Welcher Polizist rief Beate Zschäpe an?

In Zwickau brannte am 4. November 2011 ein Haus. Im NSU-Untersuchungsausschuss haben gestern zwei Kripo-Beamte erstmals dazu ausgesagt.

Dresden.

Der Kriminalhauptkommissar schien sich seiner Sache gestern sicher. Eine Handynummer von jener verwirrten Mitbewohnerin, die bei den Nachbarn zwei Katzenkörbe abstellte und nach einer Explosion im Mehrfamilienhaus in der Zwickauer Frühlingsstraße 26 überhastet Richtung Bahnhof davoneilte, habe er bei seinem zweistündigen Einsatz am 4. November 2011 nicht erhalten - sondern "lediglich" jene der Nachbarsfamilie.

Das jedenfalls gab der 56-Jährige gestern als erster Zeuge des inzwischen zweiten NSU-Untersuchungsausschusses des Sächsischen Landtags zu Protokoll. Er war einer der beiden Kripo-Beamten, die damals als erste in der Frühlingsstraße eintrafen. Die Löscharbeiten waren noch im Gange, der Brandort unbegehbar und die Ursache unklar.

Dass das Haus die letzte Heimstatt des insgesamt 13 Jahre im Verborgenen operierenden Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) war, konnten weder die beiden Männer vom Kriminaldauerdienst der Polizeidirektion Zwickau noch die Rettungskräfte von Feuerwehr und Schutzpolizei wissen. Selbst den Nachbarn war damals noch unbekannt, dass die Frau mit den Katzenkörben unter Pseudonym lebte und eigentlich Beate Zschäpe hieß.

In den Verdacht, den Brand selbst verursacht zu haben, geriet sie erst später. Für eine Ortung ihres Telefons habe "kein Anlass" bestanden, er habe den Hausmeister auch nicht nach den Handynummern der Bewohner gefragt, sagte der Kripo-Beamte im Zeugenstand. Zugleich versicherte er, das Diensthandy während seines bis etwa "gegen 17.15/17.30 Uhr" dauernden Einsatzes stets bei sich getragen zu haben¨.

Gegen 16.32 Uhr, so geht aus einer im Nachhinein erhobenen Funkzellenabfrage hervor, hatte es allerdings von besagter Nummer den ersten Verbindungsaufbau zu Zschäpes Telefon gegeben, 21.06 Uhr folgte der nächste Versuch. Dass Sachsens Innenministerium als Anschlussinhaber eingetragen ist, hatte vor Jahren zu allerhand Spekulationen geführt. Letztlich ist es jedoch nur ein Diensthandy der Zwickauer Kripo, die kurz nach Ausbruch eines Hausbrandes den Kontakt zu einer vermissten Bewohnerin suchte.

Der Ausschuss weiß zwar nun immer noch nicht genau, welcher Polizist das war - eine Verschwörung dahinter dürften die Abgeordneten aber nicht vermuten. Gleich elf von ihnen beteiligten sich gestern aktiv an der sachlichen Befragung von zwei Kripo-Beamten aus Zwickau. Auch der zweite, ein 54-jähriger Brand-Spezialist, hatte zwar ein Protokoll über seinen Einsatz am 4. November verfasst. Später nachgefragt hatte bislang aber niemand. Womöglich kann der Untersuchungsausschuss doch noch einige Puzzleteilchen zusammensetzen.

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6Kommentare
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    PLA
    22.09.2015

