Älteste Frau Deutschlands tot: Erzgebirgerin wurde 112 Jahre alt

Raschau-Markersbach. Zeit war für Frieda Szwillus am Ende nicht mehr wichtig, die 112 nur eine Zahl, die sie längst nicht mehr mit dem eigenen Dasein verband. Zumeist war sie jetzt ohnehin jünger. Als ließe ihr Geist alle Lebensalter noch einmal passieren, sprach aus ihr mal das 16-jährige Mädchen, mal die gestandene Frau mittleren Alters. "Sie lebt jetzt in ihrer Welt", pflegten die Enkel und Urenkel dann zu sagen. Am vergangenen Sonntag ist Frieda Szwillus gestorben. Sie war die älteste Frau Deutschlands. Ihre Familie war da, wo sie immer war - an ihrer Seite.

Nun leben noch drei Generationen in dem Fachwerkhaus an der Schulstraße, das selbst mehr als 300 Jahre alt ist. Im Frühling feierte Frieda Szwillus hier ihren 112. Geburtstag. Die Nachbarn kamen, um zu gratulieren, die Journalisten auch, der Bürgermeister brachte die alljährlichen Geburtstagsgrüße vom Bundespräsidenten. Frieda Szwillus erkannte keinen von ihnen. "Die Oma ist schon eine Anstrengung", sagte Enkelin Heike Groschupp den Zeitungsmenschen damals. Aber die Familie sei auch stolz, dass sie noch unter ihnen ist, diese Frau, die weder Alpen noch Ostsee sah, aber einst Kaiser Wilhelm bei einem Zeppelin-Fest winkte.

Frieda Szwillus wurde am 30. März 1902 geboren. Im selben Jahr fuhr in Berlin die erste U-Bahn, in Sachsen bestieg Georg den Thron, in der Antarktis wurden Landstriche entdeckt. Zweimal war Frieda Szwillus verheiratet, zweimal versank die Welt im Krieg, ein leibliches und drei Stiefkinder wurden groß, während die Mutter in der Sockenfabrik wunde Hände bekam. Keines der Kinder ist mehr am Leben. Über schlechte Zeiten, Gram und Gebrechen hat Frieda Szwillus nie viele Worte verloren. Aber viele Male hat Urenkelin Laura ihr Gesicht fotografiert, für die Familienchronik. Ein Gesicht wie eine Landschaft war das, voller Täler und Furchen, die Augen zwei Seen, die sich zunehmend trübten.

Das Alter ist manchmal wundersam. Dann, wenn bei einer Hundertjährigen nach langer Krankheit der Appetit auf Eierkuchen und Puddingsuppe zurückkehrt, oder sie plötzlich beginnt, in Reimen zu sprechen. "Meine Oma hat schon immer einen starken Willen gehabt", sagt Heike Groschupp. Gegen das Anlegen der Blutdruckmanschette protestierte sie zeitlebens, als handele es sich um eine Handfessel. Noch zu ihrem 110. Geburtstag nahm Frieda Szwillus kein einziges Medikament, heißt es. Nur einmal, als sie noch nicht 100 war, gab man ihr Blutdrucksenker. Bis die Familie merkte, dass der Blutdruck immer nur beim Arzt erhöht war.

Ging es ihr doch einmal über lange Zeit schlecht, legte die Enkelin warme Umschläge auf die schmerzenden Gelenke und die Hand auf die Stirn. Immer wieder schaffte es die Großmutter sich aufzurichten, und sei es nur, um vom Bett in den Sessel zu gelangen oder aus dem Fenster zu sehen.
Manchmal aber ist das Alter grausam. Wenn der Blick aus dem Fenster nur noch bis hinunter zur Straße reicht, so als vergesse jemand immerfort die Gardine aufzuziehen. Am Ende ihres Lebens war Frieda Szwillus bettlägerig, unruhig in der Nacht, ein Hausgeist, an den die Familie sich gewöhnen musste. Schwiegertochter, Enkel, Urenkel - sie alle wechselten sich in der Pflege ab. "Wir sind da hineingewachsen, haben das Lachen nie verlernt", sagt Heike Groschupp. Wenn Bürgermeister Manfred Meyer den Tod des ältesten Gemeindemitgliedes mit dem Wort Erlösung kommentiert, dann gilt das für alle Beteiligten.

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1Kommentare
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  • 1
    1
    typewriter
    24.09.2014

    Die älteste Frau Deutschlands ist nie tot... denkt mal drüber nach.



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