Diät? Alles Quatsch!

Es gibt kein ungesundes Essen, sagt Uwe Knop in seinem neuen Buch - und wettert gegen den Essenswahn

Uwe Knop redet gern Klartext: Unser Gewicht wird primär von den Genen bestimmt. Fast Food macht Kinder nicht dick. Oder: Jeder kann essen, was und wie viel er will. Das sind nur drei Thesen zum Essen, mit denen der 44-jährige Ernährungswissenschaftler schon vor Jahren für Furore sorgte. Auch in seinem aktuellen Buch mit dem Titel "Ernährungswahn" zieht er gegen Diäten oder Ernährungsdiktatur zu Felde. "Wir müssen keine Angst vorm Essen haben und dürfen ruhig auf unseren Bauch hören", lautet Knops Appell. Martina Hahn hat mit ihm gesprochen.

Herr Knop, egal ob vegan, paleo, low-carb, roh - Ernährungsregeln gibt es zuhauf. Alles Quatsch?

Ja. Denn es gibt keinerlei wissenschaftliche Belege dafür, dass Zucker dick macht, Fett krank, Rohkost schlank, paleo schön, vegan sexy. Das ist alles frei erfunden. Das sind alles Mythen.

Welcher Mythos hält sich Ihrer Auffassung nach besonders hartnäckig?

Der Mythos, wir müssten fünfmal am Tag je eine Portion Obst oder Gemüse zu uns nehmen. Das wird uns seit langem mit unglaublicher Penetranz in die Köpfe eingetrichtert. Die Europäische Union macht bei dieser Kampagne auch noch mit. Dabei gibt es nicht einen einzigen Beweis dafür, dass viel Obst und Gemüse gesünder sind als wenig Obst und Gemüse. Vielleicht schadet es dem Körper sogar, viel Rohkost und Fruktose zu sich zu nehmen.

Und die Studien dazu- alle falsch oder gekauft?

Ja. Oder bewusst falsch interpretiert. Damit sind sie so seriös wie Lottozahlen. Ich habe für die Recherche meines Buchs die Ergebnisse von mehr als 1000 Ernährungsstudien analysiert - und keine einzige liefert irgendwelche Beweise. Es fehlt überall an Evidenz, dass Ernährung X gesund oder Ernährung Y ungesund ist - was nicht wundert, es sind ja reine Beobachtungsstudien. Bestenfalls zeigen die Studien Korrelationen auf - und die sind so schwach, dass sie nicht mal für eine Hypothese taugen.

Gilt das auch für Zucker? Sie warnen vor einer Hexenjagd auf das weiße Gold ...

Ja. Es gibt keine belegte Korrelation zwischen dick und Zucker, geschweige denn eine Kausalität. Was heißt denn "überzuckert"? Die Richtwerte, die die Deutsche Gesellschaft für Ernährung oder die Weltgesundheitsorganisation nennen? Wir müssen uns zwei Fragen stellen: Erstens: Wer definiert eigentlich, was zu süß ist, - und weiß man, was zu süß ist? Und zweitens: Gibt es einen Beweis, dass Zucker schadet? Die Antwort lautet beide Male: nein. In anderen Ländern gelten ganz andere Grenzwerte. Auch Formulierungen wie "Zucker kann krank machen", die man überall in den Studien findet, sind mehr als vage. Und die gezogenen Schlüsse daraus daher reine Märchen.

Wer verdient an diesen Mythen, wer sind die Märchenerzähler?

Eine ganze Reihe von Leuten. Das sind zum einen die Lobbyisten von Forschungseinrichtungen, die von solchen Studien profitieren. Sie bekommen dafür Fördermittel. Das ist zum anderen der Staat. Er kann Konsumenten mit Essensregeln willkürlich bevormunden - es geht ja dabei immer auch um Macht und Wissenshoheit. Gesünder wäre es allerdings, wenn sich der Staat von unserem Teller zurückzieht. Profiteure der Mythen sind außerdem die unzähligen Ernährungspäpste, die mit Ratgebern und Kochbüchern über immer neue Ernährungstrends viel Geld verdienen - und uns damit verrückt und ein schlechtes Gewissen machen.

Auch Sie sind Autor eines Ernährungsbuchs und haben eine klare Ernährungslinie: nämlich null Regeln. Was unterscheidet Sie dann von den anderen Profi teuren der Ernährungstrends, die Sie kritisieren?

Dass ich keine Ernährungsversprechen abgebe. Ich predige niemandem: Du darfst nur dies oder nur jenes essen. Ich behaupte auch nicht: Wenn du dieses oder jenes weglässt, bleibst oder wirst du schlank, gesund, schön, sexy. Ich empfehle keine Ernährungsform. Weil es schlichtweg die gesunde Ernährung nicht gibt.

