Der im Naziuntergrund gräbt

Der Terror-Prozess zum "Nationalsozialistischen Untergrund" geht aufs Ende zu. Urteile sind im April zu erwarten. Eine Opfer-Witwe schloss die Nebenklage-Plädoyers mit dem Hinweis auf offene Fragen. Doch lobte sie unabhängige Aufklärer wie ihren Anwalt. Dem drohten dafür zeitweise sogar selbst Ermittlungen.

München.

Yvonne Boulgarides ist keine Frau, die die Öffentlichkeit sucht. Auch als die Witwe des siebten NSU-Mordopfers Theodoros Boulgarides sich mit dem Angeklagten Carsten S. traf, geschah das, ohne es nach außen zu tragen. Carsten S. ist der einzige fast voll geständige Helfer der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund". Er räumte ein, dem Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe jene schallgedämmte Ceska-Pistole geliefert zu haben, mit der am 15. Juni 2005 auch Yvonne Boulgarides' Mann in seinem Münchner Schlüsseldienstgeschäft erschossen wurde.Um so berührender war am Münchner Oberlandesgericht die Schilderung der Witwe über ihr Treffen mit dem geständigen Täter. Mit Yvonne Boulgarides' Worten und dem Plädoyer ihres Anwalts Yavuz Narin ging der fast fünf Jahre währende NSU-Prozess in der Vorwoche in die Schlussgerade. Im März folgen die Plädoyers der Verteidiger von Beate Zschäpe und den weiteren vier Angeklagten. Für April werden die Urteile erwartet.

Das Treffen mit Carsten S. sei "einer der schwierigsten, aber auch einer der emotionalsten Momente" in ihrem Leben gewesen, sagt Yvonne Boulgarides. Sie habe ihn als Menschen erlebt, der sein Mitwirken zutiefst bereue und "dem das eigene Gewissen bereits den größten Teil seiner Strafe auferlegt hat". Als jemanden, der über Unrechtsbewusstsein verfüge und zu Reue fähig sei. "Eigenschaften, die wir bei den anderen Angeklagten in all der Zeit beim besten Willen nicht ausmachen konnten." Sie und ihre Töchter wünschten, dass das Strafmaß Carsten S. die Möglichkeit gebe, "sein Leben in positivere Bahnen zu lenken".

Doch sparte die Witwe auch nicht mit Kritik. Kritik an den restlichen Angeklagten und Szene-Zeugen, die von "epidemieartigem Gedächtnisverlust befallen" schienen. Kritik an versagenden "Staatsorganen", die Menschen wie den fürs Aktenschreddern im Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz verantwortlichen Referatsleiter Lothar Lingen noch vor Strafverfolgung schützten. Und Kritik an Ermittlern, die einst sie und ihre Familie in die "Täterrolle" drängten, statt die wahren Mörder zu suchen. Oft frage man sie, wie sie den Prozess sehe. "Er ähnelt für mich einem oberflächlichen Hausputz. Um der Gründlichkeit Genüge zu tun, hätte man die 'Teppiche' aufheben müssen, unter welche bereits so vieles gekehrt wurde." Zwar habe das Gericht versucht, im Rahmen gesetzlicher Möglichkeiten zur Aufklärung beizutragen. Die staatlicherseits versprochene "lückenlose Aufklärung" sei aber "viele Antworten schuldig geblieben".Lobend erwähnte sie in diesem Kontext dagegen ihren Anwalt. Der habe nicht aufgehört, eigene Investigativarbeit voranzutreiben und zur Aufklärung beizutragen. Auch wenn er sich damit sogar selbst Ermittlungsverfahren einhandelte.

In einem Fall wurde die Generalstaatsanwaltschaft in Jena von der Bundesanwaltschaft gebeten, gegen Rechtsanwalt Narin wegen "Geheimnisverrats" Ermittlungen zu prüfen. Er hatte eingeräumt, Akten weitergegeben zu haben - nicht an irgendwen, sondern an den NSU-Untersuchungsausschuss des Freistaates Thüringen. Das sollte bei dessen weiterer Aufklärung helfen. "Geheimnisse, die dazu dienen, Verbrechen und desaströses Fehlverhalten zu vertuschen, sind nicht schützenswert", urteilte Yvonne Boulgarides. Viele Hypothesen ihres Anwalts hätten sich im Laufe der Zeit bewahrheitet und zur Aufklärung beigetragen - "nicht nur bei uns".

