Die Lüge von den dicken Kindern

Der Wissenschaftler und Autor Uwe Knop zweifelt am Nutzen von Ernährungsempfehlungen. Sein Rat: "Kind, iss, was dir schmeckt."

Seine Bücher polarisieren. Auch sein neuestes Werk eckt an - bei Wissenschaftlern, Politikern und den vielen Organisationen, die sich für eine gesunde Ernährung starkmachen. Für deren Empfehlungen gebe es nämlich keinen einzigen wissenschaftlichen Beweis, behauptet Uwe Knop. Stephanie Wesely hat mit ihm gesprochen.

Herr Knop, die Kindergesundheitsstudie, aber auch die Einschulungsuntersuchungen belegen das, was Sie bestreiten: Es gibt viele dicke Kinder in Deutschland. Was stört Sie an dieser Wahrheit?

Dass es nicht die Wahrheit ist. Denn laut der KiGGS-Studie, die Sie erwähnen, sind mindestens drei Viertel der deutschen Kinder normalgewichtig. Rund zehn Prozent wiegen sogar zu wenig. Bleiben 15 Prozent, von denen nur jeder Dritte wirklich adipös, also fettleibig ist. Auch die Bremer Idefics-Studie spricht nur von vier Prozent adipösen Kindern. Ihr Anteil stagniert oder geht zurück, wie auch die Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin nachgewiesen hat.

Das ist aber doch ein Zeichen, dass die Ernährungskampagnen der letzten Jahre Erfolg hatten?

Das ist eine Vermutung. Nichts davon ist bewiesen, denn keine Kampagne hat bisher einen Nachweis erbracht. Es werden nur statistische Zusammenhänge veröffentlicht. Ich gehe sogar noch weiter. Die Ernährungsappelle, die daraus abgeleitet werden, sind möglicherweise mitverantwortlich für Essstörungen.

Warum?

Dem Kind wird von Beginn an suggeriert, dass bestimmte Nahrungsmittel ungesund sind und dick machen, also nicht gegessen werden sollen. Gemüse gilt als gesund, doch das mag das Kind gerade nicht. Das Kind hat also Angst, das Falsche zu essen, davon krank und dick zu werden. Deshalb wird permanent das Gewicht kontrolliert und das eigene Körpergefühl infrage gestellt. Damit haben wir schon den Beginn einer Essstörung.

Warum sprechen dann Ernährungsorganisationen und Politiker von einer wachsenden Zahl dicker Kinder, wenn das doch gar nicht stimmt?

Es steckt Kalkül dahinter. Mit solchen Warnungen lassen sich Forschungsaufträge generieren, die meist noch mit EU-Mitteln finanziert werden. Ein sicheres Überleben für Forschungseinrichtungen und das gute Gewissen, für die Gesundheit der Kinder alles zu tun. Ein Minister, der sich für Kinder einsetzt, wird gewählt.

Es ist aber trotzdem unbestritten, dass es dicke Kinder gibt. Und die haben ein höheres Krankheitsrisiko. Oder ist das auch nicht bewiesen?

Krankhaftes Übergewicht ist nicht gut. Da dürfen Sie mich nicht falsch verstehen. Und diesen fettleibigen Kindern sollte auch geholfen werden. Das gelingt aber nicht mit einer Ernährungsdoktrin, die nicht einmal bewiesen ist. Man suggeriert diesen armen Geschöpfen nur, dass sie zu schwach sind, um vernünftig zu essen und Sport zu machen. Sonst wären sie ja nicht so dick. Damit geraten sie immer tiefer in die Übergewichtsfalle.

Aber wovon sind die Übergewichtigen sonst dick geworden, wenn nicht vom Essen?

Genau das sollte man erforschen. Derzeit weiß keiner genau, warum dicke Kinder dick und dünne dünn sind. Weiter weiß niemand, wie man dicke Kinder dauerhaft schlank bekommt. Kindliche Abspeckprogramme sind schon seit Jahren Rohrkrepierer ohne jeglichen Erfolg, mehr als 90 Prozent der Programme scheitern. Stattdessen können die meist frustrierenden Programme zu Essstörungen führen. Es heißt immer, Dicke futtern viel Süßes. Doch das stimmt nicht so pauschal. Dünne essen oft sogar viel mehr.

Wo liegen dann die Ursachen?

Es gibt eine große erbliche Komponente, denn unsere Statur ist uns bereits mit Mutters BMI in die Wiege gelegt. Diskutiert wird Gewichtszunahme auch als Folgeerscheinung von Kaiserschnitten, Flaschenfütterung, Schlafmangel und häufiger Antibiotikabehandlung im Kindesalter, weil sich dadurch die Darmflora ändert. Ganz wichtig ist aber die Psyche, die noch zu wenig beachtet wird. Essen ist für viele Übergewichtige eine Ersatzhandlung, um Frustrationen zu verarbeiten. Sie haben seelischen Hunger, gieren vielleicht nach etwas ganz anderem, was sie durch Essen kompensieren. Und ein ebenso entscheidender Faktor ist die Herkunft.