    1. Wer garantiert, daß es wirklich ein KDD Diensthandy war? 2. Falls es eins war, war es sicherlich EINEM Beamten zugeordnet, mutmaßlich dem im Ausschuß angehörten. Dieser verneint aber, Zschäpes Nummer erhalten zu haben, also auch, sie angerufen zu haben. Was sagt er zur Aufbewahrung seines Handys, hat er es die ganze Zeit bei sich gehabt? Wenn nein, kann natürlich eine andere Person Zschäpe über das Handy angerufen haben. Dieser hätte aber erst recht nicht im Besitz der Nummer sein können. Auch diese Variante scheidet also mit an Gewißheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus. 3. Somit bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder es war kein KDD Diensthandy, sondern ein VS- oder Ministeriums-Handy, oder aber das Handy mit der anrufenden Nummer war zwar physisch der Polizei zugeordnet, aber die gleiche Nummer war parallel auf ein zweites Handy beim Ministerium oder VS geschaltet. Das ist durchaus möglich, auch im "zivilen Leben". Bei Vodafone erfolgt es z.B. über eine sogenannte UltraCard, die man für eine Einmalgebühr von ca. 20 Euro beziehen kann. Ich habe selbst mal eine für ein Zweithandy gehabt. Aber, wie gesagt, wie haben die Behörden - egal welche! - überhaupt Zschäpes Nummer erhalten, wenn sie nicht der Polizei von einem Nachbarn mitgeteilt worden ist? Nachdem der Innenminister genau dies behauptet und es nach dem derzeitigen Kenntnisstand nicht wahr ist, behauptet er nach eben diesem Kenntnisstand die Unwahrheit. Das Interessante ist, daß es für diese mutmaßliche Lüge auch ein sehr plausibles Motiv gibt, nämlich ggfls. zu verhindern, daß die Zusammenarbeit Zschäpes mit den Diensten, insbesondere mit dem LfV Sachsen, öffentlich bekannt wird. Solange diese extrem brisante Frage eine hohe Relevanz besitzt - und sie tut es !!! - ist die Frage, welcher Polizist Zschäpe angerufen habe, mehr als deplaciert. Sie dient m.E. eher zur Verschleierung als zur Aufklärung. PLA

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    Moderator
    22.09.2015

    @PLA: Anbei die Antwort unseres Kollegen Tino Moritz: Das beantwortet aber immer noch nicht die Frage, wieso vom KDD-Diensthandy um 16.32 Uhr der Anruf an Zschäpes Nummer rausging.