Narin ist einer der Opferanwälte, die im Kriminalfall NSU nicht nur das direkte Umfeld ihrer Mandanten aus dem Effeff beherrschen, sondern den Gesamtkomplex NSU in den Blick nahmen. Im Prozess wies der Anwalt immer wieder auf Widersprüche hin und lieferte selbst neue Ermittlungsansätze. War Richter Manfred Götzl ihm anfangs bei Befragungen oft unwirsch in die Parade gefahren, so entgeisterten später manche von Narins Erkenntnissen sogar den Gerichtssenat - wie auch die Anklagebehörde.Etwa als Narin allein mit seiner Befragung eines Zeugen möglicherweise einen V-Mann enttarnte. Es ging um Mario B., über Jahre zweiter Mann im Neonazi-Verbund "Thüringer Heimatschutz". War dessen Gründer Tino Brandt 2001 als V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes aufgeflogen, so kratzte Narin 2015 im NSU-Prozess an Mario B.s Fassade. Er vergällte dem Zeugen sein bis dahin dreistes Auftreten.

Angesichts biografischer Übereinstimmungen, die B. zu einem namentlich bisher nicht bekannten V-Mann aufweist, den der Militärische Abschirmdienst (MAD), Deutschlands Militärgeheimdienst, in Thüringen geführt hatte, bohrte Narin im Prozess nach. Ob er je für den MAD gearbeitet habe, wollte er von Mario B. wissen. Dem verschlug es die Sprache. Er musste sich mit dem ihn als Beistand begleitenden Rechtsanwalt beraten. Verteidiger-Anwalt Olaf Klemke wollte die Frage als unzulässig unterbinden. I wo! betonte selbst die Bundesanwaltschaft. Warum unzulässig? Laute die Antwort: Nein, so könne der Zeuge doch geradeheraus antworten. Nur im Fall einer bestätigenden Antwort - ja, da benötige er wohl eine Aussagegenehmigung jener Behörde, für die er gearbeitet habe.

Dass Mario B. nach Rücksprache mit seinem Rechtsbeistand einschätzte, die Frage nicht beantworten zu können, war auch eine Art Antwort. Zumindest augenscheinlich gewann der Zeuge danach ein Stück Dreistigkeit zurück und riet dem Gericht, gleich von allen deutschen Geheimdiensten Genehmigungen für seine Aussage einzuholen. Das Gericht stellte Anfragen bei Diensten. Es wurde versichert, B. sei nicht tätig gewesen.Ob Mario B. V-Mann war oder nicht, diese Frage hat im NSU-Fall vor dem Hintergrund Signifikanz, dass er im August 1998 zusammen mit dem Jenaer Szene-Kamerad André K. nach Südafrika reiste, um auf der Farm des Rechtsextremisten Claus Nordbruch Kampf- und Fallschirmtraining zu absolvieren. Und nicht nur das. Ermittler, die damals nach dem erst Monate zuvor abgetauchten NSU-Trio fahndeten, gingen davon aus, dass Mario B. und André K. auf dem Weg nach Südafrika ein Rendezvous hatten: mit Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe. Das Trio hätte im bulgarischen Sofia in die Transfermaschine zusteigen sollen, die auch Mario B. und André K. nahmen. So hatte es Fahnder Jürgen Dressler vom LKA Thüringen im Untersuchungsausschuss des Sächsischen Landtages jüngst ausgesagt.

Auch auf die gegen Beate Zschäpe erhobenen Vorwürfe der vollen Tatbeteiligung setzte Narin mit einem Beweisantrag eine Art I-Tüpfelchen. Keiner wirft Zschäpe vor, je selbst geschossen, je eine Bombe platziert zu haben. Der Vorwurf "Mittäterschaft an allen NSU-Taten" fußt auf dem Gruppenwillen, der bei einer arbeitsteilig vorgehenden Terrorvereinigung per Gesetz unterstellt werden darf. Dem Vorwurf steht Zschäpes Beteuerung entgegen, die Taten der Uwes nie gutgeheißen zu haben. Nur passt das überhaupt nicht zur Aussage eines Zeugen, den man auf Narins Antrag zum Prozess lud.