In Bezug auf den Bildungsstand?

Auch, aber besonders auf das Herkunftsland. Im Mittelmeerraum - also dort wo es die supergesunde Mittelmeerkost gibt - leben die dicksten Kinder. Den größten Anteil fettleibiger Kinder in Deutschland gibt es in Familien mit niedrigem Sozialstatus und Migrationshintergrund. Aber glauben Sie, ein Politiker würde sich trauen, Abspeckprogramme für sozial schwache Kinder mit Migrationshintergrund aufzulegen? Der Aufschrei wäre groß. Der Mann würde nie wieder gewählt. Also quälen wir alle Kinder mit Gesundheitsunterricht und Ernährungsführerschein.

Sie sind gegen Schulprogramme für gesunde Ernährung?

Wenn sie ernährungsdiktatorisch daherkommen, ja. Denn damit wird den Kindern ihr Gefühl für Lebensmittelauswahl genommen. Die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlene Lehre, fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag zu essen oder nur eine limitierte Portion Fleisch zu erlauben - das ist alles frei erfunden, ohne wissenschaftlichen Hintergrund. Und keiner prüft, ob der Ernährungsführerschein wirklich etwas bringt, ob die Zahl der Dicken abnimmt. Viel sinnvoller wäre es, praktisches Wissen zu vermitteln, also echte Küchen intelligenz zur Vor- und Zubereitung von Lebensmitteln.

Sie würden dem Kind also immer selbst überlassen, was es isst?

Wenn ein Kind in einem super Zustand ist - und der Mehrheit unserer Kinder geht es gesundheitlich sehr gut -, gibt es keine Veranlassung, es zum Gemüseessen zu zwingen. Kinder dürfen mitentscheiden, was auf den Tisch kommt. Sie spüren sehr gut, was sie wann zu essen brauchen, denn ihr Kopf ist noch frei von pseudowissenschaftlicher Ernährungspropaganda.

Dann stehen aber meistens Pizza und Pommes auf dem Tisch.

Nichts gegen Pizza und Pommes. Sie machen nicht per se dick und krank. Es kommt auf die Menge an, und die kann ein Kind noch gut selbst regulieren. Die Eltern sollten ihr Kind darin fördern, sein Hunger- und Sättigungsgefühl natürlich zu entwickeln. Das beugt Essstörungen vor. Daher sollte - wann immer mög- lich - der Hunger bestimmen, wann gegessen wird, nicht die Uhr. Doch Eltern können einer Einseitigkeit vorbeugen, in dem sie ihrem Kind eine Vielfalt an Nahrungsmitteln bieten, sie immer wieder Neues probieren lassen, ihre kulinarische Neugier fördern, indem sie es ihnen vorleben. Wichtig ist, dabei Geduld zu haben, den Kindern nichts hineinzuzwingen und nichts zu verbieten.

Auch Süßes nicht? Das ist doch schlecht für die Zähne.

Kinderzähne waren nie so gesund wie heute, obwohl Kinder nach wie vor gern Süßes essen. Wir sind de facto "Weltmeister kariesfreier Kindergebisse". Die Reizschwelle, was zu süß ist, ist bei Kindern viel höher als bei Erwachsenen. Das reguliert sich. Untersuchungen haben ergeben, dass Kinder, denen Süßes zugeteilt wird, mehr danach gieren, als wenn sie freien Zugang dazu haben. Die verbotenen Früchte locken eben. Denken Sie nur mal an Ihre eigene Kindheit und den damaligen Freundeskreis.

Welche Ernährung ist denn nun die richtige fürs Kind?

Die, die ihnen gut schmeckt. Kinder sollen sich aufs Essen freuen, weil und wenn sie hungrig sind. Sie sollten Freude am Genuss haben, auch weil ihre Eltern diese Werte vorleben und die geschmackliche Vielfalt der Kinder fördern. Kinder sollten sich satt essen dürfen, an dem, worauf sie richtig Hunger und Lust haben. Auch ich möchte eine Umfrage zitieren: Ein Apothekenmagazin titelte letztes Jahr, das acht von zehn Deutschen der Meinung waren, Eltern sollten mehr auf ihr Bauchgefühl und weniger auf sogenannte Experten hören. Dem kann ich nur vollumfänglich zustimmen.

Autor und Buch

Uwe Knop (45) ist Diplom-Oekotrophologe (Ernährungswissenschaftler), Buchautor, hält Vorträge und schreibt für Medien.

Das Buch: "Kind, iss, was dir schmeckt", Plassen-Verlag, ISBN: 978-3-86470-505-2, 12,99 Euro.

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