DDR-Archiv: Filme für den "Giftschrank"

Nicht nur die Defa und das Fernsehen haben in der DDR Dokumentarfilme gedreht. Auch im Auftrag des Staatlichen Filmarchivs in Ostberlin entstanden Filme über den Alltag im vermeintlichen Arbeiter- und Bauernstaat. Sie kamen ganz ohne Zensur aus - aber landeten dennoch im Giftschrank.

Dresden.

Die DDR-Staatsbürokratie hatte ihre ganz eigene Sprache. Erinnert sei nur an die viel zitierte "Jahresendflügelfigur", den "Antifaschistischen Schutzwall" oder die "Sättigungsbeilage".

Im Alltag der meisten Menschen war dann aber eben doch vom Engel, der Mauer oder vom Salat die Rede. Die Wortschöpfung "Massenanfall an Geschädigten" war zum Glück nur Theorie. Im Film "Die Handlung des Kommandeurs nach Erhalt einer Aufgabe" wurde der Begriff oft benutzt. Die Dokumentation aus den frühen 80er-Jahren spielte den Ernstfall durch - einen Atombombenabwurf auf den Ostberliner Stadtbezirk Lichtenberg.

In geradezu erbarmungsloser Ausführlichkeit und detailversessen werden die Abläufe in dem Szenario durchgespielt und auf Zelluloid festgehalten. Der Kommandeur der DDR-Zivilverteidigung gibt Befehle, untere Dienstgrade erstatten Bericht. Ab und an sind auf einem Übungsgelände der Zivilverteidigung eingestürzte Plattenbauten, Rauch, Einsatzkräfte mit Gasmasken und Tragen mit Verletzten zu sehen - auch Tote. Diese durfte es im offiziellen Sprachgebrauch ja nicht geben - keine Toten, keine Verletzten, keine Opfer, dafür der "Massenanfall an Geschädigten".

Die Szenen wirken absurd, naiv - ja kafkaesk und surreal. Und obwohl kein kritisches Wort über die DDR fällt wird der Film mit einem Sperrvermerk versehen. Dabei war er ohnehin nie für eine Ausstrahlung im DDR-Fernsehen oder im Kino vorgesehen. "Die Handlung des Kommandeurs nach Erhalt einer Aufgabe" wurde im Auftrag des Staatlichen Filmarchivs der DDR gedreht. Dort bestand zwischen 1970 und 1986 am Staatlichen Filmarchiv die Filmproduktion "Staatliche Filmdokumentation" (SFD). Ihr Auftrag war es, das Leben in der DDR für nachkommende Generationen zu dokumentieren. Insgesamt entstanden rund 300 Dokumentarfilme.

Werbung für das System sind die Produktionen wahrlich nicht. "Da die Filme allenfalls für die Veröffentlichung in einer unbestimmten Zukunft vorgesehen waren, gab es keine Abnahme und offenbar kaum Zensur", weiß der Historiker und Kulturwissenschaftler Andreas Kötzing vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden. Der Film über die Übung der Zivilverteidigung sei der Einzige geblieben, der mit einem besonderen Sperrvermerk versehen wurde.

Wohl die meisten der SFD-Filme haben aus heutiger Sicht kaum Unterhaltungswert. Keine Musik, eher mäßiger Ton auf 16 Millimeter und in Schwarzweiß. Sie lagern heute - teilweise digitalisiert - im Bundesarchiv. Sehen kann man die meisten jedoch nicht. Die "unbestimmte Zukunft" hat noch immer nicht begonnen. Nur Wissenschaftler wie Krötzing haben Zugang zum gesamten Material - und das nur auf Antrag.

Verschweigen und vertuschen will das Bundesarchiv nichts - doch der Datenschutz verhindert eine Aufführung. Da die Filme nicht für eine übliche Auswertung vorgesehen waren, ist nach Auffassung von Datenschützern eine Zustimmung der Akteure in den Filmen notwendig. Doch wie diese finden? Der Aufwand dafür wäre groß und teuer.

Doch er würde sich lohnen, wie Veronika Ottens Film "Berlin Milieu. Ackerstraße" von 1973 zeigt. Er porträtiert das Leben von Einheimischen und Zugezogenen in direkter Nachbarschaft an der Berliner Mauer. Teilweise haben die Mieter direkten Blick auf die andere Seite. Ein ehemaliger Karl-Marx-Städter bescheinigt im Interview den Westberlinern ein "ordentliches Verhalten". Wenig Gutes hat er über die Westdeutschen zu vermelden, die in Bussen an die Mauer kämen und die Grenzsoldaten provozierten.

Ein Volkspolizist wiederum berichtet in einem nicht enden wollenden Wortschwall im besten Funktionärsdeutsch über Ordnung und Sicherheit an der Grenze. Er scheint dies alles tatsächlich im Kopf zu haben. Was den Film am Ende einmalig macht, ist, dass er unkommentiert und detailliert Aufnahmen von den Grenzanlagen von östlicher Seite zeigt. Im Fernsehen sah man so etwas nicht.

