Bildung: Musterschüler muss beim Personal nachsitzen

In Ländervergleichen erhält Sachsen regelmäßig gute Noten - dennoch ist die Bildung das Topthema im Wahlkampf. Gestritten wird vor allem um eine bessere personelle Ausstattung der Kitas, Schulen und Universitäten.

Bei der Wahl-Debatte mit seinem Kontrahenten von der Linken gab sich Stanislaw Tillich gelassen: Weniger Kinder pro Erzieherin, das sei für den Bildungserfolg nicht allein entscheidend. Auch der Verweis auf fast 80.000 Petitionsunterschriften für einen besseren Kita-Betreuungsschlüssel perlte ab am CDU-Ministerpräsidenten. "Die Pisa-Studien bestätigen uns", sagte Tillich vor einer Woche. Prompt meldete auch die arbeitgebernahe Stiftung "Neue Soziale Marktwirtschaft" am Tag darauf: Sachsen bleibt bei der Bildung die Nummer eins unter den deutschen Bundesländern.

Trotz des Spitzenrangs beim jüngsten Bildungsmonitor ist aber auch im Freistaat nicht alles Gold, was glänzt. Tillichs linker Herausforderer Rico Gebhardt verweist auf das schlechte Betreuungsverhältnis in den sächsischen Kindertagesstätten. So hatte die Bertelsmann-Stiftung erst vor wenigen Wochen errechnet: In Sachsen fehlen 16.700 Erzieherinnen. Den Experten der Stiftung zufolge sollte sich eine Fachkraft um nicht mehr als 7,5 Kinder kümmern. In Sachsen sind es derzeit offiziell 13, de facto aber mitunter 17 bis 18, weil es keinen Ersatz bei Urlaub, Erkrankungen oder für die Vor- und Nachbereitung gibt. Ähnlich schlecht sieht es bei den Krippen aus: Dort kümmert sich in Sachsen eine Betreuerin laut Bertelsmann-Stiftung um durchschnittlich 6,6 Kinder unter drei Jahren. Der bundesweite Schnitt liegt bei 3,7.

Mit einer "Bollerwagenaktion" heute in Dresden und dem sachsenweiten "Kita-Schließtag" am Freitag soll es vor der Landtagswahl noch zwei große Protestaktionen für einen besseren Betreuungsschlüssel geben. Allein am "Kita-Schließtag" wollen sich etwa 100 Einrichtungen in ganz Sachsen beteiligen.

Ob Kindergärten, Schulen oder Universitäten - Bildung ist das herausragende Thema im Landtagswahlkampf. Auch die Bevölkerung - das zeigen Umfragen - misst diesem Bereich die größte Bedeutung bei. Seit der Wende sind in Sachsen schon rund 1000 Schulen verschwunden. Um weitere Schließungen zu vermeiden, hat die Regierung jahrgangsübergreifenden Unterricht in den 1. und 2. sowie in den
3. und 4. Klassen genehmigt. Doch lediglich drei Schulen nutzten im abgelaufenen Schuljahr laut Kultusministerium diese Möglichkeit. Eltern und Lehrer beklagen viele Stundenausfälle, lange Wege und Defizite im Schülerverkehr, vor allem aber den Personalmangel.

Bis 2020 wird ein Drittel der Lehrkräfte - etwa 9000 Personen - in den Ruhestand gehen. Bisher wollte die CDU jährlich aber nur 1000 neue Lehrer einstellen. Zur Wahl-Debatte der sächsischen Tageszeitungen in Dresden machte Tillich zuletzt ein Zugeständnis: "Jede frei werdende Lehrerstelle wird neu besetzt." Dafür gab's Applaus vom Sächsischen Lehrerverband. Dessen Landesvorsitzender Jens Weichelt stellte aber zugleich klar: "Wir werden Tillich beim Wort nehmen."

Auch an den Hochschulen gärt es. Noch nie haben in Sachsen so viele Menschen studiert wie heute. Sächsische Studenten forderten kürzlich lautstark eine Anhebung der Grundfinanzierung auf den westdeutschen Standard. Demnach gibt der Freistaat 6350 Euro pro Student und Jahr aus, der Bundesdurchschnitt liegt bei 6830 Euro. Die Landesregierung verlangt dennoch von den Hochschulen im Lande, insgesamt 1042 Stellen zu streichen. Allein an der Universität Leipzig sollen bis 2020 mindestens 172 Stellen wegfallen. Die Leipziger Hochschulleitung will unter anderem die Theaterwissenschaften und die Archäologie schließen, um die Sparvorgaben zu erfüllen. Daraufhin besetzten Studenten im Juli zwei Wochen lang das Rektorat. Erst vergangenen Samstag forderten wieder fast 40 Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter der Uni Leipzig in einem Wahlaufruf eine neue Hochschulpolitik in Sachsen und die Rücknahme des Stellenabbaus.

An der Freiberger Bergakademie sollen bis Ende kommenden Jahres 28 Stellen abgebaut werden, bis 2020 noch weitere, sodass in Freiberg bis zu 160 Arbeitsplätze verschwinden könnten. Die größte Angst von Studenten und Universitätsleitung ist, dass ganze Studiengänge dran glauben müssen. Kritik kommt auch vom Rektor der TU Chemnitz, Arnold van Zyl. Er hatte schon im Februar betont, es gebe beim Personal keinen Spielraum mehr.

