er unterschreiben, sagen sie. Er unterschreibt. Was kann er tun.

Im Untersuchungsgefängnis der Stasi auf dem Kaßberg sitzen Politische und andere. Als 26 Jahre später vor einem Sozialgericht in Freiburg im Breisgau P. seine Haftbedingungen schildert, spricht er von unsauberem Leitungswasser, das fürchterlich roch. Er habe sein Zeitgefühl verloren und eine Hautkrankheit bekommen. Das Licht brannte immer. Später wurde es ein- und ausgeschaltet, irgendein teuflischer Takt, der Menschen mürbe macht. Dazu Verhöre, einmal wohl von früh halb zehn bis nachmittags halb fünf.

Der Musiker Gerulf Pannach. Alle drei saßen in Stasi-Haft.

Foto: Jaron Verlag/Archiv

Im Gedenkort Kaßberg-Gefängnis, der die Erlebnisse der Häftlinge zu bewahren sucht, sprechen sie von "weißer Folter". Eine Methode, die Seelen zerkocht, ohne Striemen auf der Haut zu hinterlassen.

P. kam Ende August wieder frei, in jenen Tagen, als die Mauer schon ein bisschen wackelte und der Ermittlungseifer im Gefängnis nachließ. Das Verfahren wurde eingestellt. Nur wenige Wochen noch, und der verhinderte Flüchtling würde Karl-Marx-Stadt jederzeit, aus freiem Entschluss und ungehindert verlassen dürfen.

Einigkeit und Recht und Freiheit. Die Verurteilung im Strafverfahren wegen versuchter Republikflucht wird aufgehoben. Mit den Platzwunden auf der Seele, der schwärenden Angst würde er leben lernen.

2013 wird bei Andreas P. in Freiburg, wo er inzwischen lebt, ein seltener Krebs diagnostiziert: ein Non-Hodgkin-Lymphom. Mehrere DDR-Regimegegner waren an Krebs gestorben, die Autoren Rudolf Bahro und Jürgen Fuchs, der Musiker Gerulf Pannach. Bahro litt an derselben Krebsart wie P. Ende der 1990er-Jahre kam der Verdacht auf, die Stasi habe Häftlinge in ihren Gefängnissen heimlich bestrahlt, um sie zugrunde zu richten. P. wurde von dem Gedanken ergriffen, das könnte ihm in Karl-Marx-Stadt geschehen sein.

Das Versorgungsamt der zuständigen Kreisbehörde in Freiburg lehnt P.s Ersuchen ab, die Schädigung durch eine Stasi-Bestrahlung amtlich festzustellen. P. versichert sich des Beistands der auf Sozialrecht spezialisierten Anwältin Irmgard Amberg aus Titisee-Neustadt und zieht vor das Freiburger Sozialgericht. Die Klage lautet auf Aufhebung des Bescheids. P. will, dass seine Erkrankung als Schädigungsfolge der unrechtmäßigen Haft im Chemnitzer Knast gewürdigt wird.

Die Aktenlage ist dünn. Einige Beiträge zum Kaßberg-Gefängnis findet die Anwältin im "Freie Presse"-Archiv. In der Wendezeit sind Knast-Unterlagen vernichtet worden. Häftlinge wie P. waren isoliert, kannten sich untereinander nicht.

An Krebs verstorbene DDR-Dissidenten: der Philosoph Rudolf Bahro.

Foto: picture alliance/dpa/Archiv

Andreas P. gibt an, sich an einen bestimmten Tag zu erinnern, an dem er mit einem Röntgengerät bestrahlt worden sein könnte. Man hatte ihn in ein "Fotozimmer" gebracht und dort sitzen lassen, ohne dass sich etwas tat. Vor allem kam kein Fotograf. Der Raum war mit Holz ausgetäfelt, der Stuhl auf einer Schiene befestigt, sagte P. vor Gericht. Noch am selben Tag habe er entsetzliche Kopfschmerzen bekommen. "Mein Mandant hatte das Gefühl, dass er sterben müsse", berichtet die Anwältin Amberg.

