Der Bläuling auf der Roten Liste

Schmetterlinge sind den Deutschen die liebsten Insekten. In der Gunst rangieren sie noch vor den Bienen. Doch geht ihre Vielfalt zurück. Intensive Landwirtschaft raubt ihnen Lebensraum. Auch viele von Sachsens Falterarten brauchen Hilfe. Für einige ist es schon zu spät.

Mittweida/München.

Wenn Rolf Reinhardt mit einem Tross Kinder im Schlepptau durch mittelsächsische Wiesen zieht, ist er hin- und hergerissen. Ihn schockiert, dass er den Unterschied zwischen Käfer und Wanze erklären muss. Etwa anhand der Mundwerkzeuge. "Käfer beißen und kauen, Wanzen haben einen Saugrüssel", sagt der Insekten-Kundler, der an sich auf Schmetterlinge spezialisiert ist. Reinhardt ist in Sachsen Koordinator fürs bundesweite Monitoring von Tagfaltern und zugleich Autor der jüngsten "Roten Liste der Tagfalter Sachsens". Die letztmals 2007 erstellte Liste führt alle Arten mit ihrer jeweiligen Verbreitung und ihrem Bedrohungsstatus auf.

Wenn Rolf Reinhardt die wachsende Begeisterung seiner jungen Begleiter in der Natur erlebt, die nach wenigen hundert Metern nach allem spähen, was da hüpft und kreucht, versöhnt ihn das immer. Den Elan, mit dem Kinder und Jugendliche Fähigkeiten und Besonderheiten Hunderter verschiedener "Pokémon" auf einer Spielekonsole auswendig lernen, könne man ebenso für die heimatliche Natur wecken, weiß er. "Man muss nur früh genug damit anfangen." Der Kindergarten in Altmittweida frage ab und an bei ihm nach, ob er mit den Schützlingen eine Exkursion unternehmen könne. Kann er.

Und er tut es gern. Das hängt damit zusammen, dass Rolf Reinhardt es als eine der größten Gefahren für die Artenvielfalt sieht, wenn schleichend der Bezug der Menschen zu ihrer Umwelt verloren geht. "Zusammen mit dem großen Problem der intensiven, großflächigen Landwirtschaft", schränkt er ein.

Zwar hätten die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGen) in der DDR auch großflächig bewirtschaftet. "Aber da wurde nicht noch der letzte Streifen mit beackert. Am Rand blieb immer was stehen", entsinnt er sich. Inzwischen sei aus technischer Sicht alles optimiert, der letzter Winkel an Anbaufläche werde ausgenutzt. Vielfältig blühende Feldraine zwischen den einzelnen Feldern suche man heute meist vergeblich.

Eine Langzeitstudie im bayrischen Inntal hat die intensive Landwirtschaft in Monokulturen jetzt für einen drastischen Rückgang der Schmetterlingsarten verantwortlich gemacht. Im Auftrag der Deutschen Wildtier-Stiftung wertete der bayerische Biologe Josef Reichholf eigene jahrzehntelange Beobachtungen aus. Zwischen 1969 und 1983 hatte er im Schnitt jährlich rund 250 Schmetterlingsarten gezählt. Seit Beginn der 80er-Jahre sei die Zahl kontinuierlich gesunken. Seit 1995 wurden jeweils weniger als 50 Arten gezählt. Zeitlich decke sich der Rückgang mit der Umstellung der modernen Landwirtschaft, die vor allem Mais und Winterweizen anbaue und Felder intensiv dünge. Das sagte Reichholf am Montag in Hamburg, wo er seine Studie vorstellte.

Inzwischen sei die Lebensqualität für Schmetterlinge in einer Großstadt wie München besser als in ländlichen Regionen mit intensiver Landwirtschaft, sagt er. Auf Ackerfluren seien 38 Schmetterlingsarten gezählt worden, in Münchner Parks dagegen über 600. Die genaue Betrachtung, welche Arten betroffen sind, bestätigt die Faktoren Monokultur und Intensiv-Düngung als Gründe für den Rückgang.