In ganz anderer Tonlage berichtet die Dokumentation "Wohnungsprobleme 1982/83" genau von eben solchen. Der Regisseur Gerd Barz begleitet Wohnungssuchende in ein Berliner Wohnungsamt. Da ist eine junge Frau, die nach Gewalterfahrungen in ihrer Ehe mit ihrem Kind wieder bei den Eltern lebt. "Doch das geht nicht mehr", so die Frau und beklagt die beengten Verhältnisse in der kleinen 2-Raum-Wohnung der Eltern. Der Behördenleiter kann und will nichts versprechen. Die junge Frau ist ziemlich ungehalten.

Ein Berliner Arbeiter reagiert dagegen mit Sarkasmus auf sein ungelöstes Wohnungsproblem vor der Kamera. Er muss nach der Scheidung von seiner Frau in einer kleinen, nur zehn Quadratmeter großen Kammer wohnen, die dazu noch "vollgestellt" ist mit Bett, Tisch, Stühlen und Schrank. "Ich muss immer erst Möbel rücken, wenn ich in den Schrank oder ins Bett will. Dabei will doch der Staat, dass sich der Arbeiter nach getanem Werk erholt". Er habe ja Verständnis, dass er nicht sofort eine andere Wohnung bekomme, aber er benötige zumindest eine Perspektive, übt sich der Arbeiter in Geduld. Er sei ja auch bereit, selbst zu sanieren.

Eine Mitarbeiterin in der Wohnungsbehörde nennt offen einen Grund für die Misere selbst im vergleichsweise gut aufgestellten Ostberlin. Die hohe Scheidungsrate durchkreuze alle Pläne des Staates. Ein anderer Grund für die Wohnungsnot wird in dem Film "Alltag und Krieg. Die Frauen" von Holmer-Henning Freier aus dem Jahr 1984 ersichtlich. Er porträtiert eine ältere Dame, die zwei große Mietshäuser in Ostberlin besitzt. Ein Haus will sie an den Staat abgeben, da sie den Unterhalt für beide Häuser nicht mehr bestreiten kann. Die staatlich festgelegte Miethöhe war für private Besitzer von großen Mehrfamilienhäusern viel zu gering angesetzt. Die Folge: Der Wohnungsbestand verfiel. Im Interview erzählt die Frau über ihr Leben und die Kriegsjahre. Vom Naziregime habe ihr Vater und auch sie nichts gehalten. Sie war in einen Mann verliebt, der oft kontrolliert worden sei, weil er nicht arisch genug aussah. Auch berichtete sie vor der Kamera von der Vertreibung jüdischer Nachbarn.

Ein Großteil der 300 Filme wurde aus Kostengründen in der DDR-Hauptstadt gedreht. Immer wieder werden Wohnungsprobleme und der Verfall der Altbausubstanz dokumentiert. Zu sehen sind auch Wohnungsbesetzer, die trotz Wasserschäden und Schimmelbefall in gesperrten Häusern illegal leben.

"VEB Plastlüfter- und Anlagenbau Dresden" betitelte nüchtern Gertraude Kühn ihren Film von 1976, der zu den wenigen gehört, die im Süden der DDR gedreht wurden. Er greift die Verstaatlichung des einstigen Privatbetriebes Anfang der 1970er-Jahre auf. Zu Wort kommt auch der ehemalige Besitzer, der ganz offen die unternehmerische Eignung des neuen Betriebsdirektors anzweifelt. Diesen Eindruck bekommt auch der Zuschauer.

Betriebsdirektor und Parteisekretär verlieren kein Wort zu Produkten oder Unternehmensstrategie, äußern sich aber ermüdend zu Parteiarbeit und ideologischer Aufklärung der Werktätigen. Ganz anders der alte Firmenbesitzer der geradezu fröhlich von alten Zeiten schwärmt. Doch dahinter verbirgt sich eine Tragödie. Als ihm mitgeteilt wurde, dass er das Unternehmen ganz an den Staat verlieren würde, habe er einen Herzinfarkt erlitten.

Nach 16 Jahren endete 1986 das Projekt. Andreas Kötzing vom Hannah-Arendt-Institut vermutet, dass die Behörden erkannten, dass die Filmer immer kritischer und subversiver wurden, und dass sie deshalb die Dokumentation des Alltagslebens durch die SFD einstellten. Doch auch Filmemacher der Defa und des Fernsehens sollen zunehmend Unmut darüber geäußert haben, dass ihnen die Freiheiten der SFD größtenteils verwahrt blieben. Auch ohne Glasnost und Perestroika erkämpften sich die ostdeutschen Dokumentaristen in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre mehr Freiraum. Mit Defa-Filmen wie "Flüstern & Schreien" sowie "Winter adé" wurde dann auch der offizielle Blick anders ...

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