Verdient nicht auch die Lebensmittelindustrie ganz gut an Essenstrends?

Schon. Aber die Hersteller und der Handel sind nur Trittbrettfahrer. Sie reagieren zwar auf Trends, erfinden diese aber nicht. Klar freuen sich Produzenten darüber, dass fleischlose Kost im Trend liegt. Mit Ersatzprodukten lässt sich viel Geld machen, vegane Fleischwurst ist fast doppelt so teuer wie echte Wurst, obwohl sie zusammengeklaubter Mist ist. Aber die Lebensmittelunternehmen produzieren, und die Handelskonzerne verkaufen nur, was die Leute wollen. Ist glutenfrei "in", stellen die Supermärkte Glutenfreies in ihre Regale. Diese Produkte verschwinden aber sofort wieder, wenn der Trend vorbei ist.

Und wonach richten Sie sich bei Ihrer Ernährung?

Ich höre auf den, der es weiß: meinen eigenen Körper. Meinen Bauch. Meinen gesunden Menschenverstand. Ausschließlich. Sobald wir unser Essen über den Kopf und den Verstand steuern, wird es problematisch. Ich entscheide nur nach zwei Kriterien: Schmeckt mir. Und schmeckt mir nicht.

Und wenn der Bauch immerzu nach Pommes und Pizza schreit?

Dann bekommt er beides. Ich weiß ja, mein Körper wird mich nicht austricksen - warum sollte er das wollen, sein Ziel ist ja, dass er weiter gut funktioniert. Ich weiß außerdem, dass mein Körper auch schnell genug von Pommes und Pizza haben wird. Das sehen Sie an Kindern. Die essen noch intuitiv, hören noch zu 100 Prozent auf ihren Körper, weil sie noch nicht von der ganzen Ernährungspropaganda verseucht worden sind.

Auch Kinder werden schon früh von Werbung für Kinderprodukte und Süßes beeinflusst ...

Mag sein. Dann greift ein Kind vielleicht auch zweimal nach der Schokolade, sofern sie ihm schmeckt. Aber letztendlich entscheidet sich ein Kind nicht dauernd für ein Nahrungsmittel, weil es die Werbung dafür gesehen hat, sondern weil sein Körper genau dieses Nahrungsmittel braucht - also eben nicht nur Süßes und Fettiges. Ich nenne das intuitives Essen.

Sie verdammen Ernährungsstudien - aber auf welchen Erkenntnissen fußen alle Ihre Schlussfolgerungen und Warnungen?

Wie gesagt, auf der Analyse von mehr als 1000 Studien. Und ein klein wenig auf meinen eigenen Erfahrungen. Früher hat mir mein Kopf gesagt, Uwe, du musst morgens was essen. Also hab ich mir lustlos ein Brot einverleibt. Hunger oder Appetit hatte ich keinen. Heute lege ich keinen Wert mehr aufs Frühstück. Heute esse ich nur, wenn und worauf ich Lust habe. Und dann so lange und so viel, bis ich satt bin. Auch mal Spaghetti nach Mitternacht, wenn mir danach ist. Das ist extrem befreiend. Und eine sehr schöne, eine sehr echte Art, sich zu ernähren.

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2Kommentare
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    norbertfiedler70
    01.06.2016

    Der radikale Vorschlag nur auf seinen eigenen Körper zu hören, ist wahrscheinlich genausowenig richtig, wie jedem Ernährungstrend hinterherzulaufen. Wie bei allem - die Dosis macht es. Aber eigentlich halte ich es wie der Autor, ich kann beim Essen meinem Körper Recht gut vertrauen. Wobei mein Verstand mir rät, abwechslungsreich zu essen und nicht zu viel hochkalorische Nahrung zu mir zu. Aber trotzdem wird gegessen, was schmeckt nach Appetit und Hunger.

  • 1
    1
    801144
    01.06.2016

    Habe selten so einen großen Quatsch gelesen! Die "Forschungsinstitut-Lobby"...hahaha. Gestern an der Kasse im Supermarkt aß ein Junge die eben vom Vater gekaufte Tafel Rittersport wie eine Stulle sofort auf. Der Junge war bereits stark übergewichtig. Aber laut dem Autor hat der Körper ihn ja nur intuitiv darauf hingewiesen, dass er jetzt Zucker braucht. Man kann halt mit allem Bücher verkaufen. Auch mit großem Mist. Und dass Zucker nicht gesundheitsförderlich ist, in den Mengen, die wir verzehren, ist erwiesen. Vor allem weil wir kaum noch bemerken, wieviel Zucker in allem steckt. Selbst in einem Döner oder abgepackter Wurst. Mahlzeit!



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