Während die Wiesenarten der Tagfalter zwischen 1976 und 2016 um 73 Prozent zurückgingen, schrumpfte der Bestand an Waldarten nur um sieben Prozent. Bläulinge, Große Ochsenaugen, Totenkopfschwärmer oder Mittlere Weinschwärmer fand der bayerische Naturkundler immer seltener. Der Kleine Feuer- und der Schachbrettfalter seien in seinem Bereich bereits ganz verschwunden.

Zur Rettung der Artenvielfalt sei naturverträgliche Landwirtschaft nötig, fordert der Vorstand der Wildtier-Stiftung, Fritz Vahrenholt. Insbesondere der Maisanbau für die Biogas-Erzeugung gefährde die Vielfalt. Die Förderung der Biogas-Erzeugung müsse gestoppt, der Einsatz von Gülle gesenkt werden. In den Städten möge man blütenreiche Gärten schaffen, sagt Vahrenholt.

Insgesamt gibt es etwa 3700 Falterarten in Deutschland, darunter 190 Tagfalter, die der Volksmund als Schmetterlinge bezeichnet und von Kleinschmetterlingen wie etwa Motten unterscheidet. Wissenschaftlich werden zu den Schmetterlingen aber auch 1160 Nachtfalterarten und eben jene 2350 Kleinschmetterlingsarten gezählt.

Von 114 einst in Sachsen beheimateten Tagfalterarten sind 16 bereits ausgestorben oder verschollen, 20 weitere sind "vom Aussterben bedroht". Zusammen mit den in Sachsens Roter Liste als "gefährdet" und "stark gefährdet" geführten Arten, macht das 58 Prozent aller Tagfalter-Arten überhaupt aus. Für mehr als die Hälfte von Sachsens Schmetterlings-Arten ist die Situation also bedrohlich oder schon gekippt.

Für den Blauschillernden Feuerfalter, die Berghexe und den Alexis-Bläuling scheint jede Hilfe zu spät. Die genannte Feuerfalter-Art wurde letztmals 1938 nachgewiesen und gilt als in Sachsen ausgestorben. Die beiden anderen Arten sind verschollen. Vom Blaukernauge gab es 1973 die letzte Meldung. Seither wurde seine letzte Lebensraum-Insel in Parthenstein im Kreis Leipzig durch Gesteinsabbau derart verändert, dass auch er wohl ausgestorben ist.

Veränderung von Landschaften macht weltweit den größten aller Faktoren aus, mit denen der Mensch in den letzten 150 Jahren das normale Artensterben bei Tieren und Pflanzen beschleunigt hat. "Und zwar um das Tausendfache", weiß Volker Mosbrugger, Generaldirektor der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung. Diese Gesellschaft ist einer der Partner eines Schmetterlings-Projekts, das der Freistaat Sachsen vor zwei Jahren startete und das am Montag über die von den Vereinten Nationen gegründete "UN-Dekade für biologische Vielfalt" ausgezeichnet werden soll. Sachsens Umweltminister Thomas Schmidt (CDU) übergibt die Auszeichnung an die Organisatoren der Mitmach-Aktion "Blühende Wiesen für Sachsens Schmetterlinge".

Die Stoßrichtung dieses Projekts ist ganz nach Geschmack des Mittweidaer Schmetterlings-Kundlers Rolf Reinhardt, denn es zielt auf den Durchschnittsbürger ab und dessen Wertschätzung für die Umwelt. "Es ist schon viel gewonnen, wenn es nicht gleich Beschwerden darüber hagelt, dass ein Großvermieter seine Wiesen oder eine Stadtverwaltung ihre Parks nicht ständig in kurzem Takt mäht", sagt Reinhardt. Falter brauchen ausblühende Wiesen. "Beim Mähen sollte immer ein Streifen stehen bleiben, damit die Falter-Population erhalten wird."