CDU Kitas: Betreuungsschlüssel soll unangetastet bleiben. Der Doppelhaushalt sieht aber eine Anhebung der Kita-Pauschale um 185 auf 2060 Euro pro Kind und Jahr vor. Mit dem Großteil dieser Erhöhung werden die Kommunen die gestiegenen Betriebskosten decken. Für eine bessere Betreuung bleiben 50 Euro pro Kind übrig. Schulen: Neueinstellung von mindestens 1000 Lehrern jedes Schuljahr, mindestens Wiederbesetzung frei werdender Lehrer-Stellen, Ausnahmen bei Mindestschülerzahl und jahrgangsübergreifender Unterricht sind möglich. Hochschulen: Fortführung anerkannter Diplom-Studiengänge, Berufsakademie soll mit dem Bachelor oder dem Diplomingenieur abgeschlossen werden können.

Die Linke Kitas: Der Betreuungsschlüssel wird gesenkt: auf 1:4 in der Krippe, 1:10 im Kindergarten, 1:17 im Hort. Zur Finanzierung steigt der Landeszuschuss pro Kita-Platz kurzfristig von 1875 auf 2400 Euro im Jahr. Schulen: Gemeinsames Lernen bis Klasse 8, maximal 20 Schüler pro Klasse. Individuelle Lern- und Entwicklungsberichte ersetzen in den ersten vier bis sechs Schuljahren die herkömmlichen Schulnoten. Abschaffung des Religionsunterrichts, kostenlose Schülerbeförderung. Hochschulen: Staatliche Zuschüsse werden mindestens auf das Niveau des Bundesdurchschnitts angehoben. Fachhochschulen erhalten das Promotionsrecht, Abschaffung der Austrittsmöglichkeit aus der verfassten Studierendenschaft.

SPD Kitas: Der Betreuungsschlüssel wird gesenkt: auf 1:4 in der Krippe, 1:10 im Kindergarten, 1:16 im Hort. Gebührenfreie Kita für alle. Schulen: Einstellung von jährlich 500 Lehrern zusätzlich zu den Stellen, die nach Abgängen neu besetzt werden müssen. Die Gemeinschaftsschule bietet parallel zum Gymnasium einen gleichwertigen Weg zum Abitur. Behinderte erhalten das Recht, an einer Regelschule zu lernen. Kostenlose Schülerbeförderung, sachsenweites Bildungsticket gilt auch in der Freizeit. Hochschulen: Der Abbau von 1042 Stellen bis 2020 wird zurückgenommen. Abschaffung der Langzeitstudiengebühren und Gebühren für Nicht-EU-Ausländer sowie der Austrittsmöglichkeit aus der Studierendenschaft.

Grüne Kitas: Der Betreuungsschlüssel wird langfristig gesenkt: auf 1:4 in der Krippe und 1:10 im Kindergarten. Kindertageseinrichtungen und -tagespflege werden finanziell gleichgestellt. Schulen: Oberschulen werden zu Gemeinschaftsschulen mit eigener gymnasialer Oberstufe, Abitur an der Gemeinschaftsschule wahlweise in 12 oder 13 Jahren. Sitzenbleiben nur noch auf Wunsch des Schülers/der Eltern. Behinderte bekommen einen Rechtsanspruch auf den Besuch der Regelschule. Hochschulen: Die staatliche Grundfinanzierung soll schnellstmöglich bundesdeutschen Durchschnitt erreichen, bis 2020 das Niveau der Spitzenländer. Die Austrittsmöglichkeit aus der Studierendenschaft wird zurückgenommen.

FDP Kitas: Erhöhung Landespauschale auf ein Drittel der Kosten, Zuschlag zur Pauschale bei längeren Öffnungszeiten, Abbau der Dokumentationspflichten, mehr Assistenzkräfte. Schulen: Aufhebung der Schulbezirke für Grundschulen, Absenken der Mindestschülerzahl für Grundschulen mit und ohne jahrgangsübergreifendem Unterricht, Einstellung von jährlich 200 bis 400 Lehrern über den Ersatz der Altersabgänge hinaus, Verlängerung des Referendariats auf 18 Monate. Hochschulen: Zuschüsse werden an Erfolge in Forschung und Lehre sowie beim Wissens- und Technologietransfer gekoppelt. Fachhochschulen erhalten Promotionsrecht, Berufsakademie bietet Bachelor-, aber keine Master-Abschlüsse an.

AfD Kitas: Absenkung Betreuungsschlüssel auf 1:3 bei bis zu 1,5-Jährigen, auf 1:4 bei anderen Krippenkindern, auf 1:8 im Kindergarten, auf 1:16 im Hort; Schaffung eines Fonds aus Elterngeld, Betreuungsgeld und Kita-Pauschale, aus dem alle Eltern für jedes bis zu dreijährige Kind denselben Betrag erhalten, den sie behalten oder für Fremdbetreuung ausgeben können. Schulen: Anpassung Lehrer-Gehälter ans obere Drittel der Bundesländer mit den höchsten Tarifen, maximal 25 Schüler pro Klasse, keine Vorgaben von Schul- und Klassenmindestgrößen, Zweizügigkeit reicht. Hochschulen: Rückkehr zu Magister und Diplom, kein Staatsgeld für Exzellenzinitiativen, kein Promotionsrecht für Fachhochschulen, Bafög-Erhöhung.

>> Zum Landtagswahl-Spezial

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