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    PLA
    22.09.2015

    Antwort an den Moderator: Ja, ich kenne noch andere Indizien. Zum Beispiel, daß in der 45-minütigen Videoreportage des NDR („Die Nazi-Morde“) bei ca. 3 Minuten im Zusammenhang mit einem Interview mit zwei ehemaligen Zwickauer Nachbarinnen Zschäpes (Küchenszene) der Sprecher kategorisch erklärt: „Zschäpes Handynummer bekamen die Nachbarinnen nie.“ Sie schreiben, daß es nicht ungewöhnlich sein dürfte, daß Nachbarn und/oder Hausmeister die Handynummer einer Bewohnerin bekommt. Das mag grundsätzlich richtig sein. Aber auch unabhängig von der eben erwähnten Feststellung der im Jahr 2013 in der ehemaligen Nachbarschaft Zschäpes recherchierenden Reporter hat ja nun der betreffende Polizeibeamte vor dem U-Ausschuß ausdrücklich erklärt, daß er eben NICHT die Nummer Zschäpes von den Nachbarn erhalten habe. Die brisante Bedeutung dieser Aussage, die Sie in Ihrem Artikel leider nicht erwähnt haben, dürfte kaum zu leugnen sein, denn wenn die Nummer Zschäpes den Behörden (welchen auch immer) nicht auf einem normalen, nachvollziehbaren Weg bekannt geworden ist, müssen diese sie schon vorher entweder mit nachrichtendienstlichen Methoden ermittelt haben, oder aber im Rahmen einer (vielfach vermuteten, wie Sie sicher wissen) Zusammenarbeit zwischen Zschäpe und einem Geheimdienst oder der Polizei (Staatsschutz) erhalten haben. Im ersten Fall dürfte die Nummer schon vor dem 4. Nov. 2011 abgehört worden sein. Im zweiten Fall wäre Zschäpe V-Frau gewesen. Beides wäre für die Behörden, aber vor allem für die politisch Verantwortlichen äußerst peinlich, am meisten natürlich der zweite Fall, der geradezu geeignet wäre, eine Staatskrise auszulösen. Ich war in der Zeit des ersten „NSU“-U-Ausschusses des Sächsischen Landtages Berater eines Ausschußmitgliedes und habe dunkel in Erinnerung, daß der Innenminister seine Version mit dem Polizeibeamten, der Zschäpes Handynummer von einer Nachbarin bekommen haben soll, auch dem Ausschuß gegenüber vorgetragen (oder vortragen lassen) hat. Ich habe zwar meine Unterlagen durchgesehen, aber bis jetzt keinen eindeutigen Beleg dafür gefunden. Sollte meine Erinnerung aber richtig sein und gleichzeitig die aktuelle Aussage des Polizeibeamten stimmen, wäre durch die Anhörung im U-Ausschuß eine völlig neue, äußerst brisante Lage eingetreten. Daß das Innenministerium grundsätzlich behauptet hat, die Nummer sei von einem Nachbarn mitgeteilt worden, ist m.E. ziemlich sicher und kann wahrscheinlich von mir auch bewiesen werden. Ich werde jedenfalls mein Bestes in dieser Richtung tun, z.B. indem ich das erwähnte Ausschuß-Mitglied frage. Ich selbst war leider nicht während der Sitzungen des Ausschusses anwesend. Des Weiteren schreiben Sie: „Zumal von der KDD-Diensthandy-Nummer aus auch nach Schichtende des angehörten Beamten noch ein Anruf bei Zschäpes Handy registriert ist …“ - Fällt Ihnen nicht auf, daß dies eher dafür spricht, daß der Anrufer eben nicht der betreffende Polizeibeamte war, zumal er es ja vor dem Ausschuß auch gesagt hat? „Anmeldung SMI ist wohl bei sämtlichen Diensthandys von LKA/Polizieidirektionen etc. der Normalfall, womöglich sogar bei der Feuerwehr (weiß ich aber nicht)“. - Da würde ich an Ihrer Stelle etwas weiterrecherchieren, denn es kann sein, daß diese pauschale Aussage die Wirklichkeit nicht erschöpfend beschreibt, und daß nähere Recherchen zu der konkreten betreffenden Nummer weitere Erkenntnisse bringen würden. Das stärkere Indiz dafür, daß sich in erster Linie Verfassungsschutz oder direkt das Innenministerium eingeschaltet hat, ist aber m.E. die erwähnte Tatsache, daß mit ziemlich großer Sicherheit Zschäpes Handynummer nicht von Nachbarn übermittelt wurde. Egal wie Sie diese Dinge im einzelnen bewerten, Sie müssen vermutlich zugeben, daß die von mir erwähnten Aspekte nicht etwa weit hergeholt sind, sondern grundsätzlich im Raum stehen. Deswegen bin ich der Meinung, daß es Ihre journalistische Pflicht gewesen wäre, dem Leser entsprechend „auf die Spur“ zu helfen. Denn, wie Sie wissen, hat der normale Leser nicht immer den Überblick, den man braucht, um von alleine darauf zu kommen. Das sage ich, obwohl mir natürlich andererseits bekannt ist, daß Sie als Journalist gehalten sind, keinen „Verschwörungstheorien“ nachzugehen. Mit freundlichen Grüßen Per Lennart Aae

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    Moderator
    22.09.2015

    @PLA: Anbei die Antwort unseres Kollegen Sie kennen das U-Ausschuss-Procedere im sächsischen Landtag ja sicher auch aus eigenem Erleben, oder? Aber jetzt zum Eigentlichen: Ich kann Ihre Argumentation nicht ganz nachvollziehen. Es dürfte nicht ungewöhnlich sein, dass Nachbarn und/oder Hausmeister die Handynummer von Susann Dienelt (wie sich Zschäpe damals nannte) kannten, die haben ja auch zusammen Feste gefeiert, wenn auch wohl eher selten. Die Nummer (des Anrufers) ist (offenbar bis heute) das Diensthandy des KDD der PD Zwickauer, was der Kripo-Mann am 4.11. während seines nachmittäglichen Außeneinsatzes die ganze Zeit bei sich gehabt haben und niemals aus der Hand gegeben haben will. Wie wollen Sie da die Verbindung zum LfV ziehen? Welchen anderen Schluss als den, dass es ein Polizist war, würden Sie da ziehen? Zumal von der KDD-Diensthandy-Nummer aus auch nach Schichtende des angehörten Beamten noch ein Anruf bei Zschäpes Handy registriert ist, genauso wie zwischen beiden Anrufen einen anderen von einem Festnetzanschluss der Zwickauer PD. Es gibt am 4. November zudem noch weitere anderthalb Dutzend Anrufe von einer anderen aufs SMI angemeldeten Nummer - aber das war eben nicht die Nummer des KDD. Die Anmeldung SMI ist wohl bei sämtlichen Diensthandys von LKA/Polizieidirektionen etc. der Normalfall, womöglich sogar bei der Feuerwehr (weiß ich aber nicht). Wenn Frau Zschäpe die Anruferin bei einer SMI-Nummer gewesen wäre, könnte ich Ihren Verdacht verstehen, aber so herum war es halt nicht. Aber vielleicht kennen Sie noch andere Indizien? In der Hoffnung auf eine schlüssige Antwort und mit freundlichen Grüßen Tino Moritz