Was Lebensräume betrifft, sind Schmetterlinge wählerisch. Dadurch gibt es regional sehr unterschiedliche Bestände an Arten. Die bei der bayerischen Studie als selten geworden beklagte Art Großes Ochsenauge sowie die dort verschwundenen Arten Schachbrett- und Kleiner Feuerfalter sind auch in Sachsen heimisch. Hier sind alle drei noch häufig vertreten. Das Große Ochsenauge und der Kleine Feuerfalter zählen sogar zu jenen Arten, die das auszuzeichnende Projekt im Blick hat. Das Projekt befasst sich bewusst nicht mit seltenen oder bedrohten Arten, sondern mit acht von denen, die im Freistaat noch recht verbreitet sind. Simple Logik: Mitmachende Laien sollen die Chance haben, die Arten des Projekts selbst in freier Natur zu entdecken.

Laut Sachsens Liste vom Aussterben bedroht ist dagegen der Fetthennen-Bläuling. "Im Zschopautal und im Elbtal bei Meißen gibt es noch zwei der wenigen verbliebenen Populationen in Deutschland", sagt Rolf Reinhardt. Sie seien somit von nationaler Bedeutung. Die Raupen dieser Art brauchen Fetthennen-Pflanzen als Futter. Der ausgewachsene Falter liebt sonnig felsige Uferzonen an Gewässern. "Man muss darauf achten, dass die Felsen nicht zu sehr von Brombeersträuchern überwuchert werden", weiß Reinhardt.

Doch bei aller Bedrohung gibt es auch Lichtblicke. Der Himmelblaue Bläuling ist so einer. Er galt in Sachsen schon als ausgestorben. "Jetzt ist er wieder aufgetaucht", sagt Reinhardt. Ausgerechnet in Verbindung mit einer Branche, die man nicht per se mit Umweltschutz assoziiert. "Entdeckt wurde er am BMW-Werk in Leipzig", sagt Reinhardt. (mit epd)

Das Projekt "Blühende Wiesen"

Acht Arten von Tagfaltern hatten Sachsens Umweltministerium und seine Partner, unter anderen die Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung, vor zwei Jahren ausgewählt, um als Botschafter für die Artenvielfalt zu wirken. Sie sollen Menschen ihre Umwelt näher bringen.

Damit auch Laien die Chance haben, die Arten des Projekts "Blühende Wiesen für Sachsens Schmetterlinge" in der Natur zu finden, setzte man nicht auf selten gewordene Arten, sondern auf solche, die noch verbreitet sind. Der Schwalbenschwanz, der Aurorafalter, der Kleine Perlmuttfalter, der Kleine Feuerfalter, das Kleine Wiesenvögelchen, der Gemeine Bläuling, der Schwarzkolbige Braundickkopf und das Große Ochsenauge wurden ausgewählt. Der Insektenexperte des Senckenberg-Museums Dresden, Matthias Nuß, erstellte eine Broschüre, die alle acht Arten beschreibt.

30 Modellwiesen - betreut von regionalen Organisationen - wurden zu Multiplikatoren erkoren, um überall in Sachsen weitere "Puppenstuben" zu gewinnen, also Flächen, deren Pflanzen Schmetterlingsraupen Nahrung und Raum für eine Verpuppung bieten. Es gehe darum, Schmetterlinge auch in Städte und an andere Orte zu holen, erklärte Nuß zum Projektstart. Voraussetzung: Kein Rasenscheren im Zwei-Wochen-Takt. Auch müssen Streifen stehen bleiben, damit die Schmetterlingspopulation überleben kann. Eine Modellwiese befindet sich an der Naturschutzstation Herrenhaide bei Burgstädt.

Die bunte Broschüre kann man unter folgendem Link abrufen: www.freiepresse.de/schmetterlinge

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