Wenn die Angst mitstudiert

Studierende mit einer chronischen Erkrankung sollen nach dem Hochschulrahmengesetz nicht benachteiligt werden. Doch was passiert, wenn eine psychische Beeinträchtigung die Teilnahme an der Prüfung unmöglich macht? In Dresden legt sich eine junge Frau mit der Universität vor Gericht an. Sie will einen Präzedenzfall schaffen.

Dresden.

Das Bewusstsein setzt aus. Angstzustände und Magen-Darm-Probleme stellen sich ein, wenn Paula Kuitunen in eine mündliche Prüfung kommt. "Ich kann meinen Körper dann nicht mehr richtig fühlen", erzählt sie. "Es ist, als wäre ich nicht mehr ich. Meine Antworten laufen dann wie auf Autopilot." Schon Wochen vor einer mündlichen Prüfung leidet sie unter Panikattacken, Schlafstörungen, Übelkeit und Erbrechen. Die dauernde körperliche Erschöpfung mache sie depressiv und führe zu einem "Gefühl der Hoffnungslosigkeit".

Paula Kuitunen ist 34 Jahre alt, stammt aus Finnland und studiert Psychologie an der Technischen Universität Dresden. Sie leidet an einer "spezifischen Phobie", diagnostiziert von einer Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Diese Phobie ist eine "Angst", die sich auf verschiedene Dinge und Lebensbereiche beziehen kann, wie der Psychiater Majdy Abu Bakr, Oberarzt am Sächsischen Krankenhaus Arnsdorf, erläutert. Dies könne zum Beispiel die Angst vor Höhe, Enge oder vor bestimmten Tieren sein. Bei der Phobie sei die Vorstellung so "unerträglich, dass sie zu anhaltenden Symptomen führt, die die Lebensqualität beeinträchtigen", so der Arzt. Mit normalem Prüfungsstress habe das nichts zu tun.

Elf Prozent aller Studierenden in Deutschland haben nach Angaben des Deutschen Studentenwerks eine oder mehrere studienrelevante Beeinträchtigungen. Die Zahl stammt aus dem Jahr 2016, 2012 waren es noch sieben Prozent. Die absolute Zahl der Betroffenen hat sich innerhalb dieser fünf Jahre fast verdoppelt: von 137.000 auf 264.000. Studierende mit psychischen Erkrankungen bildeten nach der jüngsten Sozialerhebung die bei weitem größte Gruppe. Ihr Anteil liegt inzwischen bei 55 Prozent.

Mit ihrer Diagnose könnte Paula Kuitunen ermöglicht werden, ihre mündlichen Prüfungen auch schriftlich abzulegen. Das sieht das deutsche Hochschulrahmengesetz vor, nach dem Studierende mit einer chronischen Erkrankung nicht benachteiligt werden dürfen. Diese sind wie Behinderungen zu behandeln. Betroffene können an der Hochschule einen Nachteilsausgleich beantragen, etwa eine Verlängerung der Schreibzeit in Prüfungen oder eben die Umwandlung von einer schriftlichen in eine mündliche Prüfung. Der Nachteilsausgleich muss immer individuell von der jeweiligen Hochschule erteilt werden.Laut einer Umfrage des Deutschen Studentenwerks wurden im Jahr 2012 64 Prozent aller Anträge auf Nachteilsausgleich an deutschen Hochschulen bewilligt, bei Studierenden mit chronisch-psychischen Erkrankungen waren es 63 Prozent. Doch der Prüfungsausschuss der TU Dresden lehnte den Antrag von Paula Kuitunen ab. Dagegen hat die Psychologie-Studentin Klage beim Verwaltungsgericht Dresden eingereicht, die Akten liegen der "Freien Presse" vor. Ein Sprecher des Verwaltungsgerichtes sagt, solche Klagen kämen "gelegentlich" vor. Eine Statistik werde dazu aber nicht geführt. Auch an der TU Dresden werden Anträge auf Nachteilsausgleich nicht statistisch erfasst.

Wegen des laufenden Verfahrens will sich die Universität zu dem Fall nicht öffentlich äußern. Aus den Akten geht aber hervor, dass der Prüfungsausschuss seine Ablehnung mit dem Verweis auf die entsprechende ärztliche Stellungnahme begründet. Danach sei davon auszugehen, dass es sich bei der Phobie von Paula Kuitunen um ein Dauerleiden und somit eine "persönlichkeitsbedingte Eigenschaft" handle. Diese generelle Einschränkung präge also das normale und reguläre Leistungsbild der Studentin.