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    PLA
    21.09.2015

    Die am Tag des Wohnungsbrandes in Zwickau (04.11.2011) von einem auf das sächsische Innenministerium registrierten Mobiltelefon erfolgten Anrufe an Zschäpes Mobiltelefon setzten die Kenntnis der von ihr benutzten Mobiltelefonnummer voraus. Der sächsische Innenminister behauptet bis heute, diese Telefonnummer habe ein vor Ort ermittelnder Polizeibeamter am 04.11.2011 von einem Nachbarn Zschäpes erhalten. Das sei die Erklärung für die vielen behördlichen Anrufversuche bei Zschäpe am Tag des Zwickauer Wohnungsbrandes. In der 4. Sitzung des zweiten „NSU“-Untersuchungsausschusses des Sächsischen Landtages am 14.09.2015 stellte jedoch der betreffende Kriminaloberkommissar eindeutig fest, er habe die Handynummer Zschäpes bei seinem zweistündigen Einsatz am 4. November 2011 NICHT erhalten, sondern lediglich die Nummer der Nachbarfamilie. DARAUS ERGIBT SICH DER DRINGENDE VERDACHT, DASS DER SÄCHSISCHE INNENMINISTER DIE ÖFFENTLICHKEIT BELÜGT, und zwar um den sonst unvermeidlichen Eindruck zu verhindern, die anrufende Behörde habe am 04.11.2011 von der geheimen, weil auf einen anderen Namen registrierten, Mobilnummer Zschäpes Kenntnis gehabt und dementsprechend entweder mit ihr in Verbindung gestanden, oder aber zumindest ihre Telefongespräche abgehört. Jeder, der bis drei zählen kann, kann sich ausmalen, welche Abgründe sich allein schon durch diesen begründeten Verdacht ergeben. Die Freie Presse geht aber mit keinem Wort darauf ein, sondern stellt lediglich fest, man wisse nicht, welcher Polizist Frau Zschäpe angerufen habe. So als ob dies angesichts des hochbrisanten Zusammenhangs überhaupt eine relevante Frage wäre. Sie ist schon deswegen falsch gestellt, weil gar nicht geklärt ist, daß es überhaupt ein Polizeibeamter war. Ganz im Gegenteil, wenn Zschäpes, auf eine andere Person registrierte, also normalerweise unbekannte Handynummer den Behörden bekannt war, dürfte dies nach aller Wahrscheinlichkeit einen geheimdienstlichen Hintergrund haben. Dann ist es eher unwahrscheinlich, daß ein normaler Polizeibeamter der Polizeidirektion Zwickau am 04. Nov. 2011 angerufen hat. Vielmehr wird der aufgrund der Registrierung des anrufenden Handys schon vielfach geäußerte Verdacht erhärtet, es sei der (sächsische) Verfassungsschutz oder die zuständige Stelle im (sächsischen) Innenministerium gewesen. Frage an die Redaktion: Warum stellen Sie diesen ganzen Zusammenhang so - im wahrsten Sinne des Wortes - irreführend dar?

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    kohlrabischorle
    15.09.2015

    netter Versuch ...



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