Der Anwalt war in den Akten auf die Aussage eines Berliner Wachpolizisten aus dem Jahr 2000 gestoßen, die außer ihm niemand beachtet hatte. Monate vor dem ersten NSU-Mord hatte besagter Polizist Mundlos und Zschäpe beobachtet, wie sie an der Berliner Synagoge über Kartenmaterial brüteten. Dem Wächter kam es wie ein Ausspähen vor. Als er noch am gleichen Abend Fahndungsfotos von Mundlos und Zschäpe im Fernsehen sah, erkannte er die beiden wieder. Zielgenau pickte er Mundlos und Zschäpe auch aus ihm vorgelegten Fotos als diejenigen heraus, die er an der Synagoge gesehen hatte. Ein NSU-Anschlag gegen die Berliner Synagoge ist nicht bekannt, doch liegt nahe, dass die scharfe Überwachung im Umfeld des jüdischen Gotteshauses abschreckte.

Mundlos und Zschäpe waren nach Aussage des Polizisten nicht allein. Bei den weiteren Personen, die er beschrieb, gehen Opferanwälte anhand von Observationsfotos, die im zeitlichen und örtlichen Umfeld entstanden, mit "erheblicher Wahrscheinlichkeit" davon aus, dass es sich um den Chemnitzer Jan W. und dessen zeitweise Freundin Annett W. handelte, zusammen mit zwei Kindern der letzteren. Jan W. war Sachsen-Chef der Neonazi-Vereinigung Blood & Honour (B&H) und soll dem NSU eine der ersten Schusswaffen beschafft haben.

Seine damalige Freundin Annett war vor ihm mit dem jahrelangen Deutschland-Kopf der Blood-&-Honour-Bewegung liiert gewesen, dem damals in Berlin wohnhaften, oft in Chemnitz verkehrenden Rechtsextremisten Stephan L. Dieser zog später nach Ludwigsburg in Baden-Württemberg, wohin der NSU ebenfalls dichte Bande geknüpft hatte.

Im September 2000 wurde B&H verboten. Doch auch danach wurde Stephan L. noch bei illegalen Konzerten, wie B&H sie stets veranstaltet hatte, festgenommen, etwa 2001 in Chemnitz. Und 2017 wurde Stephan L. enttarnt. Der Mann, der in der Szene den Spitznamen "Pinocchio" trug, war über Jahre als V-Mann "Nias" geführt worden - vom Bundesamt für Verfassungsschutz.

Die allgegenwärtige Nähe von Geheimdiensten zum nächsten Umfeld des NSU-Kerntrios, zu jener verzweigten Helferschar, die Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe erst beim Abtauchen half, dann bei deren Bewaffnung und bei finanzieller Unterstützung, all das macht es schwer zu erkennen, wo die Neonazi-Szene endete und wo der Einfluss staatlicher Organe begann.

Angesichts der an allen Enden des NSU-Komplexes immer wieder neu aufploppenden Merkwürdigkeiten, beendete Anwalt Narin sein eigenes Plädoyer im Prozess in der Vorwoche mit einem Wunsch an den Senat: "Haben Sie den Mut, auch auszusprechen, was dieser Prozess nicht leisten konnte, wo er unvollkommen bleiben musste. Haben Sie den Mut, nicht so zu tun, als sei alles in Ordnung. Ich bin überzeugt davon, dass dieser Senat ein Urteil fällen wird, das der Revision standhält. Ich darf an Sie appellieren: Sprechen Sie ein Urteil, das auch vor der Geschichte Bestand hat."

Ein Satz, so bedeutungsschwer, dass ihn auch Tony Petrocelli hätte gesprochen haben können. Die fiktive Figur des US-Strafverteidigers italienischer Herkunft, der sich in der gleichnamigen TV-Serie stets mit eigenen Ermittlungen für Mandanten einsetzt, erlangte in den 70er-Jahren im Westen Deutschlands Kult-Status. Auch bei Yvonne Boulgarides.

"Du bist unser Petrocelli", hatte die Witwe des griechisch-stämmigen Mordopfers ihren türkisch-stämmigen Anwalt einmal mit der italienisch-stämmigen Filmfigur verglichen, die im besseren Sinn amerikanische Werte hochhält. Er habe sich das erst erklären lassen müssen, da er die Serie nicht kannte, verriet Narin einmal im Gespräch mit der "Freien Presse". Zufällig hatte der Reporter ihm gegenüber exakt denselben Vergleich gewählt wie einst seine Mandantin. Der türkisch-deutsche Petrocelli sucht nach der Wahrheit.

Eine Suche, die nicht zu Ende ist, wie Yvonne Boulgarides sagte: "Wir alle sollten auch nach diesem Prozess nicht aufhören, nach Antworten zu suchen. Vielleicht werden wir nie alles erfahren, aber wir werden die unzähligen Puzzleteile sammeln und zusammenfügen, bis das Bild der Wahrheit vor unseren Augen zu erkennen ist."

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