Die Klägerin beteuert indes, ihre Leistungsfähigkeit sei ausschließlich in mündlichen Prüfungssituationen beeinträchtigt. Sie lehrt an einer Sprachschule und hat in Forschungsprojekten als studentische Hilfskraft gearbeitet. Ihre Arbeitszeugnisse bescheinigen, dass sie ihre Arbeit stets sehr gut machte. Dass sich eine solch ausgeprägte Phobie ausschließlich auf Prüfungen und nicht auch auf andere soziale Situationen bezieht, ist laut dem Psychiater Majdy Abu Bakr eher selten, es handle sich dann diagnostisch um eine "isolierte Phobie".

Drei mündliche Prüfungen und die schriftliche Abschlussarbeit fehlen der dreifachen Mutter noch zum Diplom. Für eine Prüfung wurde ihr vom Prüfungsausschuss die Schriftform gewährt. In den noch verbleibenden beiden mündlichen Tests gehe es jedoch auch um argumentative und praktische Kompetenzen, die nicht durch eine schriftliche Variante zu ersetzen seien.

Christiane Schindler vom Deutschen Studentenwerk beobachtet "mit Sorge, dass Studierenden mit psychischen Erkrankungen an immer mehr Hochschulen der Nachteilsausgleich pauschal verweigert" wird. Um Chancengleichheit an Hochschulen zu wahren, wird ein Nachteilsausgleich in der Regel nur dann gewehrt, wenn ein Prüfungsausschuss oder Richter davon überzeugt ist, dass nicht das Leistungsvermögen der Studenten selbst beeinträchtigt ist, sondern lediglich die Fähigkeit, dieses darzustellen. Bei körperlichen Behinderungen erscheint dies relativ eindeutig. Aber wer kann beurteilen, ob sich eine psychische Erkrankung wie eine Angststörung oder Depression auf die tatsächlichen Leistungen der Studierenden auswirkt oder sie nur daran hindert, diese "darzustellen"?

Patrick Hechler ist Jurist und ehemaliger Berater behinderter Studierender am Fachbereich Rechtswissenschaften der Universität Gießen. Auch er sieht die Situation kritisch: "Die psychische Beeinträchtigung wird stigmatisiert." Sie werde von der Rechtsprechung immer als generelle Leistungsschwäche angesehen, so Hechler - wie auch im Fall der Dresdner Studentin. Gegenüber solchen Behinderungen, die sichtbar sind, würden Betroffene nicht sichtbarer Erkrankungen benachteiligt. Hechler meint, Hochschulen seien in erster Linie dazu verpflichtet zu lehren und Prüfungen abzunehmen. Prognosen über die Berufsfähigkeit seien zweitrangig, zumal der Arbeitsmarkt ja vielfältig sei.

Paula Kuitunen fühlt sich diskriminiert und gedemütigt, da ihr eine diagnostizierte Krankheit als Teil der Persönlichkeit ausgelegt wird. Sie hatte einen Antrag auf vorläufigen Rechtsschutz gestellt. Dieser hätte bewirkt, dass sie ihr Studium vorläufig in der beantragten Form abschließen kann. Denn das eigentliche Verfahren könnte sich noch über Jahre hinziehen.

Der Antrag auf vorläufigen Rechtsschutz wurde vom Verwaltungsgericht Dresden inzwischen abgelehnt. Aber die junge Frau kämpft weiter. Im vergangenen Herbst gründete sie mit Ihrem Mann, einem Diplom-Psychologen, die Initiative "Mindcolors", die sich gegen die Stigmatisierung psychisch erkrankter Menschen einsetzt. Hier versammelt sie Experten und Betroffene, darunter auch "Betroffene Profis" - ein Forum für Psychologen und Therapeuten, die selbst Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen machen mussten. Mit ihrer Klage will sie im besten Fall einen Präzedenzfall schaffen. Damit nachfolgende Generationen psychisch beeinträchtigter Studierender die besonderen Hürden für einen erfolgreichen Hochschulabschluss leichter bewältigen können.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...