Die Latenzzeit bei Krebs, die Zeit von der Auslösung bis zum Ausbruch der Krankheit, kann Jahrzehnte dauern. In diese Zeit fielen für P. die Berichte, wie sie zum Beispiel ab 1999 im "Spiegel" erschienen, über "Röntgenkanonen" im Stasi-Knast. Bewiesen ist seit langem, dass die Stasi Dokumente oder Bargeld radioaktiv markierte. Rudolf Bahro soll Umgang mit solchen heimlich verstrahlten Materialien gehabt haben. In Gera, wo Jürgen Fuchs einsaß, fand man in den 1990er Jahren ein Strahlengerät hinter einer Wand. Ob man es auf seinen Kopf gerichtet hatte, um die Krankheit auszulösen, ist völlig unklar.

Den Stasi-Experten der "weißen Folter" traut die bundesdeutsche Öffentlichkeit jede Schandtat zu. Im Internet kursieren Erklärungen früherer Stasi-Offiziere, die den Vorwurf als substanzlos abtun. Einer, der sich äußerte, war der frühere Leiter der "Zentralen Koordinierungsgruppe zur vorbeugenden Verhinderung und Bekämpfung ungesetzlicher Grenzübertritte sowie des kriminellen Menschenhandels" der DDR-Staatssicherheit, Generalmajor Gerhard Niebling.

Niebling, der 2003 verstarb, schrieb in einem Erinnerungsaufsatz, dass "Durchleuchtungsgeräte" in den 1980er-Jahren für das Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen und "einige weitere der insgesamt 15 Haftanstalten der Bezirksverwaltungen des MfS" beschafft wurden. MfS war die offizielle Bezeichnung der Stasi: Ministerium für Staatssicherheit. Die Geräte hätten zur Durchleuchtung von Effekten verwendet werden sollen, bewährten sich aber nicht, behauptet Niebling. Also habe man sie einfach stehengelassen und irgendwo aufbewahrt, in Gera eben im Fotoraum. Gegen Menschen seien sie nicht eingesetzt worden, niemals.

Stasi-kritische Experten sind sich da nicht so sicher, obgleich ein Beweis bis heute in keinem Einzelfall geführt worden ist. Radiometrische Untersuchungen brachten keine Ergebnisse, belastende Dokumente liegen nicht vor.

Der Reichenbacher Schriftsteller und Bürgerrechtler Jürgen Fuchs.

Foto: dpa/Archiv

Der Historiker Christian Lieberwirth, der sich für den Verein Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis engagiert, sagt, dass er die Möglichkeit einer Bestrahlung von Häftlingen konkret im früheren Karl-Marx-Stadt weder bestätigen noch verneinen könne. "Zum Kaßberg liegt keine Untersuchung vor, keine Masterarbeit, keine Dissertation. Vielleicht lagern in der Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen noch aufschlussreiche Dokumente." Die Stasi-Unterlagen-Behörde hatte im Jahr 2000 eine Broschüre zur Strahlentheorie herausgebracht. "Es gibt Indizien, die Technik war vorhanden", sagt Gudrun Weber, eine der Autorinnen der Studie. "Allerdings wurde seit damals nicht weitergeforscht."

Zwei Zeitzeugen planen laut Lieberwirth in Chemnitz, der Sache noch einmal nachzugehen und zu untersuchen, ob sich Strahlung noch messen lässt: "Das wäre wichtig. Wir erleben immer wieder, wie Zeitzeugen um die Anerkennung ihrer Schicksale und Erfahrungen kämpfen müssen."

Auch Andreas P. ist vor dem Freiburger Sozialgericht in erster Instanz gescheitert. Mit seiner Anwältin geht er jetzt in Berufung, beim Stuttgarter Landessozialgericht. "Die erste Instanz hatte für die zeithistorischen Umstände sehr wenig Verständnis", klagt Irmgard Amberg. "Die Vernichtung der Unterlagen wurde sogar einmal den Bürgerrechtlern nachgesagt!" Der Osten und seine Geschichte seien in Freiburg weit weg. Ihrem Mandanten habe das die Sprache verschlagen.

Der junge Mann, der im Juni 1989 über Ungarn in den Westen fliehen wollte, ist heute 57 und kämpft um sein Leben. Als der Krebs bei ihm diagnostiziert wurde, schoben ihn die Mediziner in die Röhre. Das Licht wurde abwechselnd aus- und wieder angemacht. Andreas P., unwillkürlich an den Stasi-Knast erinnert, erlitt einen Schlaganfall. Eine Traumafolge möglicherweise, sagen die Ärzte. Sollte der Krebs eine Gesundheitsfolge seiner Stasi-Haft gewesen sein, dann war der Schlaganfall ein Fußtritt hinterher.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
4
Lesen Sie auch:
 
Kommentare
4
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 21.04.2017
    12:09 Uhr

    Freigeist14: Hirtensang,Sie sagen es. "Da wird ja wohl was dran sein..."ist der übliche Tenor ,der auf solche Kampagnen reflexartig folgt.Bis auch der letzte renitente Ostler der Gleichung DDR= STASI=Unrecht und Terror folgt.Hauptsache das Unrecht von heute bleibt ein Problem gehäufter Einzelfälle,was die Freiheit nun mal erlaubt.

    0 4
     
  • 21.04.2017
    07:49 Uhr

    Hirtensang: Bald ist Bundestagswahl und diesmal stellt kein pensionierter Richter Anzeige gegen Gysi wegen Falschaussage und Meineid. Heute wird die Linke als Nachfolgepartei der SED mit dem oben stehenden Artikel auf andere Art und Weise in Verruf gebracht. Die Behauptung der These, dass die Stasi durch Bestrahlungen von Systemkritikern Krebs generiert hat, wie beispielsweise bei Jürgen Fuchs ist längst widerlegt. Auch hier wird nach dem Prinzip verfahren, je lauter und je öfter Falsches behauptet wird, um so schneller wird Wahrheit daraus. Lieschen Müller aus dem Schwarzwald wird dann am Sonntag den 24. September auf dem Stimmzettel ihr Kreuzchen bei der richtigen Partei eintragen.

    0 5
     
  • 20.04.2017
    18:44 Uhr

    Einzelgaenger: Offensichtlich versucht hier jemand um sein Schicksal - wie schrecklich auch - als eine Art von Sparschwein anerkannt zu bekommen obwohl es dafür gar kein Beweis gibt. Vermutungen und Annahmen gibt es viel jedoch kann man diesen nicht mit Beweisen gleichstellen.

    1 9
     
  • 20.04.2017
    10:29 Uhr

    Freigeist14: Zitat:"Den Stasi-Experten der "weißen Folter"traut die bundesdeutsche Öffentlichkeit jede Schandtat zu." Hier wird eine Behauptung als Tatsache behandelt. Im Jahre 1999 gab es eine Arbeitsgruppe die nach Informationen über Strahlenanwendungen der Stasi gesucht hatte.Resultat."(...)Nun zu den Ergebnissen...Mit den vorliegenden Befunden kann der Verdacht einer mißbräuchlichen Strahlenanwendung im Sinne einer vorsätzlichen Strahlenschädigung von Häftlingen für die nichtmedizinische Röntgenanlage im Fotoraum der Geraer MfS.Untersuchunghaftanstalt mit großer Sicherheit ausgeschlossen werden."....Im Falle des Todes von Rudolf Bahro,Gerulf Pannach und Jürgen Fuchs fanden sich für den Verdacht,die Stasi habe ihre tödlichen Erkrankungen absichtlich und gezielt induziert,bisher weder Belege,noch gab es bisher eine Verdichtung der Indizien(...)" Quelle Robert-Havemann-Gesellschaft.
    Das die FP versucht,neue Gerüchte zu streuen ,denen nach wie vor die Beweise fehlen,enttäuscht sehr.

    3 10
     

 
 
 
 
 
 
 
am meisten ...
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
|||||
mmmmm